Schriftsteller und Musiker
Daniel Wisser

Daniel Wisser
© Arnold Poeschl

Der Fortschritt und die Brieftauben

von Daniel Wisser
 
Guglielmo Marconi war der Erfinder der Funktechnologie und Pionier der drahtlosen Informationsübertragung, wofür er schließlich 1909 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde. Marconi war aber auch Geschäftsmann. Er bot seine Erfindung zu einem sehr frühen Zeitpunkt den Flotten verschiedener Staaten an und versuchte sie in Teststellungen davon zu überzeugen, dass ihre Schiffe mithilfe der Funktelegrafie einfach und bequem miteinander kommunizieren konnten. Als er seine Erfindung der amerikanischen Flotte demonstrierte, war man zunächst beeindruckt. Dann aber stellte ein findiger General eine Aufgabe, die Marconi nie zuvor gestellt worden war: Er verlangte, dass zwei Schiffe einander Funksignale sendeten, während zwei weitere Schiffe ganz in der Nähe ebenfalls per Funk kommunizierten. Da das Konzept der Funkfrequenzen damals noch nicht existierte, scheiterte die Teststellung daran, die verschiedenen Signale voneinander zu unterscheiden. Die amerikanische Flotte teilte Marconi mit, dass sie bedaure, den Einsatz seiner Erfindung ablehnen zu müssen und dass sie sich dazu entschieden habe, die Kommunikation zwischen ihren Schiffen weiterhin mit Brieftauben abzuwickeln.

Selbstverständlich hat sich der Funkverkehr durchgesetzt und Marconi konnte später durch verschiedene Frequenzen auch das damals nicht lösbare Problem lösen. Und selbstverständlich waren Brieftauben damals keine Zukunftsvision, sonst hätten wir heute, angesichts alltäglich gewordener Funksignale wohl eine weltweite Brieftaubenplage (stattdessen erzielt das Wort Brieftaubenplage im Deutschen bei Google nur 2 Treffer.) Die Geschichte von Marconis Teststellung in den USA zeigt aber eines: Dass bestimmte Entwicklungen nicht zu jeder Zeit Lösungen für alle an sie gestellten Anforderungen bieten, ohne deshalb verworfen werden zu müssen. Es wird aber Menschen geben, die bestimmte Entwicklungen gänzlich ablehnen und sich lieber auf althergebrachte Konzepte zurückziehen.

Derartige Probleme hat auch die Europäische Union, ja die Europäische Einigung im gesamten. Nachdem sie seit Mitte der 1990er-Jahre erfolgsverwöhnt war und — wie auch Guglielmo Marconi - sogar einen Nobelpreis bekommen hat, ist sie in den letzten Jahren erheblich unter Druck geraten. Dabei zeigt sich sofort ein menschlicher Automatismus: Gibt es in der Europäischen Gemeinschaft Erfolge und Angenehmes, so sind WIR die Union, gibt es Probleme, so sind es Probleme der Europäischen Union, und wir sagen das so, als ob wir nicht Teil davon wären.

Nun kann man angesichts dieser Probleme den Sinn einer Staatengemeinschaft überhaupt in Zweifel stellen und dazu zurückkehren, die europäischen Probleme nationalstaatlich zu lösen (also wie in der einführenden Geschichte die Brieftauben bevorzugen). Eine solche Entwicklung erleben wir gerade angesichts der COVID-Pandemie. Es sollte das letzte Szenario dieser Art sein, für das es keinen gesamteuropäischen Handlungsplan gibt; aber in dieser Lage sind wir leider momentan.
Gleichzeitig ist offensichtlich, dass sich unser Leben wirtschaftlich, politisch und sozial so entwickelt hat, dass Isolation, ein völliger Abbruch wirtschaftlichen und menschlichen Verkehrs, nur für kurze Zeit verkraftbar ist. Einzelne Nationalstaaten können diesen Zustand nicht lange aufrechterhalten, und sie sind — wie sich allzu deutlich zeigt — nicht einmal mit den einfachsten Schutz- und Hygieneartikeln gerüstet; von medizinischen und pharmazeutischen Möglichkeiten einmal ganz zu schweigen. So verkehren die Staaten diese Krise zu einer Demokratiekrise und beanspruchen das Lob für Gelungenes, während sie im Fall des Scheiterns die Verantwortung dem Volk zurückgeben.
 

Letztendlich kann die Gesellschaft diese Krise aber nur als Ganzes überwinden und in diesem Sinne sollte COVID auch gesehen werden: nicht als Ausnahme, sondern als unsere Gegenwart, die uns unsere Probleme aufzeigt. Es sind Probleme, die wir alle haben.

Wir suchen keinen Schuldigen, wir suchen bessere Lösungen. Die Krise zeigt uns, dass unsere Demokratien und besonders unsere Sozialsysteme immer noch viel zu verschieden sind. Einige Staaten ziehen überhaupt die Abkehr von der Demokratie in Erwägung (das sind die, die auch lieber Brieftauben statt WLAN verwenden). Die Freiheit setzt aber zuerst Gleichheit voraus und nicht umgekehrt. Mit jeder Maßnahme, die Europäische Union einem einheitlichen Sozialsystem näherzubringen, geht man auch einen Schritt in Richtung Gleichheit.

Diese Gleichheit, die nicht nur Grundlage für die Europäische Union, sondern jedes Staatenbundes oder des Internationalismus ist, verlangt aber auch Veränderungen, die nicht von allen als Fortschritt empfunden werden. Die Ressourcen der Natur und die Ressourcen der menschlichen Arbeitskraft sind nicht unendlich. Ihre fortschreitende Ausbeutung wird die Probleme, vor denen wir heute stehen, nur verstärken. Ein Staatenbund wie die europäische Union kann diese Probleme bewältigen. Aber die Union ist immer ein Ausdruck des Willens ihrer Mitglieder. Sie ersetzt jene Einsicht und jenes politische Gewissen nicht, das jeder Einzelne braucht, um die Herausforderung einer bewohnbaren, friedlichen Welt zu meistern: das Zusammenleben auf unserem Planeten gerecht zu regeln und dabei unseren Lebensraum nicht zu zerstören. Logischerweise wird und kann die Europäische Union diese Aufgabe nicht alleine bewältigen — es wird aber auch nicht ohne die EU gehen. Europa kann ein Modell für die ganze Welt werden. Oder es kann sich auf alte Konzepte zurückziehen, die schon in der Vergangenheit viele Probleme nicht lösen konnten.
 

Bio

Daniel Wisser, geb. 1971 in Klagenfurt, lebt seit 1989 in Wien. 1994 gründet Daniel Wisser zusammen mit Thomas Pfeffer, Jürgen Plank und Florian Wisser die Band Erstes Wiener Heimorgelorchester, mehrere Tonträger, zuletzt: Die Letten werden die Esten sein (2018) und anderwo (2019). Wissers Debutroman Dopplergasse acht erscheint 2003 im Ritter Verlag in Klagenfurt. Mit Standby nimmt er beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2011 teil; im selben Jahr erscheint der Roman Standby im Klever Verlag. 2018 erscheint der Roman Königin der Berge, für den Wisser den Österreichischen Buchpreis und den Johann-Beer-Preis erhält, und der auch ins Estnische, Georgische und Tschechische übersetzt und als Bühnenstück aufgeführt wird. Für 2021 ist im Luchterhand Verlag Wissers neuer Roman Wir bleiben noch angekündigt.

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