Gert Loschütz
Ein schönes Paar
Ein alternder Mann blickt auf das Leben seiner verstorbenen Eltern zurück. Sie liebten sich, lebten in der DDR, mussten diese fluchtartig verlassen. Ihre Liebe überdauerte das nicht. Eine leise und einfühlsam erzählte Geschichte.
Von Holger Moos
Autobiografische Grundierung
Der Roman ist autobiografisch grundiert, wie Christoph Schröder von der ZEIT bemerkt. Loschütz, 1946 in Genthin geboren, verwandelt seine Geburtsstadt in das fiktive Plothow und das hessische Städtchen Dillenburg heißt im Roman Tautenburg, die Schieferstadt.Herta und Georg lernen sich kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in Plothow kennen. Er ist Soldat, sie eine schöne junge Frau, die von einer Karriere als Mannequin träumt. Doch der biografische Grund seiner Eltern ist keineswegs sicher. Der Sohn macht sich seine eigenen Bilder von deren Leben. Er kann auch nicht anders, da er mit der Spurensuche erst beginnt, als die beiden nicht mehr am Leben sind.
Philipp stellt sich seine Eltern als schönes Paar vor. Loschütz platziert auch diese Vorstellung so, dass klar wird, wie vergänglich alles ist. Denn der Sohn imaginiert seine Eltern auf der Beerdigung eines Freundes, als sie schon wissen, dass sie aus der DDR fliehen müssen: „Auch wenn ich nicht dabei war, sehe ich sie, wie sie von ihnen gesehen wurden: ein schönes Paar.“
Getrennte Eltern – geteilte Stadt
Doch die Eltern trennen sich. Zunächst zieht der Vater aus, kehrt zurück, dann verschwindet die Mutter aus dem familiären Leben und schreibt dem Sohn nur Postkarten, verrät aber nichts über sich. Erst 29 Jahre später kommt sie wieder nach Tautenburg, verbringt dort schließlich ihre letzten Jahre in einem Altenheim. Für den Sohn verläuft eine unsichtbare Grenze durch das hessische Städtchen: „Es war damals, als sei die Stadt in zwei Hälften aufgeteilt, in die eine, die zu ihrem, und die andere, die zu seinem Terrain gehörte [...]. Sie hatten sich nicht abgesprochen, und doch war die Taute zum Grenzfluss geworden, den nur ich überschreiten durfte.“Bei oder mit seinem Vater fühlt sich der Sohn nur selten geborgen, meistens herrscht ein Gefühl der Verlegenheit. Doch auch der Geschichte seines Vaters spürt er nach, erkennt, in welche Abschnitte sich dessen Leben teilen lässt. Nach einer Zeit der Missgeschicke folgt die Zeit der Unsichtbarkeit des Vaters.
Das Leben und die Liebe geschehen einfach
Philipp sinniert auch über das Wesen der Liebe. Sein Vater hat noch eine Affäre mit einer verheirateten Frau, die jedoch bald endet. Sein Vater bleibt alleine, das bedarf nicht einmal eines Entschlusses, es geschieht einfach: „Offenbar war die auf das Nachlassen der erotischen Spannung folgende Auflösung der Gemeinschaft so wenig der Absicht der Beteiligten unterworfen, wie es das Aufflackern der Leidenschaft und der Ewigkeitswunsch der frisch Verliebten mit dem daraus resultierenden Gefühl der Zugehörigkeit gewesen war.“Der Roman beginnt mit einer Reflexion über die Erfindung der Stereokamera, die den Eindruck eines Porträts in räumlicher Tiefe erzeugen kann und gleichzeitig alle anderen optischen Eindrücke ausblendet. Liebespaare und Kriminologen, so schreibt der Erzähler, hätten ihre Hoffnungen in diese Erfindung gesetzt, „und beide wurden am Ende enttäuscht“. Auch wir hoffen, etwas über uns zu lernen durch den Blick in den Brunnen der Vergangenheit, aber wir werden ebenfalls immer wieder enttäuscht.
Loschütz, Gert: Ein schönes Paar
Frankfurt a.M.: Schöffling & Co., 2018. 235 S.
ISBN: 978-3-89561-156-8
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