Interview: Sugar on Top – Mode mit Seele und nachhaltiger Mission
© Sugar on Top
Im Vorfeld des Programms ReWeave - Slow Fashion for Shared Futures Masterclass und Workshops, die vom 12. bis 14. Juni im Goethe-Institut Sarajevo stattfinden, haben wir mit den Mitgliederinnen der Marke Sugar on Top gesprochen. Ihre Arbeit vereint lokales Handwerk, Upcycling und gemeinsames Schaffen. Als zentrale Leiterinnen der Workshops geben sie in diesem Interview Einblicke, wie Mode mit Seele entsteht, was die Teilnehmenden vom Masterclass erwarten können und warum nachhaltige Mode für die Zukunft von entscheidender Bedeutung ist.
Die Anfänge des Designstudios Sugar on Top
Wie ist die Idee für Sugar on Top entstanden und was hat euch dazu motiviert, sich mit nachhaltiger Mode zu beschäftigen?Sugar on Top entstand bei einem „schicksalhaften Kaffee“: Edina und ich haben uns kennengelernt, während wir in einem großen Unternehmen arbeiteten und uns hat schon immer unsere Leidenschaft für Design und kreatives Schaffen verbunden. Während der Pandemie und des Mutterschaftsurlaubs verspürten wir beide gleichzeitig das Bedürfnis nach Veränderung. Jede von uns brachte genau das mit, was die andere brauchte – von Design- und Produktionsprozessen bis hin zu Vertrieb und Kundenkommunikation. Wir erkannten auch ein konkretes Problem: Kleine Brands in Bosnien und Herzegowina hatten keine Möglichkeit, professionelle Unterstützung bei der Produktentwicklung zu finden. Wir wussten, dass wir helfen können, also haben wir 2020 ein Unternehmen gegründet, das alles an einem Ort anbietet – von der ersten Skizze bis zum fertigen Produkt. Nachhaltigkeit war für uns nicht nur ein Trend, dem wir folgten, sondern eine logische Konsequenz unserer Werte: ethische Produktion, Unterstützung lokaler Gemeinschaften und Mode, die Sinn macht.
Zusammenarbeit mit der Community
Das Masterclass-Programm legt den Schwerpunkt auf gemeinsames Lernen und Wissenstransfer. Wie bindet ihr die lokalen Communitys in eure Arbeit ein?Die Community ist von Anfang an Teil unserer Unternehmensphilosophie. Seit Jahren arbeiten wir mit einer Gruppe von Strickerinnen aus der Region Visoko zusammen – Hausfrauen, die hauptsächlich in der Landwirtschaft tätig sind und über unglaubliche Fähigkeiten und Kreativität verfügen. Durch Strickprojekte bieten wir ihnen eine zusätzliche Einkommensquelle und würdigen den Wert ihres Wissens. Wir beschäftigen auch Frauen aus ländlichen Gebieten, wobei wir uns besonders auf Frauen über 40 konzentrieren, für die der Arbeitsmarkt oft verschlossen ist.
Gemeinschaft bedeutet für uns aber auch etwas Umfassenderes. Wir bauen bewusst ein Netzwerk von Brands auf, die von Frauen geführt werden, in ganz Bosnien und Herzegowina und der Region. Bei der Auswahl unserer Kooperationspartner geht es nicht nur um eine Geschäftsentscheidung. Unternehmerinnen, die Brands mit einer Geschichte, einem ethischen Ansatz und lokalen Wurzeln aufbauen – das ist eine Gemeinschaft, in der jede von uns gestärkt wird. Wir tauschen Erfahrungen aus, öffnen einander Türen und empfehlen uns gegenseitig weiter. Für uns ist Mode, wenn hinter jedem Stich ein Mensch steht, dessen Leben sich dadurch in irgendeiner Weise verbessert hat, und wenn der Erfolg eines Menschen Unterstützung für alle anderen bedeutet.
Upcycling & Ausbesserung von Kleidung
Ihr werdet Workshops zu Upcycling und Ausbesserung von Kleidung leiten. Welche Techniken sind für die Teilnehmenden am wichtigsten?Das Wichtigste ist, die Einstellung zur Kleidung zu ändern – lernen, sie als Material mit Potenzial zu betrachten und nicht als etwas, das „alt“ oder „kaputt“ ist. Bei den Workshops werden wir uns auf grundlegende Reparaturtechniken konzentrieren, die jeder erlernen kann: das Austauschen von Reißverschlüssen, kreative Ausbesserungen und das Umnähen von Kleidungsstücken, damit sie ein neues Leben und einen neuen Schnitt erhalten. Beim Upcycling ist es uns besonders wichtig zu zeigen, wie aus Stoffresten oder abgetragener Kleidung neue, funktionale und ästhetisch wertvolle Stücke entstehen. Upcycling kann oft besser sein als das Original.
Masterclass-Erlebnis
Was können die Teilnehmenden von eurem Teil des Programms am Goethe-Institut erwarten?Sie können praxisorientiertes Arbeiten mit wenig Theorie und vielen konkreten Übungen erwarten. Wir kommen aus der Praxis und wissen, wie es aussieht, sich von einer Skizze zu einem fertigen Produkt zu entwickeln, wir haben mit internationalen Brands gearbeitet, aber auch mit kleinen lokalen Designern, die gerade erst anfangen. Diese Bandbreite an Erfahrungen möchten wir teilen. Die Kursteilnehmer bekommen Werkzeuge und Kenntnisse, die sie sofort anwenden können, sowie einen Raum, um Ideen mit anderen auszutauschen. Wir glauben an das Lernen durch Co-Creation – genau das ist der Kern der Slow-Fashion-Philosophie.
Die weibliche Perspektive in der Mode
Wie sehen Sie die Rolle von Frauen in der nachhaltigen Mode und was ändert sich in diesem Bereich?Frauen in der Modebranche waren schon immer Einkäuferinnen und Arbeiterinnen, aber selten Entscheidungsträgerinnen. Das ändert sich langsam. Im Bereich der nachhaltigen Mode ist dieser Wandel noch deutlicher sichtbar, und viele der interessantesten Initiativen werden von Frauen geleitet und das ist kein Zufall. Frauen denken von Natur aus langfristig, d.h. sie achten darauf, was sie hinterlassen. Wir sind stolz darauf, ein Unternehmen zu 100 % in Frauenhand zu sein, und wir schaffen bewusst ein Umfeld, das sowohl auf Frauen als auch auf Mütter zugeschnitten ist, denn ein solches Arbeitsumfeld ist kein Privileg, sondern eine vernünftige Norm. Die Branche verändert sich, aber zu wenig und zu langsam. Jede Werkstatt, jedes Studio, jedes lokale Brand, das sich für ethische Produktion entscheidet, geht damit einen wichtigen Schritt.
Inspiration und Tradition
Wie verbindet ihr traditionelles Handwerk mit zeitgenössischem Design?Tradition ist für uns keine bloße Dekoration, sondern ein Prozess, denn durch Handstricken, lokale Fertigkeiten und Wissen, das Frauen in kleineren Gemeinden in ihren Händen und in ihrem Gedächtnis tragen, integrieren wir all dies in unser Design und unsere Produktion. Mit unserer Marke Stribor zeigen wir, dass sich zeitgenössisches ästhetisches Empfinden und lokales Handwerk perfekt ergänzen.
Das beste Beispiel hierfür ist vielleicht unsere jüngste Kollektion, die wir auf der Pariser Modewoche präsentiert haben. Dort haben wir uns direkt an traditionellen Schnitten und Formen orientiert, diese aber auf eine völlig zeitgenössische Weise interpretiert. Was diese Kollektion besonders macht, ist nicht nur das Design – der gesamte Entstehungsprozess basierte auf den Prinzipien des Recyclings und Upcyclings, mit einem handgefertigten Finish, das jedem Stück Einzigartigkeit verleiht. Wir haben gezeigt, dass Nachhaltigkeit und Haute Couture sich nicht widersprechen und dass unser Erbe einen gleichberechtigten Platz auf den wichtigsten Modebühnen der Welt einnehmen kann.
Verbreitung der erworbenen Fertigkeiten
Nach der Masterclass leiten Sie Follow-up-Workshops in mehreren Städten. Was sollen die Teilnehmenden in ihre Gemeinschaften weitertragen?Wir möchten, dass jeder, der dieses Programm durchläuft, ein kleiner Botschafter einer anderen Einstellung zur Mode und zu dem, was wir tragen, wird. Nicht jeder muss seinen eigenen Brand gründen, aber jeder kann lernen, seine Lieblingsjacke zu reparieren, einen Kleidertausch in seiner Nachbarschaft organisieren oder beim Einkaufen Fragen stellen. Wissen, das nicht geteilt wird, stagniert. Slow Fashion ist per Definition eine Community-Bewegung und je weiter sie sich verbreitet, desto besser entwickelt sie sich.
Tipps für junge Designerinnen und Designer
Was wäre Ihr wichtigster Ratschlag für junge Designerinnen und Designer, die eine Karriere in der nachhaltigen Mode anstreben?Die Branche von innen heraus kennenlernen, bevor sie versuchen, sie zu ändern. Wer den gesamten Prozess versteht, von der Materialentwicklung über die technische Dokumentation und die Industrialisierung bis hin zum Vertrieb, ist in der Lage, wirklich gute Entscheidungen zu treffen. Viele junge Designer haben großartige Ideen, bleiben aber in der Umsetzungsphase stecken, weil sie nicht die Möglichkeit hatten zu lernen, was der Weg von der Skizze zum fertigen Produkt alles beinhaltet. Sucht Mentorinnen und Mentoren, stellt Fragen, scheut euch nicht vor Zusammenarbeit. Und opfert Nachhaltigkeit nicht für Geschwindigkeit oder niedrigere Kosten – dieser Kompromiss hat immer seinen Preis, es ist nur eine Frage, wer dafür bezahlt.
Abschließende Modenschau
Die abschließende Modenschau findet im November statt. Was kann das Publikum von den im Rahmen des Projekts entstandenen Kreationen erwarten?Das Publikum kann Mode erwarten, die eine Geschichte erzählt, und zwar nicht nur eine, sondern so viele Geschichten, wie es Teilnehmenden an dem Projekt gibt. Jede Kombination spiegelt den Lernprozess, den Perspektivenwechsel und die Gespräche wider, die im Laufe des Programms stattfanden. Wir sind sicher, dass das Ergebnis das Werk von Händen und Köpfen sein wird, die gelernt haben, dass Mode ein Mittel zum Wandel sein kann, nicht nur ein Ausdruck von Stil. Und wir glauben, das ist das schönste Modestatement überhaupt.