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Perspektive Lettlands
Der Kampf mit Trollen im Internet

Illustration: Der Kampf mit Trollen im Internet – Perspektive Lettlands
© Colourbox

Falsche Informationen verbreiten sich in den sozialen Netzwerken schneller als wahre Informationen, und das wird durch Trolle und Bots unterstützt. Diese sind in Lettland sehr aktiv und haben konkrete Ziele. Was sind ihre Ziele, wie können diese erkannt und bekämpft werden?

 

Von Anna Ūdre

In demokratischen und freien Gesellschaften hat jedes Mitglied der Gesellschaft das Recht, seine Meinung zu äußern, und dafür ist das Internet besonders gut geeignet. Theoretisch müssten sich angesichts der großen Zahl an Internetnutzern – etwa 3,2 Milliarden Menschen – gerade im Internet allumfassende Diskussionen mit Vertreterinnen und Vertretern aus verschiedenen Gesellschaftsgruppen ergeben.
 
Die Realität sieht jedoch ganz anders aus, denn diese Plattform wird nicht nur von wirklichen Menschen genutzt, sondern auch von verschiedenen Interessengruppen, deren Ziel keine konstruktive Diskussion ist, sondern die Zerstörung ebendieser. Ein Werkzeug dafür sind Bots – robotisierte Internetprofile, die sich als reale Personen ausgeben und das Ziel haben, die Diskussion in die für sie interessante Richtung zu lenken – sowie Trolle – Personen, die mit demselben Ziel absichtlich online Konflikte beginnen oder andere Nutzer/-innen angreifen.

Ein Kampf ohne Erfolge

Am weitesten sind die Bots und Trolle verbreitet, die dafür bezahlt werden, um ein kommerzielles Produkt zu unterstützen und verbreiten, doch in den letzten Jahren wurden die robotisierten Netzwerke zunehmend für politische Zwecke genutzt. Einer der Wendepunkte in dieser Hinsicht war die Präsidentschaftswahl in den USA im Jahr 2016, bei der mit verschiedenen Mitteln, mithilfe von Bots und Trollen, die in den sozialen Medien Inhalte erstellten, versucht wurde, die amerikanischen Wählerinnen und Wähler zu beeinflussen. Eine Vielzahl von Staaten übte als Konsequenz dieser Vorfälle Druck auf die Technologiefirmen aus, Lösungen gegen die Verbreitung von Falschinformationen zu finden und gegen gefälschte Profile in den sozialen Netzwerken vorzugehen. Von Januar bis März dieses Jahres hat allein Facebook 2,19 Milliarden gefälschte Profile gelöscht. Doch laut einer Studie des Nachrichtenportals BuzzFeed hat das Löschen von Konten nicht viel geändert, denn in demselben Zeitraum wurden Millionen neuer Profile erstellt. Auch die Europäische Kommission (EK) folgerte dieses Jahr, dass Google sowie die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter ihre Versprechen im Kampf gegen Fake News und Trolle im Internet nicht einhalten. Eine wertvolle Zusammenstellung der gemeinnützigen Organisation Poynter zeigt, welche Maßnahmen verschiedene Staaten der Welt ergriffen haben, um gegen Falschinformationen vorzugehen und ihre Bevölkerung über die Folgen dieser aufzuklären.
 
Bots und Trolle können auch harmlos sein, doch angesichts der Gefahr, die Falschinformationen für die Demokratie darstellen, werden diese Instrumente eher negativ aufgefasst. Trollen kann als böswilliges Verhalten mit negativen Folgen für Internetgemeinschaften charakterisiert werden. Zugleich besteht keine einheitliche, allumfassende Definition, da Trolle sehr unterschiedlich sind. Ihr Verhalten unterscheidet sich je nach Kontext, Taktik, Motivation und Einfluss. Manche Trolle sind von Ideologien geleitet, sie wollen die Aufmerksamkeit auf soziale Probleme lenken und sozial oder politisch aktive Gruppen unterstützen. Das Verhalten anderer Trolle kann gar als komisch bezeichnet werden und scheinbar gar keinen bösen Willen enthalten. Klar ist, dass eine organisierte Manipulation sozialer Medien in vielen Ländern weltweit geschieht – in autoritären Regimes finanziert und koordiniert gewöhnlich der Staat Propagandakampagnen, in Demokratien sind es meist politische Parteien, welche die Manipulation sozialer Medien hauptsächlich organisieren.

Trolle aus Moskau

Knapp 80 % der lettischen Bevölkerung nutzen das Internet im Alltag, doch nur gut 10 % der Einwohner/-innen erstellen Medieninhalte, schreiben beispielsweise Blogs oder veröffentlichen Inhalte anderweitig. Gleichzeitig ist die Aktivität bei Internetdiskussionen auch in Lettland sehr hoch, ob mit oder ohne Beteiligung realer Menschen.
 
Es sind bisher keine umfassenden Studien dazu durchgeführt worden, wie viele und welche Trolle in Lettland aktiv sind, doch ist ein Einfluss Russlands im lettischen Informationsraum nicht zu bezweifeln. Der staatliche Sicherheitsdienst VDD hat bewiesen, dass die russischen Behörden mittelbar oder unmittelbar Kommentator/-innen bezahlen, die sich an Diskussionen in sozialen Netzwerken, in den Kommentarteilen verschiedener Portale und in Blogs beteiligen. Mithilfe von Internettrollen werden in verschiedenen sozialen Netzwerken regelmäßig Informationen verbreitet, die die geopolitischen Interessen Russlands bewerben (zum Beispiel von den russischen Medien ria.ru, ru.sputniknewslv.com, russian.rt.com, baltnews.lv, rubaltic.ru und riafan.ru erstellte Informationen). Auch Journalisten von Re:Baltica, das NATO Exzellenzzentrum für strategische Kommunikation, IT-Spezialist Jānis Polis und andere haben verschiedene gefälschte Internetportale und Profile in sozialen Medien erforscht. Sie alle folgern, dass ein großer Teil der Trolle unter der Federführung bestimmter gesellschaftlicher Organisationen agiert und direkte oder indirekte Verbindungen zu Russland hat.
 
Laut Forscher Mārtiņš Kaprāns hat Russland seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts drei Hauptnarrative gegen Lettland verbreitet – dass der Staat ethnische Russen diskriminiere, dass in Lettland der Faschismus zunehme und dass Lettland ein misslungener Staat ohne Zukunft sei. Somit ist das Ziel der Trolle, die im Interesse Russlands agieren, die genannten Narrative zu aktualisieren und die öffentliche Meinung im Sinne der geopolitischen Ambitionen Russlands zu beeinflussen. Da ein großer Bevölkerungsteil den Informationen der russischen Medien unterliegt, vermischen sich Bots und Trolle mit wirklichen Menschen, die sich aktiv in die Diskussionen auf verschiedenen Internetplattformen einbringen und auch dem Kreml gefällige Botschaften verbreiten. Oft werden diejenigen, die russische Medien konsumieren, in ihrem Eindruck gerade von Bots und Trollen bestätigt, welche sie für reale Menschen halten.

Füttere die Trolle nicht!

Als Ričardas Savukynas 2017 in Litauen die Elfenarmee gründete, deren Ziel es war, Trolle im Internet zu bekämpfen, indem diese entlarvt und an ihrer Stelle wahre Informationen verbreitet wurden, folgte diesem Beispiel auch der frühere Diplomat Ingmārs Bisenieks, ehemals Mitglied des Zentrums für osteuropäische Politikstudien (APPC), der in Lettland mit Gleichgesinnten die Elfeneinheit gründete. Diese wurde 2017 ins Leben gerufen, doch Bisenieks erklärt, dass verschiedene Trolle schon seit dem Beginn der 2000er im Internet aktiv waren. Die Haupttätigkeit der Bewegung ist der Kampf gegen „provokative, irreführende und verleumderische Kommentare“ durch „die Verbreitung von wahren Informationen und die Aufklärung des Publikums in sozialen Netzwerken“.
 
„Es ist nicht leicht zu unterscheiden, ob ein Mensch, der schreibt, ein wirklicher Kommentator ist oder ein Troll. Als Troll sehen wir eine angeworbene und bezahlte Person mit einem bestimmten Auftrag an, den diese unter einer oder mehreren falschen Identitäten ausführt“, erklärt Bisenieks. Trolle können oftmals nach ihrem Foto entlarvt werden – häufig ist dieses gestohlen oder man kann das Gesicht des Menschen nicht sehen. Bei Bots ist es viel einfacher, denn es gibt klare Anzeichen einer Robotisierung.
 
Doch am wichtigsten ist nicht das Profil, das die Information verbreitet, sondern die Botschaft selbst. „Sie kann über verschiedene Kanäle und auf verschiedene Weisen verbreitet werden, mithilfe von Trollen und Bots. Und es gibt auch wirklich Menschen, die der Botschaft glauben“, so der Gründer der Elfeneinheit. Aus seiner Sicht ist der Zweck der Bewegung, solche Botschaften zu entkräften, die dem lettischen Staat schaden und die bürgerliche Gesellschaft schwächen. Bisenieks ist der Ansicht, die lettische Gesellschaft sei heutzutage viel besser über Falschinformationen und deren Verbreitung informiert als vor ein paar Jahren, doch könne immer noch mehr getan werden. Zum Beispiel könnten im lettischen Bildungssystem Kurse eingeführt werden, die Jugendliche schon in jungem Alter aufklären.
 
Zu Beginn traten mehr als 100 Freiwillige der Bewegung bei, doch derzeit hat sie laut Bisenieks weniger aktive Mitglieder. Die Elfeneinheit kommuniziert normalerweise in einer geschlossenen Facebook-Gruppe, doch jeder, der sich einbringen möchte, kann sich dort melden oder eine E-Mail an elfuvieniba@gmail.com schreiben.
 
Auch andere Initiativen wurden mit dem Ziel gegründet, in Lettland gegen Falschinformationen vorzugehen. Falschinformationen in russischsprachigen Medien werden vom US-Thinktank Centre for European Policy Analysis (CEPA) aufgedeckt, auch der APPC-Forscher Arnis Latišenko und andere beschäftigen sich mit dem Aufdecken von Falschinformationen.
 
Oft wird gesagt Don't feed the troll oder Füttere den Troll nicht. Das heißt, Nutzer/-innen sollten darauf Acht geben, sich nicht auf Diskussionen mit Trollen einzulassen, da die Aufmerksamkeit von realen Konten sie legitimiert. Es ist wichtig, Profile, die Fälschungsmerkmale aufweisen, zu blockieren und zu melden. Jeder kann dies mit einer kritischen Betrachtung des Profilbildes, Nutzernamens, der Art der Veröffentlichungen und anderen Merkmalen, die auf Fälschungen hindeuten, prüfen. Um beispielsweise festzustellen, ob ein Foto gefälscht ist, kann man die Programme TinEye oder Fake Image Detector benutzen. Doch ist es nicht in allen Fällen tatsächlich möglich, ein gefälschtes Profil zu erkennen, und der Vorgang benötigt Zeit, die nicht jeder aufzubringen bereit ist.
 
Obwohl verschiedene Trolle in Lettland aktiv sind, die private Ziele oder Interessen anderer Staaten verfolgen, und Lettland weiterhin ein interessantes Ziel für Angreifer mit der NATO oder der EU entgegengesetzten Ideologien bleibt, besteht kein Grund, in Panik zu verfallen, denn laut einer Studie des Prager Thinktanks The European Values ist die lettische Gesellschaft im Vergleich zu denen anderer Staaten sehr gut über Falschinformationen und deren Verbreitung informiert.

 

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