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Berlinale-Blogger 2020
„Saudi Runaway“: Film nicht nur über Saudi-Arabien

Szene aus dem Film „Saudi Runaway“
Szene aus dem Film „Raving Iran“ | Foto (Detail) © Christian Frei Filmproductions

Der Debütfilm „Raving Iran“ (2016) der deutschen Filmemacherin Susanne Regina Meures über zwei junge DJs, deren Leidenschaft für die elektronische Musik durch Freiheitseinschränkungen des Regimes gedämpft wurde, wurde auf mehr als 130 Filmfestivals gezeigt. Ihr neuester Dokumentarfilm „Saudi Runaway“, dessen Europapremiere im Panorama-Programm der Berlinale stattfand, widmet sich dem Thema der Einschränkung von Frauenrechten in Saudi-Arabien. Die Protagonistin Muna, eine 26-jährige junge Frau, kann die Einschränkungen nicht mehr ertragen und entscheidet sich, das eigene Land heimlich zu verlassen. Das Videomaterial hat die Protagonistin mit zwei Smartphones selbst gedreht und zeigt den Alltag der Protagonistin, aber auch den Alltag aller Frauen in einem Land, wo ausschließlich Männer die Entscheidungsgewalt haben.
 

Von Ieva Šukytė

Das gedrehte Filmmaterial hat Muna Ihnen geschickt. Wie haben Sie den Kontakt mit ihr in Saudi-Arabien bekommen?
 
Ich konnte kein Einreisevisum nach Saudi-Arabien bekommen, habe aber einen Aktivisten kontaktiert, der eine geheime Chatgruppe für Frauen betreut und sie bei einer möglichen Flucht unterstützt. Ich habe nach Frauen gesucht, die vorhatten, das Land zu verlassen. Muna war eine der vielen Frauen, die mir geantwortet hat.
 
Wie haben Sie sich konkret für Muna von allen Frauen, die geantwortet haben, entschieden?
 
Ehrlich gesagt, gab es kaum Unterschiede zwischen ihnen. Die Geschichten aller Frauen, die mich kontaktierten, hatten ein ähnliches Szenario: häusliche Gewalt, oft sexuelle Gewalt, Einsperrung zu Hause bis hin zur völligen Abhängigkeit von der Erlaubnis eines Mannes. Munas Geschichte war den Geschichten der anderen Frauen sehr ähnlich, nur dass Muna letztendlich als einzige bereit war, ihre Flucht zu dokumentieren.
 
War der Aktivist, mit dem Sie Kontakt hatten, dieselbe Person, die ihr im Film Ratschläge gegeben hat?
 
Ja, es war dieselbe Person. Sie hatte einen intensiven Kontakt mit ihm und war seinem Rat gefolgt.
 
Wie lief die Montage? Im Film gibt es auch Off-Kommentare.
 
Der Prozess der Montage war einerseits einfach, andererseits kompliziert. Es war einfach, weil die Metaebene der Dramaturgie von Anfang an klar war, wir mussten sie nicht mehr im Schnitt finden. Schwieriger war jedoch die Qualität und Komplexität des Drehmaterials. Die Bilder waren wackelig, der Inhalt fragmentiert. Die meisten Off-Kommentare waren Auszüge aus meinen Chats mit Muna. Während des Drehs haben wir am Tag 5 bis 6 Stunden gechattet und in fünf Wochen entstanden aus diesen Chats 700 Seiten. Aber nicht immer kommen die Off-Kommentare aus dem Off. Häufig erkennt man im Film nicht, wo die Protagonistin gerade ist, sehr häufig flüstert sie z.B. ins Telefon.
 
Zum Schluss kommt Muna nach Minsk und wird in einigen Szenen von einer anderen Person gefilmt. War das eine unbekannte Person oder wurde sie von jemandem dort getroffen?
 
Das war ich. Ich habe sie in Minsk getroffen. Zu Beginn wollte ich eine weitere Ebene in die Geschichte einführen, habe aber letztendlich darauf verzichtet.
 
Im Film sind auch Unterschiede zwischen den Generationen sichtbar. Muna kann in einer solchen Gesellschaft nicht mehr leben, ihre Mutter wünscht sich tief im Inneren auch ein anderes Leben, die Großmutter sagt jedoch ihrer Enkelin, sie solle zu ihrem Mann gehorsam und nett sein.
 
Die Figuren im Film repräsentieren sehr gut die verschiedenen Generationen im Land und ihre Bindung zu Tradition und Werten.
 
Interessant ist, dass der jüngere Sohn ebenfalls vom Vater geschlagen wird. Im Film sagt der Junge, er würde sich später als Erwachsener an seinem Vater rächen.
 
Es ist schwer zu sagen, wie sich künftig die Ereignisse entwickeln. Es gibt viele Veränderungen im Land. Ich hoffe, dass die Veränderungen bereits Realität geworden sind, wenn der Junge erwachsen ist. Das Leben ist für viele Männer und Jungen auch nicht einfach. Sie haben es vielerlei Hinsicht einfacher, weil sie die Herrschaft haben aber auch sie sind Opfer des Systems. Auch sie sind eingesperrt, nur in einem anderen Käfig. Aber das ist ein anderes Thema. Und sicher auch einen Film wert.
 
Das Thema Frauenrechte ist besonders wichtig, weil Frauen in vielen Ländern immer noch nicht gleichberechtigt sind. Wir können jedoch nicht sehen, was im Inneren von Saudi-Arabien tatsächlich passiert. Mit welchen Auswirkungen des Films rechnen Sie?
 
Es ist schwer zu sagen. Ich hoffe, dass der Film gute Resonanz findet. „National Geographic“ hat die Filmrechte für den weltweiten Vertrieb erworben. Das heißt, dass der Film große Unterstützung erfahren wird um an ein breites Publikum zu gelangen. Was den Dokumentarfilm angeht, so hat sich immer die Frage gestellt, wie weit man gehen kann. Der Film wird in Saudi-Arabien nicht ausgestrahlt, aber wir wissen, dass er das Land und die Bevölkerung anderswie erreicht. Aber grundsätzlich geht es im Film nicht nur um Saudi-Arabien. Es geht um eine starke Frau, die entschieden hat, über ihr eigenes Schicksal selbst zu bestimmen.
 

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