Autor des Monats

Das Goethe-Institut lädt herzlich zur Ausstellungs-Aktion Autor des Monats, ein Projekt unserer Bibliothek.

Jeden Monat wird einem Schriftsteller der deutschsprachigen Literatur geehrt. Als Ansatzpunkt der monatlich rotierenden Ausstellung, dient der Geburtstagsmonat eines bekannten Schriftstellers. Es wird ein kleiner Bereich mit Informationstext zur Person eröffnet, der auch entsprechende Werke aus unserem Bibliotheksbestand ausstellt.

Ziel dieser Aktion ist, die Medien der Bibliothek zum Leben zu erwecken und einen Begegnungsort zwischen Publikum und Schriftstellern aus verschiedenen Epochen zu schaffen. So bekommt der Besucher zu den Werken gleich ein Gesicht vor Augen und kann sie bereits mit einem kleinen Hintergrundwissen lesen.

So wie alles im Goethe-Institut, ist diese Ausstellung natürlich zweisprachig (Deutsch und Portugiesisch).

* 30. Juni 1974 in Bonn

Sie schreibt im „Guardian“ über die Euro-Krise und die Zukunft der Bundeswehr, im „Focus“ über die Entmachtung der europäischen Parlamente, in der „Sonntagszeitung“, über das Urheberrecht, spricht im „Tagesspiegel“ über Gesundheitszwang, und in Fernsehtalkshows erklärt sie ihre Sympathien für die Piratenpartei. Sie ist engagiert, kennt sich aus, vertritt klare Positionen, ist niemals zynisch.
(Volker Weidermann)


Die junge deutsche Buchautorin hat keineswegs das klassische Schriftsteller-Profil. Denn durch ihre Juristenkarriere und ihre öffentliche Einflussnahme auf das politische Leben, sowie ihre mediale Präsenz würde man kaum glauben, dass sie abgesehen von ihren unzähligen Zeitungsartikeln auch literarisch aktiv ist. Damit erzielte sie sogar nennenswerte Erfolge: Ihre Romane wurden auf 35 Sprachen übersetzt.  

Juli Zeh machte ihr Jurastudium in Passau und Leipzig, danach promovierte sie im Bereich Europa- und Völkerrecht. Sie hielt sich eine Zeit in New York und Krakau auf. Schon ihr Debütroman Adler und Engel (2001), der inhaltlich noch klar von ihrem juristischen Berufshintergrund gekennzeichnet ist, wurde zu einem Welterfolg. Ihr politisches Engagement spiegelt sich unter anderem in einem Reisetagebuch Die Stille ist ein Geräusch wieder, das sie 2003 veröffentlichte. Nachdem sie von der fehlenden Berichterstattung in Europa über den Bosnienkrieg Kenntnis nahm, reiste sie selbst nach Bosnien um sich ein eigenes Bild von den dortigen Umständen zu machen und mit den Bosniern zu sprechen. Auch mehr als zwanzig Jahre nach Kriegsende sterben jährlich weitere Menschen an den Kriegsfolgen. Nach dem Ende des Bosnienkrieges 1995 kamen über 600 Menschen durch Minenexplosionen ums Leben. Mit dem Werk Die Stille ist ein Geräusch trug sie diese und andere Fakten an die Öffentlichkeit. 

Auch setzte sie sich gegen die Erfassung von Biometrischen Reisepässen ein und nannte diesen einen sinnlosen Grundrechteingriff. 2009 kritisierte sie zusammen mit Ilja Trojanow bei einer Buchvorstellung öffentlich, dass der Staat unter dem Deckmantel der Terrorabwehr immer tiefer in die Privatsphäre des Volkes eindringenden würde. Später schrieb sie einen offenen Brief an Angela Merkel in dem sie mehr Transparenz in Bezug auf die Spähangriffe in Deutschland forderte. Im Jahr 2013 reichte sie ihn, zusammen mit 20 weiteren Schriftsteller-Kollegen und 67 Tausend Unterschriften, ein. Auch wenn dieser Einsatz ohne Folgen blieb, hat sich Juli Zeh das längst verloren geglaubte Image des Schriftstellers als politisch aktive Akteure zumindest für sich und einige Kollegen wieder zurückholen können. 

Juli Zeh zog 2007 von der Großstadt Leipzig zum ersten Mal in eine Provinz nach Brandenburg und lebt dort bis heute mit ihren zwei Kindern und ihrem Ehemann. Das neue Dorfleben war die Grundlage für ihren aktuellsten Gesellschafts- beziehungsweise Dorfromans Unterleuten (2016).  Das 640-seitige Werk handelt von Gerüchteküchen eines Brandenburger Dorfes sowie Interessenkonflikten zwischen Dorfbewohnern und Investoren, als in der Nähe ein Windpark gebaut werden soll. Es kommt zum brutalen Crash zwischen Menschen- und Tierschützern und denen, die mit der Energiewende-Infrastruktur Geld verdienen wollen. Der Roman ist in sechs Teile geteilt in denen immer eine andere Perspektive über dieselben Umstände geschildert werden. Die große Umstellung vom Stadt- ins Landleben faszinierte Juli Zeh schon seit ihrem Umzug.  In einem Interview sagte sie, dass die meisten Bürgerkriege auf der Welt zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung entstünden. Oft ginge die Politik, die in ländlichen Gebieten ausgetragen würde von den Stadtgebieten aus. Landbewohner würden selten miteinbezogen, würden aber am häufigsten unter Armut leiden. 

Sie schrieb in einem Zeit-Artikel, dass sie keiner Partei angehört und sich weder als links noch als rechts bezeichnen könnte. Trotzdem wird sie stets zu diversen politischen Debatten eingeladen und um ihre Meinung zu politischen Fragen gebeten. Ihre Motivation zum literarischen Schreiben ist es, den Lesern keine Meinungen, sondern Ideen vermitteln zu können und den Zugang zu einem nichtjournalistischen und trotzdem politischen Blick auf die Welt zu eröffnen, schrieb sie im selben Artikel. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Thomas-Mann-Preis (2013) und dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015).

"Demokratie ist kein Verfahren, um wirklich ein gutes Ziel zu erreichen. […] Demokratie ist nicht die Methode zum Ermitteln des besten Ergebnisses, sondern nur eine Methode, um Macht zu zerstreuen."[1]

"Nicht einmal die Wahrheit höchstpersönlich ist so überzeugend wie ein gut zementiertes Vorurteil."[2]

"Um politisch zu sein, braucht man keine Partei; und man braucht vor allem kein staatlich anerkanntes Expertentum. Vielmehr braucht man zweierlei: gesunden Menschenverstand und ein Herz im Leib."[3]

"Democracia não é um meio para conquistar um bom objetivo [...]. Democracia não é o método para a investigação do melhor resultado, mas sim um método para espalhar o poder."

[1] Juli Zeh im Mai 2011 in der Sendung Philosophisches Quartett zum Thema „Sind Gesellschaften lernfähig?“
[2] Kleines Konversationslexikon für Haushunde, Schöffling, Frankfurt am Main 2005
[3] http://www.zeit.de/2004/11/L-Preisverleihung/seite-2
* 25. Juni 1926 in Klagenfurt - † 17. Oktober 1973 in Rom

Eine Frau, die Dicht- und Erzählkunst als Widerstand gegen den Krieg und gegen den Männlichkeitswahn nutzte. Ihre utopischen Gegenentwürfe eines erfüllten Lebens in Frieden prägten die deutschsprachige Literatur und Gesellschaft der Nachkriegszeit nachhaltig.

Sie war eine österreichische Schriftstellerin und gilt als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen und Prosaschriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Nach dem Krieg studierte sie in Innsbruck, Graz und Wien Philosophie, Psychologie und Germanistik und promovierte 1950 in Wien über “Die kritische Aufnahme der Existenzialphilosophie Martin Heideggers”. Danach arbeitete sie einige Jahre beim Rundfunk (Hörfunk, Fernsehen). Den endgültigen Sprung zur Literaturkarriere schaffte sie durch eine Auszeichnung der Gruppe 47, eine Plattform die aus einer Gruppe junger Schriftsteller besteht, welche auf die Erneuerung der deutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg abzielte. Eine lange Zeit lebte sie zusammen mit Max Frisch in Rom. Diese Zeit hatte, laut Kritikern und laut ihr selbst, einen positiven Einfluss auf ihr literarisches Schaffen, da ihre Gedichte dadurch sinnlicher, unmittelbarer und kräftiger geworden seien.

Im Jahre 1953 veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband Die gestundete Zeit, welcher einen Gegenentwurf zur vornehmlich realistischen Nachkriegsliteratur bot. Charakteristisch für ihre Dichtkunst ist die Verbindung von Symbolen mit abstrakten Gedanken, von Sprachgewalt, Poesie und intellektueller Schärfe. Sie gilt als Ikone des frühen Feminismus. Die zwei aus einer explizit weiblichen Perspektive erzählten Geschichten Ein Schritt nach Gomorrha („Komm, dass ich erwache, wenn dies nicht mehr gilt – Mann und Frau. Wenn dies einmal zu Ende ist!“) und Undine geht („Ihr mit eurer Eifersucht auf eure Frauen, mit eurer hochmütigen Nachsicht und eurer Tyrannei“) gehören zu den frühesten feministischen Äußerungen der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit.

"Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar."[1]

"Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht. Der Krieg wird nicht mehr erklärt, sondern fortgesetzt."[2]

"Das Unerhörte ist alltäglich geworden. Der Held bleibt den Kämpfen fern."[3]

[1] Reden „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar - Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden“. In: Werke Band 4 (Essays usw.). Piper 1978, S. 277.
[2] Frankfurter Vorlesungen “Über Probleme Zeitgenössischer Dichtung“. I Fragen und Scheinfragen. In: Werke Band 4 (Essays usw.). Piper 1978, S. 185.
[3] Gedichte „Die gestundete Zeit“. II  Alle Tage. In: Werke Band 1 (Gedichte usw.). Piper 1978, S. 46.
* 15. Juli 1892 in Charlottenburg − † 26. September 1940 in Portbou

„[…] Ich könnte sagen, dass er sehr gelehrt, aber durchaus kein Gelehrter  war; dass sein Hauptthema Texte und Textinterpretation waren, aber dass er kein Philologe war; dass ihn nicht Religion, aber Theologie und theologische Auslegung […] fasziniert hat, aber er war weder Theologe noch sonderlich an der Bibel interessiert; dass er ein Schriftsteller war, ein größter Ehrgeiz aber darin bestand, einen nur aus Zitaten zusammensetzten Text herzustellen. Er hat Proust und Baudelaire ins Deutsche übersetzt, aber war kein Übersetzer hat […] eine Reihe klassischer Essays über tote und zeitgenössische Schriftsteller und Dichter verfasst, aber er war kein Literaturkritiker, er hat Bücher über das deutsche Barock und die deutsche Romantik geschrieben, und starb über einem groß angelegten Werk über das französische neunzehnte Jahrhundert, aber war weder ein Historiker, noch ein Literaturhistoriker. Ich werde hier zu zeigen versuchen, dass er dichterisch dachte, aber er war weder Dichter noch ein Philosoph.“
(Hannah Arendt. Menschen in finsteren Zeiten)

So, wie die deutsche Philosophin Hannah Arendt die Besonderheiten von Benjamins Intellekt beschreibt und auf die Unmöglichkeit hinweist, ihn in eine der vorherrschenden Kategorien von artistisch-intellektueller Produktion einzuordnen, kann man zum Veranschaulichen der  Vielfältigkeit seiner Gedanken hinzufügen, dass Benjamin eine spezielle Vorliebe für den Kollektivismus, als Ausdrucksform seiner diversen Denkmuster, pflegte. Er sammelte Bücher, wertvolle Werke und vor allem Zitate. Sogar altes Spielzeug gehörte dazu und er schrieb eine Vielzahl an Reflektionen über die Kindheit. Er beobachtete Veränderungen der modernen Welt, welche von den täglichen Gewohnheiten der Flaneur, bis hin zu den neuen technischen Maschinen, die ausschlaggebend für die Kunst seiner Zeit wurden, reichten. Auch enthielt er der Welt seine Erfahrungen und Reflektionen über den Haschischkonsum nicht vor. Walter Benjamin ist deutsch-jüdischer Herkunft und studierter Philosoph, deutscher Philologe sowie Kunsthistoriker. Er studierte in Freiburg und in Berlin. Seine Werke – Essays, Kritiken, Übersetzungen und Rundfunk - waren jedoch so vielfältig und grenzenlos, dass es bis heute kaum möglich ist, seine Textproduktionen in eine literarische Kategorie einzuordnen.

Aufgrund der prekären Bedingungen in  Deutschland während des Nationalsozialismus (er war Sympathisant des Kommunismus), hielt sich Benjamin in seinen letzten Lebensjahren jedoch im Exil in Paris auf. Was eines der Gründe dafür war, warum ihm kaum Publikationen in Deutschland gelangen. Ursprung des Deutschen Trauerspiels, Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik und Einbahnstraße wurden zwar veröffentlicht, aber gelangen kaum an die Öffentlichkeit. Unter den am meist studierten Werken Benjamins befinden sich die Essays Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Die Aufgabe des Übersetzers, Der Autor als Produzent, Kleine Geschichte der Photographie, seine Thesen Über den Begriff der Geschichte und Fragmente des langen, nicht vollendeten und unbetitelten Passagen-Werk.

Abgesehen von seinen erfolgreichen Werken und seinen großartigen Visionen über die Welt zeichnet sich Walter Benjamin vor allem durch seine Schicksalsgeschichte aus. Nach 10 Jahren im Exil und ständig auf der Flucht vor Existenzproblemen, Depressionen und Krankheit, nahm er sich, nachdem seine Flucht von Frankreich in die USA nicht gelang, im September 1940 in der Grenzstadt Portbou (Spanien) das Leben. Sein Leben sowie seine Beziehung zur intellektuellen Szene in Deutschland des 20. Jh, wie zum Beispiel zu Adorno, Horkheimer, mit der Frankfurter Schule, Brecht, Arendt und Scholem, zeigen ein wichtiges Fragment in der Sozialgeschichte deutscher Denker.

Heute, über 70 Jahre nach seinem Tod, entwickelt er sich immer mehr zu einem Repräsentant der Kritik, Literatur, Kunstgeschichte, Philosophie über europäische Grenzen. In Brasilien beispielsweise werden seine Werke in den Geisteswissenschaften zunehmend erforscht. Die transdisziplinäre Sicht auf die Humanwissenschaften in Brasilien ist heute eine stetig an Wichtigkeit gewinnende Sichtweise, welche Benjamin bereits in den 30er-Jahren anpries.
 
"Glücklich sein heißt ohne Schrecken seiner selbst innewerden können."[1]
"Wer die Umgangsformen beachtet, aber die Lüge verwirft, gleicht einem, der sich zwar modisch kleidet, aber kein Hemd auf dem Leibe trägt."[2]
"Für Männer- Überzeugen ist unfruchtbar."[3]
"Das Subjekt historischer Erkenntnis ist die kämpfende, unterdrückte Klasse selbst."[4]
 

[1] Einbahnstraße in: Werkausgabe Band IV, Erster Teil, Suhrkamp Verlag, S. 113
[2] Einbahnstraße in: Werkausgabe Band IV, Erster Teil, Suhrkamp Verlag, S. 112
[3] Einbahnstraße in: Werkausgabe Band IV, Erster Teil, Suhrkamp Verlag, S. 87
[4] Über den Begriff der Geschichte in: Werkausgabe Band I Zweiter Teil, Suhrkamp Verlag, S. 700
* 15. Mai 1911 in Zürich; † 4. April 1991 in Zürich

Wie bleibt man lebendig? Die Frage stellt sich erst recht, in einer Welt, in der viele Leute acht Stunden vor dem Computer und bis zu vier Stunden vor dem Fernseher verbringen. In dieser Welt in der unser Erleben vorgefertigt und konditioniert ist und einer von fremden Bildern und Daten zugeschüttet werden, ist Frischs Frage und sind Frischs Texte aktueller denn je. Sie bringen Erfahrenes und Virtuelles, Grundlegendes und Alltägliches, Politisches und Privates zusammen.
(von Julian Schütt in dem Prolog seiner Max Frisch-Biographie)


Max Frisch war ein Schweizer Schriftsteller und der erste Autor, der nach dem WKII die deutschsprachige Literatur wieder zum internationalen Ansehen brachte. Seine Werke wurden in diverse Sprachen übersetzt und sind im Ausland oft Grundlage für die Vermittlung der deutschen Sprache. Den größten Erfolg brachten ihm die Dramen Biedermann und Brandstifter (1958) und Andorra (1963) sowie der Roman Homo Faber (1957) und Mein Name sei Gantenbein (1964). 

Er studierte eine Zeit lang Germanistik, brachte das Studium jedoch nicht zu Ende, da der Lehrplan der Germanistik ihm nicht das nötige Handwerk, was er sich für die Arbeit als Schriftsteller erhofft hatte, übermitteln konnte. In der Hoffnung, einen Beruf auszurichten, der ihm finanzielle Unabhängigkeit bieten konnte, entschied er sich für ein Architekturstudium. Parallel arbeitete er bei der „Neuen Züricher Zeitung“ als freier Mitarbeiter und schrieb journalistische Texte, im großen Teil basierend auf autobiographische Selbsterforschung und Verarbeitung von Erlebtem. Nach dem Architektendiplom arbeitete er sowohl als Architekt, als auch als Schriftsteller. Er hielt sich vormittags in seinem selbsteröffneten Architekturbüro auf, doch die meiste Zeit widmete er weiterhin der Schriftstellerei.

Im Zentrum seines literarischen Schaffens findet sich immer wieder die Auseinandersetzung mit sich selbst. Die meisten seiner Schriften waren eine Mischung aus autobiographischen und fiktionalen Elementen. So fand Frisch mit dem Tagebuch seine literarische Ausdrucksform die seine Selbstreflektionen und ausgedehnten Reisen dokumentieren konnte. Aus seinen Auslandsaufenthalten, unter anderem in Mexiko, Kuba, China, Italien und Griechenland, schöpfte er unaufhörlich neuen Erzählstoff. Abgesehen davon konnte er mit dem Reisen  seinem ständigen Drang nach Neuanfängen nachgehen, denn als lebendiges Wesen erfuhr er sich vor allem in der Fremde. Als er 1954 mit seinem Jahrhundertroman Stiller den literarischen Durchbruch schaffte, verließ er seine Familie, um ausschließlich als Schriftsteller zu leben. 

Sowie für seine Zeitgenossen, war der WKII eine lebensverändernde Wucht und auch Frisch zog einem niedrigeren Dienstgrad in den Krieg. Auch während der Wehrdienstzeit legte er das Schreiben nicht nieder, arbeitete immer mehr an Theaterstücken, mit welchen sich Erfolge aufzeichnen ließen. Einige Stücke standen unter dem Aspekt des Krieges: Nun singen sie wieder (1945) wirft die Frage nach der persönlichen Schuld von Soldaten auf, die unmenschliche Befehle ausführen, und behandelt sie aus subjektiver Perspektive der Betroffenen. Grundsätzlich galt Frisch jedoch als eher unpolitisch. 

Wie sich aus seinen autobiographischen Werken herauslesen lässt, durchlebte Frisch eine Reihe von Liebesbeziehungen, die in den meisten Fällen problematisch waren. Er heiratete 1942 die Architektin Gertrud Meyenburg und gründete mit ihr eine Familie, welche drei Kinder hervorbrachte, doch im Jahre 1958 lernte er die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann kennen. So folgte 1959 die Scheidung von seiner ersten Frau. Frisch machte kurz darauf Bachmann einen schriftlichen Heiratsantrag, welchen sie jedoch ablehnte. Trotzdem folgte er ihr 1960 nach Rom, wo er sich bis 1965 aufhielt. Sie lebten zeitweise zusammen, trennten sich aber wieder, weil das Zusammenleben zunehmend problematischer wurde und von beidseitiger Untreue und Eifersucht belastet war. Die Beziehung zu Bachmann verarbeitet er in seinem Werk Mein Name sei Gantenbein. Es folgten weitere Beziehungen zu verschiedenen Frauen. Die meisten seiner Partnerinnen, waren ein großes Stück jünger als er: Marianne Oellers 32 Jahre jünger und Karin Pilliod 24 Jahre jünger. In seinen Schriften war seine problematische Beziehung zum anderen Geschlecht eines seiner Leitmotive. 

Max Frisch starb 1991 an den Folgen von Darmkrebs. In einem Interview erwähnte er zuvor, dass er an Alkoholsucht leiden würde. In der ETH Zürich, dort wo Max Frisch 1940 sein Diplom entgegen genommen hatte, ist heute die Max Frisch-Stiftung, wo seit Jahrzehnten der Nachlass betreut ergänzt und aufgearbeitet wird. Seine Werke sind bis heute Schullektüre und werden in der Literatur einem herausgehobenen Wert bzw. eine wesentliche, normsetzende und zeitüberdauernde Stellung zugeschrieben. 

„Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“

 „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er, oft unter gewaltigen Opfern, für sein Leben hält.“

„Untreue ist […] unsere verzweifelte Hoffnung gegen das Endgültige. Es ist nicht Begierde, aber die Sehnsucht nach Begierde.“[1] 

„Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben. Diese Unmöglichkeit verurteilt uns zu bleiben, wie unsere Gefährten uns sehen.“[2]

[1, 2] Interview https://www.welt.de/print/wams/kultur/article12894443/Man-kann-alles-erzaehlen-nur-nicht-sein-Leben.html
 
Ulla Hahn © Julia Braun * 30. April 1945 in Brachthausen, heute Kirchhundem im Sauerland

Sie gehört zu den wichtigsten deutschen Lyrikerinnen der Gegenwart. Ihr Lyrikband Herz über Kopf wurde in Deutschland zum Bestseller. Später folgten Freudenfeuer sowie Unerhörte Nähe. Den ersten Roman, Ein Mann im Haus, schrieb sie erst 1991. Doch den belletristischen Durchbruch schaffte sie mit ihrer Romantrilogie: Das verborgene Wort (2001), Aufbruch (2009) und Spiel der Zeit (2014).

Die promovierte Germanistin war Lehrbeauftragte an den Universitäten Hamburg, Bremen und Oldenburg. 1978 promovierte sie mit der Dissertation  „Die Entwicklungstendenzen in der westdeutschen und sozialistischen Literatur der sechziger Jahre“. Anschließend arbeitete sie auch als Literaturredakteurin bei Radio Bremen. Der Weg bis zur Dissertation war es ein langwieriger Prozess, der mit dem Realschulabschluss begann. Daraufhin machte sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau und später holte sie ihr Abitur nach.

Ulla Hahn wurde 1981 mit dem Leonce-und-Lena-Preis ausgezeichnet. Ihre Gedichte, so heißt es in der Begründung der Jury, „zeugen von souveränem Umgang mit lyrischen Traditionen“. Ihr sei es gelungen, den poetischen Ausdruck für die heutige Lebenssituation zu finden. Charakteristisch für ihre Lyrik sei die Spannung zwischen Emotionen und Artistik, Trauer und Ironie. Auch wenn sich die Meinungen über ihrer belletristischen Fähigkeiten spalten, ist Ulla Hahn in erster Linie Lyrikerin. Der Erfolg der Romantrilogie und ihre positive Bewertung durch die Kritiker zeigen jedoch, dass die Sprache und die Worte für sie von zentraler Bedeutung sind.

Ihre Roman-Trilogie zeichnet das Portrait der 68er-Bewegung in Deutschland. Die Protagonistin spielt Ulla Hahns Alter Ego, Hildegard Palm („Hilla“), ein einfaches Arbeiterkind, das in der geistfeindlichen rheinisch-katholischen Provinz aufwächst, mühselig Hochdeutsch lernt, fürs Bücherlesen bestraft wird und letztlich doch den Weg aus der geistigen Tiefe hinauf in intellektuelle Welt schafft. Das verborgene Wort (2001) erzählt von Hillas Realschulzeit, Aufbruch (2009) von ihrer Zeit vom Gymnasium bis hin zum Germanistikstudium. Spiel der Zeit (2014) handelt letztendlich von dem Auszug Hillas aus ihrem Elternhaus in ein Studentenwohnheim in Köln, wo sie sich zum ersten Mal glücklich verliebt. Der zweite Roman Aufbruch wurde bereits verfilmt.

Ulla Hahn selbst ist Zeitzeuge der Kölner 68er-Studentenbewegung und verwebt in ihren Romanen geschichtliche Fakten mit autobiographischen Einzelheiten. Die Parallelen der Geschichte der Protagonistin mit der Vergangenheit der Autorin beginnt bereits bei der lautlich unverkennbaren Ähnlichkeit ihrer Namen Ulla und „Hilla“. Auch Ulla Hahn, so weiβ man, musste einen langen Bildungsweg beschreiten um in die akademische Welt zu gelangen.

Hahn ist seit 1987 Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg und des PEN-Zentrums Deutschland. Sie unterzeichnete den sogenannten Appell der 33, der von der Zeitschrift EMMA nach der Bundestagswahl 2005 ins Leben gerufen wurde und einen fairen Umgang mit dem Wahlergebnis fordert. Im realen Leben ist sie stets politisch engagiert, lässt dies aber in ihre Arbeit nur geringfügig einfließen.
 
"Das Schreiben ist eine Befreiung." [1]

"Seine Herkunft trägt man immer in sich. Das muss einem aber nicht zeitlebens als Bürde erscheinen. Es kommt darauf an, eine Last in Proviant zu verwandeln. In Erfahrung, von der man auf seiner Lebensreise zehren kann. Das ist dann noch mehr als Versöhnung." [2]

"Du gehst in ein Buch und bist in einer anderen Welt." [3]

[1] http://www.ksta.de/22837374 © 2017
[2] http://www.ksta.de/22837374 © 2017
[3] Ulla Hahn, Das verborgene Wort, Dt. Verl.-Anst., 2001

 
* 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag

Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin, ist seit den 70ern bis heute hochaktive Schriftstellerin von enormer literarischer, aber auch politischer Bedeutung. Unverblümt aufrichtig, thematisiert sie kontroverse und hochsensible Themen wie die Aufarbeitung der österreichischen Nazivergangenheit oder die aktuelle Diskussion über rechtsradikale Strömungen in Europa. Aktuell gilt sie als eine der bekanntesten und umstrittensten Autorinnen im deutschsprachigen Raum.

Aufgrund ihrer streng-musischen Erziehung kam Jelinek schon früh in Kontakt mit Kunst. Sie lernte Klavier und Orgel im Wiener Konservatorium und nach dem Abitur studierte sie Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien. Zur selben Zeit begannen ihre psychischen Probleme, weshalb sie ihr Studium abbrechen musste und ein Jahr lang in Isolation lebte. Mit dem Zusammenbruch endete ihre akademische Karriere. Gleichzeitig war diese Periode jedoch der Start ihrer Autoren-Karriere, in der sie ihr Debüt-Gedichtband Lisas Schatten verfasste. Eine sozialkritische, marxistische Analyse des Kapitalismus und der Konsumgesellschaft, aber auch eine scharfe Kritik an der patriarchalischen Gesellschaft.

Nach dem Tod ihres Vaters begann sie sich zu erholen und arbeitete ab 1966 als freie Schriftstellerin in Berlin und München. Mit der Zeit engagierte Jelinek sich zunehmend politisch. So trat sie 1974 der kommunistischen Partei Österreichs bei und war auch in der 68er Bewegung aktiv. Der große literarische Durchbruch gelang ihr jedoch 1975 mit dem Roman Die Liebhaberinnen. Anfang der 80er Jahre erschien Die Ausgesperrten (1980) erst als Hörspiel, nachher als Roman und schließlich als Film. Weltbekannt geworden ist sie seit dem Erhalt des Literaturnobelpreises im Jahre 2004. Der Akademie zufolge, habe Jelinek den Preis „für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen“ bekommen. Damit habe sie „die Absurdität gesellschaftlicher Klischees und ihrer unterjochenden Macht“ offen gelegt. Gelobt wurde außerdem ihre „sprachliche Leidenschaft“.

Jelinek zeichnet sich vor allem durch ihren überspitzten, satirischen Schreibstil aus. Sie ist ein Nachkriegskind, welches schon immer gern den Finger in die Wunde der Gesellschaft steckte und ohne Tabu über soziale Missstände schrieb. Dies ist zumindest eines der vielen Gründe für ihre Berühmtheit. Ihren ersten großen Skandal bewirkte sie mit der Uraufführung ihres Dramas Burgtheater, geschrieben in einer grotesk-komischen Dialektsprache, welches sich mit der österreichischen Nazivergangenheit auseinandersetzt. Von diesem Zeitpunkt, wurde ihr Name in der Öffentlichkeit immer wieder im Zusammenhang mit dem Begriff „Nestbeschmutzerin“ verwendet. Ihr Theaterstück Stecken, Stab und Stangl (1995) und ihr Roman Die Kinder der Toten (1995), in welchen der ausgeprägte Antisemitismus der Gegenwart thematisiert wird, wurden von ihren Kritikern als „Hassgesang“ gegen die eigene Gesellschaft degradiert. Sie selbst beschreibt ihr Verhältnis zum Heimatland Österreich als zwiespältig, nicht aber als negativ. Auch mit der Veröffentlichung ihres Werks Lust, ein weiblicher Porno in obszöner und aggressiver Sprache, löste sie Aufruhr aus. Abgesehen von ihrer politischen Haltung, finden sich in ihren Schriften auch immer wieder autobiographische Elemente aus ihrer strengen Erziehung. Vor allem ihr Roman Die Klavierspielerin (1983), verweist auf eindeutige Parallelen aus ihrem eigenen Leben.

Hinzukommend ziehen sich ihre feministischen Ansichten durch viele Ihrer Werke. In einem Essay über Ingeborg Bachmann bezieht sie klare Stellung zur Position der Frau in der Gesellschaft, indem sie dieses Geschlecht mit einem „Bewohner eines fremden Planeten“ und „als Kind, das noch nicht eingegliedert ist“ vergleicht. „Die Frau ist das Andere, der Mann ist die Norm. Er hat seinen Standort und er funktioniert, Ideologien produzierend. Die Frau hat keinen Ort.“ So versteht Jelinek das Schreiben als einen Versuch der Frau, zum Subjekt zu werden.

Heute ist Elfriede Jelinek vielfach ausgezeichnete Preisträgerin. Ihr öffentliches Image, hat sich aufgrund der fortwährenden Relevanz ihrer Themen stark verbessert, wenngleich ihr Werk auch heute noch immer umstritten ist.

"Sie merken es schon, dass ich nichts weiß und nur so daherrede, eine Spaziergängerin der Sprache."

"Ich schlage sozusagen mit der Axt drein, damit kein Gras mehr wächst, wo meine Figuren hingetreten sind."

"Mit dem Blick des sprachlosen Ausländers, des Bewohners eines fremden Planeten [...] blickt die Frau von außen in die Wirklichkeit hinein, zu der sie nicht gehört. Auf diese Weise ist sie aber dazu verurteilt, die Wahrheit zu sprechen und nicht den schönen Schein."
* 23. Februar 1899 in Dresden | † 29. Juli 1974 in München

Der deutsche Schriftsteller, Drehbuchautor, Publizist, der auch Texte für das Kabarett schrieb, gehört zu den bedeutendsten Kinderbuchautoren Deutschlands. Kästner wollte eigentlich Lehrer werden, entschied sich nach eine Reihe negativer Erfahrungen im Bildungssystem jedoch dagegen und begann zu schreiben. Besonderen Ruhm brachten ihm seine Kinderbücher wie Emil und die Detektive (1929), Pünktchen und Anton (1931) und Das fliegende Klassenzimmer (1933) ein, welche heute als Klassiker der deutschen Kinderliteratur gelten und mehrmals verfilmt wurden (auch als ausländische Produktionen).

Erich Kästner wuchs in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Dresden auf. Geprägt war jene Zeit besonders von Existenzproblemen seines Vaters. Der permanente Aufstiegswille der Mutter, zu welcher er bis zum Ende ein sehr enges Verhältnis pflegte, verschonte die Familie jedoch vor dem existentiellen Abstieg. Mit dem hart erarbeiteten Stundenlohn als Schneiderin und später als Friseurin, konnte sie ihrem Sohn auch jenseits der Schule Bildung ermöglichen: Lektüre, Klavierunterricht, Theater- und Opernbesuche, jährliche Wanderungen und Radtouren. Auch Schulgelder, ein von ihm besuchtes Lehrerseminar für Volksschullehramt 1913, welches er später besuchte sowie ein Teil der Studiengebühren bezahlte Mutter Ida Amalia. Den größeren Teil der Kosten für das Germanistik-, Geschichte-, Philosophie- und Theaterwissenschaftsstudium konnte jedoch durch das „Goldene Stipendium“ der Stadt Dresden finanziert werden. Im Anbetracht des sozialen Standes der Familie waren Bildung und Kultur keineswegs selbstverständlich und konnten nur unter Opfern erreicht werden. 

Der erste Weltkrieg war ein Ereignis, welches Kästners Werdegang brandmarkte. In seinem autobiographischen Buch schrieb er „Der Weltkrieg hat begonnen, und meine Kindheit war zu Ende.“ Er war sich der Wichtigkeit der Kindheit und der Zerstörungskraft des Krieges immer sehr bewusst, stilisierte die eigene Kindheit oft zu einem „Goldenen Zeitalter“. Seine Mutter Ida Amalia vermietete die Zimmer ihrer Wohnung besonders oft an Pädagogen. Dies trug unter anderen zu Kästners erstem Berufswunsch, den des Lehrers bei. In der Schule ist dieser Wunsch trotz prügelnden Volksschullehrers nicht vergangen. Seine üblen Erfahrungen während der Rekrutenausbildung für den WK I, 1917 hatten ihn bereits zu einem entschlossenen Gegner aller autoritären Systeme und zu einem überzeugten und engagierten Pazifisten gemacht. Nach dem von ihm besuchten Lehrerseminar in Dresden, ein Internat mit militärähnlichen Lebens- und Umgangsformen, bemerkte er, dass die „Untertaneneinübung“ seinen Vorstellungen von Pädagogik massiv wiedersprachen. In einer seiner Publikationen schrieb er: „Nichts aber wirkt zerstörender für jede Kultur als diese Polizeiwirtschaft in den Bezirken [...] der Erziehung.“ So brach Kästner kurz vor dem Ende seine Lehrerausbildung ab und gab diesen Berufswunsch endgültig auf. Als Kinderbuchautor konnte er jedoch seinem Wunsch pädagogisch zu arbeiten und so Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen nachgehen, was er als wichtige Komponente seines politischen Handelns verstand. 

Mit dem Beginn der Nazizeit, wurde es jedoch immer schwieriger sich antimilitaristisch oder staatskritisch zu äußern. Während seines langen Aufenthalts in Berlin musste er mitansehen, wie seine Bücher verbrannt wurden. Dies bedeutete, dass er beginnen musste auf den pädagogischen Anspruch in seiner Arbeit zu verzichten und eine nur unterhaltsame Kinderliteratur produzieren musste, die den Nazis nicht anstößig war. Selbst die Dreharbeiten für die Verfilmung seines Buches Das doppelte Löttchen (1949) musste er 1942, aufgrund des ihm verordneten Schreibverbotes, niederlegen. Er flüchtete während des Krieges zeitweise ins Exil in die Schweiz, wo er nicht lange blieb und kurze Zeit später wieder in seine Heimat zurückkehrte da er sich nach wie vor am meisten mit der deutschen Kultur identifizierte. „Ich bin wie ein Baum, der – in Deutschland gewachsen – wenn ́s sein muß, in Deutschland verdorrt“. Seine Mutter wird aber bis heute als eigentlicher Rückkehrgrund gemutmaßt. 

Nach Kriegsende setzte er sich in München ab und engagierte sich dort für den Wiederbeginn des literarischen Lebens und lieferte als Journalist und Kabarettist kritische Kommentare zur politischen und gesellschaftlichen Entwicklung während der Phase des „Wiederaufbaus“, der Gründung und Konsolidierung der Bundesrepublik. Einen richtigen Anschluss an die Nachkriegsliteratur konnte er jedoch nicht finden, womit seine kurzzeitigen Alkoholprobleme zusammenhängen könnten, und weshalb er weniger produzierte. 

Abgesehen von Kinderbüchern schrieb er auch Romane und satirisch-kritische Gedichte für Erwachsene. Sein Zielpublikum blieben jedoch bis zum Ende eher die Kinder und Jugendlichen. Er war Herausgeber der Jugendzeitschrift Pinguin, schrieb Drehbücher und sprach in vielen Verfilmungen seiner Werke auch selbst den Erzähler (Rezitator). Kästner blieb zwar unverheiratet, hatte aber langjährige Beziehungen und einen Sohn (Thomas) welchem er seinen Roman „der kleine Mann“ widmete. 

"Der Mensch ist gut. Und darum geht’s ihm schlecht. Denn wenn‘s ihm besser ginge, wär er böse."[1]

"Die Politik – und zwar deren konservative Richtung – hat begonnen, sich in unerträglichem Maß zum Vormund des Geistes zu machen. Nichts aber wirkt zerstörender für jede Kultur als diese Polizeiwirtschaft in den Bezirken des Denkens, der Kunst und der Erziehung."[2]

"Leben ist immer lebensgefährlich."[3]

"Es gibt nichts Gutes, außer man tut es."[4]

[1] Gesammelte Werke Band I „Gedichte“, Der Mensch ist gut, München : dtv, S. 34
[2] Gesammelte Werke Band VI „Publizistik“, Die Jugend als Vorwand, München : dtv, S. 61
[3] Gesammelte Werke Band I „Gedichte“, München : dtv, S. 271
[4] Gesammelte Werke Band I „Gedichte“, München : dtv, S. 277
Foto: Heinrich Mann © S. Fischer Verlag GmbH Foto: Heinrich Mann © S. Fischer Verlag GmbH * 27. März 1871 in Lübeck | † 11. März 1950 in Santa Monica, Kalifornien

Der Autor als Gesellschaftskritiker – Heinrich Mann hat diese Rolle als Erster in Deutschland geprägt und im Geiste europäischer Kultur mit Substanz und Würde gefüllt. In seiner Analyse deutschen Wesens sollte man immer denken, wenn Obrigkeiten unsere Fügsamkeit einfordern. (Joachim Scholl)

Heinrich Mann begann schon früh politische Reflektionen zu schreiben, lebte nahezu unkonform, brach die Schule vorzeitig ab. Auch seine Ausbildung zum Buchhändler und sein Volontariat an einem Verlag brach er entgegen der Wunschvorstellung seiner Eltern ab. Nach mehreren Versuchen, dem traditionellen Berufsweg mit Ausbildung und Abschluss zu folgen, lebte er als freier Schriftsteller in München, Berlin und häufig in Italien. Seine ersten Romane Im Schlaraffenland (1900), Die Göttinnen (1903) sowie Die Jagd nach Liebe (1903) schrieb er ganz im Stil des Fin-de-Siècles, welche aber zum Teil antisemitisch geprägt waren. Im Jahre 1904 wurde sein Roman Professor Unrat veröffentlicht, eine Karikatur des Deutschen Bildungsbürgers. Es zeigte, welche Höhe die Doppelmoral des Bürgertums erreichen kann, wenn es sich von oberflächlichen Werten bestimmen lässt. Das Werk ist darüber hinaus ein Dokument für die Mentalität in Deutschland vor den Weltkriegen.

Als er 1871 als ältester Sohn von insgesamt 5 Kindern einer Kaufmannsfamilie geboren wurde, zählte diese zu den vornehmsten Familien Lübecks. Seine Mutter Julia da Silva-Bruhns, emigrierte in ihren Kindheitsjahren von Brasilien nach Deutschland und stammte selbst aus einer wohlhabenden Fürstenfamilie. Einen Einfluss seiner brasilianischen Wurzeln wurden in seinen Werken jedoch bis heute nicht identifiziert. Das Herrenhaus im Staat Rio de Janeiro, in welchem sie ihre ersten Lebensjahre wohnte, existiert bis heute, steht aber weitestgehend unbewohnt und leer.

Heinrich Manns Vater war Senator für Finanzen und Wirtschaft sowie Inhaber eines Handelshauses. Der Wohlstand der Familie Mann ging nach seinem Tod und der damit einhergehenden Schließung seiner Firma jedoch zu Ende. Diesen Niedergang dokumentierte Bruder Thomas später in dem Roman Buddenbrooks (1901). Beide Brüder zog es beruflich, wenn auch in gegensätzliche Richtungen, danach erst richtig in die Literatur.

Politisch konservativ zu denken, lag bereits in der Natur des sozialen Milieus der Familie. Möglicherweise ein Grund weshalb sich Thomas während des WK I von der allgemeinen Kriegsbegeisterung mitziehen ließ. Heinrich hingegen rebellierte schon früh gegen vorherrschende militaristische und imperialistische Denkweisen. Diese grundlegende Meinungsverschiedenheit führte zu einem langen Kontaktbruch zwischen den Brüdern. Erst nach dem WK I, als sich Thomas öffentlich für die Weimarer Republik und seine demokratischen Werte äußerte, kam es wieder zu Annährungen. Mit dem Ende des Krieges verkaufte sich der kurz vorher noch der Zensur zum Opfer fallende Roman Der Untertan zu hunderttausendfach. Heinrich duldete aber noch immer keine Genugtuung und kämpfte weiter, blieb kritisch, setzte sich für die junge Demokratie, den Völkerbund und dem Ausgleich mit Frankreich ein. Sein sozialkritischer zuvor veröffentlichter Roman Professor Unrat wurde 1930, mit Marlene Dietrich in der Hauptrolle, mit großem Erfolg verfilmt (Der blaue Engel).

Als Hitler immer mehr an Zustimmung und Befürwortern im deutschen Volk gewann, bemerkte Heinrich schon früh die Gefahr. Nach der Machtübernahme und nach dem man ihn am 15. Februar 1933 aus der Akademie der Künste ausschloss, floh er noch am selben Abend nach Paris. Er sah Deutschland zum letzten Mahl. Im selben Jahr wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Im französischen Exil entfaltete er noch einmal alle publizistischen Kräfte im Kampf gegen die Nazis, musste 1940 aber doch weiter in die USA flüchten. Dies rettete ihm zwar das Leben, führte ihn aber in Armut und Einsamkeit, denn von seiner eigenen Arbeit konnte er dort nicht mehr leben und war von der finanziellen Hilfe seines Bruders Thomas abhängig. Die Unterstützung wurde so diskret wie möglich gehalten, um Heinrich nicht zu demütigen. Abgesehen von den existentiellen Schwierigkeiten, der Verbrennung seiner Bücher und dem Identitätsverlust durch seine Ausbürgerung, wurde Heinrich Mann auch im Laufe seines Privatlebens immer wieder von schlimmen Schicksalsschlägen heimgesucht. Seine beiden Schwestern, Carla und Julia, begangen zu verschiedenen Zeitpunkten Suizid und im Exil wählte schließlich auch seine alkoholkranke Frau, Nelly Schröder, den Freitod.

Oft wurde Heinrich Mann unterschätzt und stand im Schatten seines Bruders und Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann. Grund dafür war möglicherweise die Tatsache, dass sich seine damals noch als linksradikal geltende Meinung in den meisten seiner Werke wiederspiegelte. Dies lenkte jedoch von seinen literarischen Fähigkeiten ab und erschwerte eine unvoreingenommene Rezeption. Thomas Mann hingegen hielt seine politische Meinung aus seiner literarischen Arbeit weitestgehend heraus, was ihm zum Erreichen eines größeren Publikums verhalf.

Zur geplanten Rückkehr in seine deutsche Heimat, wo die sozialistische Regierung der DDR ihn noch für die Benennung zum Präsidenten der Akademie der deutschen Künste erwartete, kam es jedoch nicht mehr. Heinrich Mann starb noch vor seiner Rückkehr 1949 in den USA und konnte dieser ihm zustehenden Ehre nicht mehr teil werden.

"Demokratie ist im Grunde, die Anerkennung, dass wir, sozial genommen, alle füreinander, verantwortlich sind." [1]

"Die Republik ist […] der Staat, der Gedanken offen ist. Er hat kein Dogma, darf keines haben; denn dieser Staat ist gerade der Ausdruck relativer Menschen und einer veränderlichen Ordnung. Ihm fehlt die Erblichkeit der Macht. Er hat dafür das Recht der Idee." [2]

"Die Republik muss offenen Sinn behalten. Sie soll frei bleiben, in jede neue geistige oder wirtschaftliche Ordnung hineinwachsen." [3]

[1] Der tiefere Sinn der Republik, in: Mann, Heinrich. Essays. Berlin : Claassen Verlag, 1960. S. 547
[2] Der tiefere Sinn der Republik, in: Mann, Heinrich. Essays. Berlin : Claassen Verlag, 1960. S. 545
[3] Der tiefere Sinn der Republik, in: Mann, Heinrich. Essays. Berlin : Claassen Verlag, 1960. S. 545

 
* 14. September 1817 in Husum - † 4. Juli 1888 in Hanerau-Hademarschen

War ein deutscher Schriftsteller, der als Lyriker und als Autor von Novellen des deutschen Realismus mit norddeutscher Prägung bedeutend war. Im bürgerlichen Beruf war Storm Jurist. Mit Theodor Fontane und Gottfried Keller gehört er heute zu den wichtigsten Vertretern des Realismus.

Er wuchst in einer patriarchalisch geordneten Welt als Sohn eines Advokaten auf. Auch Storm folgte zunächst einer Juristenkarriere und studierte Jura in Kiel und Berlin, doch schon während des Studiums brachte er zusammen mit Freunden erste Schriften heraus (Liederbuch dreier Freunde, 1843). Aufgrund seines Engagements gegen die Dänische Herrschaft wurde ihm 1852 die Advokatur entzogen und Storm musste 12 Jahre ins Exil. In dieser Zeit entstanden patriotisch-politische Gedichte. Erst 1864, nach dem Abzug der Dänen konnte Storm in seine Heimatstadt Husum zurückkehren. Vor allem schrieb er Lyrik, obwohl er zeitweise vorwiegend Prosa produzierte, worauf auch sein Ruhm beruht. Er verstand sich jedoch immer sehr gut darin verschiedene Genres zu vereinen, wie sein Buch Sommergeschichten und Lieder (1851), eine Mischung aus Prosastücken, Märchen und Gedichten, zeigt. Sein letztes Werk Der Schimmelreiter (1880), wurde zu seinem bekanntesten Roman und ist bis heute gängige Schullektüre.

Was für Fontane die märkischen Dörfer und der preußische Adel, für Keller die Alpen und der Oberrhein, die Handwerker und Landbewohner waren, das sind für Storm die Nordseeküste, die Kleinstadt mit ihren Fischern, Gewerbetreibenden, Handelsleuten und Beamten. Fast immer spielen die Hauptszenarien in seiner Heimatstadt Husum an der Nordseeküste. Orte, die er, ganz im Charakter des poetische Realismus, stets malerisch und detailliert genau beschreibt. Er verfasst Familiengeschichten, Geschichten von beginnender Liebe oder lebenslanger herzlicher Gemeinschaft. Der Fokus liegt meistens auf Themen wie Heimat, Familie und Liebe. Manchmal autobiographisch, meistens Neuigkeiten: Gehörtes, Gelesenes, Fälle aus seiner Tätigkeit als Richter. Gescheitertes Leben, gescheiterte Liebe: Darum dreht sich das kreative Zentrum seines Denkens, Fühlens, Schreibens.

Vertraut mit der materialistischen Popularsphilosophie und als Gegner von Adelsprevilegien und theologischer Orthodoxie, schreibt Storm aus dem Widerspruch zwischen intensiver Lebensbejahung und dem Gefühl der Bedrohung seines Ideals vom harmonischen Menschen. In manchen Gedichten stellt er idyllische Zustände bedroht oder vergangen dar.

Trotz seiner politischen Gedichte erschien Storm nach 1945 eher als unpolitischer Dichter zeitloser Schicksalsnovellen und stimmungshafter Naturlyrik. Aufgrund der Einschränkung auf seine Heimatregion Husum, wird Theodor Storm als Autor der Heimatkunst klassifiziert. Seine Heimatstadt Husum ist bis heute bekannt als Graue Stadt am Meer, ganz nach seinem Gedicht Die Stadt.

"O bleibe treu den Toten, die lebend Du betrübt;
O bleibe treu den Toten, die lebend dich geliebt!"

"Hin gen Norden zieht die Möwe,
Hin gen Norden zieht mein Herz;[…]
Fliegen beide heimatwärts."

"Zu Zeiten sind erfrischend wie Gewitter goldne Rücksichtslosigkeiten."
* 28. November 1881 in Wien - † 22. Februar 1942 in Petrópolis

„Zweig meint oder hofft nicht, die Welt mit seinen Schriften ändern zu können; sein einziger Ehrgeiz ist es die Bitternis menschlichen Leidens lindern zu helfen, indem er uns dessen Wurzeln und Ursachen genauer kennen lehrt. Seine Methodik der Wirklichkeit gegenüber ist weder idealistisch noch materialistisch im marxistischen Sinn. Er kennt überhaupt keine Methode, mittels deren der Mensch beurteilt und eingeordnet werden könnte. Was er einzig fordert und anerkennt, ist die Zivilisation, die dem Menschen zu dienen hat.“ (KLAUS MANN)

Stefan Zweig war ein jüdisch-österreichischer Sohn eines Industriellen, der in Wien und in Berlin Germanistik und Romanistik studierte und die Welt bereiste. Im Ersten Weltkrieg zog er in die Schweiz, ließ sich später in Salzburg nieder, und musste anschließend vor Hitler nach London, dann nach New York und am Ende nach Brasilien flüchten. Zu Lebzeiten war er der meistübersetzte deutschsprachige Autor und trotzdem stand sein Name im Dritten Reich auf der „Liste verbotener Autoren“. Er war im Ausland berühmt und geschätzt, führte eine harmonische Ehe und konnte im Exil als Schriftsteller erfolgreich weiter arbeiten - was bei politisch verfolgten Autoren eher selten möglich war. Trotzdem entschied er sich 1942 auf seiner letzten Station Brasilien für den Freitod. Seine Beweggründe bleiben bis heute aufgrund seines scheinbar guten Lebens im Exil rätselhaft. Ob der Krieg und die geistige Zerstörung Europas eine unstillbare Schwermut in dem überzeugten Pazifisten und Humanist auslösten und ihn in den Freitod trieben oder andere Faktoren eine Rolle spielten, darüber kann heute nur spekuliert werden.

Er schrieb Essays, arbeitete als Übersetzer der Werke Verlaines, Baudelaires und insbesondere Émile Verhaerens. Auch als Journalist war er tätig. Als engagierter Intellektueller trat Zweig vehement gegen Nationalismus und Revanchismus ein und warb für die Idee eines geistig geeinten Europas, Grund genug für die Nazis, ihn in die Liste der Autoren aufzunehmen, deren Bücher öffentlich verbrannt wurden. Sein Heimatland Österreich war mit dem Anschluss im Jahr 1938 ein Teil des Deutschen Reiches geworden. Somit waren seine Bücher in beiden Ländern verboten.

Man spricht von drei Leben Stefan Zweigs: Zum einen die „scheinbar sichere Welt des Bürgertums“, in welcher er aufwuchs, sein Leben in der Wahlheimat Salzburg und sein drittes Leben im Exil. In seinem Werk Die Welt von Gestern (1944) erzählt er rückblickend von diesen drei Leben.

Charakteristisch für Zweigs Schreibstil war der Einfluss der Psychoanalyse. Er wurde praktisch gleichzeitig mit dieser geboren und führte regen Briefkontakt mit Sigmund Freud, woraus eine innige Freundschaft erwuchs. Viele seiner Werke sind von Freuds Psychoanalyse geprägt: Brennendes Geheimnis (1914), Amok (1922), Schachnovelle (1941) und Verwirrung der Gefühle (1962). In seinem einzigen vollendeten Roman Ungeduld des Herzens (1939) schuf er beinahe eine Kunstgattung, die man als „psychoanalytischen Naturalismus“ oder „Realismus der Seele“ bezeichnen könnte. Das Streben nach einer psychologischen Sichtweise der Dinge spiegelte sich in Zweigs Umgang mit seinen Mitmenschen wieder. Freunde wie Bekannte beschrieben ihn als einfühlsamen und äußerst höflichen Menschen.

Was ihn zu einer Art Helden macht, ist die Tatsache dass er im Gegensatz zu seinen zeitgenössischen jüdischen Autoren-Kollegen nicht erst nach seinem Tod bekannt wurde, sondern trotz Zensur und Bücherverbrennung während seiner gesamten Lebenszeit im Ausland hochangesehen war. Die brasilianische Regierung bestand sogar nach seinem Tod auf einem Staatsbegräbnis und benannte eine Straße in Rio de Janeiro nach ihm. Sein letztes Haus in Petrópolis ist heute das Museum „Casa Stefan Zweig“. Im laufenden Jahr 2016 wurde sein Leben verfilmt. Der Filmtitel Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika, von Maria Schrader beruht auf einem Satz seines Abschiedsbriefes.

"Ich glaube, dass Pässe und Grenzen eines Tages der Vergangenheit angehören werden. Ich bezweifle allerdings, dass wir das noch erleben werden."

"Das Fremdeste zu verstehen, immer Völker und Zeiten, Gestalten und Werke nur in ihrem positiven, ihrem schöpferischen Sinne zu bewerten und durch solches Verstehenwollen und Verstehenmachen demütig, aber treu unserem unzerstörbaren Ideal zu dienen: der humanen Verständigung zwischen Menschen, Gesinnungen, Kulturen und Nationen."

"Alles was man aus seinem eigenen Leben vergisst, war eigentlich von einem inneren Instinkt längst schon dazu verurteilt gewesen, vergessen zu werden."