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Filmarchiv

Bildausschnitt: beleuchteter, festlicher, vertäfelter Filmvorführraum

Andres Veiel
Die Spielwütigen

  • Produktionsjahr 2004
  • Farbe / LängeFarbe / 108 Min.
  • IN-Nummer IN 1734

Der Film beobachtet vier Schauspielschüler während ihrer Ausbildung an der renommierten Schauspielschule Ernst Busch in Berlin. Sie sind sehr unterschiedlich in ihrer Vita, ihrer Mentalität, ihrem Sozialverhalten, aber gleich in ihrer Theaterbegeisterung. Sie schliessen erfolgreich das Studium ab und wir begleiten sie noch bei ihren ersten Berufserfahrungen.

Vier Schauspielschüler: Constanze, in einem schönen alten Haus lebend, erzählt ihren Eltern von ihrer Leidenschaft; Karina spielt ein bisschen vor ihren Eltern im heimatlichen Friseursalon; Stephanie, gross und blond, ist ebenso engagiert in ihrer Theaterleidenschaft, ungeachtet der Skepsis der Mutter; Prodromos spielt seinen ebenso zweifelnden Eltern eine dramatische Szene mit Pistole vor. Auch für ihn ist Theaterspielen Alles.

Alle vier bewerben sich bei der hoch angesehenen Schauspielschule Ernst Busch in Berlin. Nur Stephanie besteht nicht die Aufnahmeprüfung. Wir verfolgen die harte Ausbildung in Berlin, aber auch das weitere Suchen und Vorspielen von Stephanie. Schliesslich bewirbt sie sich erneut und diesmal wird sie aufgenommen. Alle gehen in ihrem Studium auf. Nur Prodromos will seinen eigenen Weg gehen, akzeptiert nur mit grossem inneren Widerstand Kritik der Professoren und ein Studienjahr wird von ihm nicht erfolgreich beendet. Aber schliesslich gehen alle in die Abschlussprüfung, alle bestehen und stellen sich nun den aus dem gesamten deutschsprachigen Raum nach Berlin gereisten Theaterdirektoren vor. Alle finden eine erste Stelle, nur Prodromos schlägt sie aus und geht nach New York. Aber er kehrt wieder zurück und wartet hier auf die Rolle seines Lebens.

Der bekannte Dokumentarfilmer Veiel, der 1995 mit "Die Überlebenden" über drei ehemalige Klassenkameraden, die sich das Leben genommen haben, und 2ooo mit "Black Box BRD" über den Mord an dem Vorstandsprecher der Deutschen Bank, Herrnhausen und dem Tod eines Terroristen bei seiner Festnahme Aufsehen erregt hat, legt hier eine Langzeitstudie vor, in der er 7 Jahre lang vier Schauspielschüler beobachtet hat. Er hatte das Glück, unter den Eleven der Schule vier Studenten auszuwählen, die zum Schluss erfolgreich waren. Zwei darunter, ein junger Mann und Stephanie, waren die problematischsten, aber damit auch die interessantesten. Dabei war es naturgemäss schwierig, die vier über Jahre hinweg zu verfolgen. Denn während des Studiums gab es natürlich auch Leerlauf oder die Dozenten der Schauspielschule blockten, wie er in einem Interview festgestellt hat, mehr oder weniger subtil ab. Natürlich filmte er nicht bloss ab, sondern inszenierte auch. Da gilt für die Eingangsszenen bei den Eltern, aber bei Prodromos, der sich gerne in die Kamera äussert, inszenierte er den Besuch im Pfandhaus.Doch das eigentliche Interesse des Regisseurs und damit auch unser Interesse am Film liegt bei dem sorgfältigen dokumentarischen Blick auf diese realen Schauspielschüler und ihr Voranschreiten bei der Ausbildung, mit Höhen und mit Tiefen. So hat denn auch der Regisseur in einem Interview betont, er finde grosse Entwicklungssprünge einfach spannend. Hier schaue er sich Leute an, die diesen mythenhaft aufgeladenen Beruf des Schauspielers wählen und er beobachte, wie sie sich abnützten, wie sie gegen Strukturen anrennen, was von ihren Träumen übrig bleibe und vor allen Dingen, was mache die Institution Schule aus ihnen. So ist es denn für uns Zuschauer am aufregendsten, wie die Schüler mit ihren Selbstzweifeln fertig werden. Da trennt sich auch ein wenig die Spreu vom Weizen.

Constanze, ebenso theaterbegeistert wie alle anderen, kommt aus einem schon eher zustimmenden Elternhaus, reibt sich nicht am Widerstand gegen die Schule und wird offenbar problemlos mit der Schule und ihrem Drill fertig. Sie äussert sich am Ende des ersten Studienjahrs schon ziemlich zufrieden und gegen Ende des Studiums, nachdem wir sie in einer tragenden Rolle der Atossa in den "Persern" von Aischylos gesehen haben, sagt sie ganz klar: Ich sehe das Zielende vor mir. Von Selbstzweifeln ist da nicht die Rede. Wen wundert es, dass sie nach Ende des Studiums als Schauspielerin in Düsseldorf arbeitet, ausserdem Dozentin geworden ist und ihre erste Theaterregie vorbereitet. Ist das der Königsweg?

Dieser gradlinige Weg steht in völligem Kontrast zu dem Auf und Ab von Prodromos. Er hat sich als Antriebsfigur zuhause bei den Eltern, aber auch beim Vorsprechen in der Aufnahmeprüfung den Taxi Driver von Scorcese aus dessen gleichnamigen Film gewählt, also einen Mann, der mit dem Kopf durch die Wand geht. So kultiviert er auch seinen eigenen Weg und Kritik durch die Professoren erträgt er nur mühsam. Wir wissen nicht, ob sein Nichtbestehen am Ende des ersten Studienjahres auf ungenügende Leistungen zurückzuführen ist oder auf seine Widerborstigkeit. Es ist aber ersichtlich, dass Veiel ihn interessanter, weil widersprüchlicher als andere findet. Und da ist schliesslich sein merkwürdiger Ausflug nach New York nach dem Abschluss der Schule. Dort gedenkt er voller Selbstvertrauen die amerikanische Theaterlandschaft zu erobern und merkt kaum, wie sehr zwei amerikanische Theateragentinnen sich über ihn amüsieren. Natürlich kehrt er erfolglos nach Deutschland zurück und wartet hier nun auf die Rolle seines Lebens. Man wüsste gerne, in wie weit der Ausflug nach Amerika inszeniert ist.

Stephanie schliesslich, die schon vor der Bewerbung in Berlin an anderen Schulen vorgesprochen hatte und auch in Berlin beim ersten Mal scheitert, ist eine so einzigartige Mischung aus mädchenhafter Weichheit und Unbedingtheit des Willens zum Theater, ungeachtet aller Selbstzweifel und auch eines Unfalls, der sie um Monate zurückwirft, dass wir zum Schluss nicht mehr erstaunt sind, wenn wir erfahren, dass sie nach der Abschlussprüfung jetzt in Kassel schon mehrere Hauptrollen gespielt hat, aber weiss, dass sie später im Leben nach Israel gehen wird. Denn dort hat sie einen jungen Israeli geheiratet, den sie in Berlin kennen und lieben gelernt hat. Denn er glaubt ganz fest an sie.

Diese Langzeitbeobachtung vier sehr unterschiedlicher Charaktere hat sich gelohnt. Das ist keine feinsinnige Seelenzerfaserung geworden, auch keine langweilige Sozialstudie der Erwartungen und Enttäuschungen des Schauspielberufes. Veiel hat viel Zeit und Mühe darauf verwendet, die richtigen, teilweise auch komplizierten Studenten herauszufiltrieren, sie teilweise gegen den Widerstand der Umgebung durchzusetzen und zu begleiten. Natürlich hat sich auch die Einstellung der vier Studenten gegenüber Veiel während des Drehs geändert. Aber der Regisseur (und seine Studenten) haben durchgehalten. Man hat nicht den Eindruck, dass der Regisseur die Wirklichkeit geschönt oder künstlich dramatisiert hat. Die jungen Leute sind ihren Widersprüchen glaubhaft. So ist dieser Film so lebendig wie ein Spielfilm und hat verdientermassen den Publikumspreis der Berlinale 2004 erhalten.

Ulrich von Thüna

Produktionsland
Deutschland (DE)
Produktionszeitraum
1997-2004
Produktionsjahr
2004
In Zusammenarbeit mit
Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF) (Mainz)
Farbe
Farbe
Bildformat
1:1,85

Länge
Langfilm (ab 61 Min.)
Gattung
Dokumentarfilm
Thema
Arbeit, Ausbildung, Tanz / Theater

Rechteumfang
Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
Lizenzdauer bis
30.06.2026
Permanente Sperrgebiete
Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH), Liechtenstein (LI), Südtirol (Alto Adige)

Verfügbare Medien
DCP, 35mm, DVD
Originalfassung
Deutsch (de)

DCP

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Russisch (ru), Polnisch (pl)

35mm

Untertitel
Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (es), Arabisch (ar)

DVD

Untertitel
Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (es), Portugiesisch (Bras.) (pt), Russisch (ru)