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Bosnien und Herzegowina

Anuschka Roshani
Aufregende Eltern

Wenn der Vater ein vergötterter, bildschöner Arzt ist und die Mutter als mondänes, selbstbewusstes Fotomodell alle Herzen erobert, dann kann die eigene Kindheit nicht langweilig sein. Anuschka Roshanis Buch ist eine Hommage an ihre alternden Eltern – mit Blick auf den Glanz, aber auch auf die Brüche.

Von Marit Borcherding

Komplizen © © Kein und Aber Komplizen © Kein und Aber
Zwei Phänomene brachten die Verhaltensbiologin und Journalistin dazu, mit dem Buch Komplizen die „Erinnerungen an meine noch lebenden Eltern“ zu verfassen: das eigene Älterwerden, ungeschönt erkennbar beim täglichen Blick in den Spiegel, und die Parkinson-Erkrankung ihres Vaters. Während sie – ganz Naturwissenschaftlerin – ihren Status als Frau über Fünfzig eher trocken-sarkastisch diagnostiziert, erschüttert sie die Erkrankung ihres Vaters regelrecht. Er ist nicht mehr länger eine „Lichtgestalt“, er wird zum hinfälligen, hilfebedürftigen Mann.

Exzentrik als Programm

Aber Roshani weiß ein Mittel gegen Trauer, Hilflosigkeit und Todesangst: Sie erinnert sich an ihre Kindheit und Jugend – mit glamourösen Eltern, deren unangepasste Art zu leben aus der wohlanständigen Bürgerlichkeit der frühen Bundesrepublik herausstach.

Da ist zum einen ihre Mutter, studierte Pädagogin und extravagante Schönheit, die sich als Fotomodell ihre finanzielle Unabhängigkeit erarbeitet und mit wehendem Haar im Cabrio umherfährt. Ihren geliebten Töchtern schärft sie ein, „nie, nie, nie von einem Mann abhängig zu sein“ – um auf eigenen Füßen stehen zu können, sei es unerlässlich, eine exzellente Ausbildung zu machen. Roshani zeichnet ihre Mutter als frühe Feministin mit Sex-Appeal und großem Herzen, von deren unbedingter Zuneigung alle profitieren.

Und dann der Vater: Er war aus einer privilegierten Teheraner Familie nach Deutschland gekommen, um Medizin zu studieren. Seine charmant-selbstbewusste Art und sein exotisches Aussehen machen ihn schnell zum Frauenschwarm der Extraklasse. Einmal lässt er sich öffentlichkeitswirksam eine Glatze scheren, damit die Anbeterinnen ihn endlich in Ruhe lassen – nur eine von vielen Episoden, mit denen Anuschka Roshani ihrem eigenwilligen, rastlosen, stets nach Grenzüberschreitungen suchenden Vater zu dessen Lebzeiten ein liebevolles Denkmal setzt. Man stelle sich einen Mann im weißen Lammfellmantel vor, der über den Ku’damm flaniert, gerne auch ’mal Opium konsumiert und im Café einfach so 49 Kugeln Vanilleeis auf einmal bestellt. Doch dieser Mann, dieser „Tausendsassa, der sich halb Berlin untertan gemacht hat“, besitzt neben seiner heiteren auch eine destruktiv-abgründige Seite. Die Ehe der Eltern zerbricht, als Anuschka gerade vier Jahre alt ist.

Licht und Schatten

Auch wenn ihr Buch als Hommage angelegt ist, verschweigt die Autorin die Brüche und Dunkelheiten in ihrem und im Leben ihrer Eltern nicht: So haben die Großeltern mütterlicherseits den „Wilden“ aus einer „Bananenrepublik am anderen Ende der Welt“ nie wirklich anerkannt, für sie bleibt er der „suspekte Muselmann“. Und der Verrat, den der Vater durch seine „Frauengeschichten“ begeht, von denen eine schließlich zur Trennung des Traumpaars und der Familie führt, lässt die Beteiligten alles andere als unbeschadet zurück. Trotzdem bleiben die Eltern als einander liebende „Komplizen“ verbunden: eindrucksvoll ist die Schilderung, wie der Vater die Mutter zum Schwangerschaftsabbruch nach Holland fährt, als diese schon längst glücklich mit einem anderen Mann zusammenlebt.

All diese überaus lesenswerten Geschichten verschaffen nicht nur Einblick ins Private, sondern spiegeln auch die gesellschaftliche Verfasstheit des Landes in den siebziger und achtziger Jahren. Dass hierzulande auch der Schein das Sein bestimmt, hat Anuschka Roshanis Vater zutiefst verinnerlicht, hätte er ihr sonst vom Krankenlager ein solches Versprechen abgenötigt? Sie solle immer ihre grauen Haare färben, zur Not mit Wimperntusche an Ansatz und Schläfen. „Bluffen gehört zum Geschäft“ – das weiß niemand besser als der „Sachverständige dafür, in Schönheit zu sterben“.
 
Rosinenpicker © © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank

Roshani, Anuschka: Komplizen: Erinnerungen an meine noch lebenden Eltern
Zürich; Berlin: Kein & Aber, 2018. 256 S.
ISBN: 978-3-0369-5782-1

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