|
18:00–19:30 Uhr, BST
Bilder der Welt und Inschrift des Krieges
Filmvorführung |In Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren starten wir mit dieser Dokumentation von Harun Farocki eine Reihe von Veranstaltungen, die sich mit Geschichte und Erinnerungskultur auseinandersetzen.
-
Goethe-Institut Glasgow, Glasgow
- Sprache Deutsch mit englischen Untertiteln
- Preis Freier Eintritt! Buchung über Eventbrite.
- Teil der Reihe: Deutsches Kino am Goethe-Institut Glasgow 2025
80 Jahre sind vergangen, seit der Zweite Weltkrieg mit der vollständigen und bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands am 8. Mai 1945 in Europa und weltweit am 2. September 1945 endete. Diese Zeitspanne von 80 Jahren markiert auch einen Übergang in unserem kollektiven Gedächtnis. Wir stehen nach den Thesen der deutschen Kulturwissenschaftler*innen Jan und Aleida Assmann an der Schwelle zu dem Moment, an dem das kommunikative Gedächtnis, das durch die Erzählungen von Zeitzeugen lebendig gehalten wird, dem kulturellen Gedächtnis weicht.
In diesem entscheidenden Moment laden wir das Publikum ein, einen Blick zurück auf unsere jüngere Geschichte zu werfen und darüber nachzudenken, wie Erinnerung durch Bilder und Erzählungen geformt und umgestaltet wird, wie die jüngste Vergangenheit unsere Zukunft beeinflusst und wie Erinnerungskultur in populistischen Strömungen instrumentalisiert werden kann.
Wir beginnen diese Erkundung mit der Vorführung von Harun Farockis Dokumentarfilm „Bilder der Welt und Inschrift des Krieges“ (1988). In diesem Filmessay konzentriert sich Farocki auf die Fotografie und den Gebrauch von Bildern sowie auf die Frage, wie die Auswirkungen des Krieges in der Realität erscheinen. Im April 1944 hatten amerikanische Piloten Luftaufnahmen von den Buna-Werken gemacht, ohne zu ahnen, dass sie dabei auch das Konzentrationslager Auschwitz fotografiert hatten. Erst 1977 wurden die Fotos richtig ausgewertet.
Farocki nutzt dieses Material um unsere Wahrnehmungssicherheit zu hinterfragen:
"Aufklärung, das ist ein Wort in der Geistesgeschichte", sagt Farocki. Er berichtet von der Entstehung des Meßbild-Verfahrens 1858: eine Methode, an Hand von Photographien die Maße von Gebäuden festzustellen. Das preußische Kriegsministerium zeigte sich interessiert - die neue Technik setzte sich bald durch. "Besser sehen", heißt es, "ist die Gegenseite zur Todesgefahr". Man sieht Bilder aus einem Fotoband von 1960, Porträts algerischer Frauen, die für die Erstellung von Identitätskarten erstmals in ihrem Leben fotografiert wurden - ohne Schleier.
"Aufklärung, das ist ein Wort in der Militärsprache", heißt es weiter. Im April 1944 hatten US-Piloten Luftaufnahmen der Buna-Werke gemacht, ohne zu ahnen, daß sie dabei auch Fotografien des Konzentrationslagers Auschwitz aufgenommen hatten. Erst 1977 wurden die Bilder erneut ausgewertet. Im Zweiten Weltkrieg begann man, in Bombenflugzeugen Kameras zu installieren, zur Kontrolle der Wirksamkeit von Angriffen. Aber man mußte die Darstellungen aus der Vogelperspektive erst "lesen" lernen und Techniken für eine automatische Auswertung entwickeln. Denn es entstanden, so Farocki, "mehr Bilder von der Welt, als die Augen der Soldaten auswerten können."
"Aufklärung, das ist ein Wort aus der Polizeisprache." Gespeicherte Bilder werden als Daten erfaßt. Farocki verweist auf Versuche in den beiden Weltkriegen, die Aufklärung des Feindes zu täuschen. Er berichtet von zwei Häftlingen, denen die Flucht aus Auschwitz gelang; vergeblich versuchten sie, die Wahrheit über das Konzentrationslagers öffentlich bekannt zu machen.
Im Mittelpunkt dieses filmischen Essays steht eine einzelne Fotografie. "Eine Frau ist in Auschwitz angekommen; der Fotoapparat erfaßt sie in der Bewegung. Die Frau versteht es, mit der Stellung des Gesichts diesen Fotoblick aufzufangen und mit den Augen um ein weniges am Blickwerfer vorbeizuschauen. Auf einem Boulevard sähe sie so an einem Herrn, der ihr einen Blick gibt, knapp vorbei auf ein Schaufenster. Mit diesem Vorbeisehen sucht sie sich in eine Welt mit Boulevards, Herren und Schaufenstern zu versetzen, fort von hier. Das Lager, von der SS geführt, soll sie zugrunde richten, und der Fotograf, der ihr Schönsein festhält, ist von der gleichen SS. Wie das zusammenspielt, bewahren und zerstören. Tatsächlich fotografierten die Nazis in Auschwitz. Zwei SS-Männer hatten die Aufgabe, das Lager zu dokumentieren. Sie hielten den Augenblick fest, da diese Frau ins Lager eingeliefert wird. Wie mit solchen Bildern umgehen? Die SS hat dieses Bild gemacht, der Fotoapparat gehörte zur Lagerausrüstung. Wie dieses Bild zeigen und dabei in Anführungsstriche setzen?" (Harun Farocki).
Der Regisseur zeichnet die Zusammenhänge zwischen zivilen Erfindungen und ihrer militärischen Nutzung nach: das Messbildverfahren oder die Methode des „Metalldrückens“, mit der Vasen und Scheinwerfer nachgebaut werden konnten, oder die „Wärmebilder“ der Infrarotkamera. Die Beispiele bestätigen Farockis These von den Zusammenhängen zwischen Technik, Industrie und Rüstung. Eine Verbindung, die, so der Filmemacher, auch erhebliche kulturelle Konsequenzen hat: Kriegsproduktion, sagt er, sei Massenproduktion und bedeute daher den Tod kleiner Handwerksbetriebe.
In einer Zeit, in der das Konzept von objektiver Wahrheit weltweit in Frage gestellt wird und Bilder durch Social Media und KI gleichzeitig wirkmächtiger und trügerischer sind als je zuvor, ist diese ruhige, tiefgründige Reflektion so relevant wie eh und je.
Deutschland 1988 | Regie: Harun Farocki | 75 Min. | Dokumentarfilm | Deutsch mit englischen Untertiteln.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung von: Filmportal.de / Deutsches Filminstitut.
In diesem entscheidenden Moment laden wir das Publikum ein, einen Blick zurück auf unsere jüngere Geschichte zu werfen und darüber nachzudenken, wie Erinnerung durch Bilder und Erzählungen geformt und umgestaltet wird, wie die jüngste Vergangenheit unsere Zukunft beeinflusst und wie Erinnerungskultur in populistischen Strömungen instrumentalisiert werden kann.
Wir beginnen diese Erkundung mit der Vorführung von Harun Farockis Dokumentarfilm „Bilder der Welt und Inschrift des Krieges“ (1988). In diesem Filmessay konzentriert sich Farocki auf die Fotografie und den Gebrauch von Bildern sowie auf die Frage, wie die Auswirkungen des Krieges in der Realität erscheinen. Im April 1944 hatten amerikanische Piloten Luftaufnahmen von den Buna-Werken gemacht, ohne zu ahnen, dass sie dabei auch das Konzentrationslager Auschwitz fotografiert hatten. Erst 1977 wurden die Fotos richtig ausgewertet.
Farocki nutzt dieses Material um unsere Wahrnehmungssicherheit zu hinterfragen:
"Aufklärung, das ist ein Wort in der Geistesgeschichte", sagt Farocki. Er berichtet von der Entstehung des Meßbild-Verfahrens 1858: eine Methode, an Hand von Photographien die Maße von Gebäuden festzustellen. Das preußische Kriegsministerium zeigte sich interessiert - die neue Technik setzte sich bald durch. "Besser sehen", heißt es, "ist die Gegenseite zur Todesgefahr". Man sieht Bilder aus einem Fotoband von 1960, Porträts algerischer Frauen, die für die Erstellung von Identitätskarten erstmals in ihrem Leben fotografiert wurden - ohne Schleier.
"Aufklärung, das ist ein Wort in der Militärsprache", heißt es weiter. Im April 1944 hatten US-Piloten Luftaufnahmen der Buna-Werke gemacht, ohne zu ahnen, daß sie dabei auch Fotografien des Konzentrationslagers Auschwitz aufgenommen hatten. Erst 1977 wurden die Bilder erneut ausgewertet. Im Zweiten Weltkrieg begann man, in Bombenflugzeugen Kameras zu installieren, zur Kontrolle der Wirksamkeit von Angriffen. Aber man mußte die Darstellungen aus der Vogelperspektive erst "lesen" lernen und Techniken für eine automatische Auswertung entwickeln. Denn es entstanden, so Farocki, "mehr Bilder von der Welt, als die Augen der Soldaten auswerten können."
"Aufklärung, das ist ein Wort aus der Polizeisprache." Gespeicherte Bilder werden als Daten erfaßt. Farocki verweist auf Versuche in den beiden Weltkriegen, die Aufklärung des Feindes zu täuschen. Er berichtet von zwei Häftlingen, denen die Flucht aus Auschwitz gelang; vergeblich versuchten sie, die Wahrheit über das Konzentrationslagers öffentlich bekannt zu machen.
Im Mittelpunkt dieses filmischen Essays steht eine einzelne Fotografie. "Eine Frau ist in Auschwitz angekommen; der Fotoapparat erfaßt sie in der Bewegung. Die Frau versteht es, mit der Stellung des Gesichts diesen Fotoblick aufzufangen und mit den Augen um ein weniges am Blickwerfer vorbeizuschauen. Auf einem Boulevard sähe sie so an einem Herrn, der ihr einen Blick gibt, knapp vorbei auf ein Schaufenster. Mit diesem Vorbeisehen sucht sie sich in eine Welt mit Boulevards, Herren und Schaufenstern zu versetzen, fort von hier. Das Lager, von der SS geführt, soll sie zugrunde richten, und der Fotograf, der ihr Schönsein festhält, ist von der gleichen SS. Wie das zusammenspielt, bewahren und zerstören. Tatsächlich fotografierten die Nazis in Auschwitz. Zwei SS-Männer hatten die Aufgabe, das Lager zu dokumentieren. Sie hielten den Augenblick fest, da diese Frau ins Lager eingeliefert wird. Wie mit solchen Bildern umgehen? Die SS hat dieses Bild gemacht, der Fotoapparat gehörte zur Lagerausrüstung. Wie dieses Bild zeigen und dabei in Anführungsstriche setzen?" (Harun Farocki).
Der Regisseur zeichnet die Zusammenhänge zwischen zivilen Erfindungen und ihrer militärischen Nutzung nach: das Messbildverfahren oder die Methode des „Metalldrückens“, mit der Vasen und Scheinwerfer nachgebaut werden konnten, oder die „Wärmebilder“ der Infrarotkamera. Die Beispiele bestätigen Farockis These von den Zusammenhängen zwischen Technik, Industrie und Rüstung. Eine Verbindung, die, so der Filmemacher, auch erhebliche kulturelle Konsequenzen hat: Kriegsproduktion, sagt er, sei Massenproduktion und bedeute daher den Tod kleiner Handwerksbetriebe.
In einer Zeit, in der das Konzept von objektiver Wahrheit weltweit in Frage gestellt wird und Bilder durch Social Media und KI gleichzeitig wirkmächtiger und trügerischer sind als je zuvor, ist diese ruhige, tiefgründige Reflektion so relevant wie eh und je.
Deutschland 1988 | Regie: Harun Farocki | 75 Min. | Dokumentarfilm | Deutsch mit englischen Untertiteln.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung von: Filmportal.de / Deutsches Filminstitut.
Ort
Goethe-Institut Glasgow
3 Park Circus
Glasgow G3 6AX
Vereinigtes Königreich
3 Park Circus
Glasgow G3 6AX
Vereinigtes Königreich