Grußwort
Seit vierzehn Jahren findet in Belgrad, Novi Sad und Niš das GoetheFEST statt – ein Festival des neuen deutschen Films, organisiert vom Goethe‑Institut in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern und Kulturzentren. Die Auswahl ist im Laufe der Jahre aus unterschiedlichen ästhetischen Perspektiven, künstlerischen Handschriften und Generationen entstanden: von etablierten Autor*innen, die den Kanon des zeitgenössischen deutschen Films prägen, bis hin zu neuen Stimmen, die ihre Spuren in der aktuellen deutschen Kinematografie erst noch ziehen. Gemeinsam bilden sie ein Panorama, das sich nicht auf ein einziges Thema reduzieren lässt, in dem jedoch wiederkehrende Motive erkennbar sind: innere Grenzen, Machtverhältnisse, die Fragilität von Freiheit und eine Form von Zärtlichkeit, die selbst unter schwierigen Bedingungen fortbesteht.
In diesem Sinne präsentiert das Programm des Goethe‑Instituts Filme auf Reisen eine Auswahl deutscher Autorenfilme aus den letzten fünf Produktionsjahren – Filme, die nicht als lineare Erzählungen funktionieren, sondern als Kartografien innerer Zustände, Emotionen, Spannungen und Fragen, die noch lange nachwirken, nachdem die Magie des Kinosaals verlassen ist. In einer Zeit, in der sich die Wirklichkeit immer schneller verändert, bleibt das zeitgenössische deutsche Kino seiner Tradition treu: die Welt durch das Individuum zu betrachten und gesellschaftliche Dynamiken anhand subtiler persönlicher Geschichten sichtbar zu machen. Gerade das verbindet die Filme dieser Auswahl, die Art und Weise, wie sie Öffnungen schaffen, durch die Themen sichtbar werden, die zum Nachdenken, Hinterfragen und Austausch anregen.
Mal sind es mythische und leise Geometrien der Liebe (Undine, Roter Himmel), mal Spannungen innerhalb von Systemen, denen man vertraut – oder eben nicht (Nahschuss, Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush), mal fragile Räume von Identität und Zugehörigkeit (Exil), dynamische Jugendwelten im pulsierenden Rhythmus der Stadt (Sonne und Beton), oder dystopische Reflexionen über Erinnerung, Körper und Projektionen (The Trouble With Being Born). Wer sich für Thomas Brasch interessiert, sollte Lieber Thomas nicht verpassen, und wer ihn noch nicht kennt, kann ihn über diesen Film entdecken, der sicher dazu anregt, sich auch literarisch weiter mit ihm zu beschäftigen. Für Freunde eines feinen Humors steht außerdem Nö auf dem Programm.
Das zeitgenössische deutsche Kino bewegt sich auf einer feinen, aber wirkungsvollen Linie zwischen Intimität und Gesellschaft. Persönliche Geschichten lassen sich nicht vom Kontext trennen, der sie formt, so wie sich die Welt nur durch individuelle Perspektiven erschließen lässt. Durch unterschiedliche filmische Sprachen, nuanciertes Schauspiel, politische Vielschichtigkeit, einen Humor, der mal trägt, mal unterläuft, und den Mut, auch das Ausgesparte sichtbar zu machen, laden diese Filme zu vertiefter Auseinandersetzung ein.
Deshalb möchten wir diese Filme auf die Reise schicken.
Damit sie neue Begegnungen ermöglichen.
Filme auf Reisen versteht sich als ein Format des Perspektivwechsels, als Bewegung von einer Wirklichkeit zur anderen, von einem Blick zum nächsten – und als Einladung zum Gespräch: leise oder lebhaft, direkt oder tastend, aber stets notwendig.
Diese neun Filme laden dazu ein, die Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, von innen und außen, durch andere und durch sich selbst – und dabei neue Wege des Verstehens zu entdecken.
Koordinatorin für Kulturprogramme, Goethe‑Institut Belgrad