Bettina Rust
Ziehen Sie jetzt die Tennissocken an
Von Alfred Döblin bis Tom Tykwer verschlingt die übermächtige Stadt Berlin in Filmen und Romanen ihre Bewohner und Bewohnerinnen. Bettina Rust stellt dagegen die Hauptstadt als gemütliches Wohnzimmer vor, in dem sie auf einem geblümten Sessel sitzt und aus dem Nähkästchen plaudert.
Von Regine Hader
Wie eine Bloggerin bricht sie mit der Leserschaft zu alltäglichen Orte auf, um den Zeitgeist des heutigen Berlins zu atmen. Diese Mikrokosmen der Stadt werden im Gegensatz zum Fernsehturm oder dem Gropius Bau vielleicht bald wieder verschwinden, nostalgische betrauert als legendäre Konzentrate der 2020er-Jahre. Berlin – Lieblingsorte funktioniert wie eine Verkleidungskiste: Das Buch bietet alle Requisiten und Regieanweisungen, um eine zufällig ausgewählte Touristin auf 232 Seiten in eine Neuberlinerin zu verwandeln.
Anekdotischer Spaziergang
Auch Rusts Methode ist stark vom Blogging inspiriert: Sie schreibt in der Ich-Perspektive, jeden Ort leitet sie durch eine mal mehr, mal weniger passende Anekdote ein, jede Information verknüpft sie mit einem witzigen Erlebnis, einer unerwarteten Bekanntschaft oder einer Kindheitserinnerung. „Mein erster richtiger Freund war etwas komisch“ beginnt sie ihr Kapitel über den Botanischen Garten oder „Meine Freundin Miranda vermietet Finkas auf Mallorca“. Sie schreibt nahbar und liebevoll, fast als würde eine Tante oder Nachbarin einem ein paar Tipps für den Urlaub geben. Vielleicht ist dieser alltagssprachliche Stil ihrem Beruf als Radiomoderatorin geschuldet. Auf Dauer blähen der plaudernde Ton und der zwanghafte Versuch, jeden Tipp als witzige Geschichte zu verpacken, die Empfehlungen jedoch künstlich auf.Rust bricht mit der Unsichtbarkeit der Autorin und macht ihren persönlichen Blick zur Stärke des Buches. An einigen Stellen geraten diese Einstiege aber zu lang, sodass ein tatsächlich interessanter Platz erst auf eine zweiseitige Ausführung über das Leben als Hundebesitzerin in der Stadt folgt. Wenn sie ein Café vorstellt, erzählt sie mit viel Pathos vom Mut der Gründer und beschwört die Narrative des amerikanischen Traums herauf. Ihr liebstes österreichisches Restaurant wird durch einen umständlichen Exkurs zu ihrer Freundin Miranda (richtig, die mit den Finkas!) eingeleitet. Die Pointe: Sie hat – wie das Restaurant – mal eine schlechte Bewertung im Internet bekommen! Die Abhandlung über Bewertungssysteme im Internet nimmt genauso viel Platz ein, wie die Beschreibung der Marillenknödel, um die es eigentlich geht.
Archäologie des Zeitgeistes
Zwischen all diesen bemühten persönlichen Geschichten lauern aber immer wieder wirklich originelle Details. So erzählt Bettina Rust, dass besonders große Kaktusstacheln aus dem Botanischen Garten früher als Grammophonnadeln Musik in Berlins Wohnzimmer und Bars brachten. Einige profan wirkende Orte, wie das Tempelhofer Feld, ordnet sie historisch ein und zeigt, warum sie heute so wichtig für die Berliner und Berlinerinnen sind.Abseits der persönlichen Memoiren sucht die Autorin wie eine Archäologin nach den Geschichten und urbanen Legenden der heutigen Szeneorte Berlins. Sie weckt nicht nur die Lust, Berlin zu besuchen, sondern auch dort zu leben. Passend zum persönlichen Konzept, fertigt sie bei ihren Streifzügen durch die Stadt alle Fotos selbst an. Optisch ist das Buch auch durch die liebevollen Illustrationen auf dem Umschlag und zwischen den Kapiteln ein kleines Schmuckstück.
Lieblingsorte ist zwar keine literarische Revolution, doch die Stadt am Horizont erscheint plötzlich gar nicht mehr so bedrohlich und gefräßig – sondern wirkt irgendwie ganz vertraut.
Berlin: Insel, 2018. 236 S.
ISBN: 978-3-458-36364-4
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