Im Interview mit der Medienkünstlerin
Kat Austen
Könnten Sie sich und Ihr künstlerisches Schaffen kurz vorstellen?
Ich bin Kat Austen. Ich realisiere Medienkunstwerke und Performances mit einem Schwerpunkt auf Sound. Klang ist der Ausgangspunkt all meiner Arbeiten, die transdisziplinär und forschungsbasiert sind und Wissen aus unterschiedlichen Bereichen jenseits der Kunst einbeziehen, um spezifische Fragestellungen und Kontexte zu untersuchen.
Meine Projekte befassen sich mit ökologischen und sozialen Gerechtigkeitsfragen, insbesondere mit der Rolle von Technologie in unserer Beziehung zur natürlichen Umwelt. Viele meiner Arbeiten sind ortsbezogen: Ich beginne mit einem globalen Thema, identifiziere einen Ort, an dem es konkret erfahrbar wird, und führe vor Ort eine körperliche, auf Zuhören basierende Recherche durch. Daraus entstehen Arbeiten, die lokale Realitäten mit globalen Fragestellungen verknüpfen.
In meiner Praxis lässt sich eine klare Entwicklung erkennen. Die Klimakrise war für mich immer zentral, und mit der öffentlichen Diskussion haben sich auch die Fragestellungen weiterentwickelt. Anfangs interessierte mich vor allem die kognitive Dissonanz – also der Widerspruch zwischen dem Ausmaß der Katastrophe, mit der wir konfrontiert sind, und der Tatsache, dass unser Alltag weitgehend unverändert weiterläuft.
Von dort aus weitete sich meine Arbeit auf extraktive und post-extraktive Landschaften, Mikroplastik und die Auswirkungen technologischer Infrastrukturen aus. Oft entstehen aus einem Thema weitere verbundene Fragen, sodass Projekte organisch an Tiefe gewinnen.
Ich arbeite häufig parallel an mehreren Projekten, und der Prozess ist auch intuitiv – oft scheint sich das, woran ich denke, genau im richtigen Moment zu ergeben. Gleichzeitig ist meine Arbeit stark forschungsgetrieben. Meine Methode ist ein fortlaufender Dialog zwischen Ausgangsfrage und Material oder Ort, der sich im Prozess verändert.
Ein gutes Beispiel ist meine Arktis-Residency im Jahr 2017. Ursprünglich hatte ich vorgeschlagen, eine haptische Arbeit zu entwickeln, die auf Umweltdaten reagiert. Doch durch die Klangaufnahmen und die direkte Erfahrung der Landschaft wurde deutlich, dass die Arbeit stattdessen eine Symphonie werden musste. Das fertige Werk, das auch Video- und skulpturale Elemente integrierte, unterschied sich vollständig von meinem ursprünglichen Plan und wurde direkt vom Rechercheprozess geprägt.
Es gibt aber auch Arbeiten, bei denen die Form von Beginn an feststeht. This Land Is Not Mine über die Lausitz wurde als großformatige Mehrkanalinstallation konzipiert und als 20-kanalige Videoarbeit umgesetzt. In beiden Fällen greifen Intuition und Forschung ineinander und lassen die passende Form entstehen.
Ihre Arbeit bewegt sich zwischen KI, Wissenschaft, Klang, Performance und visueller Kunst. Viele Ihrer Projekte untersuchen die Beziehung zwischen unseren Körpern, dem Planeten und den uns umgebenden Technologien. Können Sie einige Schlüsselprojekte nennen, die Ihren Weg geprägt haben und zeigen, wie Sie diese Disziplinen verbinden?
Ein zentrales Projekt meiner Praxis ist THIRST / For Knowledge. Es untersucht KI-Rechenzentren als Wasserkörper. Durch räumlich inszenierten Klang, Film und eine Publikation, die Stimmen von Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und lokalen Bewohner*innen zusammenbringt, widmet sich die Arbeit den oft verborgenen wasserbasierten Infrastrukturen von KI – und den Auswirkungen steigenden Wasserverbrauchs auf Landschaften, Ökosysteme und Gemeinschaften.
Solaseado ist selbst eine mehrfach transformierte Landschaft – einst gebirgig, teilweise dem Meer abgewonnen und später unter anderem durch den Bau eines Solarparks verändert. Während das Datenzentrum als nachhaltig kommuniziert wird, berichten Bewohner*innen und Daten von zunehmender Trockenheit. Das Projekt untersucht daher das Zusammenspiel von Klimawandel und Infrastrukturausbau und stellt Fragen nach Umweltgerechtigkeit und den langfristigen Folgen von KI-Infrastrukturen.
Für die Jugend-Winterspiele 2024 in Gangwon-do realisierte ich eine Outdoor-Installation mit rosafarbenen PLA-Pilzskulpturen und einer ortsspezifischen Klanglandschaft, die sich durch Wind und Wetter stetig verändert. Umweltveränderung wird so selbst Teil des Werks. Die Klangaufnahmen entstanden unter anderem in einem stillgelegten Minenschacht in Taebaek – das Aufzeichnen dieses kollabierenden Ortes der Kohlenstoffförderung war zentral für die Komposition.
Mein kollaborativer Ansatz folgt einem ähnlichen Prinzip, passt sich jedoch stets den lokalen Gegebenheiten an. In Korea ist der Prozess herausfordernder, da ich die Sprache nicht spreche und mit Dolmetscher*innen sowie lokalen Partne*rinnen arbeite. Gleichzeitig habe ich ländliche Gemeinschaften hier als sehr offen und großzügig erlebt – auch gegenüber ungewohnten Methoden und Fragestellungen.
Für THIRST / For Knowledge habe ich mit Dongjoo Seo an Interviews und Übersetzungen gearbeitet. Wir führten längere, ethnografisch geprägte Gespräche über persönliche Beziehungen zu Wasser sowie Perspektiven auf lokale Bau- und Entwicklungsprozesse. Diese langsame, aufmerksame Form des Austauschs ist zentral für meine Praxis.
Darüber hinaus umfasst meine partizipative Forschung Co-Creation und kollektive Recherche. Für Not Breaking. This Wave Drowns Hate habe ich gemeinsam mit Küstengemeinschaften eine ethisch reflektierte Datengrundlage zu Nachhaltigkeitsvisionen entwickelt und daraus ein kleines KI-Modell für künstlerische Formate, Masterclasses und Performances trainiert.
Ich bin außerdem Teil von re#sister, einem Netzwerk von Sound- und nicht-binären Künstler*innen. Zusammenarbeit bedeutet für mich, Vertrauen aufzubauen, Raum für unterschiedliche Wissensformen zu schaffen und Arbeiten aus dem Dialog heraus zu entwickeln.
Können Sie uns erzählen, was Sie ursprünglich nach Korea gebracht hat, wie das Leben und Arbeiten hier Ihre künstlerische Praxis beeinflusst hat – und wie sich diese Erfahrung im Vergleich zu Berlin und Europa anfühlt?
Ich habe weiterhin mein Studio in Berlin, wo ich acht Jahre gelebt habe, bevor ich nach Korea gezogen bin. Da sich meine Arbeit stark mit Umweltbeziehungen beschäftigt, war es mir wichtig, meine Komfortzone und die vertrauten europäischen Förderstrukturen zu verlassen. Ich wollte in einem kulturell anders geprägten Kontext arbeiten und gleichzeitig künstlerisch aktiv bleiben.
An Korea hat mich vor allem die lebendige Medienkunstszene angezogen. Durch internationale Sound-Kollaborationen kannte ich bereits Künstler*innen und kuratorische Ansätze aus Seoul, sodass mir die Stadt als eine passende Balance aus Herausforderung und Möglichkeit erschien.
Überrascht hat mich vor allem das Tempo: Die Erwartung von Unmittelbarkeit und schnellen Entscheidungen war anfangs ungewohnt, hat aber mein Gespür für Reaktionsfähigkeit und Präsenz nachhaltig geschärft. Vieles wirkt hier beweglicher und direkter, die Energie offener und dynamischer als in Berlin oder anderen Teilen Europas.
Auch die Zusammenarbeit mit lokalen Communities habe ich als sehr offen und neugierig erlebt – wobei dies, wie immer, stark vom jeweiligen Kontext abhängt.
Ich habe hier starke Netzwerke aufgebaut und viel gelernt – insbesondere in der Weiterentwicklung meiner Ästhetik und im Erlernen neuer Techniken. In einer Gesellschaft zu leben, die von anderen Alltagsvorstellungen geprägt ist, war genau die Erfahrung, die ich gesucht habe.
Gleichzeitig fällt es mir schwer, dauerhaft hier zu bleiben. Angesichts der aktuellen globalen politischen Lage möchte ich an einem Ort leben, an dem ich mehr Handlungsmöglichkeiten habe. Als Ausländerin in Korea sind die Möglichkeiten, sich am politischen Diskurs oder an aktivistischem Engagement zu beteiligen, eingeschränkt – das ist eine herausfordernde Position.
Im Moment fühlt sich die Rückkehr daher richtig an.
Die aktuelle weltpolitische Lage ist für viele schwer zu verarbeiten. Sie haben früher mal über das Gefühl von „ökologischer Trauer“ gesprochen. Wie kann man mit solchen Emotionen leben oder auf sie reagieren?
Ich halte es für entscheidend, die Realität der Situation anzuerkennen. Akzeptanz bedeutet dabei nicht Resignation – sie kann vielmehr Ausgangspunkt für Handeln sein, auch im Kleinen.
Eine zentrale Herausforderung ist, dass viel Verantwortung auf Einzelpersonen lastet, während tatsächliche Macht oft woanders liegt. Umso wichtiger sind politische Handlungsspielräume und systemische Veränderungen. Individuelle Entscheidungen sind relevant, reichen jedoch nicht aus – nachhaltige Veränderung muss auf gemeinschaftlicher, institutioneller und globaler Ebene stattfinden.
Gleichzeitig können wir es uns nicht leisten, große infrastrukturelle Entwicklungen – etwa den Ausbau von Rechenzentren – passiv hinzunehmen, ohne ihre Kosten, ihren Nutzen und die Verteilung von Belastungen kritisch zu hinterfragen. Diese Fragen aus Unbehagen zu vermeiden, führt nicht weiter. Der einzige Weg besteht darin, sich der Angst direkt zu stellen.
Es ist sehr deutlich spürbar, wie stark Ihre Zeit in Korea Ihre Arbeit geprägt hat. Wie hat das Leben in Yongsan-gu, insbesondere in der Nähe von Namsan, Ihre künstlerische Praxis beeinflusst?
Sehr stark. Ich habe mich bewusst für diese Gegend entschieden, und ein enges soziales Umfeld in fußläufiger Nähe ist in einer Stadt von unschätzbarem Wert. Auch die Nähe zu Galerien und Museen fließt selbstverständlich in meine Arbeit ein.
Mit der fortschreitenden Neuentwicklung verschwanden zunehmend Orte, Menschen wurden verdrängt, und Warnbänder sowie Absperrungen prägten das Stadtbild. Ich begann, in Bogwang-dong und entlang des Han-Flusses Feldaufnahmen zu machen – auch, um mich in der Stadt zu verorten. Zuhören ist für mich eine Form der Orientierung, besonders in Momenten der Überforderung. Über die Zeit entstand ein Archiv wöchentlicher Aufnahmen, das die Transformation des Viertels nachzeichnet – bis der Zugang schließlich nicht mehr möglich war. Gespräche mit koreanischen Freund*innen haben mir zudem verdeutlicht, was diese Veränderungen für lokale Gemeinschaften, kulturelle Räume und Lebensweisen bedeuten, die leise verschwinden.
Außerdem habe ich in Korea einen Listening-Workshop entwickelt, der aus meinen ersten Erfahrungen rund um den Namsan hervorgegangen ist. Kurz nach meiner Ankunft habe ich viel Zeit mit Zuhören und Feldaufnahmen verbracht, insbesondere mit den Zikaden, die im Sommer das Klangbild der Stadt prägen.
Eines Tages hörte ich beim Überqueren der Straße erstmals das akustische Signal einer Fußgängerampel und bemerkte, wie sich dessen Bewegung rhythmisch mit den Zikaden überlagerte. Diese unerwartete Begegnung zwischen menschengemachtem und mehr-als-menschlichem Klang wurde zum Ausgangspunkt meiner ersten in Korea entstandenen Arbeit, Seoul Rhythms, die später im V&A Museum in London gezeigt wurde.
Seoul Rhythms | © Yoojin Choi Kwak
Es gibt einige Künstler*innen, deren Arbeiten ich sehr bewundere. Einer von ihnen ist Yunchul Kim, dessen Skulpturen außergewöhnlich sind. Er vertrat Korea 2022 auf der Biennale von Venedig und schafft komplexe kinetische Arbeiten, die auf Sensoren und Umweltreize reagieren.
Während der Entwicklung von How to Touch a Dragonfly habe ich sein Studio besucht, und ich denke, diese Erfahrung hat subtil beeinflusst, wie ich später an die Kuppelinstallation des Projekts herangegangen bin. Besonders seine Sensibilität für Material, Bewegung und technologische Präzision hat mich nachhaltig geprägt.
Ich freue mich sehr, dass ich für meine letzten fünf Monate in Korea ein ARKO-Residency-Stipendium erhalten habe, um eine neue Installation auf Basis des Bogwang-dong-Archivs zu entwickeln.
Während der Residency werde ich erneut mit Hanji arbeiten und untersuchen, wie sich Klang verhält, wenn er durch unterschiedlich geformte Papieroberflächen geführt wird. Auf dessen besondere akustische Qualität bin ich erstmals während der Arbeit an How to Touch a Dragonfly aufmerksam geworden – einer nachhaltig konzipierten Kuppelinstallation mit hinterleuchteten Hanji-Modulen, die eine immersiv wirkende, bewusst niedrig aufgelöste 360-Grad-Projektionsfläche für Videoaufnahmen von koreanischen Libellenhabitaten schafft und diese mit räumlichem Klang verbindet. Für die neue Arbeit experimentiere ich mit Faltungen, Gussformen und strukturellen Variationen von Hanji, um eine modulare, skulpturale Umgebung zu entwickeln, die subtil verändert, wie Menschen im Raum hören und wahrnehmen. Im Juli wird es ein Open Studio geben, zu dem ich herzlich einlade, um den Entstehungsprozess mitzuerleben.
Darüber hinaus arbeite ich mit dem Soundcamp-Netzwerk an Reveil, einer jährlichen Rundfunksendung zum Sonnenaufgang, bei der live Umweltklänge übertragen werden. Am ersten Maiwochenende habe ich entlang des Han-Flusses eine ortsspezifische Performance im Rahmen des Dawn Chorus Day realisiert, die den Vogelgesang bei Sonnenaufgang in den Mittelpunkt stellte.
Parallel setze ich meine Recherchen am Standort des im Bau befindlichen Nationalen KI-Datenzentrums fort, um eine Reihe von Kurzfilmen zu entwickeln. Darin untersuche ich KI als wirkmächtige Entität innerhalb technologischer Infrastrukturen, die Wasser verbrauchen und Wärme erzeugen. Die Filmreihe THIRST stellt diese technologischen Körper – ausgehend von der Feldforschung in Korea – in poetischer Weise menschlichen und planetaren Körpern gegenüber.
Projekt-Planung: Sohee Shin
Interview: Leslie Klatte
Künstlerin: Kat Austen
Bilder: Leslie Klatte, Yoonjung Daw
SNS-Shorts: Yoonjung Daw
Koreanische Übersetzung: Sohee Shin
Deutsche Übersetzung: Leslie Klatte