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Handel
Schwarzhäupterhaus: Das erfüllte Vermächtnis

Das Schwarzhäupterhaus in Riga.
Bernhard Ludewig © Goethe-Institut

Nach dem Zweiten Weltkrieg dem Erdboden gleichgemacht, ist das Schwarzhäupterhaus heute wieder das Schmuckstück von Riga. Hinter der schönsten Fassade der Stadt trafen sich einst deutsche Kaufmänner.

Von Alexander Welscher

Wer davor steht, ahnt nicht, dass es sich um einen rekonstruierten Nachbau handelt: Imposant und malerisch bestimmt das Schwarzhäupterhaus mit seinem in der Sonne blitzenden Giebelschmuck den Rathausplatz von Riga. Einst Stammhaus einer der traditionsreichsten Bruderschaften im Ostseeraum, zählt das prächtige Gebäude in der historischen Altstadt heute zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten der lettischen Hauptstadt. Zu Sowjetzeiten aber war das Symbol der reichen Kaufmannsvergangenheit der Hansestadt fast ein halbes Jahrhundert lang vollständig aus dem Stadtbild verschwunden.

Erstmals erwähnt wurde es 1334. Im damaligen „Neuen Haus der Großen Gilde” trafen sich Kaufleute und Mitglieder der überwiegend deutschen Bürgerschaft der wichtigen Hansestadt Riga. Mitte des 15. Jahrhunderts vermietete der Rigaer Rat einen Teil des Hauses an die Compagnie der Schwarzen Häupter, die es 1713 vollständig in Besitz nahm. Seitdem trägt das Backsteingebäude, dessen Fassade mit einer astronomischen Uhr, von Löwen bewachten Wappen verschiedener Hansestädte und allegorischen Figuren verziert ist, seinen heutigen Namen.

Bei der Compagnie der Schwarzen Häupter handelte es sich um eine Vereinigung von unverheirateten, ausländischen – zumeist niederdeutschen – Kaufleuten. Die 1413 erstmals urkundlich erwähnte Bruderschaft, deren offizieller Name in der Umgangssprache bald zu Schwarzhäupter verkürzt wurde, diente sozialen und gesellschaftlichen Zwecken. Zu ihren Aufgaben zählte zudem die Verteidigung der baltischen Handels- und Missionsvorposten an der Ostsee.

Benannt sind die Schwarzenhäupter vermutlich nach ihrem Hauptpatron, dem Heiligen Mauritius. Der dunkelhäutige römische Offizier starb der Legende nach um das Jahr 300 den Märtyrertod, weil er sich zum christlichen Glauben bekannt hatte. Bis heute tragen die Brüder das Abzeichen mit dem Haupt des schwarzen Märtyrers mit rot-weißer Kopfbinde am Revers. Als Wappen ziert er auch das Eingangsportal und den Festsaal ihres angestammten Hauses in Riga.

Der prunkvolle Festsaal wird ebenso wie der Lübecker Saal, in dem ein großflächiges historisches Gemälde der deutschen Hansestadt hängt, als Veranstaltungsort und für Staatsempfänge genutzt. Russische Zaren, schwedische Könige, Kaiser Wilhelm II., deutsche Bundespräsidenten sowie Dutzende andere Staats- und Regierungschefs waren darin schon zu Gast. Auch der Komponist Richard Wagner veranstaltete während seines dreijährigen Gastspiels als Kapellmeister des Rigaer Stadttheaters hier einige Konzertabende. Daran erinnert heute eine Gedenktafel im Eingangsbereich.

Mit dem Anschluss Lettlands an die Sowjetunion mussten die Schwarzhäupter Riga 1940 verlassen und siedelten sich zunächst in Hamburg und später in Bremen an. Die Satzung der Bruderschaft („Schragen“) ist erhalten geblieben und ihre Mitglieder folgen noch immer den alten Regeln. Bei ihrem jährlichen Brüdermahl ziert den festlich gedeckten Tisch das prächtige Tafelsilber, das im Bremer Roselius-Haus aufbewahrt wird. Andere Teile des legendären Silberschatzes der Schwarzhäupter lagern in Riga.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden das Schwarzhäupterhaus und die angrenzenden Häuser bei einem deutschen Angriff schwer beschädigt. Die Gebäudereste wurden 1948 von den sowjetischen Machthabern auch aus ideologischen Gründen gesprengt – sie mussten zunächst einem weitläufigen Platz weichen. Bebaut wurde dieser später mit dem dunklen, klotzigen Museum für die Lettischen Roten Schützen und dem davor stehenden Schützendenkmal. Beide waren lettischen Einheiten gewidmet, die im Ersten Weltkrieg auf Seiten der Bolschewiken kämpften.

Zarte Bestrebungen, die verlorenen Teile der Rigaer Altstadt zu rekonstruieren, gab es bereits zu Sowjetzeiten. Die entscheidenden Schritte konnten aber erst nach der wiedererlangten Unabhängigkeit Lettlands 1991 eingeleitet werden. In Vorbereitung auf die 800-Jahr-Feier Rigas wurde 1996 mit dem Bau einer originalgetreuen Replik des Schwarzhäupterhauses begonnen, die 1999 abgeschlossen wurde.

Mit dem teils als rückwärtsgewandt kritisierten Wiederaufbau des „Melngalvju nams“, wie das Gebäude auf Lettisch heißt, ist auch das Vermächtnis der Schwarzhäupter in Erfüllung gegangen. Über dem Eingangsportal des Hauses hatten sie einst den Wunsch verewigt: „Sollt ich einmal fallen nieder, So erbauet mich doch wieder!“

 

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