Theaterkritik
one two.

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© One Two, 2023

Anna Dankova über die neue immersive Tanzperformance „One Two“ des Choreografen Hristiyan Bakalov, die in Sofia uraufgeführt wurde und im November auf dem Internationalen Dokumentarfilmfestival in Amsterdam im Rahmen der Auswahl der IDFA DocLab Competition for Immersive Non-Fiction und IDFA On Stage auf der Bühne präsentiert wird.

 

Von Anna Dankova

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Hristiyan Bakalovs neue Performance „One Two“ im “Toplocentrala” arbeitet mit somatisch- automatischen Skulpturen, Reaktionen, Bewegungen des hyperventilierten Körpers. Hyperventilation blockiert, verdrängt das rationaleAbwehrdenken und eröffnet Raum für die Aktivierung kontrollierter oder unbewusster Gefühle und Impulse, wodurch der Körper aus der Rationalität herausgeholt wird und zur Physiologie erweckt wird. Viele spirituelle Praktiken nutzen verschiedene Atemtechniken, um die Wahrheit zu erreichen, den Geist zu befreien usw. Intensives Atmen ist eine anerkannte Technik sowohl in den kathartischen Praktiken östlicher Selbstkultivierungsschulen als auch in einer Reihe westlicher psychotherapeutischer Strömungen, deren Schwerpunkt auf der Arbeit durch den Körper liegt (z. B. Wilhelm Reich). Insofern Atmung und Leben miteinander verbunden sind und in ihrer Art und Weise so sind wie sie sind, ist das intensive Atmen eine Enheit  mit dem intensiven Leben und Erleben des Hier und Jetzt. Das Geräusch intensiven Atmens kann Bilder und Erfahrungen vieler Dinge hervorrufen – von Eile, einem Wettlauf gegen die Zeit, dem Streben, etwas zu erreichen, Schwierigkeiten, einem Kampf ums Leben, Stress, Angst, Sex, der Jagd nach etwas Starkem und Grenzbarem.D ie Assoziationen sind frei und verlaufen für jeden auf seine eigene Weise nach persönlichen Vorlieben, inneren Bildern und Vorstellungen.

Die Wahl der Hyperventilation als Hauptmittel der Bühnenarbeit versetzt die fünf Darsteller von „One Two“ in eine spezifische performative Situation. Der überatmende Darsteller gerät in völlige Freiheit von einer Rolle (in ihrer szenischen und gesellschaftlichen Bedeutung). Wenn wir uns vorstellen können, dass an diesem Punkt eine Rollenerkundung stattfindet, kann es sich nur um die Rolle des somatischen Körpers in Trance handeln. Die Performance erforscht die aggressiven, sexuellen Impulse und die Impulse der Sinne des biologischen Lebens, die von den beleuchteten Räumen des Sozialen ignoriert, in den artikulierten Territorien des Kulturellen unterdrückt und von den anspruchsvollen Aspekten des Bewusstseins verborgen werden.

Daraus ergibt sich die Frage, wie eine solche körperliche Authentizität (gewissermaßen auch die persönliche spirituelle und mentale/psychologische Praxis) einerseits als choreografisches Werk, andererseits als künstlerisches Objekt und Drittes- als Bühnenprodukt präsentiert werden kann. Eine solche Art der Bühnenbegegnung duldet keine Höflichkeit, keine dekorative Ästhetik und keine vorausgesetzten praktischen sozialen und räumlichen Konstrukte. Und diese Kompromisslosigkeit betrifft sowohl die Darsteller als auch den Umgang mit dem Raum und dem Zuschauer/Betrachter.


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Die Aufführung findet (überwiegend) in absoluter Dunkelheit statt. Dies ist die objektive räumliche Lösung – reine Dunkelheit, was bedeutet, dass die Darsteller, abgesehen davon, dass sie hyperventilieren, nichts sehen können, sie sind blind. Inwieweit dieser Faktor die Intensität und Richtung ihres Wiedererlebens noch verstärkt, können wir nur vermuten. Diese einzelne und nachdrückliche Geste der Bühnengestaltung ist sowohl sensorisch als auch konzeptionell einfach und kraftvoll.Sie erweitert den Raum auf das Ausmaß eines unerforschten Kosmos und schrumpft ihn auf die Leere der Abwesenheit, des Fehlens. Gleichzeitig scheint sie ein künstlerisches Statement zu setzen, das die Problematik der Aufführung widerspiegeln soll. Abgesehen davon, dass es hier um verbotene, vom Bewusstsein und Konformität abgelehnte Dinge geht, scheint es, dass diese als unsichtbar, unantastbar bezeichnet werden, es gibt keinen Zugang zu ihnen. Es gibt ein starkes Gefühl, das sich aber nicht bewusst und objektiv artikulieren lässt. Das Erreichen von Wissen auf dem Gebiet der Authentizität der physischen Trance ist unmöglich mit den Mitteln des Rationalen und Pragmatischen zu erreichen
 

  • one two. © One Two, 2023

  • one two. © One Two, 2023

  • one two. © One Two, 2023

Der Betrachter /Zuschauer betritt in diesem Territorium wie auf Zehenspitzen, leicht benommen, in wie  einer Art Schwerelosigkeit... jeder auf sich allein gestellt,in der Dunkelheit. Hristiyan Bakalov lässt den Betrachter  ins Nichts fallen, bewaffnet nur mit einer Nachtsichtkamera,wie mit  einem Gewehr. Während er versucht, ein persönliches Koordinatensystem zur Orientierung mit horizontalen und vertikalen Grundrichtungen zu zeichnen, sind die einzigen Identifikationspunkte die er hat die Geräusche der fünf intensiv ein- und ausatmenden Körper, die aus verschiedenen Teilen des Raumes kommen. Und in diesem für jeden einzelnen Zuschauer mit Erfahrungen gesättigten, objektleeren Kosmos ist die Nachtsichtkamera die einzige Waffe der Objektivität. Die Verwendung einer solchen Kamera ist an dieser Stelle wie die Suche nach einem Stern im Weltall, oder aber als würde man nachts jagen gehen, einen Film drehen, unter einer Lupe oder einem Mikroskop beobachten ... jedem ist es allein ünberlassen was er sieht und findet. Allen gemeinsam ist, dass schließlich durch die Kamera ein Objekt erscheint – ein Fragment von einem Bildes, etwas Unscharfes, aber dennoch im Dunkeln leuchtende  Gravitationskraft, auf die man seine  Aufmerksamkeit lenken kann, und vielleicht sogar sene Bewegung im Raum richtet. Wenn das bloße Auge den Betrachter unter dem Einfluss des Klangs des intensiven Atems von fünf Körpern (wie das Wiedererleben auch seien mag) und in der Schwerelosigkeit völliger Dunkelheit lässt, so  entsteht aber auf Kosten dieser eine zweite vorgegebene Möglichkeit, durch ”One Two“zu gehen – der Blick durch die Kamera für Nachtsicht  nämlich– vermittelt dem Betrachter ein Gefühl der Funktionalität. Was auch immer der Antriebsmechanismus ist (Überlebens- oder Jagdinstinkt, Verschleierungs- oder Erkundungstrieb), der Betrachter aktiviert ihn und beginnt, jedem zu folgen. Die Möglichkeiten etwas zu Sehen sind nicht groß, zumindest nicht so groß, dass man das gesamte kosmische Klangbild, das durch den Atem erzeugt wird, sehen kann. Man kann Teile der Körper der hyperventilierenden Darsteller sehen, Teile ihrer Körper die zusammenkommen, und andere Betrachter/Zuschauer können sichtbar werden, alle mit ihren persönlichen „Waffen“, „Teleskopen“, „Mikroskopen“ und „Lupen“ , wie sie ihren eigenen Firm erschafften und darauf zielen. Aber eben immer auf das  kleine Fragment gerichtet, immer mit dem Bemühen, sich zu fokussieren. Gesicht, offener Mund, geschlossene Augen, herabfallender Oberkörper, schlagende Arme, strampelnde Beine, Hüftstöße eins, zwei, drei … Niemals das ganze Bild. Es gibt kein Dokument, es gibt nur das Bild – manchmal unfokusiert, chaotisch, unästhetisch, aber dynamisch, ausdrucksstark, wirkungsvoll, aufregend, aggressiv, offenherzig.

Auch hier geht die Entscheidung des Autors für den Einsatz eines “ Bühneninstruments” über dessen rein ästhetische Funktion hinaus und kündigt einen konzeptionellen Schritt an. Hristiyan Bakalovs Entscheidung, den Zuschauer eindringlich in seine Darbietung einzubeziehen, ist nicht nur ein Mechanismus für eine mögliche Arbeit mit dem Publikum,sondern hat das Ziel ihn  aus der Passivität des Betrachters herauszuholen. Hier ist diese Geste im wahrsten Sinne des Wortes dramaturgisch. Der Zuschauer in „One Two“ ist Autor seines ganz persönlichen Films, seiner ganz persönlichen Dramaturgie, aber auch Gegenstand eines vorherbestimmten Schicksals. Einerseits scheint es, dass das das was man aus dem Gesamtbild als eine  Wahrheit „fotografieren“lässt, eine Frage der Urheberschaft, der persönlichen Entscheidung und der persönlichen Perspektive ist. Aber andererseits gleichzeitig, scheint es als wollte man etwas anderes ankündigen: In der binären Welt zwischen der Schwerelosigkeit der Nicht-Materie und der Gravitationskraft der Leidenschaft gibt es keine Möglichkeit einer monolithischen Wahrheit, keinen Zugangund es gibt kein vollständiges Bild. Es gibt Fragmente, zerrissene Partikel einer Erläuchtung, Synekdochen, durch die das Ganze gedacht werden kann; Stücke, um sie zu Charakteren zu „filmen“. Einerseits gibt es die Freiheit einer Wahl,sogar etwas mehr, das Beharren auf einer Urheberschaft des Autors, das Beharren darauf, dass die Erfahrung der Wahrheit wichtiger ist als diese zu konsumieren und das es sich lohnt für diese Wahrheit durch die Dunkelheit zu gehen , die Dunkelheit in  Instabilität zu ertasten und die Schwerelosigkeit zu erden, das Streben zu haben das  Objekt und Fokus zu finden ... Als ob es nicht auf das Ergebnis oder das Erreichen von Integrität ankommt, sondern die Erfahrung und das Erlebnis an sich zählen.

Im zweiten Teil der Aufführung kommt die Kultur ins Spiel – das Atemgeräusch wird durch Clubhausmusik ausgewechselt, die biologische Natur des Antriebs wird zur Kunst sublimiert. Die Bewegungen der Darsteller bleiben gleich, aber  scheinbar mit reduzierter Amplitude und werden so „kulturell“. Und nur dadurch, wie durch ein Wunder, wird die Aggression, die Sexualität, die totale Regression des Schreiens, Lauerns, Drohens, Vergewaltigens, Unzüchtigen, Schlagens usw.des Körpers  in einen Tanz, in ein Fest, in eine Fiesta „transformiert“. Es erleuchtet das Licht. Irgendwo hinter jeder Hölle liegt die Euphorie die das Leben feiert, und hinter jeder Party lauern ungeheiligte Impulse. Und hier wird der Zuschauer /Betrachter in diesen geschützten, sublimierten kulturellen Akt der reinigenden Erkenntnis persönlicher Aggression, Kreativität und Wahnsinn hineingezogen. Jeder auf seiner eigenen Art und Weise erlebend.

„One Two“ ist eine neue Form der ästhetischen und mentalen Reinigung und des Feierns, eine neue Phase.Es ist  das Ergebnis von Hristiyan Bakalovs langjährigem Engagement für Ausdrucksformen wie der zeitgenössische Tanz und Choreografie, immersive Installation und Theater, persönliche spirituelle Praxis usw. „One Two“ ist ein binärer Takt aus ineinander verschlungenen Gegensätzen.

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Leere-Sättigung, Verletzlichkeit-Waffe, Degression-Reinigung, Grenzenlosigkeit-Fragmentierung ...



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"One Two"

Idee und Umsetzung: Hristiyan Bakalov
Musik: Tsvetan Momchilov in Zusammenarbeit mit Hristiyan Bakalov
Mit der Teilnahme von: Nikolay Burzakov, Demir Berisha, Alexander Gochev, Daniel Denev, Mario Tomchev
Produktion von ECIPA / European Center for Immersive Performative Art, Arteast Foundation.
Koproduktion mit Toplozentrala und dem Nationalen Kulturfonds Bulgariens– im Rahmen des Programms „Wiederaufbau und Entwicklung privater Kulturorganisationen“
Premiere: 27. September 2023, Regionales Zentrum für zeitgenössische Kunst „Toplocentrala“

Die Veröffentlichung erfolgt mit Unterstützung des Goethe-Instituts Bulgarien.

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