Hannes Bajohr
Poesie per Algorithmus
Dies ist Lyrik aus recycelten Texten. Der Autor arbeitet mit eigenen Worten und Passagen aus Webseiten, aus den Notizbüchern von Peter Weiss, Bundestagsprotokollen oder einem Kalligramm Apollinaires. Mit Hilfe von Algorithmen wurden die Texte fragmentiert, transkribiert und neu geordnet.
Von Friederike van Stephaudt
Daraus entstehen bildreiche und erstaunlich dichte Gedichte, Wortanordnungen und Grafiken. Eindrucksvoll zeichnet Bajohr so eine neue Konzeption von Autorschaft, die in der digitalen Unterwanderung des Etablierten besteht.
Zwischen Verdruss und Innovation
Es ist ein spannendes Spiel mit den Worten, das der Literaturwissenschaftler hier inszeniert. Es mag nicht immer ganz klar sein, wer dieses Spiel gewinnt – die Leserinnen und Leser können aber nur gewinnen: Jede Seite bietet eine andere Möglichkeit, um die eigenen Lesegewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen oder sogar abzulegen.Doch ist es auch ein Spiel, das den Verdruss, der bereits seit der Dekadenzdichtung in der Literatur präsent ist, zeigt: Wie kann ich noch etwas Neues schaffen, wenn schon alles gesagt wurde? Jede Aneinanderreihung von Worten gab es bereits, die Idee des schöpferischen Genies ist in der Literaturrezeption schon lange nicht mehr en vogue. Warum also nicht die moderne Technologie nutzen, um eine willkürliche und neue – da nicht menschlich produzierte – Wortstruktur zu Tage zu fördern? Warum nicht genau das, was der Autorin bzw. dem Autor den Todesstoß gibt, nutzen?
Die Formen der Poesie
Bajohr nutzt diesen vermeintlichen Todesstoß und verkehrt ihn in sein Gegenteil: Indem er das Alte, bereits vorhandene Texte, und das Neue, die digitalen Verarbeitungsprogramme, zusammenbringt, zeigt er, dass sich Altes und Neues nicht immer gegenseitig ausschließen, sondern zusammen funktionieren können und in der Symbiose etwas ganz Neues entstehen kann – eine kraftvolle, vielschichtige Poesie.Aber in diesen Texten zeigt sich auch eine leise Poesie des Alltags: Indem Bajohr alltägliche Programme, die in der Regel zielorientiert und pragmatisch eingesetzt werden, nutzt, um Lyrik – die sich im traditionellen Sinne der Schnelllebigkeit der Welt entzieht – hervorzubringen.
Ein vermeintlich irreführender Prozess in einer irreführenden Menge von geschriebenen Sätzen, die Bajohr geschickt dechiffriert und in eine philosophische Tradition stellt: „Wo alles Text ist, da ist auch alles Lesen, da ist auch alles Schreiben. Wo alles Text ist, gibt es kein Werk mehr, nur noch Halbzeug.“
Bajohr, Hannes: Halbzeug: Textverarbeitung
Berlin: Suhrkamp, 2018. 107 S.
ISBN 978-3-518-07358-2
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