Das Goethe-Institut Libanon gibt Einzelheiten zum Nothilfefonds bekannt
Nothilfefonds des Goethe-Instituts Libanon

Die Initiative richtet sich an Partnereinrichtungen und Menschen, die von der Explosion vom 4. August betroffen sind. Übergeordnetes Ziel ist es, Kultureinrichtungen und Einzelpersonen mit einer Reihe von Maßnahmen zu unterstützen, damit sie ihre Arbeit fortsetzen können.

Die verheerende Explosion, die am 4. August 2020 das Zentrum Beiruts heimsuchte, bedroht zusammen mit der Wirtschaftskrise und der Covid-19-Pandemie die Zukunft des Libanon als kultureller Knotenpunkt der Region. In einem Kontext, in dem für Kulturarbeit kaum öffentliche Infrastrukturen vorhanden sind, haben Institutionen und Museen im Land dafür gekämpft, Räume für die freie Meinungsäußerung und die Verbreitung von Kultur und Wissen zu schaffen. Nun stehen sie vor existentiellen Herausforderungen.   
 
Ähnlich großen Herausforderungen sieht sich auch die künstlerische und kulturelle Arbeit unabhängiger Kulturschaffender und Künstler gegenüber, die von der Unterstützung, der Infrastruktur und dem Netzwerk dieser Einrichtungen abhängt. Neben dem Wegfall der Unterstützung durch diese Institutionen und anderer Einnahmequellen haben viele auch mit erheblichen persönlichen Verlusten zu kämpfen, wie dem Verlust ihrer Arbeitsräume und der Beschädigung ihrer technischen Ausrüstung und Arbeitsmaterialien durch die Explosion.
 
„Verschieben, absagen, sich anpassen und reagieren: Tätigkeitsverben, die seit mehr als einem Jahr unsere täglichen Teamgespräche und unsere Diskussionen mit langjährigen Partnereinrichtungen des Instituts beherrschen. Und dann passiert am 4. August 2020 das Undenkbare. Man hält inne und fragt sich: Wie kann man sich an so etwas anpassen?
 
Die einzige direkte Antwort, die wir in der Programmabteilung des Goethe-Instituts geben können, besteht darin, ein solidarisches Netzwerk innerhalb des libanesischen Kultursektors und in seinem Umfeld aufzubauen“,
 
 … unterstreicht Konrad Siller, Leiter des Goethe-Instituts Libanon, während er die Idee hinter dem Nothilfefonds erklärt. Diese jüngste Initiative des Instituts, das seit 1955 ununterbrochen im Libanon tätig ist, richtet sich an seine langjährigen Partnereinrichtungen und an Einzelpersonen in deren Netzwerken. Da die Räumlichkeiten des Instituts bei der Explosion vom 4. August stark beschädigt wurden, wurde die Initiative vom gesamten Team aus dem Homeoffice heraus gestartet.
 
Der breit angelegte Hilfsfonds, der flexibel auf den Bedarf in Krisenzeiten reagieren kann, wurde vom Kultursektor gut aufgenommen.
 
Christine Tohmé, die Leiterin von Ashkal Alwan, der libanesischen Vereinigung für Bildende Künste, betont, dass „die schweren und sich überlagernden Krisen, mit denen das Land gegenwärtig konfrontiert ist, Jahrzehnte der bürgerschaftlichen Teilnahme zunichtezumachen drohen. Die Initiative des Goethe-Instituts wird es daher zuerst und zuvörderst Institutionen wie Ashkal Alwan ermöglichen, ihre Betreuungsnetzwerke zu festigen und dringend benötigte, adressatenspezifische Ressourcen bereitzustellen, die Künstlern und Kulturschaffenden im Land zugutekommen, die mit Bedingungen der Prekarität und Isolation konfrontiert sind.“
 

Zeina Arida, die Leiterin des Sursock-Museums, betont in diesem Zusammenhang, dass „der Nothilfefonds des Goethe-Instituts nach der Explosion eine nützliche und feinfühlige Hilfe darstellt. Die Bedingungen und Verfahren sind gut auf den Kontext abgestimmt. So ermöglicht uns die Flexibilität der Hilfe, den Fonds für unsere spezifischen Bedürfnisse zu nutzen und Sammlung und Archive des Sursock-Museums zu erhalten und zu schützen. Wir werden spezielle Geräte und Material für die Umquartierung und Konservierung erwerben können, die im Libanon nicht vorhanden sind. Die einfache Antragstellung und die Hilfsbereitschaft des Teams des Goethe-Instituts vermeiden weitere Belastungen in diesen angespannten Zeiten und berücksichtigen flexibel die Situation vor Ort.
Das Goethe-Institut Libanon hat sich einmal mehr als verständnisvoller und wertvoller Akteur im libanesischen Kultursektor erwiesen. Wir sind dankbar, dass wir in dieser Notlage auf seine Solidarität zählen können.“

 
Im Rahmen von zwei Förderprogrammen wurde ein Gesamtbudget von mehr als 75 000 € zur Verfügung gestellt.
 
Das erste, „Goethe-Institut für Partner“, betrifft die direkte Unterstützung von Institutionen. Näheres zu den einzelnen Einrichtungen und der jeweiligen Unterstützung finden Sie weiter unten. 
 
Für das zweite, „Goethe-Institut und Partner“, wurde hingegen in Zusammenarbeit mit den Partnereinrichtungen eine Liste unabhängiger Kulturschaffender und Künstler erstellt, die von der Explosion materiell betroffen waren, und ermittelt, wie sie ihren Bedürfnissen entsprechend am besten unterstützt werden könnten.
 
Die unterstützten Institutionen und Projekte im Einzelnen
 
• Die Aufräum-Kampagne des Sursock-Museums (https://sursock.museum)
 
Nach der Explosion trat angesichts einer stark beschädigten Archivsammlung die Notwendigkeit einer ordentlichen Archivierung und Konservierung der Sammlung des Museums deutlich zutage.
 
Das Museum beschloss, die verfügbaren Mittel für den Erwerb des notwendigen Archiv- und Konservierungsmaterials aus Deutschland zu verwenden, um Fotografien, Gemälde und Postkarten aus der Fouad-Debbas-Kollektion ordentlich aufbewahren und konservieren zu können. Dabei soll maßgeblich auf wechselnde Praktikanten zurückgegriffen werden.
 
• Technische Ausrüstung für die Büros von Irtijal (http://irtijal.org/irtijal)
 
Das Team von Irtijal ist entschlossen, eine neue Seite in seiner 20-jährigen Geschichte aufzuschlagen und die lokale Musikszene mehr denn je zu unterstützen.
 
Irtijal plant eine Reihe von Online- und Live-Veranstaltungen sowie Workshops und Auftragsarbeiten für libanesische Komponisten, um den kreativen Prozess in Gang zu halten und Musikern und Technikern dringend benötigte Arbeitsmöglichkeiten zu geben. Um dieses Ziel zu erreichen, wird Irtijal mit den verfügbaren Mitteln die nötige technische Ausstattung beschaffen.
 
• Kleine Stipendien für die Beirut Art Residency (BAR) für Kunst-Studierende (https://www.beirutartresidency.com)
 
Die BAR hat es sich zur Priorität gemacht, Kunst-Studierende mehrerer libanesischer Universitäten finanziell zu unterstützen, da diese Personen, wenn überhaupt nur Zugang zu begrenzten Ressourcen haben.
 
Die Kontinuität ihrer kreativen Arbeit während ihrer gesamten Ausbildung sicherzustellen, ist für das Team der BAR von dringender Priorität. Die Mittel werden in mehrere kleinen Stipendien aufgeteilt, die es den Studierenden ermöglichen, die mit der Produktion und Veröffentlichung ihrer Arbeiten verbundenen Kosten für Material und Logistik zu decken.
 
• Dance Space des Tanztheaters Maqamat Beit el Raqs  (https://www.maqamat.org)
 
Als Organisator der Beirut International Platform of Dance (Bipod) möchte Maqamat den bisher auf dem Gebiet des Tanzes und des Tanztheaters erzielten künstlerischen Fortschritt und die damit einhergehende kulturelle Entwicklung unterstützen und sichern und dabei gleichzeitig Einzelpersonen aus ihrem Netzwerk fördern. 
 
In der Hoffnung, der jüngeren Generation die Möglichkeit zu geben, den Tanz und sein kreatives Potenzial zu entdecken, wird Maqamat die bereitgestellten Mittel für die Entwicklung von Free Dance Space verwenden, einem Programm, das der Öffentlichkeit an verschiedenen Orten überall im Libanon kostenlosen Tanzunterricht anbieten soll. 
 
• Online-Verzeichnis des Beirut Art Center (http://www.beirutartcenter.org)
 
Inmitten lokaler und regionaler Unruhen, die durch die weltweite Gesundheitskrise noch verschärft werden, stellt sich das Beirut Art Center (BAC) den neuen Realitäten in der Form von Initiativen, die über seine Ausstellungsräume hinausreichen.
 
So werden die bereitgestellten Mittel für den Start eines Online-Verzeichnisses verwendet, das ein Netzwerk von Kulturarbeitern, qualifizierten Technikern, Akademikern und verschiedenen an BAC-Projekten beteiligten Mitarbeitern und Ansprechpartnern knüpft.
 
• Hammana Künstlerhaus (HAH): Wiederherstellen von Verbindungen (https://www.hah-lb.org)
 
Das HAH beschloss als direkte Reaktion auf die Explosion, Möglichkeiten für konkrete Arbeit und Aktionen zu schaffen und in einem Umfeld, das sich schon lange vor dem verheerenden Geschehen in einem Zustand der Krise befunden hatte, Arbeitsräume zur Verfügung zu stellen.
 
Die bereitgestellten Mittel werden daher dafür eingesetzt, die Räume des HAH für eine Reihe projektbezogener kurzer Künstlerresidenzen für ortsansässige Künstler zu öffnen. Künstler*innen werden dazu eingeladen, jeweils eine Woche am HAH zu verbringen, wo ihnen Räumlichkeiten für ihre Arbeit und Unterstützung zur Verfügung stehen.
 
• ASSABIL: Technische Ausstattung und Bücher für die Bibliotheken (http://www.assabil.com)
 
ASSABIL, dessen finanzielle Mittel bereits in einer bisher nicht dagewesenen Weise gekürzt wurden, hat durch die Explosion enorme materielle Verluste erlitten, wobei die drei von ihm verwalteten öffentlichen Bibliotheken der Stadtgemeinde Beirut stark beschädigt wurden.
 
Um den toten Punkt zu überwinden, hat ASSABIL beschlossen, die bewilligten Mittel zwischen der Anschaffung der benötigten Bücher örtlicher Autoren und Übersetzer und dem Kauf von ortsfesten und technischen Geräten aufzuteilen, um seine Öffentlichkeitsarbeit wiederaufnehmen und seine drei Räume als voll funktionsfähige Bibliotheken wieder eröffnen zu können.
 
• Arabisches Zentrum für Architektur (ACA): Archivierungsarbeit des architektonischen Erbes der Moderne (http://www.arab-architecture.org)
 
Das ACA musste nach der Explosion an zwei Fronten reagieren. Nicht nur mussten die Schäden an seinen Büros behoben werden, es galt auch, eine rasche Bestandsaufnahme mit dem Ziel durchzuführen, das Erbe der architektonischen Moderne der Stadt bestmöglich zu bewahren.
 
Das ACA wird daher die bereitgestellten Mittel für die Fortsetzung der Dokumentations- und Archivierungsarbeit und – zu einem späteren Zeitpunkt – für ein Outreach-Programm verwenden, das den aktuellen Zustand beschädigter, doch zuvor schon vernachlässigter Gebäude näher beleuchten und spezifische Reparaturverfahren vorschlagen soll.
 
• Ashkal Alwan: technische Ausstattung für seine Räume (https://www.ashkalalwan.org)
 
Als Reaktion auf die eigene Notsituation und den dringenden Bedarf der von der Explosion betroffenen Künstler, Kollektive und Kulturschaffenden arbeitet das Team von Ashkal Alwan derzeit an der dringlichen Wiederinstandsetzung seiner Räumlichkeiten. 
 
• Seenaryos Theater-Mikroprojekte (http://www.seenaryo.org)
 
Angesichts der multiplen Krisen im Libanon hat Seenaryo im September 2020 eine Reihe von fünf Theater-Mikroprojekten begonnen. Im Rahmen dieser Notfall-Maßnahme arbeitet Seenaryo mit jungen Menschen aus verschiedenen Gebieten in Beirut zusammen. Die Projekte bieten den beteiligten Kindern schöpferische Freiräume und Möglichkeiten für Spiel und Erfindungsreichtum. Der theaterpädagogische Ansatz unterstützt die Verarbeitung von erlebtem Trauma, das gemeinsame Zusammenkommen und Lernen.

Das Feedback aus den fünf Pilotprojekten hat die positiven Auswirkungen der Projekte unterstrichen, welche für viele Teilnehmer*innen ein dringend benötigtes Rettungsanker darstellen. Das Projekt von Seenaryo im Rahmen des Nothilfefonds umfasst daher die Organisation von fünf weiteren Mikroprojekten.
 
 
Der Hilfsfonds trägt zur Deckung der Kosten für die Reparatur und den Austausch der beschädigten Ausrüstung bei. Damit sollen geeignete Arbeitsräume für Kollektive und unabhängige Kulturschaffende bereitgestellt werden, die solche nach der Explosion verloren haben oder wegen der Finanzkrise nicht halten konnten.