Carte Blanche. Kairo in Vilnius In der von Gewalt heimgesuchten ägyptischen Wüste schimmert immer noch Frühlingshoffnung

Kairo, Ägypten
Foto: Ramūnas Danisevičius

Wozu dieser Arabischer Frühling wenn es danach noch schlimmer ist als vorher? Er war einfach unausweichlich und hätte er noch später stattgefunden, dann wäre alles nur noch schlimmer. Eine solche Antwort würde man in dem Land bekommen, in dem dieser „Frühling“ einer der heißesten war: in Ägypten.

Militär, Polizei und Nachrichtendienste gewinnen die restlichen Positionen des politischen und wirtschaftlichen Einflusses, und die Militärjunta, die eines der wichtigsten arabischen Staaten regiert, erscheint schon jetzt unbeweglich. Die Gesellschaft versinkt in einem Morast grausamer wirtschaftlicher und sozialer Probleme. Die Mehrheit der Ägypter misst dem Staat und seinen Behörden keinerlei Bedeutung mehr zu.

Die Schlinge um den Hals der gemeinnützigen Vereine, Medien und informellen Kultur, die nicht unter Kontrolle des Regimes stehen, wird vom Militär immer enger zugezogen. Doch der Druck im Kessel wird weiter steigen. Daher ist es nicht auszuschließen, dass ein erneuter Protestausbruch das Konstrukt der Diktatur mit noch größerer Wucht treffen könnte als vor fünf Jahren Auch wenn die Gesellschaft todmüde ist, ist ihr Lebens- und Protestpotential noch lange nicht zerstört.

Rückkehr der Diktatur nach der Niederlage

Welchen Weg kann ein Staat einschlagen, nachdem eine langjährige Diktatur gestürzt wurde? Es gibt nur einige wenige Möglichkeiten. Die erste und die schönste wären demokratische Reformen und eine stufenweise Bildung einer funktionierenden Demokratie nach westlichem Vorbild. Der zweite Weg wäre ein Bürgerkrieg, der den völligen Zerfall des Staates mit sich bringen würde. Dieses Schicksal traf Syrien, ein Land, das immer mehr in Blut und Krieg versinkt. Der dritte Weg wäre die Bildung einer neuen Diktatur, geführt von ideologischen oder religiösen Radikalen, Nachrichtendiensten oder dem Militär. Dies würde zum Stillstand der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Entwicklung des Landes führen und die bereits bestehenden Probleme weiter verschärfen.

Nach dem blutigen Sturz des Regimes unter Husni Mubarak 2011, schlug Ägypten den dritten Weg ein und tauschte das Regime religiöser Radikaler gegen die Militärjunta ein.

Die gewählte Muslimbruderschaft unter der Führung von Mohammed Mursi hat es nicht geschafft, seine Position zu verfestigen: Kurz darauf wurden sie durch das Militär gestürzt, geführt von Abdel Fattah al-Sisi, das dann seine eigene Ordnung im Land einführte. Dies konnte passieren, weil die Gesellschaft von der Regierung der Radikalen verängstigt, müde und separiert war. Vor allem die unteren Schichten haben sich nach einer starken Hand und einem Führer gesehnt.
Der nach der Revolution verurteilte H. Mubarak, der selbst aus der Armee stammt, die immer eine der wichtigsten Mächte in Ägypten war, wurde freigesprochen.
Das neue Regime stärkt entschlossen und skrupellos seine Positionen: Die Armee und ihre Vertreter werden zu neuen Herren der Wirtschaft und des Vermögens des Landes. Jegliche wahren und vermeintlichen Kritiker und Gegner werden zu tausenden ins Gefängnis gesteckt, ermordet oder verschwinden. Auf dem Feld der politischen Parteien sind nur die zu sehen, die dem Regime völlig loyal ergeben sind.

Unabhängige NGOs, vor allem Menschenrechts- und kulturelle Organisationen, die nur durchausländische Mittel überleben können, werden verfolgt, unterdrückt, durchsucht und geschlossen. Auch während des Aufenthalts von lrytas.lt in Kairo hat die Regierung die Gelder von sogar fünf wichtigen Menschenrechtsorganisationen eingefroren.
Menschenrechtsorganisationen sind natürlich die wichtigste, aber noch lange nicht die einzige Zielscheibe des Regimes. Im Visier sind praktisch alle Organisationen, die nicht der Regierung unterstellt sind oder von ihr geschaffen wurden: Kultur-, Kunst- und Wohltätigkeitsorganisationen.
 
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Lrytas.lt hat mit einigen in Kairo ansässigen Organisationen gesprochen, in denen junge Menschen, die auf Eigeninitiative zusammen gekommen sind und sich um die Verbreitung von informeller Kunst – Malerei, Fotografie, Film – kümmern. Sie alle haben früher oder später Angriffe der Nachrichtendienste und der Polizei erfahren, lediglich unter dem Vorwand, dass ihre Unterlagen, die durch offizielle Regierungsbehörden ausgestellt wurden, nicht in Ordnung seien; sie wurden durchsucht, aus den Räumlichkeiten geschmissen und ihr Vermögen wurde beschlagnahmt.

Doch die Mitglieder und die Leitung dieser Organisationen legen die Hände nicht in den Schoss: Sie versuchen, ihre Aktivitäten wiederzubeleben und sogar ihren Anhängerkreis zu erweitern. Umso mehr, da die Menschen – vor allem die Jugendlichen – daran Interesse zeigen. Jedoch können sie alle nur durch die Unterstützung ausländischer – vor allem westlicher – Institutionen überleben. Aus diesem Grund werden diese Organisationen von der Regierung offiziell als „ausländische Agenten“ bezeichnet. Dieser Begriff und Status wird zum Beispiel auch in Russland, dem Nachbarland Litauens, benutzt.

Unterdrückung der Meinungsfreiheit

Eine der ersten wichtigen Aufgaben, die sich jedes neue oder zurückgekehrte Regime vornimmt, ist die Kontrolle der Medien. So war es auch in Russland, nachdem der jetzige Alleinherrscher Vladimir Putin zum Präsidenten gewählt wurde. Er vernichtete sofort NTV, einen der wichtigsten unabhängigen Fernsehsender.

So leiden auch in Ägypten, die Medien unter der Zensur der Regierung und der Gewaltherrschaft. Die wichtigsten Fernsehsender und Medien sind entweder staatlich oder liegen in den Händen der Oligarchen, die der Regierung loyal sind und sich um ihr Geld fürchten.
Es gibt sogar mehrere staatliche Institutionen, die offen und offiziell Zensur betreiben und nicht nur Medien beaufsichtigen, sondern auch die kulturelle Tätigkeit der NGOs. 

Für jede Kritik am Militär, staatlichen Behörden, Präsident Abdel Fattah al-Sisi, der als nationaler Götze verehrt wird, kann man ins Gefängnis gesteckt werden oder einfach spurlos verschwinden. Entführung ist eine der zurzeit populärsten Repressalien, die vom Regime eingesetzt werden.
„Die Lage der Medien und Meinungsfreiheit kann mit einem Wort bezeichnet werden: katastrophal. Journalisten dürfen nichts schreiben, was auch ein kleines bisschen die Regierung stört, das Parlament verabschiedet wie am Fließband Unmengen an Gesetzen, die immer mehr die Möglichkeiten der Medien einschränken, zumindest ihre elementarsten Funktionen auszuüben – Sammeln von Informationen, Fotografieren, Aufnehmen.“, erzählte Sabri Khaled, ein junger örtlicher Journalist und Fotograf.

„Einer meiner Kollegen und Freunde, der ans Licht gebracht hat, dass es in der Armee. vor circa einem Jahr einen neuen misslungenen Putschversuch gegeben hat, steht vor Gericht. Außerdem fand er heraus, wie die Armee und die Regierung die Wahlergebnisse gefälscht und die Wähler manipuliert haben.

Und das ist noch das Beste, was ihm passieren konnte. Ein anderer Kollege wurde ins Gefängnis gesteckt, weil er über die Grausamkeit und die Brutalität der Polizei gesprochen hat.“  

Sabri Khaled arbeitet mit westlichen Medien zusammen, was seiner Auffassung nach ein kleiner Schutz für ihn ist. Außerdem sagte er, dass nach spurlosem Verschwinden einiger seiner Freunde und Kollegen seine Geduld am Ende sei und er keine Angst mehr habe.
„In den letzten Jahren ist es zum Alltag geworden, dass eine Person verschwindet und etwas später vor irgendeinem Gericht oder im Gefängnis auftaucht. Oder Menschen verschwinden spurlos, manchmal werden sie tot und mit Folterspuren aufgefunden. So ist mein Mitbewohner, seit etwa anderthalb Jahren verschwunden“, so S. Khaled.

Stabilität täuscht?

Wie lange kann denn die Herrschaft der Militärjunta dauern? Vielleicht wird das Regime sich so fest verwurzeln, dass es nicht mehr von der Stelle bewegt werden kann und die Menschen sich lediglich darum kümmern, wie sie selbst überleben können?

„Erstens liegt es auf der Hand, dass eine der wesentlichen Voraussetzungen für das Fortbestehen des Regimes Unterstützung, Geld und Waffen aus dem Ausland sind. Solange das Regime von den USA, Russland und Saudi-Arabien unterstützt wird, kann es mutig handeln und besitzt die Ressourcen, um den Unmut der breiten und ärmsten Massen zu stillen und vielleicht sogar ihre Liebe zu genießen.

Ausländische Unterstützung gewinnt das Regime dadurch, dass es sich das Image verschafft hat, dass Ägypten in einer von Chaos heimgesuchten Region ein stabiles Land sei, das sowohl im Inneren als auch im Äußeren gegen den islamischen Radikalismus und Terrorismus kämpfe. Doch dieses Image täuscht. Es ist eine Scheinstabilität und die radikale rechte Militärregierung herrscht noch grausamer als die islamischen Radikale“, sagte S. Khaled.

Zwar beachten die USA in letzter Zeit immer weniger Ägypten, das seinen früheren Einfluss in der arabischen Welt und der Region aufgibt. Russland dagegen, das hier immer einen bemerkenswerten Einfluss hatte, versucht jetzt, seine Positionen zu stärken.
Das Regime erhofft sich auch Unterstützung seitens wichtigster internationaler finanzieller Organisationen, unter anderem des Internationalen Währungsfonds. Die Regierung versucht auch, ausländische Gelder zu erhalten, indem sie noch übriggebliebene wichtige Infrastrukturobjekte privatisiert. Denn es hängt ausschließlich von ausländischen Mitteln ab, ob die Regierung die ärmeren Bevölkerungsschichten weiterhin subventionieren; Waffen kaufen und Nachrichtendienste und das Militär stärken kann.

Schon jetzt wachsen die Lebenshaltungskosten rapide, es herrscht eine wirtschaftliche Rezession, einhergehend mit zunehmenden sozialen Problemen und einem starken demographischen Wachstum.
Jedoch haben weder S. Khaled noch andere junge Teilnehmer des Arabischen Frühlings, die anonym mit Lrytas.lt gesprochen haben, Zweifel daran, dass die Revolution, die eine neue dramatische und vielleicht sogar katastrophale Phase der Geschichte Ägyptens und der gesamten Region provoziert hat, erforderlich und gar unausweichlich war.

„Es musste einfach kommen und es gab keinen anderen Weg und je später, umso größer wäre der Ausbruch gewesen. Natürlich besteht das alte System und verrottet weiterhin, die Lage ist noch schlimmer und die Gesellschaft ist sehr müde. Jedoch sind ihre Kraft und die Menschen, die aus Patriotismus und ziviler Pflicht ihre aufrichtige Arbeit in Journalismus, Kultur und Nichtregierungsorganisationen leisten, nicht verschwunden. Die Armut und die sozialen Spannungen werden weiter steigen. Bisher ist es dem Regime gelungen, diese abzumildern, sie sogar für sich zu nutzen und somit die Menschen zu manipulieren“, so S. Khaled.

Laut Ägyptern besteht das Problem darin, dass damals sowie auch heute die aktiven und gesunden Akteure der Gesellschaft nicht in der Lage waren, sich in Parteien zusammen zu schließen, um das politische Vakuum zu füllen. Dies schafften allerdings die Radikalen oder Vertreter des alten Regimes.

In dieser erdrückenden Leere befinden sich die Jugendlichen, die den Großteil der ständig wachsenden und bereits über 90 Millionen Menschen zählenden Gesellschaft bilden und die die treibende Kraft des Arabischen Frühlings waren.
Die Zahl junger Menschen nimmt ständig zu, doch die Mehrheit von ihnen bleibt am Rande der Gesellschaft eines Landes, das immer mehr in die Zwickmühle sozialer Differenzen gerät. Junge Menschen haben kaum Chancen, der Armut zu entkommen, denn das staatliche Bildungssystem beispielsweise geht zu Grunde.

Es kommt vor, dass in manchen staatlichen Schulen die Kinder in der sechsten Klasse weder schreiben noch lesen können. Eine der größten sozialen Katastrophen Ägyptens – Drogenabhängigkeit – ist vor allem unter den Jugendlichen verbreitet. Die gängigsten Drogen sind Beruhigungsmittel, unter anderem Tramadol, das auch in Apotheken erhältlich ist.

Verboten ist auch die „Satansmusik“

Eins der Fenster in die Welt, in der die Jugend Ägyptens oder zumindest ein Großteil von ihnen lebt, ist dasselbe wie im Rest der Welt: die Musik.
Die beinahe populärste Musik in Ägypten ist die gleiche wie überall, Pop in lokalem Stil oft mit Retro-Einfluss.

Doch vor über zehn Jahren wuchs hier auch der Markt dieser informellen Musik, die auch die Jugendlichen im Westen erleben; immer populärer wurden unter anderem nicht nur die elektronische Musik verschiedener Richtungen, sondern auch Rock und Heavy Metal.
Doch diese Musik traf noch vor dem Zusammenbruch des H. Mubarak Regimes ein schwerer Schicksalsschlag: Örtliche Medien, höchstwahrscheinlich unterstützt durch die Regierungsstrukturen, starteten eine breite Propagandakampagne gegen Heavy Metal und die Bands mit der Begründung, sie wären angeblich gegen den Islam und seine „traditionellen Werte“ gerichtet und seien gar „Satanisten“ und „Satansverehrer“.

Der Großteil der Bands wurde im Rahmen einer Großrazzia der Justiz einfach aufgelöst, viele Mitglieder der Bands ins Gefängnis gesteckt. Immer noch fällt der Satanismus-Schatten auf diese Musik und die Bands, die sie spielen. Die Regierung nutzt weiterhin dieses Argument, wenn es für sie nützlich ist.
Laut örtlichen Metal-Liebhabern gibt es in ganz Ägypten, besser gesagt in den Großstädten Kairo und Alexandria, nur einige Bands, die Heavy Metal spielen – von Black- über Thrash- bis Death-Metal. Eine der Hauptfiguren dieser Szene ist Interpret und Produzent Nader Sadek. Seine Band macht moderne Musik, die Elemente von Black, Death und Doom aufweist.

Der Interpret, der die US-amerikanische und ägyptische Staatsangehörigkeiten besitzt, lebt zumeist in New York, wo er seine Kunstgalerie unterhält. Er produziert auch experimentelle elektronische Musik. Seiner Band schließen sich für Konzerte oder Tourneen Vertreter solcher Metal-Weltstars wie Sepultura, Morbid Angel, Deicide, Mayhem, Vader und Behemoth an.

N. Sadek gibt manchmal auch Konzerte in Kairo, zu denen Hunderte von Zuhörern zusammenkommen. Doch sein letztes Konzert endete in diesem Jahr traurig – er wurde von der Polizei überrascht und verbrachte über einen Monat ohne Gerichtsurteil und offizielle Anschuldigungen im Gefängnis, zusammen mit kriminellen Straftätern.
„Die offizielle Begründung lautete, wir hätten nicht alle Formalitäten erfüllt und keine vollständigen Dokumente gehabt, doch das stimmte nicht. Eigentlich war es dasselbe wie immer – wieder Lärm um Satanismus und – auch wenn es paradox und ironisch klingt – Klagen und Intrigen anderer Bands, die versuchen, mit uns zu konkurrieren“, sagte N. Sadek dem Internetportal lrytas.lt.

Obwohl N. Sadek bekräftigte, dass die Heavy-Metal-Musikszene nicht nur in Ägypten, sondern auch in der ganzen arabischen Region weiter leben und möglicherweise sogar expandieren werde, machte er kein Geheimnis draus, dass er in letzter Zeit ernste Bedenken um seine Sicherheit habe. Sogar offizielle Vertreter der USA könnten sie ihm angeblich nicht gewährleisten.

Den Worten freien Lauf gegeben. Bisher?

Wohl der spannendste und aussagekräftigste Musikstil, der unter örtlichen Jugendlichen beliebt ist, ist Mahraganat, was auf Arabisch „Festivals“ bedeutet.
Der Stil, der vor ungefähr einem Jahrzehnt in den ärmsten Vierteln und Slums von Kairo entstanden ist und sich wie ein Lauffeuer ausgebreitet hat, ist eine Mischung aus westlichem Rap, Hip-Hop und Elektro, Tanzmusik und traditioneller arabischer Musik.
Dieser stürmische, psychedelische und aggressive Cocktail ist billig, für alle zugänglich und so, dass jeder, der einen Computer hat, ihn produzieren kann.

Mahraganat spielen zurzeit hunderte, vielleicht sogar tausende Bands und die berühmtesten geben Konzerte in Westeuropa, den USA und zum Beispiel sogar in Polen. Ungeachtet dessen, dass diese Musik sehr populär ist, versucht man sie in der „offiziellen“ Massenkultur und in den reichen Bevölkerungsschichten wegen ihres sozialen Ursprungs nicht wahrzunehmen.

„Das ist die wahre Musik des Volkes, vor allem der Jugendlichen, die das erste Mal in der Geschichte des Landes offen und öffentlich und ohne jegliche Zensur darüber sprechen können, wer sie sind und was sie erleben. Und diese Sachen sind sehr einfach – die tägliche graue Existenz, die Straße, Gras, Wut und Aggression gegeneinander und gegen jegliches System, das Streben nach etwas mehr als man hat, Anerkennung, Selbstverwirklichung. Alles erscheint hoffnungslos, es gibt keine Chance, etwas im Leben zu erreichen, doch hier ist der Weg – und du kannst dich ausdrücken und vielleicht sogar alles erreichen. Das gibt diese Musik den Jugendlichen“, erzählte Mahmoud Refaat“, einer der wichtigsten Produzenten dieser Musik, Gründer und Leiter der Firma „100 copies“, der selbst am Arabischen Frühling teilgenommen hat, Lrytas.lt.
Doch kann die gegeneinander gerichtete Aggression, zum offenen politischen Protest gegen das aktuelle Regime werden oder diesen Protest hervorrufen? Vielleicht profitiert sogar das Regime von so einem Kanal, der soziale Spannungen entlädt?

„In der Tat werden wir nicht besonders beachtet oder sie sind sich der Bedeutung und des Ausmaßes sowie der möglichen Gefahr nicht bewusst. Doch sie irren sich: Wenn irgendeine Gefahr für das Regime besteht, dann sind es nicht irgendwelche täglich unterdrückten Menschenrechtsorganisationen oder Künstler, sondern so eine Subkultur der Jugendlichen“, sagte M. Refaat.
Nach seiner Feststellung, dass die Mehrheit der Gesellschaft nicht nur auf den Staat, sondern auch auf die Politik und das öffentliche Leben insgesamt pfeife, hat er nicht ausschließen können, dass „nichts Ernstes“ in diesem Land geschehen könne, denn die Gesellschaft werde immer einen solchen „Pakt“ oder „Vertrag“ mit jedem Regime schließen.

„Ja, jetzt gehen die Menschen und das System getrennte Wege. Aber was soll daran besonders oder gar gefährlich sein? Und warum sollte es zu erneuten Unruhen kommen? Schließlich sind wir Ägypter so: Wir machen Krach, wir kämpfen oft gegen einander, ohne jedoch an einen wirklichen Wendepunkt zu kommen.“ sagte der Ägypter halb ironisch.