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Jina Khayyer
Im Herzen der Katze

Porträt von der deutschen Autorin Jina Khayyer.
© Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

In Im Herzen der Katze erkundet Jina Khayyer, was es bedeutet, als Frau im Iran zu leben. Ausgehend von den Protesten nach dem Tod von Jina Mahsa Amini entfaltet sie ein vielschichtiges Bild eines Landes jenseits der Schlagzeilen – voller Poesie, Widerstand und heimlicher Freiräume. Der Roman führt uns durch Erinnerungen, Farben und Stimmen, die von Mut erzählen, und zeigt, wie nah Schönheit und Brutalität beieinanderliegen. Politisch und poetisch zugleich.
 

Von Florina Evers

Was bedeutet es, eine Frau im Iran zu sein? Darum geht es in Im Herzen der Katze, dem Romandebüt der Autorin, Dichterin und Künstlerin Jina Khayyer, in dem wir LeserInnen ein Iran jenseits der Kriegsschlagzeilen kennenlernen.
 
Im September 2022 starb die Kurdin Jina Mahsa Amini in der Obhut der iranischen Sittenpolizei. Bald darauf folgte eine Welle von Protesten auf der ganzen Welt. Hier setzt der Roman ein.
 
„Jina” ist auch der Name der Protagonistin. Sie teilt ihn mit der jungen, mutigen Frau, deren Gesicht zum Symbol der Rebellion wird. Die Jina im Roman wohnt jedoch seit vielen Jahren in Europa und sitzt in Südfrankreich nachts wach auf dem Bett. Ihre Augen kann sie nicht von ihrem Instagram-Feed abwenden. Sie sieht die wütenden Menschen auf den Straßen Teherans und sie spürt eine tiefe Verbundenheit zu den Protestierenden, die für die Freiheit kämpfen und dabei ihr Leben riskieren. Der vertraute Klang ihrer Rufe in Farsi lässt Jina an ihr Leben im Iran zurückdenken.
 
Auf diese Gedankenreise nimmt uns die Autorin mit und führt uns ins titelgebende „Herz der Katze” – so genannt, weil die Umrisse des Landes an eine Katze erinnern. Wie nebenbei lernen wir beim Lesen die Geschichte des Irans kennen und erfahren mehr über die Landessprache Farsi, die voller Poesie steckt. So gibt es zum Beispiel über zwanzig Arten, um sich zu bedanken: „Mögen deine Hände nicht schmerzen” und „Deine Augen sind hell”– zwei Ausdrücke, die ich aufgrund ihrer Schönheit einfach nicht vergessen kann.

Das Buch Im Herzen der Katze von Jina Khayyer vor einem Hintergrund mit Leopardenmuster © Florina Evers

Die Autorin beschreibt Land und Leute so eindrucksvoll, dass man meint, den bittersüßen Geschmack iranischen Zitronensafts auf der Zunge zu schmecken, die trockene Wüstenluft einzuatmen und den würzigen Kebab zu riechen, der überall an Straßenständen verkauft wird. Und man sieht die vielen Farben der Landschaft vor sich. Jina zählt sie alle auf: „Blut, Wein, Granatapfel, Kirsche, Rose, Rubin, Zinnober, Terrakotta, Rost, Orange, Safran, und immer wieder dieses gleißende Weiß; eine Welt aus Feuer, Sand und Salz.” Diese Schönheit steht jedoch immer im Kontrast zu der Brutalität des dort herrschenden Regimes. Das spürt auch Jina, sobald sie auf die Straße tritt. Frauen bewegen sich dort mit der Gewissheit, dass jedes, für uns EuropäerInnen noch so selbstverständliche Verhalten, mit Schlägen, Verhaftungen oder der Todesstrafe enden könnte.

Jinas Tante, Amme Esmat, erlebte die Monarchie unter dem Schah und den Wandel im Land zur Islamischen Republik. „Das Kopftuch wurde (mir) von der Polizei mit derselben Gewalt entrissen, mit der es uns heute aufgezwungen wird, so willkürlich geht es hier zu”, erzählt sie Jina. Subtil schwingt in ihrem Bericht mit, dass Amme Esmat Frauen liebt – in einem Land, in dem es noch nicht einmal ein Wort dafür gibt. „Delémoon jekis, our hearts are one, that's what we girls say, to say we are gay”, lernt Jina von ihrer Reiseführerin Iman später, für die Jina zarte Gefühle entwickelt, die sie nur in langen Blicken andeuten kann. Iman versteht und schaut zurück. Auch ihre Herzen sind eins.
 
Jina wird eingeweiht in die unterschiedlichen Wege, die die Menschen dort finden, um im Stillen ihre Freiheit zu leben. Es gibt Buchhandlungen mit zweiten Böden, geheime Weinplantagen, Ausgelassenheit, Musik und Tanz - hinter verschlossenen Türen … Und draußen, im Lauten stürzt sich Jinas Nichte Nika wie viele andere nach dem Mord an Jina Mahsa Amini in den politischen Aktivismus. Sie protestiert und riskiert alles für die Freiheit in ihrem geliebten Land, dessen Regierung ihr nichts als Hass und Verachtung entgegenbringt.
 
Gerade weil man momentan nicht ins Land reisen kann, ist Im Herzen der Katze ein besonderes Geschenk. Dieser Roman öffnet Augen und Herz für die dort lebenden Menschen; für ihren schier unfassbaren Mut – insbesondere der Frauen. Das macht es zu einem unglaublich wichtigen Buch, um die Gegenwart zu verstehen und diese mutigen Frauen zu würdigen. Politisch und poetisch zugleich.
 
Jina Khayyer ist Schriftstellerin, Dichterin, Malerin und Journalistin. Sie wurde in Deutschland geboren, ist iranischer Abstammung und lebt und arbeitet seit 2006 in Paris und in der Provence. Sie ist Autorin für die Zeitschriften The Gentlewoman, Fantastic Man und Apartamento. Zuletzt wurden ihre Gedichte und Zeichnungen in der Kunsthalle Baden-Baden im Rahmen der Gruppenausstellung SEA AND FOG (2024) ausgestellt. Im Herzen der Katze ist ihr Romandebüt.
 

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