Kollektive Erinnerungen in Lettland Vergebung und Beteiligung

Vergebung und Beteiligung - Kollektive Erinnerungen in Lettland
Foto (Ausschnitt): © Maret Hosemann, flickr.com, CC BY 2.0

Diskussionen über den Erinnerungsinhalt finden in Lettland größtenteils innerhalb von ethnischen Gemeinschaften statt, denen in der Sprache der Politik oft die Eigenschaften ethnisch monolithischer Erinnerungsgemeinschaften zugeschrieben werden. Die Teilnahme an den performativen Erinnerungspraktiken zweimal im Frühling jedes Jahres – am Gedenktag der Legionäre am 16. März und an der Feier des Siegestages am 9. Mai – zeugt von der Standhaftigkeit der Erinnerungsorte in den Identitäten der Gemeinschaften.

Erinnerung ist nicht nur individuell, sie kann auch zur Entstehungsgrundlage einer Gemeinschaft werden. Erinnerungen können die Welt erklären und Grenzen zwischen Gemeinschaften errichten. Können sie auch Brücken zwischen Kulturen schlagen? Die Überwindung traumatischer Erlebnisse und unverarbeiteter Traumata können zu einer integrativen Gesellschaft führen, weil sie einen gemeinsamen Erinnerungsrahmen für die Teilnahme an einer bürgerlichen Gesellschaft bildet.
 

Viele Fragen ohne Antworten

Erinnerungen erzählen über die Gegenwart. Die Ereignisse der Vergangenheit sind Interpretationen von heute, die Versionen entstehen lassen und ein Individuum mit vielen anderen vereinen können, die es nicht einmal kennt. Doch während sie Gemeinschaften bilden und dem, was mit uns passiert ist, einen Sinn geben, sind Erinnerungen gleichzeitig auch eine Quelle für Spaltung und Erinnerungskluften. Die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts bilden Erinnerungsspannungen, die nicht selten auch das Potenzial zur politischen Radikalisierung haben. Was muss geschehen, damit die dunklen, traurigen und tragischen Seiten der Erinnerungen Brücken zwischen den Kulturen schlagen können? Wie kann man ein Gespräch über den Inhalt von Erinnerungen führen, der häufig in schwarzweiße Gegensätze unterteilt ist und das Verständnis der Welt in „wir“ und „die anderen“ einteilt?

Meines Erachtens ist ein Dialog über Erinnerungen nicht ohne ein anhaltendes Gespräch über deren Verschiedenheit möglich, und in diesem Prozess muss eine Atmosphäre der Gleichwertigkeit aller Erinnerungen, der Gleichberechtigung und Toleranz sichergestellt werden. So kann man eine Etikettierung „falscher“ Erinnerungen vermeiden und den Weg zu einer sozialen, kulturellen und politischen Beteiligung an einer multiethnischen Gesellschaft ebnen. Ein Dialog über Erinnerungen kann auch im Rahmen einer „Vergebungspolitik“ stattfinden, welche in verschiedenen Gesellschaften Europas sichtbar ist, die die Verbrechen totalitärer Regime erfahren haben und sich nun bemühen, sich zu erinnern und integrative Erinnerungen zu bilden.
 
Kollektive Erinnerungsprozesse sind nicht statisch, sondern den heutigen politischen Bedürfnissen unterworfen. Der Erinnerungsinhalt ist nicht starr, er entwickelt sich in einer sich verändernden Umwelt – neue städtische Subkulturen entstehen, Erinnerungsgemeinschaften restrukturieren sich, alte Erinnerungen verschwinden und neue kommen hinzu. So erscheint ein wichtiger und dynamischer Faktor in der Diskussion über Erinnerungspolitik: die Fähigkeit des politischen Umfeldes, einen geschichtlichen Konsens zu fördern. In diesem Fall, so scheint es, befreien sich die Debatten über die integrative Interpretation der Geschichte von der Last der Unveränderlichkeit der Vergangenheit und verwandeln sich in einen dynamischen, den Pluralismus und Konsens fördernden Prozess, an dem sich mehrere Seiten beteiligen können, darunter auch Gemeinschaften mit konkurrierenden Erinnerungen.
 

Monolithische Erinnerungsgemeinschaften?

Im Zusammenhang der veränderlichen Erinnerungspolitik möchte ich einige meiner Ansicht nach aktuelle Herausforderungen für die Entwicklung in Lettland nennen. Der intellektuelle Impuls für diese Überlegungen war Aleida Assmanns jüngste Studie über die Transformationen der deutschen Erinnerungspolitik Anfang des 21. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem Holocaust. Die Autorin sieht in ihrer Studie „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur“ (2013) zwei Faktoren als wesentlichste Herausforderungen für die Destabilisierung der Erinnerungspolitik in der deutschen Gesellschaft: das Verscheiden der Zeitzeugen des Holocaust, d.h. der „Träger“ der Erinnerungspolitik sowie die Entstehung einer multimedialen, digitalen Kultur, die Erinnerungsgemeinschaften hervorbringt, deren Verbindung zu Erinnerungsorten getrennt ist von Konzentrationslagern, Denkmälern, Museen, Landschaftselementen usw.

Meiner Meinung nach treffen die von der Autorin genannten Herausforderungen auch auf die heutige Gesellschaft Lettlands zu. Auch hier gibt es  die Generation, deren ethnische und kulturelle Identität weiterhin die gegenseitige Entfremdung der gesellschaftlichen Erinnerungsgemeinschaften widerspiegelt, die sich ungeachtet der staatlichen Erinnerungspolitik fortsetzt, welche den Erinnerungsinhalt konsolidieren will (vgl. „Grundsätze der nationalen Identität, bürgerlichen Gesellschaft und gesellschaftlichen Integration 2012-2018“).

Diskussionen über den Erinnerungsinhalt finden in Lettland größtenteils innerhalb von ethnischen Gemeinschaften statt, denen in der Sprache der Politik oft die Eigenschaften ethnisch monolithischer Erinnerungsgemeinschaften zugeschrieben werden. Die Teilnahme an den performativen Erinnerungspraktiken zweimal im Frühling jedes Jahres – am Gedenktag der Legionäre am 16. März und an der Feier des Siegestages am 9. Mai – zeugt von der Standhaftigkeit der Erinnerungsorte in den Identitäten der Gemeinschaften. Auf diese Weise erneuert sich die Erinnerungs-„Abgrenzung“ der ethnischen Gemeinschaften regelmäßig; in diesem Prozess schließen sich den Erinnerungsformeln neue Erben an und werden die Erinnerungskluften gefestigt. Wie sollen die Erinnerungen traumatischer Erfahrungen auf die Gemeinschaft der Jugendlichen aus den ethnischen Minderheiten übertragen werden, die sich immer weniger selbst an den Zweiten Weltkrieg erinnert?  Wie bietet man dieser Gemeinschaft ein Narrativ über die Okkupation, wenn in der jugendlichen Identität die ethnische Herkunft immer intensiver mit den Botschaften der heutigen Unterhaltungskultur Russlands von einer prachtvollen Vergangenheit der Imperialkultur verbunden wird?

Derzeit gibt es in der Erinnerungspolitik Lettlands über die Okkupation des Staates und die Verbrechen der Deportation zwei Dimensionen: Der größte Teil der politischen Ressourcen ist auf die Fähigkeit der lettischen Nation gerichtet, einst verbotene und gefälschte Erinnerungen zu archivieren und in Forschungsmaterialien und im mündlichen Raum sicherzustellen. Die zweite Tendenz ist die Ergänzung der institutionalisierten Erinnerungspolitik um eine breite, informelle Teilnahme der Gesellschaft an der Bildung und Interpretation von Erinnerungen.
 

Das Trauma teilen

Hier liegt meines Erachtens die größte Herausforderung für die Erinnerungspolitik Lettlands im 20. Jahrhundert. Es dominiert die traumatische Erfahrung der ethnischen Mehrheit Lettlands, die der gesamten lettischen Gesellschaft angeboten wird, in der es eine Reihe paralleler, auf Selbstisolierung gerichteter Tendenzen und Praktiken gibt, darunter auch Erinnerungspraktiken, die die Verbreitung und Akzeptanz der Integrationsbotschaft in anderen Erinnerungsgemeinschaften von Minderheiten verlangsamen oder blockieren. So entsteht eine Situation, die man als gegenseitige Blockierung der Erinnerungen bezeichnen könnte. Die Beteiligung der lettischen Minderheiten am Erinnerungsprozess der Geschichte Lettlands des 20. Jahrhunderts ist eng mit der aus der traumatischen Erfahrung des lettischen kollektiven Gedächtnisses entstandenen Notwendigkeit verbunden, die Erfahrungsquelle, die Verantwortlichen und die Schuldigen zu finden und identifizieren.

Diese Interpretation der traumatischen Erinnerungen wird oft nicht erklärt und wird nicht zum offenen oder einbeziehenden Trauma, was dazu führt, dass ein Teil der Minderheiten seine Version des Traumas entwickelt und traditionelle Elemente des traumatischen Diskurses verwendet, z.B. die Vorstellung vom Ausschluss von Nicht-Staatsbürgern, von Verrat, Unterwerfung, sozioökonomischer Ausnutzung. Derzeit wird meiner Meinung nach in Lettland eine asymmetrische Politik der traumatischen Erinnerungen der Mehrheit gebildet – die Erfahrung der Mehrheit ist geschlossen, führt zu einem Nichteinbeziehen neuer Minderheitenvertreter in den lettischen Erinnerungsraum und fördert somit eine Abschottung in den eigenen Erinnerungen, ohne die Erinnerungen anderer zu hören. Ich möchte darauf hinweisen, dass derzeit in Lettland meines Wissens kein halbwegs fester, breit in den Medien vertretener Erinnerungsinhalt von Minderheiten existiert, in dem sich eine Minderheitenidentität als integrative Variante innerhalb des lettischen Erinnerungsinhaltes bilden könnte und der das beinhaltet, was Aleida Assmann als Politik der Reue oder Entschuldigungspolitik bezeichnet. Dass eine solche Politik der Reue in Lettland durchaus kein Konsens ist, erlebte ich bei verschiedenen Interviews und Radiogesprächen.

Meine Version der Politik der Reue ist einzig und allein mit meinem persönlichen Wunsch als Staatsbürger verbunden, einen Dialog über die Vergangenheit zu entwickeln. Ohne daraus politisches Kapital zu schlagen – ganz im Gegenteil, vielleicht verliere ich es sogar – möchte ich mich für das entschuldigen, was das totalitäre Regime getan hat, das Russisch sprach und zu Stalins Zeit während seines Terrors gegenüber den eigenen und fremden Staatsbürgern zu seiner Legitimation auch russische kulturelle Inhalte, Vorstellungen und Gedenkstätten benutzte, die auch Teil meiner kulturellen Identität sind. Dies ist meine Entschuldigung dafür, dass tausende lettischer und anderer Unterdrückter, Deportierter und Getöteter, Verstümmelter und Erniedrigter unter denen gelitten haben, die in den Augen vieler Russen bleiben werden und nicht das Sowjetregime, so sehr ich diese beiden Begriffe auch zu trennen versuche.
 

Die Qualität der Demokratie und der Erinnerungsdialog

Meines Wissens wurden in Lettland bislang keine Grundsätze für die kritische Betrachtung des Zweiten Weltkriegs in der Erinnerungspolitik von Minderheiten entwickelt. Unter den Minderheiten Lettlands ist der Große Vaterländische Krieg nicht zum Zweiten Weltkrieg geworden. In den lettischen Erinnerungsinhalten hingegen dominieren die Exklusivität der Opfer und die hierarchischen Tendenzen in den Erinnerungen der Opfer, was die Möglichkeit beeinträchtigt, denen eine traumatische Erfahrung zuzuschreiben, die keine Opfer waren, aber in ihrer Mehrheit auch nicht an Verbrechen teilgenommen haben.

Ich möchte das Trauma eines anderen als Teil meiner Anteilnahme und Einbeziehung erleben. Das Andauern eines ausschließenden Diskurses führt auch nicht zu einem „Erinnerungswendepunkt“ von Minderheiten oder zu kritischen Debatten über die Verbindung zur Militär-, Bildungs- und Kulturpolitik der UdSSR. So ist in Lettland eine selbstkritische Reflexion über das Sowjetregime unter den Minderheiten noch nicht möglich, auch die Geschichtsinterpretationen der russischen Machthaber begünstigen diese nicht. Eine wesentliche Voraussetzung für eine Änderung der Situation ist auch die Formulierung einer offiziellen Botschaft der lettischen Erinnerungspolitik in Richtung integrativer Traumata. Die Voraussetzung für diese Metamorphose sind Änderungen in der politischen Lexik, die Aufwertung der Integrations- und Zugehörigkeitsidee zu einer Priorität auf der politischen Tagesordnung. Auf diese Weise ist die Politik des Erinnerungspluralismus und der Integration eng verbunden mit der Teilhabe an einer demokratischen Kultur, in der Minderheiten, auch „Erinnerungsminderheiten“, ihren Erinnerungsraum finden und verwirklichen können – horizontal, einbeziehend, ohne Hierarchien. So könnte die lettische Gesellschaft den ersten und sehr wichtigen Schritt hin zu einem gemeinsamen Geschichtsverständnis machen, das die Konkurrenzfähigkeit gefälschter und attraktiver Versionen verringern würde. Unter Bedingungen, in denen eine multimediale, digitale Kultur mehrere alternative Realitäten und Prozesse schafft, in denen man außerhalb der nationalstaatlichen Grundsätze leben kann, werden gemeinsame Erinnerungen als Anerkennung der Erinnerungen der gesamten Gruppe zu einer Voraussetzung der Qualität einer Demokratie.