Logo Goethe-Institut

Vereinigtes Königreich

|

19:00–19:00 Uhr

Goethe-Kino: Lotte in Weimar von Egon Günther

Online-Filmvorführung|Goethe-Kino (Online - Nur in Großbritannien verfügbar) | 150 Jahre Thomas Mann

Filmstill in Farbe, das eine Frau in historischer Kleidung im Profil zeigt ©DEFA-Stiftung Wolfgang Ebert, Ingo Raatzke

Filmstill in Farbe, das eine Frau in historischer Kleidung im Profil zeigt ©DEFA-Stiftung Wolfgang Ebert, Ingo Raatzke

Anlässlich des 150. Geburtstages von Thomas Mann präsentieren wir zwei Verfilmungen seiner Romane. Gerhard Lamprechts Stummfilm Buddenbrooks (1923) wird in einer neu restaurierten digitalen Fassung in unserem Kino zu sehen sein, während Egon Günthers Lotte in Weimar (1975) - der erste DEFA-Film, der in Cannes im Wettbewerb stand - bis Juni 2025 auf Goethe on Demand verfügbar ist.

Egon Günthers oft komische und aufwändig inszenierte Adaption von Thomas Manns Roman aus dem Jahr 1939 wurde 1975 anlässlich des 100. Geburtstags von Thomas Mann in Auftrag gegeben und war die erste DEFA-Produktion, die bei den Filmfestspielen in Cannes im Wettbewerb lief. 

An einem Spätsommertag im Jahr 1816 trifft Charlotte Kestner (geb. Buff), die Witwe eines Geheimrats, in Weimar ein – begleitet von ihrer Tochter und einer Zofe. Offiziell besucht sie ihre jüngere Schwester, doch Charlotte – inzwischen Anfang sechzig – könnte auch von dem Wunsch geleitet sein, Johann Wolfgang von Goethe noch einmal zu sehen. In ihrer Jugend verband sie eine romantische Beziehung mit ihm, und später verewigte er sie als Lotte in Die Leiden des jungen Werthers. Das Trio quartiert sich im Gasthof Zum Elephanten ein, wo es nicht lange dauert, bis Mager, der belesene Oberkellner des Hauses, Charlotte erkennt und dafür sorgt, dass sich die Nachricht von ihrer Anwesenheit rasch verbreitet. Bald versammelt sich eine neugierige Menge, und Mager beginnt, eine Reihe prominenter Besucher in Charlottes Zimmer zu führen: Dr. Riemer, zugleich Bewunderer und Kritiker Goethes; Adele Schopenhauer, deren Freundin von Goethes Sohn August umworben wird; August selbst; und weitere Gäste. Schließlich begegnet Charlotte auch Goethe – doch es ist nicht die Begegnung, die sie sich erhofft hatte.

Egon Günthers Verfilmung von 1975 basiert auf dem Roman von Thomas Mann, der während dessen Exil entstand und 1939 erstmals in Schweden veröffentlicht wurde. Produziert wurde der Film von der DEFA, der staatlichen Filmgesellschaft der DDR. Der Film war ein Prestigeprojekt, das sowohl anlässlich des 100. Geburtstags von Thomas Mann als auch zum 1000-jährigen Jubiläum der Stadt Weimar in Auftrag gegeben wurde. Er erhielt eine großzügige Finanzierung und breite mediale Aufmerksamkeit. Die DDR-Premiere fand am 6. Juni, dem Geburtstag Manns, im Kino International in Berlin statt – nach der internationalen Premiere bei den Filmfestspielen von Cannes, wo der Film als erster DEFA-Beitrag im Wettbewerb um die Goldene Palme lief.

Die Hauptrolle der Charlotte übernahm Lilli Palmer, eine Schauspielerin aus dem Westen mit einer erfolgreichen Karriere in Großbritanninen, den USA und der Bundesrepublik Deutschland. Palmer hatte sich persönlich bei Günther um die Rolle beworben, und der Regisseur musste ihre britische Staatsbürgerschaft betonen, um die offizielle Genehmigung für ihre Besetzung zu erhalten. Die übrige Besetzung bestand aus namhaften ostdeutschen Schauspielerinnen und Schauspielern, darunter Martin Hellberg – auch als Theater- und Filmregisseur sowie Intendant des Dresdner Staatstheaters bekannt – als gealterter Goethe, sowie Jutta Hoffmann, dem westdeutschen Publikum bekannt aus Heiner Carows Kassenerfolg Die Legende von Paul und Paula (1976), in der Rolle der Adele Schopenhauer. Der Film kam im November 1975 auch in der Bundesrepublik ins Kino.

Lotte in Weimar war einer von mehreren sogenannten Erbefilmen, die die DEFA in den 1970er-Jahren produzierte. Dazu gehörten Wahlverwandtschaften (DDR 1974) von Siegfried Kühn und Günthers eigene Verfilmung von Die Leiden des jungen Werthers (DDR 1976), beide Goethe-Adaptionen, sowie Künstlerbiografien wie Beethoven – Tage aus einem Leben (DDR 1978) von Horst Seemann und Addio piccola mia (DDR 1979) von Lothar Warneke über Georg Büchner. Diese Filme entsprachen der offiziellen kulturpolitischen Strategie, vorsozialistische deutsche Kunst und Literatur zur Formung einer nationalen Identität der DDR zu nutzen. Gleichzeitig boten sie den Filmschaffenden eine subtile Möglichkeit, Kritik am Staat zu üben – dessen Toleranz gegenüber abweichenden Stimmen je nach politischem Klima zwischen erzwungenen Umarbeitungen und vollständigen Verboten schwankte.

Günther, der solche Einschränkungen oft selbst erlebt hatte, entwickelte eine Strategie, zwischen historischen Adaptionen und zeitgenössischen Stoffen zu wechseln. Als er Lotte in Weimar drehte, ermutigte die Kulturpolitik der DDR gerade eine kritischere Auseinandersetzung mit dem klassischen Erbe. Der Film zeichnet ein wenig schmeichelhaftes Bild des gealterten Goethe – ein deutlicher Kontrast zur literarischen Vorlage. Für Thomas Mann bot der Roman die Gelegenheit, sich intensiv mit Goethe auseinanderzusetzen, den er bewunderte und durch den er auch über seine eigene Identität als Künstler und sein Verhältnis zu Deutschland reflektierte. Obwohl der Roman Charlotte in den Mittelpunkt stellt, widmete Mann ein ganzes Kapitel – „Das Kapitel Sieben“ – der Innenwelt Goethes. Günther verzichtet auf diese innere Perspektive. Stattdessen nutzt er eine ausgedehnte Bankettszene, um Goethe zu zeigen, wie er vor einem Kreis von Gästen doziert, die ihm sklavisch an den Lippen hängen und schließlich in ein groteskes Gelächter ausbrechen.

Wie die Filmhistorikerin Daniela Berghahn feststellt, interessierte sich Günther mehr für den Kult um Goethe als für den Menschen selbst. Sie argumentiert, dass der Film durch die Betonung von Goethes Schwächen „indirekt die heuchlerische Beziehung zwischen den erklärten Zielen der Förderung eines sozialistischen Bewusstseins und deren tatsächlichen Ergebnissen kommentiert: Während vorgegeben wird, die Entwicklung eines gebildeten und vielseitigen Menschen zu fördern, wird in Wirklichkeit eine Nation von Sklaven gezüchtet – von beeinträchtigten Individuen, die nur die Worte ihres obersten Erziehers nachplappern und sich nie trauen, eine eigene Meinung zu äußern.“ (übersetzt für diesen Webeintrag. Daniela Berghahn, „Die Neubewertung Goethes und der klassischen Tradition in den Filmen von Egon Günther und Siegfried Kühn“, 1999)
 

DDR, 1975. Farbe. 119 Minuten. Mit englischen Untertiteln.
Regie Egon Günther. Mit Lilli Palmer, Martin Hellberg, Rolf Ludwig, Hilmar Baumann, Jutta Hoffmann, Katharina Thalbach, Monika Lennartz, Norbert Christian, Hans-Joachim Hegewald, Walter Lendrich


Bitte beachten Sie, dass dieses Online-Screening nur in Großbritannien verfügbar ist.