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Bosnien und Herzegowina

Esther Kinsky
Spuren sammeln

Nach Italien reist die Ich-Erzählerin in Esther Kinskys Geländeroman. Doch nicht die Toskana oder Rom sind das Ziel, sondern Gegenden abseits der Touristenströme. Landstriche, die Erinnerungen hervorrufen und Geheimnisse in sich bergen.

Von Marit Borcherding

Hain - Geländeroman © © Suhrcamp Verlag Hain - Geländeroman © Suhrcamp Verlag
Was zeichnet eigentlich einen Geländeroman aus? Esther Kinsky, die ihrem neuen Roman Hain diesen Untertitel gegeben hat, beschreibt in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, warum das „Gelände“ für ihr poetisches Schaffen solchen Wert besitzt: „Ich liebe dieses Wort, weil es so neutral ist. Es legt einen weder fest auf Natur noch auf ... Urbanes, es definiert das Umfeld erst einmal nur als die zu erkundende Fläche.“

Es sind drei abseits gelegene Orte in Italien, die die Erzählerin des Romans zu erkunden sich aufmacht. Die Reise beginnt im Winter, und im unweit von Rom gelegenen Städtchen Olevano ist es kalt, grau und unwirtlich. Hier entstehen Bilder und literarische Nahaufnahmen, die auf den Seelenzustand der Alleinreisenden verweisen: Sie trauert um M., ihren gerade verstorbenen Lebensgefährten. Aber er ist auch noch da in diesem winterlichen Zwischenreich. Er lebt in ihren Erinnerungen und ist präsent bei den unzähligen Streifzügen durch die Natur und die Refugien der dort lebenden Tiere, durch die kahlen Hügel, über Friedhöfe und in die Randgebiete menschlicher Ansiedlungen, die in all ihrer Vieldeutigkeit auch Raum lassen für Assoziationen und eindrückliche Bilder: „Von jeder Seite zogen die Wege eine andere Schrift, warfen die Berge andere Schatten, verschoben sich die Ebenen, die Vorder-, Mitte-, Hintergründe. Ein Gelände, das in mir seine Spuren hinterließ, ohne dass von mir eine lesbare Spur blieb.“ Die Sprache der Autorin ist präzise und ausdrucksstark, sie komponiert ihre unsentimentalen Worte und Sätze nach allen Regeln der literarischen Kunst – schließlich ist sie nicht nur Prosaautorin, sondern auch Lyrikerin und vielfach ausgezeichnete Übersetzerin.

„Erinnerung entzieht sich jeder Absicht“

Der zweite Teil des Buches zielt auf in ein anderes, ein früheres Gelände der Erinnerung. Die lombardische Landschaft um Chiavenna beschwört die Reisen mit der Familie herauf, mit einem Vater, der damals ansteckende, aber bisweilen auch ermüdende Geschichts- und Kulturbegeisterung verströmte, und den gleichzeitig eine rätselhafte Unnahbarkeit umgab, die die Erzählerin über seinen Tod bis in die Gegenwart beschäftigt.

Im dritten Teil schließlich landet die Reisende in Comacchio, einem Ort im Delta des Flusses Po. Herberge findet sie in einer an Melancholie kaum zu überbietenden Pension: „Versehentlich hatte es mich hierher verschlagen, in eine Unterkunft mit Blick auf eine halbwelke Topfpalme, Schilfrohr, Weidengebüsch und viel Himmel. Abseits der Küstenstraße, landeinwärts von den ausgestorbenen Seebädern. Die Betreiber hatten alle Hoffnung auf ein Auskommen aufgegeben.“ Nach ziellosen Wanderungen durch Salinenfelder und am Meer, nach Begegnungen in winterlich-verlassenen Ortschaften ist irgendwann die Zeit für den Heimweg gekommen, die Erzählerin sammelt ihre Fundstücke ein. Auch Erinnerungen gehören dazu, um deren Fragilität sie weiß: „Was sich schließlich in der Erinnerung behauptet, entzieht sich jeder Absicht. Würde ich einmal hierher zurückkommen, würde alles anders sein, als im Gedächtnis aufbewahrt.“

Für die FAZ ist Hain ein reicher, trauriger und kostbarer Roman – ein Buch jedenfalls, so lässt sich hinzufügen, das wegen seines leisen, aber umso eindringlicheren Tons, seiner sensiblen Auslotung des Grenzbereichs zwischen Tod und Leben und seiner staunenswerten, der Gegenwart zugewandten Prosa der Wahrnehmung herausragt. Wie begrüßenswert, dass es in der Kategorie Belletristik mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2018 ausgezeichnet wurde.
 
Rosinenpicker © © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank

Kinsky, Esther: Hain – Geländeroman
Berlin: Suhrkamp, 2018. 283 S.
ISBN: 978-3-518-42789-7

Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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