Leben

Die Aufarbeitung der Geschichte ist schmerzhaft

Foto: © Lenka Grossmannová, Muzeum romské kulturyFoto: © Lenka Grossmannová, Muzeum romské kultury
Michal Schuster ist seit 2005 Kurator des Museums für Roma-Kultur in Brno (Brünn). Foto: © Lenka Grossmannová, Muzeum romské kultury

Schon im Kindergarten habe er Burgen und Schlösser gemalt, erzählt Michal Schuster. Geschichte interessierte ihn also schon von klein auf – damals vor allem das Mittelalter. Im Lauf der Zeit aber wandte er sich dem 20. Jahrhundert zu, und „Problemen, die immer noch aktuell sind“. Dazu gehört auch die Geschichte der Roma. Als Kurator des Museums für Roma-Kultur in Brno (Brünn) engagiert sich Schuster seit 2005 für ein besseres Verständnis zwischen den Roma und der Mehrheitsgesellschaft.

Wie kamen Sie zur Geschichte der Roma? Gab es einen bestimmten Anlass, der Sie bewogen hat, diese Richtung einzuschlagen?

Ausschlaggebend war vor allem, dass meine Freunde gleich neben dem Gebäude des Museums für Roma-Kultur wohnten. Ich machte Bekanntschaft mit Petr Lhotka, der dort damals als Historiker arbeitete. So habe ich das Thema für mich entdeckt und kennengelernt. Später habe ich in dem Stadtviertel gewohnt, dass die Brünner mit Vorliebe Brooklyn, Bronx oder „Ghetto“ nennen. Das Museum war gleich um die Ecke und ich fing an, zu verschiedenen Aktionen wie Filmvorführungen zu gehen, die dort stattfanden. Meine Mitbewohner und ich fingen irgendwann an, dort ehrenamtlich zu arbeiten und Kindergruppen zu betreuen. Das funktioniert so bis heute – Freiwillige helfen Kindern mit ihren Hausaufgaben, sie geben Nachhilfe oder spielen mit ihnen, malen, machen Ausflüge oder Ähnliches. So bin auch ich hierhinein gekommen.

Petr Lhotka hat mir daraufhin angeboten, ein Praktikum zu machen – ich habe alte Urkunden vom Deutschen ins Tschechische übersetzt. Als Petr 2005 Brno verließ, habe ich mich um seine Stelle beworben. Die Geschichte der Roma habe ich an der Uni nicht studiert, aber das Schicksal hat mich zu diesem Fachgebiet gebracht.

Wie reagierte Ihr Umfeld darauf, dass Sie sich beruflich mit den Roma befassen? Mussten Sie mit Vorurteilen kämpfen?

Die meisten interessierten sich überwiegend für die praktischen Angelegenheiten meiner Arbeit, da sie vom Museum noch nie gehört hatten. Ich begann, die Roma-Frage auf eine positive und zwanglose Weise in meinem Freundes- und Bekanntenkreis zu thematisieren. In meinem Heimatort kennt mich jeder, ich beschäftige mich auch mit der regionalen Geschichte und mache verschiedene Vorträge und historische Führungen zu Denkmälern. Ob sie wollten oder nicht, die Menschen in meinem Umfeld mussten sich mit dem Thema der Roma auseinandersetzen. Manche haben auf diese Weise aufgehört, die Roma als Problem oder als fremd zu ansehen. Auch die Museumsbesucher sind oft überrascht, weil sie nicht geahnt haben, dass die Roma so eine reiche und interessante Geschichte, Kultur, Kunst und Literatur haben. Sie fangen an, ganz anders über sie zu denken.

Genau das ist ein wichtiger Aspekt der Museumsarbeit, über sich Auskunft zu geben, über Positives zu berichten, was die Roma anbelangt. Aus den Medien erfährt man meistens nur Negatives. Vorurteile gibt es auch bezüglich der Lage des Museums. Viele Menschen kommen nicht, weil sie glauben, dass sie hier bestiehlt oder anschreit.

Foto: © Sabir Agalarov
Michal Schuster: „Ob sie wollten oder nicht, die Menschen in meinem Umfeld mussten sich mit dem Thema der Roma auseinandersetzen.“ Foto: © Sabir Agalarov

Sie arbeiten auch als Pädagoge. Glauben Sie, dass es einen Fortschritt in der Haltung der Studenten in Bezug auf die Roma gibt? Hat sich Zuhörerschaft bei Ihren Vorträgen während der letzten Jahre verändert?

An den Hochschulen ist das Thema nicht mehr so exotisch wie früher. Für manche besteht die größte Motivation bei der Auswahl dieser spezifischen Vorträge darin, dass es um ein Thema geht, über das nicht so oft geredet wird. Ein gewisses Maß an Exotik wird aber wohl immer eine Rolle spielen. An der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät haben die Studenten wiederum das Bedürfnis mehr über dieses Thema zu erfahren, weil sie im Beruf später mit Roma-Schülern zu tun haben werden. Das Problem ist nur, dass im Schulwesen die Geschichte der Roma, ihre gegenwärtige Situation und ihre Kultur fast überhaupt nicht vertreten sind. Das sollte auf jeden Fall geändert werden.

Ist eine Veränderung im Schulwesen der Weg für ein besseres Verständnis zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den Roma? Wie kann man gegenseitiges Kennenlernen fördern und die Angst vor dem Unbekannten abbauen, die zu Vorurteilen führt?

Bildung spielt gewiss eine Hauptrolle, sowohl die Bildung der Roma, als auch das Wissen der Mehrheit über die Roma. Wir sind immer noch eine homogene Gesellschaft, überwiegend tschechisch, und der Geschichtsunterricht ist ethnozentrisch. Es ist die Geschichte der Tschechen und der so genannten böhmischen Länder, für andere Fragen bleibt kein Platz. Nach dem Jahr 1945 beschränkte man die Erinnerung auf den Ausschnitt der tschechischen nationalen Geschichte, die Geschichte der Böhmen, Mähren und Schlesier. Andere Gruppen sind dieser Geschichtsauslegung zum Opfer gefallen. Nach 1989 hat sich das ein wenig geändert, als die jüdische und deutsche Frage in der Bildung auftauchte. Aber auch was die deutsche Geschichte angeht, beschränkt man sich meistens nur auf Franz Kafka, oder im Fall der jüdischen Geschichte in Brno etwa auf die Villa Tugendhat.

Über den Holocaust an den Roma etwa während des kommunistischen Regimes fast nicht gesprochen. Erst in den 1970er Jahren haben sich Professor Ctibor Nečas und weitere damit beschäftigt. In einem gewissen Maße ernten wir immer noch das, was wir in der Vergangenheit gesät haben. Damit müssen wir zurechtkommen und versuchen, das zu ändern. Die Frage ist, zu welchem Grad die Gesellschaft die Existenz von Protektoratslagern anerkennt, die zur Internierung der Roma-Bevölkerung in Hodonín, Kunštát und Lety bei Písek dienten. Das wird sich erst mit der Zeit zeigen.

Glauben Sie, dass wir den geeigneten Augenblick verpasst haben, um diesen Teil der gemeinsamen Geschichte von Tschechen und Roma zu reflektieren, und sich die Gräben so nur noch vertieft haben? Oder steht uns diese Reflexion erst noch bevor?

Alles hat seine natürliche Entwicklung mit bestimmten Gesetzmäßigkeiten, das lässt sich nur schwer beschleunigen. Wichtig ist, dass diesem Prozess die Zeit gegeben wird, die er braucht. Das gilt auch für das Verarbeiten der Epoche vor 1989. Es braucht dazu einen zeitlichen Abstand, einen Generationenwechsel. In bestimmten Momenten ist es schmerzhaft, sich der Vergangenheit zu stellen und darum dauert es länger. Das bedeutet aber nicht, dass es deshalb nicht zu einer Katharsis kommt. In dieser Hinsicht bin ich optimistisch. Im Nachkriegsdeutschland war das auch ein schmerzhafter und mühsamer Weg, bis man sich dem Thema Zweiter Weltkrieg geöffnet hat. Erst in den 1960er Jahren rückten neben den hauptverantwortlichen NS-Verbrechern auch die „einfachen Leute“, die auf irgendeine Art und Weise von der Existenz des Regimes profitierten und sich an der Verfolgung beteiligten, in den Fokus der Aufmerksamkeit. In Deutschland stößt man auch heute noch immer wieder auf solche Fälle. Dieser Prozess hat kein Ende.

Foto: © Sabir Agalarov
Die Direktorin des Museums für Roma-Kultur Jana Horváthová führt den deutschen Botschafter Dr. Arndt Freiherr Freytag von Loringhoven durch die Ausstellung. Foto: © Sabir Agalarov

Gibt es ein Ereignis in der Geschichte der Roma, von dem Sie im Rahmen Ihrer Arbeit als Historiker erfahren haben, das Sie sehr berührt oder beeinflusst hat?

Ich hab eine ganze Reihe von Geschichten gehört, denn das Museum versucht seit seinem Bestehen die Aussagen von Überlebenden zu dokumentieren, die verfolgt wurden oder während des Zweiten Weltkriegs in Konzentrationslagern waren. Als ich mit diesen Aufzeichnnungen anfing, war das furchtbar für mich. Man kommt von draußen zu Besuch zu jemandem, setzt sich ins Wohnzimmer, und dieser alte Mensch erzählt einem dann so unglaubliche Dinge, dass man überhaupt nicht weiß, wie man damit fertigwerden soll. Man kann ihm nicht mehr helfen, es lässt sich nichts mehr machen. Und dann bedankt man sich, schüttelt die Hand, verabschiedet sich und geht zurück in sein wunderbares Leben. Die Geschichte, die man eben gehört hat, hängt aber immer in der Luft und er muss damit weiterleben. Das waren wirklich schwere Momente. Erst im Lauf der Zeit fängt man an, dem mit Abstand und Professionalität zu begegnen.

Das Museum arbeitet beispielsweise mit der Holocaust-Überlebenden Emilia Machálková aus Brno zusammen, deren Familie zum Großteil im Konzentrationslager umgekommen ist. Sie besucht Schulen und erzählt ihre Geschichte. Und auch wenn ich sie schon oft gehört habe, berührt mich ihr schmerzhaftes Schicksal jedes Mal. Aber wenn das Böse auf der Welt ist, ist es gut davon zu wissen, sich keine Illusionen machen, dass Menschen in diesem Zusammenhang lernfähig sind. Da bin ich realistisch.

Sie arbeiten schon zehn Jahre in Museum für Roma-Kultur. Welches Projekt in Brno war Ihrer Meinung nach das erfolgreichste, was die Wirkung auf den Besucher und den Nutzen für die Belange der Roma-Minderheit angeht?

Wichtig sind Projekte zur Aufklärung, bei denen Schüler und Studenten sich mit einem Thema fernab vom alltäglichen Unterricht befassen können, im Rahmen eines Vortrags, einer Filmvorführung, einer Diskussion oder in einem Workshop.

In Brno selbst ist die jährliche Museumsnacht erfolgreich. Sie zeigt, dass es ein enormes Interesse an unserem Museum gibt. Die Besucher treffen dann bei uns Roma, gemeinsam hören sie sich ein Konzert an und erfahren von neuen Büchern. Die Vernetzung ist wichtig: Man muss sich bewusst machen, ob die Mehrheit und die Minderheit nicht nebeneinanderher leben, ohne sich zu begegnen, zusammen zu arbeiten und zusammenzuwachsen. Diesen Aspekt hebt auch das Ghettofest hervor, das in Brno ebenfalls jährlich stattfindet. Oder das Prager Festival Khamoro. Diese Kulturveranstaltungen sind grundlegend. Musik und Theater helfen den Menschen Vorurteile abzulegen und sich näher zu kommen.

Das Interview führte Judith Krulišová
Übersetzung: Ria Ter-Akopow

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
April 2015

    Michal Schuster

    Michal Schuster studierte Geschichte und Archivkunde an der Masaryk-Universität in Brno (Brünn). Seit 2005 arbeitet er als Historiker und Kurator im Museum für Roma-Kultur in Brno. Außerhalb des Museums hält er regelmäßig Vorträge und bringt Studenten und der allgemeinen Öffentlichkeit das Thema der Roma, ihrer Kultur und Geschichte nahe. Er beteiligt sich aktiv am Projekt Paměť romských dělníků (etwa: Gedächtnis der Roma-Arbeiter) des Lehrstuhls für Soziologie an der Masaryk-Universität sowie am Studienangebot des Lehrstuhls für Geschichte der dortigen Philosophischen Fakultät mit dem sperrigen Namen „Studium der modernen Geschichte als Qualifikation zur Implementierung multikultureller Erziehung“, das es seit 2011 gibt.

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