Arvo Pärt wird 2026 mit der Goethe-Medaille geehrt
Beim zeitgleich stattfindenden Kunstfest Weimar wird die Arbeit der Preisträger*innen im Diskurs und auf der Bühne vorgestellt. Die Goethe-Institute im Ausland schlagen Kandidat*innen aufgrund ihres zentralen Beitrags zur internationalen Kultur- und Bildungspolitik und ihres herausragenden künstlerischen und bildungsrelevanten Schaffens vor; die Auswahl der Preisträger*innen trifft eine Jury unter dem Vorsitz von Thomas Oberender.
Die Präsidentin des Goethe-Instituts Gesche Joost erklärt anlässlich der Bekanntgabe der diesjährigen Preisträger*innen der Goethe-Medaille: „In diesem Jahr steht die Goethe-Medaille ganz im Zeichen Europas: Wir ehren drei herausragende Persönlichkeiten, die uns mit ihrem künstlerischen Werk berühren und dabei auf besondere Weise mit Deutschland verbunden sind. Der Komponist Arvo Pärt, dessen Musik so viele Menschen weltweit in ihren Bann zieht, lebte mit seiner Familie ab 1981 im Berliner Exil. Der Schutz, die Freundschaften und die künstlerische Resonanz, die er hier erfahren hat, hatten einen prägenden Einfluss auf sein Werk. Prodromos Tsinikoris wuchs in Wuppertal als Kind von griechischen Arbeitsmigrant*innen auf und thematisiert seine beiden Heimaten, Deutschland und Griechenland, immer wieder in seinen bewegenden Theaterprojekten. Anita Raja hat ihr Wirken der Übersetzung und Vermittlung wichtiger deutschsprachiger Autor*innen wie u.a. Christa Wolf ins Italienische verschrieben und sich als Bibliothekarin für die Vielfalt der europäischen Kultur stark gemacht.“
Thomas Oberender, Vorsitzender der Kommission zur Verleihung der Goethe-Medaille, merkte zur Auswahl der Preisträger*innen an: „Das herausragende künstlerische und intellektuelle Wirken der Preisträger*innen der Goethe-Medaille 2026 zeichnet sich durch seine innovative und gemeinschaftsbildende Kraft aus. Sie sind einerseits drei Stimmen einer Kultur Europas, die sich aus unterschiedlichen nationalen Kontexten und historischen Situationen speist. Zugleich überschreiten sie nationale, soziale und kulturelle Grenzen und helfen, neue Identitäten und Verständnisse von Zugehörigkeit und Gemeinschaft zu entwickeln. Ihre Lebenswege und Werke sind Antworten auf Migration, Flucht und gesellschaftliche Transformationen, die Europa im 20. und 21. Jahrhundert geprägt haben, sie schenken unserer Gegenwart dafür eine neue Sprache und tieferes Verständnis.“
Aus den Begründungen der Jury für die Preisvergabe:
Arvo Pärt hat im Laufe seiner langen künstlerischen Laufbahn eine einzigartige kompositorische Sprache gefunden, die Menschen auf der ganzen Welt berührt und verbindet. Nach seiner Emigration aus dem damals sowjetisch besetzten Estland lebte er fast 30 Jahre in Berlin. Sein nach längerer Schaffenspause entwickelter Tintinnabuli-Stil brachte Werke wie „Für Alina”, „Tabula Rasa“ oder „Spiegel im Spiegel“ hervor und eröffnete damit neue Klangerlebnisse. Die Verbindung von Spiritualität und struktureller Tiefe in Pärts Werken ist einzigartig. Die besten Orchester und Interpret*innen führen seine Musik mit großer Regelmäßigkeit auf. Anlässlich seines 90. Geburtstags im vergangenen Jahr gab es weltweit eine Vielzahl von Konzerten zu Ehren dieser prägenden und herausragenden Persönlichkeit der zeitgenössischen Musik.
Anita Raja zählt zu den bedeutendsten Übersetzer*innen aus dem Deutschen ins Italienische. Sie hat nicht nur Christa Wolf und zahlreiche weitere Autor*innen der DDR schon in den frühen 1980er Jahren für das italienische Publikum entdeckt und bekannt gemacht, sondern auch seit langem kanonisierte Werke von Georg Büchner, Franz Kafka und Ingeborg Bachmann mit großem Feinsinn ins Italienische übertragen. Dass ihr Kulturvermittlung ein Herzensanliegen ist, zeigt auch ihr jahrzehntelanges Engagement als Bibliothekarin. Sie hat sich stets dafür eingesetzt, Bibliotheken zu einem Ort der Klassen-, Alters- und Bildungsgrenzen überwindenden Begegnung zu machen. 2005 wurde sie zur Gründungsdirektorin der Biblioteca Europea in Rom ernannt, die sie zehn Jahre lang leitete. Auch als Verlagsscout und Publizistin hat sie sich auf herausragende Weise um den deutsch-italienischen Kulturaustausch verdient gemacht.
Prodromos Tsinikoris ist als Theaterregisseur, Schauspieler und Dramaturg eine Schlüsselfigur der griechischen Theaterwelt. In Wuppertal 1981 als Kind griechischer Arbeitsmigrant*innen geboren, hat er sich längst zu einer prägenden Figur der europäischen Theaterlandschaft entwickelt, die mit großer Sensibilität und politischer Wachheit wirkt. Bei dem Audio Walk „In the middle of the street“ machte er obdachlose Menschen selbst zu Erzähler*innen ihrer Lebensrealität während der Finanzkrise, in „Clean City“ stellte er (in Zusammenarbeit mit Anestis Azas) Stimmen migrantischer Reinigungskräfte gegen die Rhetorik neofaschistischer Bewegungen, und in „96%“ thematisiert er den Holocaust an den Jüdinnen und Juden Thessalonikis sowie die Plünderung ihres Besitzes während der NS-Besatzungszeit. Tsinikoris ist ein Ausnahmetalent, der das Dokumentarische nicht als bloßes Abbild der Wirklichkeit, sondern als künstlerischen Resonanzraum gesellschaftlicher Bruchlinien begreift.
Das künstlerische und diskursive Rahmenprogramm zur Goethe-Medaille in Weimar entsteht in Zusammenarbeit mit dem Kunstfest Weimar. Holtzbrinck unterstützt das Kulturprogramm der Goethe-Medaille 2026.
Weitere Informationen zur Goethe-Medaille, Biografien der Preisträger*innen sowie eine Aufstellung der bisher Geehrten finden Sie unter: www.goethe.de/goethe-medaille