Tschechischer Rassismus im Netz

MF DNES

Die Tageszeitung Mladá Fronta DNES berichtete über das Gerücht, Roma in Strakonice müssten im Schwimmbad keinen Eintritt zahlen. © Mladá Fronta DNES

Womit bekommt man viele Likes auf Facebook? In dem man von der bestandenen Führerschein- und Abiturprüfung oder dem erfolgreichen Uni-Abschluss berichtet, das neue Hündchen präsentiert, Bilder von der Hochzeit postet und Ähnliches. Zu den Facebook-Einträgen, die bei den virtuellen Freunden auf Interesse stoßen, gehören aber nicht nur Nachrichten über persönliche Erfolge. Wenn jemand einen rassistischen Witz (meistens über Roma) postet, lässt die positive Resonanz meistens nicht lange auf sich warten. Möchtegern-witzig ist auch die dazu folgende Diskussion, wo es um „ausmerzen“, „aussiedeln“, „liquidieren“ und ähnliche „witzige“ Dinge geht.

Die rassistische Kloake wird vor allem von sogenannten Hoaxes bedient, also erfundenen Falschmeldungen. Regelmäßig auf Facebook auftauchende romafeindliche Hoaxes betreffen in der Regel angeblichen Sozialleistungsmissbrauch oder diverse Vorteile, die Roma genießen sollen. Zu den bekanntesten gehört die Nachricht, dass Roma in der Apotheke für Medikamente nicht bezahlen müssten. In den Bereich der absurden Meldungen gehört dann die Nachricht, dass Roma in Strakonice keinen Schwimmbad-Eintritt bezahlen müssten.

Chinese wird zum Roma

Diese Nachrichten-Enten wirken dann auf Facebook wie ein Katalysator für romafeindliche Stimmung, sie provozieren Vorurteile und verstärken die Intoleranz. Einen ähnlich zuverlässigen Effekt haben auch unbestätigte oder sogar bewusste Falschmeldungen in den gängigen Medien vor allem über angebliche Roma-Straftäter; diese verbreiten sich dann wie ein Lauffeuer im größten sozialen Netzwerk. Wahrscheinlich am weitesten ging in diesem Zusammenhang die Zeitung Prostějovský večerník, die für einen äußerst tendenziell geschriebenen Artikel mit dem Titel „Immer mehr Zigeuner-Angriffe“ ein Foto von wütenden chinesischen Fußballfans verwendete. Der Kopf eines dieser Fans auf dem Foto wurde dann mit dem Gesicht eines Roma ersetzt.

Ein solcher Text wird natürlich massenhaft gelesen, und zufrieden sind sicher auch die Anzeigenkunden des Prostějovský večerník. Der Nachrichtenwert ist allerdings weniger als null. Er erreicht negative, verlogene und Hass provozierende Werte.

Ein Hoax über eine Romafrau, die einen Kredit aufnehmen will. © Hoax.cz

Ein Hoax über eine Romafrau, die einen Kredit aufnehmen will. © Hoax.cz

Rassistische Ergüsse finden sich auch in einigen tschechischen Facebook-Gruppen, die auf den ersten Blick harmlos zu sein scheinen. Vor den diesjährigen Anti-Roma-Protestmärschen im südböhmischen Budweis (České Budějovice) beinhaltete die gleichnamige Gruppe „České Budějovice“ (etwa 20.000 Mitglieder) nur Arbeitsgesuche, Angebote über Parfums aus Amerika oder Posts vom Typ „Lasst uns einen trinken gehen!“. Als es dann jedoch in der Budweiser Wohnsiedlung Máj zu einem banalen Konflikt zwischen Kindern kam (der daraufhin fünf Anti-Roma-Protestmärsche zur Folge hatte), änderten sich die Inhalte in der Gruppe ziemlich radikal: Es gab immer mehr rassistische Parolen, brutale Aufforderungen zur Gewalt und Einladungen zur Teilnahme an den Anti-Roma-Märschen. Während der Kundgebungen wurden innerhalb der Gruppe Infos über den Aufenthaltsort der Polizeikräfte gepostet, und nach der Kundgebung wurde gefragt, wann denn die nächste stattfindet. In der Facebook-Gruppe „České Budějovice“ dominierten auf einmal Pogrom-Aufrufe.

Nur Foren reichen nicht

Auf das rassistische Gebaren mancher tschechischer Facebook-User haben jedoch unlängst einige Spaßvögel aus dem Umfeld des Satire-Portlas Žít Brno sehr originell reagiert: Das Brünner Facebook-Event „aller anständigen Menschen“ mit dem Titel Frustrace Pride Brno haben sie mit ironischen Beiträgen ad absurdum geführt. In den Kommentaren hieß es dann beispielsweise „Wenn ich umsonst die Haare geschnitten bekomme, schaue ich vorbei“ oder „Muss das am Samstag sein? Da ist Fußball und das Motorradrennen, außerdem ist Sabbat und die Polen feiern den Jahrestag des Ribbentop-Molotow-Paktes“. Die Bilder dieses „Nazis trollen“ sind ein Hit des tschechischen Facebooks geworden; sogar einige Nachrichtenserver haben von der Aktion berichtet. Der Prostějovský večerník natürlich nicht.

Rassismus in den sozialen Netzwerken ist natürlich ein Spiegelbild der sich stetig verstärkenden rassistischen Stimmung in der tschechischen Gesellschaft, die unter anderem auf die sich verschärfenden sozialen Unterschiede, Arbeitslosigkeit, das Misstrauen in die Politik und diverse Zukunftsängste zurückgeht. In so einer Atmosphäre wird nach dem Schuldigen dieses allgemeinen Niedergangs gesucht. Und immer öfter ist der Bösewicht und die Ursache des vepfuschten Lebens der „anständigen Bürger“ irgendeine Minderheit, in diesem Fall die Roma.

Angebliche Roma-Straftäter: Die Fotomontage der Tageszeitung „Prostějovský deník“. © Mladá Fronta DNES

Angebliche Roma-Straftäter: Links die Fotomontage der Tageszeitung „Prostějovský deník“. Rechts das Original. © Mladá Fronta DNES

Die politischen Eliten haben auf die landesweiten Anti-Roma-Märsche im Sommer dieses Jahres kaum reagiert. Das Thema war gerade nicht aktuell, auch nicht vor den vorgezogenen Neuwahlen. Dabei handelt es sich um eines der ernstesten Probleme des Landes und um eine tickende Zeitbombe. Leute, die auf Facebook Nazis lächerlich machen sind schön und gut. Wo es allerdings keinen politischen Willen und keine klaren Gegenstandpunkt vertreten werden, reichen eine Tastatur und ein paar gut gemeinte Foren nicht aus.

Jan Škoda
Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: Goethe-Institut Prag
Januar 2014

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