Erinnerung in Lettland Unvereinbare Erzählungen aus der Vergangenheit

Das Sankt-Georgs-Band und die lettische Fahne – Symbole zweier konkurrierender Erinnerungspraxen in Lettland.
Das Sankt-Georgs-Band und die lettische Fahne – Symbole zweier konkurrierender Erinnerungspraxen in Lettland. | © Goethe-Institut Riga / L. Urme

Der Zweite Weltkrieg ist derzeit der wichtigste Knotenpunkt der sozialen Erinnerung Lettlands, in dem unvereinbare Erzählungen aus der Vergangenheit eng miteinander verbunden sind. Diese Erzählungen inspirieren die lettischen Erinnerungsgemeinschaften, verunsichern sie aber auch.

In den letzten 15 Jahren haben sich die losen Erinnerungsversuche an den Zweiten Weltkrieg in eine alljährliche Beziehungsprüfung zwischen den verschiedenen lettischen Gesellschaftsgruppen verwandelt. In dieser Zeit ist die Geschichte in die zweite Reihe zurückgetreten und hat den konkurrierenden Erinnerungsritualen die zentrale Rolle im öffentlichen Raum Lettlands überlassen. Auf diese Weise wurde der Zweite Weltkrieg von autobiografischen Erinnerungsdialogen zu politisierten Erinnerungskriegen transformiert.
 
Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist in Europa von mehreren Narrativen durchzogen. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder hat drei Hauptnarrative hervorgehoben. Das erste erzählt, dass die Befreiung aus dem Westen kam – einfach gesagt: Die Amerikaner landeten in der Normandie und beendeten die Schreckensherrschaft in der Welt. Das zweite Narrativ erzählt von einer Befreiung aus dem Osten und betont den heldenhaften Kampf der Sowjetunion gegen den Nationalsozialismus. Das dritte Narrativ schließlich besteht aus der Holocausterfahrung, die sich auf das Leiden der Juden als Opfergruppe konzentriert, welches die Juden zum Symbol für die Opfer des Zweiten Weltkriegs und auf globaler Ebene gemacht hat. Doch in Lettland hat sich keines dieser Narrative und der sie begleitenden Erinnerungsrituale als Struktur etabliert, die das nationale Geschichtsbewusstsein vereint.

Zwei Erinnerungskulturen

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden zwei Erinnerungskulturen, die noch heute die soziale Erinnerung in Bezug auf den Krieg beeinflussen. Die eine war die sowjetische Erinnerungskultur, die natürlich die entscheidende Rolle der Sowjetunion bei der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus betonte. Doch die mit diesem Narrativ verbundenen Erinnerungsrituale, wie wir sie heute kennen, entstanden erst viel später – unter dem sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew (1964-1982). In der späten Sowjetzeit wurde der Krieg zu einer Manifestation des Heldentums und der Macht, in deren Schatten die Kriegsopfer zurückblieben. Genauer gesagt, jegliche Verluste wurden mit der Formel „Das Ziel heiligt die Mittel“ gerechtfertigt. Mitte der 60er Jahre wurde in der UdSSR die Tradition des 9. Mais oder Siegestages eingeführt. Die Feierlichkeiten zum Siegestag wurden, wie die lettische Historikerin Vita Zelče bemerkte, zu einem Teil und zum Maßstab der Sowjetisierung der lettischen Gesellschaft. Gleichzeitig kultivierte das Sowjetregime zielgerichtet das Veteranenbild der Roten Armee. In der Erinnerungslandschaft des sowjetischen Lettlands tauchten viele „Brüderfriedhöfe“ auf, in denen Soldaten beerdigt waren, darunter Letten, die in den Reihen der Roten Armee gekämpft hatten. Doch mehr als 100.000 lettische Bürger, die größtenteils gezwungenermaßen auf der Seite Deutschlands kämpften, darunter in der „Lettischen SS-Freiwilligen-Legion“, waren vollständig von der öffentlichen Erwähnung ausgeschlossen und wurden langfristig stigmatisiert.
 
Eine andere Erinnerungstradition entstand in den Gemeinschaften der Exilletten, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in den westlichen Ländern bildeten. Obwohl diese Tradition im Narrativ der westlichen Länder als Befreier gründete, behielt sie ihre nationale Besonderheit. Das heißt, in der Kriegserinnerung wurden die riesigen Opfer unter der lettischen Zivilbevölkerung, die Tragödie der Lettischen Legion und die doppelte Okkupation Lettlands betont, die sich auch nach dem Krieg fortsetzte. Zudem konnten sich die ehemaligen Legionäre auch formell nicht gänzlich dem westlichen Narrativ anschließen, da sie zu denen gehörten, die sich zumindest indirekt der "Befreiung aus dem Westen" widersetzt hatten, indem sie gezwungenermaßen der deutschen Armee angehörten - wobei die Lettische Legion im Einklang mit den Nürnberger Prozessen nicht als Teil der verbrecherischen Waffen-SS angesehen wird. Im Exil wurde die von ehemaligen lettischen Legionären gegründete Organisation Daugavas Vanagi (Daugava-Falken), die sowohl ehemaligen Soldaten soziale Unterstützung zukommen ließ als auch der gefallenen Soldaten gedachte, zum wichtigsten Erinnerungsboten. Diese Organisation legte 1952 den Grundstein für eine neue Tradition – den Gedenktag für die lettischen Legionäre am 16. März. Dieser Tag war ein symbolisches Datum, da am 16. März 1944 die beiden Divisionen der Lettischen Legion am Ufer des Flusses Welikaja zum einzigen Mal zusammen gegen die Rote Armee kämpften.

Die Dynamik der Erinnerungstraditionen in der postsowjetischen Zeit

Nach dem Fall der Sowjetunion büßte die Siegestag-Tradition in Lettland stark an Popularität ein. In den 90er Jahren kamen zu den Feierlichkeiten des 9. Mais nur ein paar hundert Teilnehmer hauptsächlich älterer Jahrgänge. Die in der Sowjetzeit errichteten Brüderfriedhöfe wuchsen vielerorts zu und verkamen. Das Urteil der lettischen Geschichtspolitik in der Übergangszeit war ebenfalls unmissverständlich: Die UdSSR war, genau wie das nationalsozialistische Deutschland, ein Aggressor, der Lettland besetzte und die Einwohner Lettlands tötete. Doch eine solche Geschichtspolitik hatte einen ausgeprägten ethnozentrischen Charakter, der die Letten zu den größten Opfern im Kontext des Zweiten Weltkrieges machte. Daher verursachte dies einen glühenden Widerstand unter dem russischsprachigen Teil der lettischen Gesellschaft gegen das neue geschichtliche Großnarrativ und die Parteien, die ein solches verteidigten.
 
Der 9. Mai verschwand 1995 aus dem offiziellen lettischen Kalender und wurde von der westlichen Erinnerungstradition des Tags der Befreiung am 8. Mai abgelöst. Doch in Lettland wurde der 8. Mai nicht zu einem in der breiten Gesellschaft angenommenen Erinnerungsritual – er diente eher als formale Bezeugung der Zugehörigkeit der politischen Elite zur Erinnerungskultur Westeuropas. Neben den politischen Akteuren, die diese neue Tradition nicht etablieren konnten, muss man auch die geschichtliche Erfahrung in Betracht ziehen. Denn die Mehrheit der Letten hatte Schwierigkeiten, sich mit einer Kriegserinnerung zu identifizieren, die noch zu sehr mit dem während der sowjetischen Okkupation eingeführten Erinnerungsritual an den Großen Vaterländischen Krieg assoziiert wurde. Den Letten als Erinnerungsgemeinschaft fiel es auch schwer, sich mit dem westlichen Sieges- und Gedenkdiskurs zu identifizieren, da ihnen im Licht des 8. Mais die Identität des Verlierers näher lag als die des Siegers. Mit anderen Worten, der Patos des 8. Mais wurde von dem Bewusstsein erstickt, dass Lettland nach dem Krieg nicht die Unabhängigkeit wiedererlangte und die scheinbar unikale Leidensgeschichte der Letten vom Holocaustnarrativ verdrängt wurde. Außerdem muss man berücksichtigen, dass in den ersten 15 Jahren nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit die Hervorhebung der Gründe und Folgen der sowjetischen Aggression von strategisch entscheidender Bedeutung für die Festigung der Legitimität der erneuerten Eigenstaatlichkeit Lettlands war. Daher hatten die Verurteilung des sowjetischen Okkupationsregimes und das Erkennen der sowjetischen Unterdrückung in der lettischen Geschichtspolitik und sozialen Erinnerung einen viel wichtigeren Platz als tiefere Reflexionen über den Zweiten Weltkrieg. Ein solches Erinnerungsregime überschattete die Gräueltaten des nationalsozialistischen deutschen Okkupationsregimes.
 
In der Übergangszeit – den 90er Jahren – charakterisierte eine gewisse Schläfrigkeit die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, was mit den in den Vordergrund rückenden Existenzsorgen der Menschen zu erklären ist, auf deren Hintergrund Geschichtsprobleme zweitrangig wurden. Die Daugavas Vanagi sowie die radikalsten nationalen politischen Kräfte versuchten zwar, die Tradition des 16. März in die lettische Erinnerungslandschaft einzupflanzen, doch das gelang nicht richtig, weil die meisten Letten kein Erinnerungsritual annehmen konnten, das sich im Exil gebildet hatte. Außerdem beugte sich die politische Elite Lettlands dem Druck des Westens, kein solch widersprüchlich bewertetes Datum in den offiziellen Gedenkkalender aufzunehmen. Dabei war die lettische Haltung dem 16. März gegenüber seit den 90er Jahren eher positiv, wohingegen ein Gedenken der Legionäre unter der russischsprachigen Bevölkerung als Geschichtslästerung des Zweiten Weltkrieges aufgefasst wurde.

Die Erinnerungslethargie der Übergangszeit wurde von der Aktivierung der russischen Geschichtspolitik unterbrochen. In den letzten 15 Jahren hat Russland beachtliche Ressourcen aufgewendet, um die Tradition des 9. Mais im postsowjetischen Raum zu reanimieren. Diese Tradition ist auch zu einem einflussreichen Instrument zur Mobilisierung des russischsprachigen Gesellschaftsteils Lettlands geworden, das die dem russischsprachigen Wähler zugeneigten Parteien gerne nutzen. Folglich ist der Siegestag innerhalb relativ kurzer Zeit in die lettische Erinnerungslandschaft zurückgekehrt und hat das desorientierte Geschichtsbewusstsein der russischsprachigen Gemeinschaft Lettlands vereint. Zum Symbol der Siegestag-Feierlichkeiten ist die Versammlung in Riga am sogenannten Siegesdenkmal geworden. Gleichzeitig geschieht die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg auf offizieller Ebene am 8. Mai, während am 9. Mai der Europatag gefeiert wird. Diese Koexistenz der offiziellen und nichtoffiziellen Erinnerung zeigt nicht nur die gespaltene soziale Erinnerung in Lettland, sondern zeugt auch von einem relativ hohen Maß an Demokratie in der lettischen Erinnerungskultur. Beziehungsweise erlaubt die lettische Gesellschaft verschiedene historische Narrative im öffentlichen Raum, obwohl das Erinnerungsregime auf politischer Ebene unverändert bleibt – das Ende des Zweiten Weltkrieges bedeutet nicht nur die Befreiung von der Besetzung durch das nationalsozialistische Deutschland, sondern auch den Verlust der Unabhängigkeit.