Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Kultur- und Kreativwirtschaft
Kultur in Krisenzeiten

Kultur in Krisenzeiten
Foto: Derrick McKinney © Unsplash

Als Kulturinstitut Deutschlands, dessen Aufgabe es ist, die Zusammenarbeit zwischen den deutschen und bulgarischen Kulturszenen zu fördern, beobachten wir die aktuelle Krise und ihre Auswirkungen auf die Kultur- und Kreativwirtschaft. Hier finden sie aktuelle Informationen zur Situation in Deutschland sowie zu den Maßnahmen, die auf nationaler und lokaler Ebene zur Bewältigung der Krise und Rettung des derzeit stark betroffenen Kultursektors ergriffen werden.
 
Wir hoffen, dass diese Informationen als Ausgangspunkt für Debatten und den Austausch dienen, wie die Kultur mit den Auswirkungen einer Coronavirus-Pandemie umgehen kann. Diese Seite wird aktualisiert und ergänzt, und in anderen Veröffentlichungen werden wir Sie über aktuelle Themen und Maßnahmen in Bulgarien informieren.
 

Von Stefka Tsaneva

Am 26. März veröffentlichte das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) den ersten Bericht des Nationalen Kompetenzzentrums für Kultur- und Kreativwirtschaft über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise auf den Kultursektor.
 
Am 16. März traten Sofortmaßnahmen in Kraft, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Dazu gehörten die vollständige Absage aller Arten von kulturellen Veranstaltungen und Versammlungen sowie die Schließung öffentlicher Plätze - von Museen, Galerien, Konzerten, Theatern und Kinosälen bis hin zu Restaurants, Bars und Cafés. Voraussichtlich ist dies ein schwerer Schlag für die Kultur- und Kreativbranche, die von den Einnahmen aus Veranstaltungen vor Publikum abhängt.
 
Im Bereich der Kultur- und Kreativbranche sind fast 1,7 Millionen Menschen und 260.000 Unternehmen beschäftigt. Im Jahr 2018 erwirtschafteten die Mitarbeiter in dieser Branche einen Umsatz von 168 Milliarden Euro. Die Anzahl der Freiberufler beträgt 260.000 und die sogenannten Mini-Selbstständigen (Selbstversicherten) 340.000 € mit einem Jahreseinkommen von weniger als 17.500 Euro. Besonders betroffen sind Freiberufler, deren Einkommen von der Einnahme aus kulturellen Veranstaltungen abhängt.

Mögliche Szenarien

Die Analyse bietet drei mögliche Szenarien für die Auswirkungen der Pandemie auf die Kultur- und Kreativwirtschaft. Der Hauptfaktor ist natürlich die Dauer der Krise.
  1. Optimistische Schätzung: 20 bis 30% jährlicher Umsatzrückgang oder ein Umsatzrückgang von 9,5 Mrd. Euro (6%).
  2. Mittlere Schätzung: Bei einer von Mai bis Juni steigenden Notsituation wird ein Umsatzrückgang von 30 bis 40% oder ein Umsatzrückgang von fast 14,7 Mrd. Euro oder 9% auf Jahresbasis erwartet.
  3. Pessimistische Schätzung: Ein Rückgang des Jahresumsatzes um 70 bis 80% oder bis zu 27,8 Mrd. Euro, was einen Rückgang des Jahresumsatzes um 16% entsprechen würde.
Grafik: Geschätzte Umsatzeinbußen Erwarteter Umsatzrückgang in der Kultur- und Kreativwirtschaft im Jahr 2020. Der realisierte Umsatz der Branche für 2018 beträgt fast 170 Milliarden Euro. | © Prognos Die erwarteten Verluste hängen stark von der Dauer der Krise und der konkreten Sparte ab, wobei einige stärker betroffen sind als andere. Beispielsweise sollte der Kultursektor wesentlich stärker betroffen sein als die Kreativbranche, zu der auch die Spiele- und Softwareindustrie gehören.

Die Auswirkungen der Krise nach Branchen

Musik
Die Musik ist eine der am stärksten betroffenen Bereiche. Nach Beobachtungen in Italien wird ein Verlust an bereits gekauften Tickets von über 70% erwartet, was wiederum zu einem Rückgang des Jahresumsatzes um 59% führen könnte. Dies ist besonders dramatisch, angesichts des hohen Anteils freiberuflicher Mitarbeiter: 23.100 Mini-Selbstständige und 15.700 Teilzeitbeschäftigte. Die erwarteten Verluste belaufen sich auf 5,5 Milliarden Euro.
 
Kino
In der Filmindustrie spiegelt sich die Krise sowohl in der Schließung von Kinos als auch in der Unfähigkeit Festivals durchzuführen und in der Absage von Filmproduktionen wider. Die erwarteten Verluste betragen 24% bis 71% oder 2,4 bis 7,2 Milliarden Euro. Es wird kein Rückgang des Interesses und Konsums erwartet, daher sollte sich die Filmindustrie nach der Krise schneller erholen können.
 
Buchveröffentlichung
Auf dem Büchermarkt liegen die geschätzten Verluste zwischen 1,3 und 4,5 Milliarden Euro oder ein Rückgang des Jahresumsatzes um 10% bis 34%. Die Möglichkeit, Bücher online zu verkaufen, kann die Branche nicht wesentlich entlasten. Kleine Unternehmen, Verlage und Buchhandlungen sind am stärksten betroffen. Auch hier ist Italien der Ausgangspunkt für die Prognose, wo die Buchveröffentlichung bislang einen Rückgang um 25% verzeichnete. Die Region beschäftigt 70.000 Menschen und 30.000 Selbstständige.
 
Darstellende Kunst
Die Auswirkungen werden hier mit einem erwarteten Rückgang des Jahresumsatzes von 25 bis 75% besonders stark sein. Dazu gehören freiberufliche Künstler, Varietés, private Theater und Schulen. Der Bereich beschäftigt 46.200 Mitarbeiter und 49.800 Mini-Selbstständige
 
Bildende Kunst
Der Kunstmarkt wird durch die Absage von Ausstellungen und Messen Verluste zwischen 21% und 64% erleiden. Der Bereich beschäftigt 17.700 Mitarbeiter und 27.300 Mini-Selbstständige.
Auswirkungen auf einzelne Branchen Auswirkungen auf einzelne Branchen und erwarteter Umsatzrückgang entsprechend der drei möglichen Szenarien. | © Prognos Wie die Zahlen verdeutlichen, wird die Krise für die Kultur- und Kreativbranche aufgrund ihrer spezifischen Struktur, die durch eine große Anzahl von Selbständigen und Freiberuflern gekennzeichnet ist (welche derzeit am anfälligsten sind), besonders schwerwiegend sein.

Beschäftigungsstruktur der KKW Beschäftigungsstruktur der Kreativ- und Kulturwirtschaft:
• 1,7 Million Gesamterwerbstätige
• 940.000 Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte
• 257.000 Selbstständige, Freiberufler, Unternehmen
• 500.000 Teilzeitbeschäftigte
• 340 000 Mini-Selbstständige | © Prognos
In Deutschland wurden verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die Kultur- und Kreativwirtschaft in dieser äußerst schwierigen Zeit zu unterstützen. Es wurden sowohl nationale als auch lokale Maßnahmen ergriffen. Die Vertreter der Kultur- und Kreativbranche können unabhängig von der jeweiligen Sparte von gezielten und gemeinsamen Maßnahmen auf dem gesamten Arbeitsmarkt profitieren, z.B. Steuererleichterungen, Sozialhilfeleistungen, finanzielle Hilfe für gemeldete Arbeitslose und Familien, Beistand für Arbeitgeber und weiteren Maßnahmen. Neben der Unterstützung durch den Staat und die Bundesländer wurden von einer Reihe anderer privater Stiftungen und Unternehmen Unterstützungsfonds eingerichtet.

Unterstützung auf staatlicher Ebene

Monika Grütters, Kulturministerin: „Wir kennen die Bedürfnisse und wir kennen die Verzweiflung. Der Kulturbereich zeichnet sich durch eine besonders große Anzahl von Einzelpersonen aus, die jetzt mit existenziellen Probleme konfrontiert sind. Deshalb freue ich mich Ihnen mitteilen zu können: Hilfe kommt - so schnell und so unbürokratisch wie möglich! Ich möchte dem Minister für Wirtschaft, Finanzen und Arbeit herzlich dafür danken, die Bedürfnisse und Interessen der Künstler und Vertreter des Kreativ- und Mediensektors berücksichtigt zu haben. Dies  zeigt, dass der Staat den einzigartigen Wert unseres kulturellen und kreativen Sektors sowie der Medienlandschaft anerkennt.“

Einige Maßnahmen, die der Bundestag beschlossen hat und die den Vertretern der Kultur- und Kreativwirtschaft zugute kommen können:
  • Hilfspaket für Einzelpersonen und kleine Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Höhe von 50 Mrd. Euro, welches sich an Künstler und Beschäftigte in der Kreativbranche richtet. Dies ist eine sofortige Hilfe in Form eines Zuschusses, um das wirtschaftliche Überleben zu sichern und den dringenden Liquiditätsengpass zu überwinden. Diese Mittel können auch Ausgaben wie Mieten, Leasing und dergleichen decken. Einzelne Künstler und kleine Unternehmen mit bis zu 5 Vollzeitbeschäftigten können über einen Zeitraum von drei Monaten von einer Pauschalzahlung von bis zu 9.000 Euro profitieren. Unternehmen mit bis zu 10 Festangestellten können Zuschüsse von bis zu 15.000 Euro erhalten. Einzelne Bundesländer gewähren Zuschüsse für größere. Unternehmen (bis zu 50 Mitarbeiter).
  • Kreditvergabe: Unternehmen, Selbstversicherte und freiberufliche Künstler können bei ihrer Bank einen Kredit beantragen, der von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bereitgestellt wird. Ziel des Programms ist es, in Krisenzeiten Liquidität zu ermöglichen.
  • Kurzarbeitergeld kann flexibler und rückwirkend zum 01.03.2020 ausgezahlt werden. Unternehmen können Kurzarbeitergeld unter milden Bedingungen erhalten. Die Registrierung ist akzeptabel, wenn 10% der Mitarbeiter entlassen werden müssen.
  • Einfacherer Zugang zu Sozialleistungen für einen Zeitraum von 6 Monaten, danach treten die normalen Anforderungen wieder in Kraft.
  • Unterstützung für Eltern und Familien, die von der Schließung der Schulen und Kindergärten betroffen sind. Ziel des Programms ist es, Eltern zu unterstützen, die nicht zur Arbeit gehen können, um ihre Kinder unter 12 Jahren zu Hause zu betreuen. Durch verschiedene Maßnahmen für Sozialhilfe und die Unterstützung der Arbeitgeber sollte garantiert werden, dass Eltern ihr Einkommen nicht verlieren, auch wenn die Arbeit von zu Hause aus nicht möglich ist oder der bezahlte Urlaub bereits erschöpft ist.
  • Steuererleichterungen für die von der Krise Betroffenen
  • Schutz für Unternehmen vor der Insolvenz
  • Schutz für Mieter: Vom 01. April bis 30. Juni dürfen Vermieter ihre Mietverträge aufgrund der angesammelten Verpflichtungen nicht kündigen, sofern die Ursache die Corona-Krise ist. Die Verpflichtung der Mietzahlung bleibt unverändert. Dies betrifft sowohl Vermietungen als auch Einzelhandelsflächen.
Zusätzliche Maßnahmen:
  • Bei Projektfinanzierungen müssen die Projektmittel unter den gegebenen Umständen nicht komplett an den Zuwendungsgeber rückerstattet werden, wenn die Veranstaltung abgesagt wurde.
  • Flexibilität und Umverteilung von Mitteln im Rahmen von Projektfinanzierungsprogrammen
  • Filmproduktionsfinanzierung: Zusammen mit den Bundeslandesfinanzierungsorganisationen und der Filmförderungsanstalt (FFA) werden Vorkehrungen getroffen, um die laufenden Programme (insbesondere Produktion und Vertrieb) fortzusetzen. Dies sollte ohne Rückerstattung erfolgen, wenn die Filmaktivitäten nicht stattfinden oder die Filme aufgrund der Pandemie nicht abgeschlossen werden können. Fristen und zusätzliche Kosten werden aufgrund der Verschiebung oder Unterbrechung der Arbeiten an genehmigten Projekten neu ausgehandelt.
  • Die Medien werden als „kritische Infrastruktur“ anerkannt - das heißt, sie erfüllen die entscheidende Funktion der Information der Bevölkerung und entsprechend Maßnahmen zur Erleichterung der Arbeit der Mitarbeiter im Unternehmen und der Journalisten selbst.
  • Das Kulturministerium befürwortet die Bereitstellung zusätzlicher Mittel über sein geplantes Budget hinaus, um zusätzliche Mittel für die kulturelle und mediale Unterstützung bereitzustellen und die außerordentliche Belastung durch die Krise abzumildern.
Weitere Informationen zu den Maßnahmen des Bundestages zur Unterstützung der Kultur- und Kreativwirtschaft finden Sie hier.
 

Eine Frage, die weiterhin offen ist, ist die Unterstützung von nicht nur einzelnen Künstlern und Maßnahmen zur Stimmulierung des privaten Sektors, sondern auch die Notwendigkeit, einen nationalen Strukturfonds zur Unterstützung kultureller Organisationen einzurichten. Solch einen Fonds gibt es noch nicht, aber der Deutsche Kulturrat e.V. setzt sich weiterhin für die Befürwortung in dieser Richtung ein und nennt die Einrichtung eines solchen Fonds als einen wichtigen Schritt zur Erhaltung der kulturellen Infrastruktur des Landes. Die Position des Deutschen Kulturrates e.V. zu diesem Thema finden Sie hier.

Lokale Unterstützung

Alle deutschen Bundesländer sowie viele Gemeinden bieten zusätzliche Unterstützung für Vertreter der Kultur- und Kreativwirtschaft an - von Beratungsdiensten und Telefonhotlines bis hin zu Finanzierungsprogammen für die Gesamt- oder Einzelbranchen. Eine vollständige Programmliste finden Sie hier oder auf der jeweiligen Internetseite des Bundeslandes/der Gemeinde.

Am 06. April gab der Deutsche Kulturrat e.V. bekannt, dass die Hilfe für Künstler in Berlin und Nordrhein-Westfalen bereits erschöpft sei. Olaf Zimmermann selbst, der Direktor des Rates, erklärte seine Enttäuschung über die Unfähigkeit der Bundesländer, ausreichende Mittel für Bedürftige bereitzustellen. Die Finanzierung der Kultur liegt aufgrund des dezentralen Modells in Deutschland in erster Linie in der Verantwortung der Bundesländer.

Solidarität auch aus dem privaten Sektor

Eine Reihe anderer Organisationen, Stiftungen und Unternehmen haben ebenfalls ihre Unterstützungsmaßnahmen für den Kreativsektor angekündigt. Hier nur einige wenige der zahlreichen Beispiele:

  • Die Ernst von Siemens Kunststiftung räumt Unterstützung für Restauratoren ein, für die sich Museen und Sammlungen bewerben können.
  • Die Hamburgische Kulturstiftung bietet zusammen mit anderen Stiftungen einen Fonds zur Unterstützung der Künstler aus Hamburg unter dem Motto „Kunst kennt keinen Shutdown“ an.
  • Freiberufliche Musiker können sich bei der Deutschen Orchester-Stiftung um ein einmaliges Stipendium in Höhe von 500 Euro bewerben (bereits erschöpft).
  • Die Zeitschrift Crescendo bietet ebenfalls Hilfe für Musiker an, die durch die Pandemie von der Krise betroffen sind (bereits erschöpft).
  • Die GEMA (das Äquivalent von Musicautor in Bulgarien), die Organisation für die kollektive Vertretung und Sammlung von Urheberrechten für Musik, bietet ein Programm zur Unterstützung ihrer Mitglieder in Höhe von 40 Mio. Euro an.
  • Die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) stellt einen Fonds in Höhe von 50.000 Euro für Theaterschaffende zur Verfügung. Der Betrag stammt aus dem Helene-Achterberg-Hewelcke-Hilfsfonds.
  • Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ARD und ZDF haben angekündigt, ihr Bestes zu geben, um externe Produktionen zu unterstützen, indem sie die Bedingungen bereits bestehender Verträge variieren, und sich sogar freiwillig bereiterklären, zusätzlich entstehende Kosten zu übernehmen. Auch die private Mediengruppe RTL und ProSiebenSat1 werden Schritte zur Unterstützung der externen Produktionen unternehmen.

Top