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Bosnien und Herzegowina

Torsten Schulz
Ein Immobilienmakler mit Vergangenheit

Als Kind unternimmt Matthias Weber Streifzüge durch das Skandinavische Viertel im Ostberliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Später, als Immobilienmakler, versucht er die Gentrifizierung aufzuhalten, indem er darüber bestimmt, ob jemand ins Viertel „passt“ oder nicht.

Von Holger Moos

Skandinavisches Viertel © © Klett-Cotta Skandinavisches Viertel © Klett-Cotta
Matthias, der Held in Torsten Schulz' neuem Roman Skandinavisches Viertel, ist ein Schlitzohr, Wahrheitsverdreher und Geschichtenerfinder von Kindesbeinen an. Als 12-Jähriger treibt er in den 1970er Jahren seine Spielchen mit DDR-Grenzsoldaten, die er mit seinem Onkel einschüchtert, den er als Funktionär der Grenztruppen ausgibt. In Wirklichkeit ist sein Onkel Winfried Alkoholiker, der seine Tage in Etablissements verbringt, denen er Namen wie Kummer-Eck, Gute-Laune-Destille oder Weiber-Bar gibt.

Dieser Onkel ist eine wichtige Person in Matthias' Kindheit. Mit ihm teilt er seine Faszination für das damals unerreichbare Skandinavien. Onkel Winfried war immerhin einmal als Zirkusarbeiter nach Helsinki gereist und schwärmt zeitlebens von dieser Reise.

Herr über Straßennamen

Im Geiste benennt Matthias die Straßen des Skandinavischen Viertels kurzerhand um, die nicht nach einem Ort in Skandinavien benannt sind: „Später, stellt er sich vor, im Kommunismus oder wo auch immer, werden die Straßen so heißen, wie er es jetzt in seinem Stadtplan geschrieben hat“.

Das Leben von Matthias' Onkel nimmt ein tragisches Ende. Matthias fühlt sich bis ins Erwachsenenalter mitschuldig an Winfrieds Tod und steht sein Leben lang im Banne verschiedener Familiengeheimnisse.

Liebe hier, Liebe da

Eingestreut sind verschiedene Liebesgeschichten, in die die Hauptfigur so zufällig hinein- und wieder herausrutscht wie in seine Maklertätigkeit. Der Witz des kleinen Romans besteht in der Überblendung der DDR-Vergangenheit mit der Zeit nach der Wende bis in die Gegenwart. Der kindliche Blick in die Vergangenheit verschränkt sich mit der Perspektive eines „idealistischen“ Immobilienmaklers im heutigen Berlin.

„Politische Literatur mit humoristischer Geschmacksverstärkung – geht doch“, meint Ursula März in der ZEIT. Gustav Seibt von der Süddeutschen Zeitung vergleicht Schulz' Roman mit Ingo Schulzes letztem Roman „Peter Holtz“, in dem Schulze die Immobilienwirtschaft ebenfalls als Schlüssel für die Systembrucherfahrung im Osten Deutschlands seit 1990 deutet. Seibt zieht jedoch „Skandinavisches Viertel“ vor, denn: „Torsten Schulz gelingt seine Leichtigkeit, weil er mit dem Motiv der Flunkerei einen privaten Kontrapunkt zum systemischen Problem des Verrats in der Diktatur setzt“.
 
Rosinenpicker © © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank
Schulz, Torsten: Skandinavisches Viertel
Stuttgart: Klett-Cotta, 2018. 262 S.
ISBN: 978-3-608-98137-7

Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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