Holocaustgedenken in Lettland Für Verbrechen gibt es keine Rechtfertigung

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in Rumbula, Riga
Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in Rumbula, Riga | © Goethe-Institut Riga / Z. Murovska

In gewissem Sinne hat die Erinnerung an den Holocaust in Lettland zwei Ebenen: die äußere, vorzeigbare und die innere, problematische.

Indem die äußere Ebene uns als normalen europäischen Staat charakterisiert, der den Holocaust verurteilt, seiner Opfer gedenkt sowie eine verantwortliche Politik zur Bildung und Festigung dieses Gedenkens betreibt, charakterisiert sie uns als einen Staat, in dem Kulturprodukte geschaffen wurden und werden, die sich dem Thema des Holocaust widmen. Auch nach den Daten der Antidiffamierungsliga entspricht das Antisemitismusniveau in Lettland eher dem Durchschnitt Westeuropas als dem Osteuropas. Gleichzeitig existiert die innere Ebene, die eine Reihe an Problemen aufzeigt, was die Rolle des Holocaustgedenkens in der kollektiven Erinnerung der lettischen Gesellschaft angeht sowie die Herausforderungen, die sich daraus ergeben.

Holocaust und Politik in Lettland im 20. Jahrhundert

Der nationalsozialistische Holocaust auf dem Gebiet Lettlands nahm während des Zweiten Weltkrieges mehr als 70.000 lettischen Juden das Leben. Zusätzlich wurden in Lettland 20.000 aus Deutschland und den von Deutschland besetzten Gebieten deportierte Juden vernichtet. Bis zur Erneuerung der lettischen Unabhängigkeit wurde der Holocaust auf öffentlicher Ebene weder erforscht noch erwähnt. Die Geschichts- und gegen Israel gerichtete Außenpolitik der Sowjetunion erlaubte es nicht, die Ereignisse des Holocaust getrennt von den Opfern des gesamten „sowjetischen Volkes“ im Zweiten Weltkrieg zu betrachten. Einzelne Versuche von Vertretern der jüdischen Gemeinschaft, Gedenkstätten für die Holocaustopfer zu errichten, wurden nicht von der Sowjetmacht unterstützt – im Gegenteil: Diese Menschen riskierten, des Zionismus beschuldigt und zu politisch nicht vertrauenswürdigen Personen in der UdSSR zu werden. In der Geschichtsschreibung des sowjetischen Lettland wurde der Holocaust meist als ideologisches und Propagandamittel verwendet, um die im Exil lebenden Letten zu bekämpfen, von denen die sowjetischen Sicherheitsdienste einzelne direkt mit der Judenvernichtung in Lettland während der nationalsozialistischen Besetzung in Verbindung bringen wollten.

Als das Sowjetregime sich Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts liberalisierte und zusammenbrach, wurden auch die Fragen des Holocaustgedenkens wieder aktuell, größtenteils auf Initiative der jüdischen Gemeinschaft selbst. Doch die leitende diskursive Praxis wurde auf das Erkennen der bis dahin verschwiegenen lettischen Geschichte und das Leiden unter dem sowjetischen Okkupationsregime gelenkt. Der ethnisch-nationale Ansatz der lettischen Geschichtsinterpretation des 20. Jahrhunderts brachte nur einen Helden und einen Leidenden hervor – das lettische Volk – und marginalisierte so die Verdienste und das Leiden der übrigen ethnischen Gruppen. 1990 wurde der Liste der lettischen Gedenktage der 4. Juli hinzugefügt – der Gedenktag für die Opfer des Völkermordes am jüdischen Volk. Dies war der Tag, als 1941 das Kommando Arājs auf Befehl der Nationalsozialisten vier der fünf Synagogen in Riga niederbrannte, was symbolisch mit dem Beginn des Holocaust in Lettland verbunden wurde. Im selben Jahr wurde an der Stelle der abgebrannten Großen Choralsynagoge ein Denkmal für die Opfer des Völkermords an den Juden gesetzt. Doch bis heute ist mit diesem Gedenktag fast nur die jüdische Gemeinschaft Lettlands verbunden, die Mehrheit der Gesellschaft dagegen bemerkt diesen Tag nicht und erfährt davon im besten Fall aus den Nachrichten der Massenmedien.

Der größte Teil der lettischen Gesellschaft verbindet den Holocaust nicht mit der Tragödie der lettischen Nation. Meines Erachtens sind die Gründe dafür in der sozialen Erinnerung der Nation selbst zu suchen, in der die Besetzung durch die Nationalsozialisten noch immer als „das kleinere Übel“ angesehen wird, während die sowjetische Besetzung mit einer völkermörderischen Gesinnung gegen die Letten verbunden wird. Davon zeugen drei Gedenktage für die Opfer des kommunistischen Völkermordes (die „Gedenktage für die Opfer des kommunistischen Völkermordes“ anlässlich der Deportationen in den Jahren 1941 und 1949 sowie der „Gedenktag für die Opfer des gegen das lettische Volk gerichteten Genozids des kommunistischen Regimes“ am ersten Sonntag im Dezember, an dem der Opfer der sog. „lettischen Operation“ in der Sowjetunion 1937/38 gedacht wird).

Diese Konzentration auf die eigenen Opfer schließt andere Opfer aus dem Blickfeld aus, ebenso erlaubt die Konstruktion des „lettischen Genozids“ indirekt eine Rechtfertigung der Beteiligung von Letten selbst an der Verwirklichung des Holocaust. Obwohl die lettischen Politiker eine gleichwertige Einstellung gegenüber der sowjetischen und der nationalsozialistischen Okkupation sowie deren Opfern betont haben, ist diese nicht immer in politischen Dokumenten zu finden. So betont die 1996 vom Parlament angenommene Erklärung „Über die Okkupation Lettlands“ den sowjetischen Genozid am lettischen Volk, sagt aber über das nationalsozialistische Regime lediglich, dass es „seine Herrschaft eingesetzt“ und „Deportationen und andere Repressionen gegen die Einwohner“ begangen habe. Wie Holocaust-Erinnerungsforscher Didzis Bērziņš bemerkt, zeugen die in dieser Erklärung gewählten Formulierungen nicht von dem Versuch, die Einstellung gegenüber den beiden Besatzungsregime zu vereinheitlichen, sondern von der ganz eindeutigen Verurteilung des einen Verbrechens und dem Verschweigen des anderen. Obwohl Lettlands Politiker viel dafür getan haben, die politische Einstellung gegenüber dem Holocaust im 21. Jahrhundert europäisch zu gestalten, sind ihre Leistungen zu episodisch und beeinflussen die gesellschaftliche Erinnerung nur wenig.

Die Herausforderungen im 21. Jahrhundert


Der Beitritt zur Europäischen Union und zur NATO verlangte von Lettland, seine Vergangenheit zu bewerten, darunter auch die des Holocaust. Bis dahin hatte sich nur der in den USA wohnende lettische Historiker Andrievs Ezergailis mit diesem Themenkomplex befasst. Die schon 1999 gegründete Historikerkommission Lettlands begann, die Vergangenheit der totalitären Regime zu untersuchen und zu bewerten, darunter die des Holocaust. Die mehrjährige Arbeit der Historiker brachte bedeutende Forschungen für das Verständnis der Geschichte des Holocaust in Lettland hervor. Doch bis heute sind diese Forschungsarbeiten in verschiedenen Schriftbänden der Kommission verteilt und ihre Ergebnisse nicht in einer allgemeinen Arbeit über die Geschichte des Holocaust im nationalsozialistisch besetzten Lettland gesammelt, was sowohl das Verständnis des Geschehenen erleichtern und eine Erfassung der Themen zur weiteren Untersuchung der Problematik ermöglichen, als auch das Interesse der Gesellschaft fördern würde.

Eines dieser Themen ist die lettische Beteiligung am Holocaust. Wie der Soziologe Zygmunt Bauman anmerkt, ist die „Verdeutschung“ des Verbrechens (die insgesamt in der lettischen Geschichtsschreibung sehr verbreitet ist) eine Art, alle anderen zu rechtfertigen. Der Gedanke, dass die Verbrecher ein eigenartiges Geschwür oder eine Krankheit der Zivilisation darstellten und kein resultierendes Produkt derselben, führt nicht nur zu einer moralisch komfortablen Selbstrechtfertigung, sondern auch zu einer gefährlichen Moral und politischen Selbstentwaffnung. So kann man sich von dem distanzieren, was in einer anderen Zeit, in einem anderen Land geschah, aber die Schuldigen waren andere, nicht wir. Ein Zugeständnis lettischer Schuld war schon immer problematisch, sowohl auf politischer Ebene als auch in der diskursiven Praxis der Gesellschaft. Daher ist es von besonderer Bedeutung, dass Lettlands Präsident Raimonds Vējonis am 29. November 2015 bei der Erwähnung der Opfer des Massakers in Rumbula betonte: „Wir sind an einem Ort, wo auf unserem Boden verräterisch gemordet wurde. Dies wurde von fremden Mächten erzwungen. Unser Staat war vernichtet. Leider waren auch unter uns Verbrecher, die vom Bösen eingenommen waren. Das ist erbärmlich und zu verurteilen. Die hiesigen Kollaborateure der Besatzungsmächte, darunter auch die des verbrecherischen „Kommando Arājs“ sind unsere Schande und unser Fluch. Für Verbrechen gibt es keine Rechtfertigung, ebenso wenig für deren Unterstützer und Ausführer. Die Narbe des Holocaust ist auch in das lettische Fleisch schmerzhaft hineingeschnitten. Leider waren diejenigen, die sich aktiv widersetzten, wenige, doch es gab sie.“

Das Thema der Menschen, die Juden gerettet haben, ist im kollektiven Erinnerungsraum Lettlands ebenfalls uneindeutig. Bisher sind etwa 600 Namen von Judenrettern bekannt; dem leuchtendsten unter ihnen, Žanis Lipke, wurde in Riga eine Gedenkstätte gewidmet. Ebenso wurde 2007 an der Stelle der Großen Choralsynagoge ein Denkmal für die Retter von Juden errichtet. Doch im Großen und Ganzen bleibt die Anerkennung ihrer Taten und ihre Ehrung aus. Wie der Gründer des Museums „Juden in Lettland“, Historiker und Holocaustüberlebende Marģeris Vestermanis bemerkte, wird ihr Handeln als „unausgesprochener Vorwurf an die ganze restliche Gesellschaft“ aufgefasst, die mehrheitlich die Position der passiven Beobachter einnahm. Doch die Hauptherausforderung, die Lettlands kollektive Erinnerung meistern muss, ist, das Bewusstsein zu schaffen, dass der Holocaust für die gesamte lettische Gesellschaft traumatisch war und dass die vernichteten Juden genauso „unsere“ Opfer sind, wie die Leute, die in der Verbannung oder den Lagern des Gulag umkamen.