Anne Sauer
Im Leben nebenan
Ein Leben, zwei Wege: In Im Leben nebenan erkundet Anne Sauer mit feinem Gespür die Frage aller Fragen – Was wäre, wenn? Mit beeindruckender Leichtigkeit entfaltet sie zwei mögliche Lebensentwürfe ihrer Protagonistin und zeigt, wie nah Glück und Schmerz beieinanderliegen können. Ein Roman über Entscheidungen, verpasste Chancen und die Kunst, sich in jeder Version des eigenen Lebens wiederzufinden.
Von Florina Evers
TW: Unerfüllter Kinderwunsch, Fehlgeburt
Was wäre, wenn …? Diese einfache Frage wirft bei vielen Menschen das Kopfkino an: Was wäre, wenn ich doch in eine andere Stadt gezogen wäre? Wenn ich mich nicht von XYZ getrennt hätte? Wenn ich etwas anderes studiert hätte? Wenn ich mich für ein Leben ohne Kinder entschieden hätte?
In ihrem Roman Im Leben nebenan nimmt die Autorin Anne Sauer diesen endlos faszinierenden “Was wäre, wenn”-Gedanken als spannende Ausgangslage und zeigt uns Leser*innen vielschichtig, schillernd und schonungslos, wie zwei ganz unterschiedliche Versionen eines Lebens aussehen können - und wie es gelingt, in beiden Versionen zu sich selbst zu finden.
Toni und Jakob leben glücklich in ihrer kleinen Wohnung mitten in der Großstadt. Sie mögen ihre Arbeit, lieben ihre Freiheit am Wochenende, an denen sie am liebsten mittags ins Kino gehen (so schön leer!) und stundenlang quatschend auf dem sonnenwarmen Dielenboden ihres Wohnzimmers liegen. Eigentlich ist alles gut so wie es ist. Und dann steht mit Anfang 30, wie bei so vielen jungen Paaren, irgendwann die "Kinderfrage” im Raum.
In Tonis Umfeld ist die Frage für viele nur ein “wann” und kein “ob”. Keine Grundsatzfrage, nur ein freudiges Planen des richtigen Zeitpunktes. Der kurze, prüfende Blick auf den Bauch beim Familientreffen, das Kommentieren, wenn das Bier in der Hand alkoholfrei ist: „Du bist doch nicht etwa …” und „Darf man gratulieren?”. Während Toni mit dem Gedanken hadert („Ich hab nur Angst, dass es was mit uns macht. Dass wir uns dann gar nicht mehr wieder erkennen.”) blickt ihr Partner Jakob dem Thema offener entgegen („Wir würden das schon irgendwie meistern. So im Team halt.”). Und so formt sich nach und nach in vielen Gesprächen, ein „Warum nicht?”. Einfach mal eine Zeit lang nicht mehr verhüten. Gucken, was passiert.
Doch es passiert ganz lange nichts. Zwei Jahre, in denen aus dem „Warum nicht?” in beiden ein fester Kinderwunsch gewachsen ist, eine zarte Vorfreude auf das, was sein könnte. Und die Enttäuschung, als aus dem ersten positiven Test doch kein Leben entsteht, ist monumental.
Wenn das Leben eine zweite Richtung nimmt
Im Roman kommt hier der Cut - und die Autorin legt eine zweite Filmspur ein: Antonia wacht in einem sandfarbenen Schlafzimmer auf, einem Meer aus Beigetönen. Auf ihrer Brust liegt ein Neugeborenes. Etwa fünf Wochen alt. Neben ihr nicht Jakobs schiefes Lächeln, sondern die braunen Locken ihrer ersten großen Liebe: Adam.
Auf dem Buchdeckel lese ich: „Anne Sauer zu lesen ist wie Serie schauen: mitreißend und süchtig machend.” Und genau so fühlt es sich an, wenn man beim Lesen zwischen den Paralleluniversen hin- und her switcht. Doch auch wenn es verlockend ist, sich dem schnellen Tempo des Romans hinzugeben, empfehle ich kein “Binge-Lesen”: Wer Im Leben nebenan all seine Aufmerksamkeit schenkt, wird mit ausgezeichneten Alliterationen und einer bildhaften, körperlichen und präzisen Sprache belohnt, die lebendige Bilder im Kopf entstehen lässt und die die Spannung aufrechterhält - bis zum letzten, lebensbejahenden Kapitel.
Anne Sauer (geb. 1989) studierte Buchwissenschaft und Philosophie an der Johannes Gutenberg‑Universität Mainz und arbeitet heute als Autorin und Moderatorin. Seit vielen Jahren empfiehlt sie Bücher auf Instagram (@fuxbooks) und in ihrem Podcast Monatslese. Für ihre Arbeit wurde sie 2022 mit dem Young Excellence Award ausgezeichnet. 2024 erschien ihr vielbeachteter Essay Look What She Made Us Do: Über Taylor Swift, mit dem sie direkt auf der SPIEGEL‑Bestsellerliste landete. Im Leben nebenan (2025, dtv) ist ihr Debütroman.