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Bosnien und Herzegowina

Peter Stamm
Wie austauschbar sind wir?

Ein älterer Herr trifft eine jüngere Frau und erkennt in ihr seine einstige Geliebte. Das klingt nach Altherrenfantasie, nach einem Mann in der Midlife-Crisis. In Peter Stamms schmalem Roman gerät diese Versuchsanordnung zu einem literarischen Experiment.

Von Holger Moos

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt © © fischerverlage Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt © fischerverlage
Es sind große Fragen, die Peter Stamms Roman Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt versammelt: Ist das Leben eine einzige Wiederholung? Gibt es so etwas wie Individualität – oder ist Individualität nur Fiktion, Wunsch, Zwangsvorstellung der modernen Gesellschaft? Lassen sich Erfahrungen weitergeben, ist der Mensch lernfähig? Wie austauschbar ist unser Erleben?

Der etwa 50-jährige Erzähler Christoph begegnet in Stockholm der 20 Jahre jüngeren Schauspielerin Lena und erzählt ihr seine Geschichte. Thema ist die Beziehung zu seiner früheren Geliebten Magdalena, ebenfalls Schauspielerin, die Christoph in seinem ersten und einzigen Roman verarbeitet hat. Auch Lena hat einen Freund namens Chris, der gerade an seinem ersten Roman schreibt. Der alte Christoph glaubt, seiner eigenen Lebensgeschichte wiederzubegegnen. Doch die Ähnlichkeiten lösen sich immer mehr auf. Alles verschwimmt, auch die vermeintlichen Sicherheiten. Als er Lena das Manuskript seines Romans zeigen will, ist es verschwunden. Hat er diesen Roman wirklich geschrieben?

Die Macht der Bilder, die wir uns voneinander machen

Über diesen Roman im Roman heißt es an einer Stelle: „Davon handelt das Buch, von den Bildern, die wir uns voneinander machen, und von der Macht, die diese Bilder über uns bekommen.“ Am Ende überlagern sich diese vielen Bilder und die Grenzen werden fließend, in vielerlei Hinsicht. Was wirklich war und was wirklich ist, kann keiner mehr sagen, weder für die Vergangenheit noch für die Gegenwart. Auch das Lesepublikum führt Stamm so in die Irre.

Erzählt wird die Geschichte ganz lakonisch. Etwas überkonstruiert wirkt der kleine Roman bisweilen wie ein Lehrstück, als Leser übernimmt man die zwischen den Figuren herrschende Distanz, die eng verwandt ist mit der titelgebenden Gleichgültigkeit. Die Figuren bleiben einem relativ fern. Melancholisch und müde sind alle – und am Ende erinnert sich der Erzähler an ein ganz anderes Bild, das er sich in jungen Jahren von sich selbst als altem Mann gemacht hat.
 
Rosinenpicker © © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank

Stamm, Peter: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
Frankfurt a.M.: S. Fischer, 2018. 155 S.
ISBN: 978-3-10-397259-7

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