Journalistenaustausch „Wir atmen dieselbe Luft, egal wo wir leben“

Eins der Ziele des Journalistenaustauschs war Litauen, wo unter anderem in der Hafenstadt Klaipeda eine Reportage entstand.
Eins der Ziele des Journalistenaustauschs war Litauen, wo unter anderem in der Hafenstadt Klaipeda eine Reportage entstand. | Foto: Asta Esu

Vier Wochen lang wechseln Journalisten mit dem internationalen Austauschprogramm „Nahaufnahme“ das Land, die Redaktion und manchmal sogar das Berichterstattungsmedium. Sie tauchen in eine neue Kultur und einen fremden Redaktionsalltag ein und schreiben darüber – eine „Nahaufnahme“ des Gastlandes entsteht. Im Fokus standen dieses Jahr die Länder des Baltikums und Griechenland.

Monika Petruliene, Fernsehredakteurin bei LRT Televizija in Vilnius tauschte mit Dr. Christina Ruta, freie Mitarbeiterin bei der Deutschen Welle, den Arbeitsplatz. Zum Abschluss des Projekts berichten die Journalistinnen, was sie am Arbeitsplatz der jeweils anderen erlebt haben.

Christina Ruta: Ich war gespannt auf Litauen, auf die Arbeit hier, die Menschen und die Kultur. Ich bin zum ersten Mal in diesem Land gewesen und habe eine wunderbare Zeit verbracht. Vilnius ist eine schöne, alte Stadt mit vielen kleinen Cafés und Gaststätten. Es wird noch gemütlicher und romantischer, wenn es schneit.

Auch ohne Sprachkenntnisse konnte ich leicht kommunizieren. Sehr viele Menschen sprechen hier Englisch, oder aber jemand springt als Dolmetscher ein und ist sich nicht zu schade, seine Zeit dafür zu opfern.

Woran ich mich nicht gewöhnen konnte, war, dass es in manchen Räumlichkeiten unheimlich kalt gewesen ist. Ich kam genau während des großen Temperaturwechsels nach Litauen – Mitte Oktober. Ich habe eigentlich ständig gefroren.

Monika Petruliene: Die ersten zwei Wochen habe ich in Bonn gearbeitet, in der Online-Redaktion der Deutschen Welle. Danach in Berlin. Obwohl es schon Mitte September war, habe ich den Sommer noch erwischt, es war sehr warm. Auf den Straßen haben sich die Menschen an dieser letzten Wärme vor dem Winter erfreut. Ihre Hilfsbereitschaft erstaunte mich immer wieder. Die Passanten haben mich einfach angesprochen und gaben mir einen Rat, wenn sie gesehen haben, dass ich etwas nicht verstanden hatte.

Ich bin recht oft in Deutschland und habe mich über die Möglichkeit gefreut, dieses Land, und seine Menschen noch besser kennenzulernen. Der Klang der deutschen Sprache verzaubert mich. Meine Kollegen scherzen manchmal, dass ich nur dann wirklich ich selbst bin, wenn ich Deutsch spreche.

Schön war die lokale Tradition einer sogenannten „Stammkneipe“. In Deutschland ist es für die Menschen offensichtlich etwas ganz Normales, abends ins Restaurant oder in eine Bar zu gehen und mit den Tischnachbarn zu plaudern. Man muss auch nichts essen, man trinkt einfach mit Zitronenlimo gemischtes Bier – das schmeckte sehr ungewöhnlich. In Litauen fehlen solche Orte und diese Art der Offenheit. Da wir in ärmeren Verhältnissen leben, treffen wir uns öfter zu Hause. Die Nachbarn besuchen ihre Nachbarn.

Christina Ruta: Nachdem ich mich im Land etwas eingelebt hatte, fielen mir die kulturellen Unterschiede zwischen den Menschen in Deutschland und Litauen auf. Viele Menschen in Litauen sind eher zurückhaltend, zumindest beim ersten Zusammentreffen. Manchmal blicken sie dich nicht sofort an oder lächeln nicht gleich. Dafür braucht es womöglich etwas Zeit. Das ist aber nur eine Seite. Besonders am Arbeitsplatz habe ich viel Herzlichkeit erfahren.

Vor allem war ich von der Vorliebe der Litauer für Hausmannskost angetan. Ein Kollege hat einmal hausgemachtes Schweinefleisch und eingelegte Gurken mitgebracht. Das war toll!

Die Journalistinnen Christina Ruta (links) und Monika Petruliene tauschten für vier Wochen ihren Arbeitsplatz. Die Journalistinnen Christina Ruta (links) und Monika Petruliene tauschten für vier Wochen ihren Arbeitsplatz. | Foto: privat Monika Petruliene: Die Redaktion der Deutschen Welle ist sehr kosmopolitisch. Menschen mit Dutzenden verschiedenen Nationalitäten arbeiten unter einem Dach. Es gibt eine arabische und eine spanische Redaktion – wenn man sich verirrt, kann man ganz ungeahnte Winkel entdecken und die unterschiedlichsten Sprachen hören. Ich kam an und musste schnell begreifen, dass die Redaktion sich nicht nur an ein Publikum in Deutschland richtet, sondern an deutschsprachige Menschen auf der ganzen Welt. Meine vorbereiteten Themen waren einfach „zu klein“. Ich musste mein Denken ändern, überlegen, was nicht nur für den Deutschen, sondern auch für den Weltbürger interessant sein kann.

Der Arbeitsalltag in der Online-Redaktion der Deutschen Welle hat mich auch erstaunt. Die Menschen arbeiten in Schichten, wechseln täglich ihre Funktion und haben keinen angestammten Arbeitsplatz, sondern setzen sich einfach an einen freien Computer. Jeder Mitarbeiter hat eine sehr klar abgegrenzte Zuständigkeit und Verantwortung.

Christina Ruta: Mir sind diese Unterschiede auch aufgefallen. Bei LRT arbeiten die Menschen nur auf ihrem Gebiet, alles ist sehr spezialisiert. In Berlin arbeiten wir eher in Schichten und wechseln die Positionen: Heute bin ich Reporterin, morgen Produzentin, übermorgen Redakteurin. Manchmal muss ich sehr früh am Morgen arbeiten, manchmal in der Nacht. Bei LRT arbeiten alle hauptsächlich tagsüber. Ich hatte viel Zeit zum Atmen, fühlte mich freier. Wenn man nicht ständig auf die Uhr schauen muss, lässt sich ein besseres Ergebnis erzielen.

Monika Petruliene: Abgesehen von diesen Unterschieden ist das Fernsehen in Vilnius und Berlin aber ziemlich gleich. Wir atmen dieselbe Luft, egal wo wir leben. Es war sehr schön, die Gemeinschaft zu spüren und dass man sich auch ohne viele Worte verständigen kann.

Übersetzung aus dem Litauischen: Lingoking