Interview Muslimische Vielfalt entdecken

Muslimische Vielfalt live erleben
© Humboldt University

Der Direktor des Goethe-Instituts Indonesien, Dr. Heinrich Blömeke, und Dozent Muhammad Heychael im Gespräch über Hintergründe und Eindrücke unserer Besucherreisen 2017 und 2018.

Herr Blömeke, können Sie uns kurz erklären,  aus welchen Gründen das Goethe-Institut Jakarta das Projekt initiiert hat?

Aus sehr unterschiedlichen Gründen erleben Indonesien wie Deutschland in den letzten Jahren eine Intensivierung der Diskussion über die Rolle von „Religion“ im öffentlichen wie politischen Leben:  Deutschland, das historisch durch christliche Glaubensgemeinschaften geprägt war, sich aber als säkulares Gemeinwesen versteht, hat sich infolge der Zuwanderung v.a. von Muslimen zu einer multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft entwickelt. Inzwischen sind etwa 5 bis 6 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen Muslime, unter denen mit 75 Prozent die sunnitische Richtung dominiert.

Die mit diesem religiösen und kulturellen Wandel in Deutschland verbundenen Fragen und Reibungsflächen sind auch für den Informationsauftrag des Goethe-Instituts relevant, sie bieten außerdem natürlich auch Stoff für einen Dialog zwischen Deutschen und Indonesiern, an dem sich auch Akteure beteiligen, die bisher nicht mit dem deutschen Kulturinstitut zusammengearbeitet haben.

Für jüngere muslimische Intellektuelle aus Indonesien ist das Leben von Muslimen in einem sowohl säkularen wie multireligiösen Umfeld in mehrfacher Hinsicht interessant: Wie werden religiöse Überzeugungen in einer säkularen Gesellschaft gelebt, wie gestaltet sich das Verhältnis der muslimischen Minderheit zu den anderen Religionsgemeinschaften, wie gehen die unterschiedlichen muslimischen Gruppen – beispielsweise Sunniten, Aleviten, Schiiten, Alawiten oder Ahmadiyya - miteinander um?

Und nach welchen Kriterien wurden die vierzehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studienreise ausgewählt?

Für die Auswahl waren besonders jüngere muslimische Intellektuelle interessant, die in religiösen oder öffentlichen Bildungseinrichtungen oder Medien auch eine Funktion als Multiplikatoren haben, die Teilnehmenden sind also Dozenten, Journalisten, Aktivisten, sowie allgemein Angehörige der Generation der Millennials. Wichtig war uns, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Interesse an einem solchen Informations- und Begegnungsprogramm mitbringen und auch in einer Position tätig sind, in der sie ihre Eindrücke und Erfahrungen weiter vermitteln können.

Herr Heychael, Sie waren einer der Teilnehmer an der 2017 durchgeführten Besucherreise: Aus welchem Grund haben Sie sich für das Programm “Life of Muslims in Germany“ beworben?

Ich bin ein sunnitischer Muslim und damit gehöre ich hier in Indonesien zu der religiösen Mehrheit. Ich wollte deswegen sehen, wie Muslime in Deutschland leben, um so die Perspektive einer religiösen Minderheit kennenzulernen. Das war meine Hauptmotivation: Dass ich verstehen kann, wie Menschen sich hier in Indonesien fühlen, die Christen oder Mitglied einer anderen Religion sind.

Was war der größte Unterschied, den Sie auf Ihrer Reise zwischen muslimischen Gemeinschaften in Deutschland und Indonesien festgestellt haben?
 
Für mich war es die Vielfalt der muslimischen Gemeinschaften in Deutschland. Wir sind auch vielfältig hier in Indonesien, aber wir haben nicht diese Art von Vielfalt wie in Deutschland. Dort gibt es z.B. die alevitischen Muslime - die waren etwas völlig Neues für mich. Alle diese unterschiedlichen Gemeinschaften leben dort Seite an Seite und es gibt keinen Konflikt - das hat mich wirklich erstaunt.

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt während der Studienreise in Deutschland?

Für mich war das Interessanteste, wie die Deutschen ihre eigene Geschichte wertschätzen. Wie sie ihre Geschichte im Alltag erhalten. Das hat mich wirklich beeindruckt, weil wir hier in Indonesien so viele Probleme mit historischen Ereignissen haben, wie etwa die Massaker in 1965, aber nicht zu unserer Vergangenheit stehen. Diese Erfahrung in Deutschland hat mir eine neue Perspektive dafür gegeben, wie wir tatsächlich mit unserer eigenen Geschichte leben können. 

Herr Blömeke, mit Blick auf die Besucherreise 2018:  Was waren die Höhepunkte in diesem Jahr?

Die Teilnehmenden haben in Besuchen, Begegnungen und Gesprächen das Verhältnis von Glaubenspraxis und Alltagsleben von Muslimen ebenso kennengelernt wie die Rolle, die der „Islam“ in deutschen Kultur- und Bildungseinrichtungen einnimmt. Außerdem haben sie in Gesprächen mit Vertretern von muslimischen Organisationen oder Verbänden oder mit Politikern auch die Sensibilitäten von „Glaubensfragen“ in säkularen Gesellschaften kennengelernt. Dies bezieht sich auf die Reibungsflächen oder Konfliktfelder zwischen den Anhängern unterschiedlicher Glaubensrichtungen wie auch zwischen den Glaubenseinrichtungen und öffentlichen Einrichtungen.