Teilen: Eine Option auf Gewinn? Wie das Teilen dem Tauschen unterworfen wird

Zwei Kinder teilen sich ein Getränk
Zwei Kinder teilen sich ein Getränk | Foto (Ausschnitt): gemeinfrei, Quelle: Library of Congress's Prints and Photographs division, digital ID cph.3c31892

Wenn heute vom Teilen die Rede ist, geht es zumeist um moderne Formen wie die „Sharing Economy“ oder das „Online-Sharing“, manchmal auch um das Teilen als Erziehungsziel. Viel zu selten wird danach gefragt, was mit dem Begriff eigentlich gemeint ist. Wolfgang Sützl über die Gründe.

Was ist Teilen? Die Frage scheint überflüssig. Teilen ist etwas so Geläufiges und Alltägliches, dass wir es meist nicht als besondere Handlung wahrnehmen – wenn wir etwa die Luft oder die Sprache mit anderen teilen. So rutscht es unter die Wahrnehmungsschwelle und es entsteht der Eindruck, hier gäbe es nichts zu hinterfragen oder zu erforschen. Der kanadische Verbraucherforscher Russell Belk stellte fest, dass die verbreitete Annahme, Handlungen würden vom Eigeninteresse der Handelnden motiviert, eines der Hindernisse bildet, die einem Verständnis des Teilens im Weg stehen. Diese Annahme von Eigeninteresse macht es nämlich leicht, soziale Beziehungen und Kommunikation als Tauschbeziehungen zu sehen: als Geben und Nehmen im gegenseitigen Interesse. Das Teilen ist aber nichts Gegenseitiges, sondern etwas Gemeinschaftliches. Wo geteilt wird, gibt es daher keinen Markt, keinen Tauschwert und auch keinen ökonomischen Gewinn. Teilen wurde daher, so Belk, auch lange als nicht wirtschaftsrelevant begriffen. Diese Privilegierung der Tauschform hatte aber auch zur Folge, dass das Teilen selbst als – meist symbolischer – Tausch beschrieben wurde, was für unseren Wissensstand über das Teilen ebenfalls nicht förderlich war.
 

Wenn wir teilen, teilen wir auch unser Selbst

Wolfgang Sützl Wolfgang Sützl | Foto: Julia Moss Wodurch zeichnet sich das Teilen also aus? Beim Teilen werden gemeinschaftliche Verhältnisse geschaffen, die sich nicht in bloßen Relationen unter Einzelpersonen, hergestellt durch das gemeinsame Nutzen einer Ressource, erschöpfen. Denn das Teilen verändert das „Wer“ der Teilenden. Beim Teilen wird das eigene Dasein als Miteinander-Sein mit anderen erfahren. Das Teilen macht die Grenzen der individuellen Subjektivität durchlässig. Belk spricht daher von einem extended self der Teilenden: Was immer wir teilen, wir teilen auch, oder sogar vorwiegend, das eigene Selbst. Der Tausch dagegen dient dem messbaren gegenseitigen Vorteil und erzeugt kein Miteinander der Tauschenden. Im Gegenteil: Der Tausch benötigt, um als Markt zu funktionieren, ein Nebeneinander, das jederzeit in ein Gegeneinander umschlagen kann.
 

Geteiltes entzieht sich der Berechnung 

Wenn wir, über das alltägliche geteilte Dasein hinausgehend, Nahrung, Unterkunft oder Informationen mit anderen teilen, dann geben wir diesem originären Teilen eine kulturelle Form und das Miteinander-Sein schließt ein Miteinander-Haben ein. So geteilte Güter entziehen sich der Gewinn- und Verlustrechnung und können auch keinen Warencharakter annehmen. Historisch ist das etwa bei den Allmenden der Fall, den geteilten natürlichen Ressourcen, aber es gilt grundsätzlich für alles Geteilte. Das Teilen bildet damit eine Grenze des Tausches und auch die Grenze einer auf Wachstum ausgerichteten Ökonomie.
 
Baudrillards Begriff des „unmöglichen Tausches“ war, wie vor ihm Batailles Theorie der Verausgabung und des „verfemten Teils“, ein Versuch, diese Grenze zu bezeichnen. Doch beide Theorien waren noch zu sehr Produkte der im Marxismus und im Strukturalismus fortbestehenden Tauschannahme, als dass sie im Ende des Tausches den Beginn des Teilens hätten erkennen können.
 
Dem wirtschaftlichen Tauschgeschäft entzogen, schlägt das Teilen allein als verpasste Wachstumsmöglichkeit zu Buche, als verlorene geschäftliche Gelegenheit, eine Option auf Verlust. Eine um jeden Preis wachsende Wirtschaft muss daher auf Geschäftsmodelle setzen, welche das Teilen erschweren, und in Bereiche, in denen das Teilen vorherrscht, die Logik des Tausches einführen: in die Kommunikation, die Sprache, das Wissen, die Kunst, die Intimität.
 
Nach der Verbreitung digitaler Medien in den Neunzigerjahren wurde mit Digital Rights Management und dem Durchsetzen vordigitaler Urheberrechtsmodelle versucht, das aufkommende Teilen im Internet zu begrenzen. Ohne bleibenden Erfolg. Viel wirksamer sind seit der Einführung des Web 2.0 die Sharing Economy und das Social Media Sharing: Anstatt das Teilen zu verhindern, fördern sie es und ziehen daraus Kapital. Sie erklären gewissermaßen Baudrillards unmöglichen Tausch für möglich, indem sie dem Tauschprinzip unterworfene Plattformen für das Teilen schaffen. Der geschäftliche Geniestreich der Sharing Economy besteht darin, aus einem Wesenszug der Menschen ein robustes Geschäftsmodell zu machen. Teilen ist dann nicht mehr die Grenze des Tausches, sondern eine frontier, eine stets zu überwindende Schwelle, die neue Wachstumsmöglichkeiten verspricht.
 

Pseudo-Teilen

Auch das Sharing auf Social-Networking-Plattformen mit seinen zahllosen und ausgeklügelten Techniken des Teilens von Informationen unternimmt den Versuch, das Miteinander des Teilens zum Nebeneinander oder Gegeneinander eines Tauschgeschäfts zu machen. Doch in Wahrheit sind die Aufrufe, sich am sozialen Networking zu beteiligen, Aufforderungen, soziale Beziehungen als Tauschbeziehungen zu bilden: Beziehungen, die den Schein des Teilens erzeugen, jedoch tatsächlich Konkurrenzverhältnisse fördern. Die Rivalitäten um Aufmerksamkeit in Form von Likes, Retweets oder Kommentaren führen zu entsprechendem Druck und zur viel zitierten Flut von Katzenvideos und Hochzeitsfotos etwa auf Facebook. Dem Plattformbetreiber geht es ja auch nicht um die Inhalte, sondern um das customer engagement, das einen Informationsmehrwert unabhängig von Art oder Qualität der geteilten Information erzeugt. Das Miteinander des Teilens wird zum affektiven oder kognitiven Dienst. Aus diesem „Pseudo-Teilen“ (Belk) entstehen freilich nicht, wie man vielleicht meinen möchte, Karikaturen isolierter und allein ihre eigenen Zwecke verfolgender Individuen. Vielmehr bildet sich langsam eine Form des „Wir“ heraus, welcher jeder Sinn und damit das Erkennen von Zwecken oder Verantwortung selbst abhandenkommt. Byung-Chul Han hat in diesem Zusammenhang von einem „digitalen Schwarm“ gesprochen. Sinn ist, so Jean-Luc Nancy, letztlich das geteilte Sein, er wird also erst dort möglich, wo das Tauschen aufhört und das Teilen beginnt. Für Bürgerinnen und Bürger ist das Teilen daher Voraussetzung für einen politischen Diskurs, der eine sinnvolle und pluralistische Willensbildung ermöglicht. Ohne Teilen gibt es keinen Pluralismus, sondern nur politische Monokulturen. Nicht zuletzt ist das Teilen von Wissen auch Voraussetzung für eine Kritik des Tausches selbst, vor allem seiner Universalisierung im Neoliberalismus.
 

Ohne teilen geht es nicht 

Was passiert, wenn diese Möglichkeiten fehlen, weil sie selbst zum Tauschobjekt geworden sind, führt die US-amerikanische Politologin Wendy Brown aus: Respekt und Verantwortung wandeln sich leicht in das Kleingeld der politischen Korrektheit, der Sinn wandelt sich zur fundamentalistischen Ideologie, das Bürger-Sein wird zum Humankapital.
 
Doch Menschen teilen nicht bloß, weil sie nicht tauschen wollen oder können, sondern weil sie gemeinschaftliche Wesen sind. Daran erinnert uns die Tatsache, dass wir Kindern das Teilen zu lehren versuchen. Ohne zu teilen, geht auf Dauer nichts, auch nicht der Tausch. Ein gemeinsames Verständnis – etwa darüber, was einen Tausch ausmacht, wie er abläuft, welche Regeln für ihn gelten – kann nur ein geteiltes Verständnis sein: Die Tauschenden müssen die Wahrnehmung ihres Tuns teilen, um erfolgreich tauschen zu können.
 
Daher wird auch den Internetnutzern das Teilen nicht vergehen, schon gar nicht, wenn man bedenkt, dass das Internet aus dem Teilen von Rechnerkapazität und Daten hervorgegangen ist und File-Sharing nicht immer mit Piraterie assoziiert wurde. Das Netz bietet nach wie vor eine technische Infrastruktur, auf der sich vortrefflich teilen lässt. Das Teilen lässt sich nicht verhindern, wohl aber bei hohen sozialen Kosten kommerzialisieren. Bei aller Bedeutung bleibt das Teilen immer eine unspektakuläre Alltagsangelegenheit, die den Tausch zwar begrenzen, jedoch nicht ersetzen kann. Das Teilen würde dann selbst zum Tauschobjekt.