Von Mensch zu Mensch Das Teilen und die globale Wirtschaft in Weimar

Festivalgelände des Kultursymposiums Weimar 2016
Festivalgelände des Kultursymposiums Weimar 2016 | Foto (Ausschnitt): Instagram Kultursymposium Weimar

Viele von uns brauchen hin und wieder einmal eine Bohrmaschine, z.B. um ein Bild an die Wand zu hängen oder ein Türschloss zu wechseln. Doch wenn jeder eine eigene Bohrmaschine kauft, ist das nicht nur teuer, sondern auch unpraktisch gedacht. Forscher haben berechnet, dass so ein Gerät während seiner gesamten Lebensdauer insgesamt nicht mehr als 15 Minuten tatsächlich benutzt wird. Wenn ihr beim Lesen dieser Zeilen nun zu dem Schluss gekommen seid, dass es da doch sinnvoller wäre, nur einen Bohrer zu kaufen und dieses dann zu teilen, seid ihr bei dem Thema angekommen, welchem dieses Jahr Anfang Juni ein großes Symposium in Weimar gewidmet war. Es handelt sich dabei um die sogenannte Sharing economy, die auf dem Grundprinzip beruht, dass man sich Ressourcen freiwillig teilt, um eine vernünftigere Benutzung zu erzielen.

 

Das „Teilen und Tauschen“ Kultursymposium Weimar wurde vom Goethe-Institut gemeinsam mit  solchen Größen der deutschen Wirtschaft wie Merck, Volkswagen und Siemens veranstaltet, und hatte es sich zum Ziel gesetzt, verschiedene Aspekte dieses Themas zu betrachten. Im internationalen Diskurs wird die Sharing Economy hauptsächlich mit bekannten Internetportalen in Verbindung gebracht, von denen einige auch in Lettland genutzt werden, so z.B. Airbnb, Rideshare und Uber. Diese Portale dienen als Plattform, auf der Menschen, die ihren Wohnraum, ihr Auto oder ihr Büro teilen wollen, Leute finden können, die dieses Angebot nutzen möchten. Für diese Dienste wird natürlich Geld verlangt, doch ist der Preis wesentlich geringer, als für die „offiziellen“ Dienstleistungen eines Hotels oder Taxis. Die hier erwähnten Plattformen haben sich inzwischen zu großen Unternehmen entwickelt, mit einen Aktienwert in Milliardenhöhe. In diesem Sinne lässt sich die Sharing Economy nicht strikt vom Geldverdienen und dem Markt trennen – ebenso wenig wie von ehrenamtlicher Arbeit und Wohltätigkeit.

Direkt – ohne Unternehmen oder den Staat als Vermittler 

In den letzten zehn Jahren lässt sich eine allgemeine wirtschaftliche Tendenz feststellen: immer mehr Menschen sind bereit ihr Eigentum zu teilen. Eine wichtige Rolle hierbei spielt das Internet, das es dem Anbieter und dem Empfänger ermöglicht, sich direkt, ohne Unternehmen oder den Staat als Vermittler zu begegnen. Außerdem beschränkt sich die Sharing Economy nicht nur auf materielle, berührbare Ressourcen wie Autos oder Wohnungen. Sie umfasst auch Fachwissen und Kompetenzen (wenn ich zum Beispiel meine Fremdsprachenkenntnisse anbiete und als Gegenleistung den Rasen in meinem Garten gemäht bekomme) sowie Investitionen – die Rede ist hier natürlich von sogenannten Crowdfunding Plattformen.
 
Durch jede Art von Tauschen entsteht auch immer eine bestimmte Gemeinschaft. Wenn ich im Gästezimmer meiner Wohnung Leute aus einem anderen Land oder einer anderen Region aufnehme, ist dies eine wunderbare Möglichkeit meine interkulturellen Kompetenzen, aber auch einfach nur meinen Bekanntenkreis zu erweitern. Andererseits verlangt die Sharing Economy auch ein hohes Maß an Vertrauen von ihren Teilnehmern ab. Wenn ich mein Auto einem Fremden anvertraue, muss ich mir sicher sein, dass er es nicht kaputt macht oder es schmutzig und mit leerem Tank zurückgibt. Aus diesem Grund ist die Sharing Economy mit einem bestimmten kulturellen Kontext verbunden, mit zwischenmenschlichen Werten und einem gewissen Level an Toleranz in der Gesellschaft. Nicht überall sind die Menschen gleichermaßen bereit, das zu tauschen, was bisher als Privateigentum und unantastbar galt, besonders in solchen Gesellschaften wie in Lettland, wo den Menschen das Recht auf Privateigentum noch bis vor kurzem verweigert wurde und es umkämpft war.

Weniger abhängig von fossilen Brennstoffen sein 

Auf dem Weimarer Symposium wurden die bereits erwähnten Fragen sowohl von einem wirtschaftswissenschaftlichen als auch von einem umfangreichen kulturgeschichtlichen Standpunkt aus betrachtet. Der Aspekt der Wirtschaftstheorie wurde auf dem Symposium vor allem durch den amerikanischen Ökonom (und Berater der Europäischen Kommision) Jeremy Rifkin vertreten. Er brachte die Sharing Economy mit dem Thema erneuerbare Energien in Verbindung. Der technologische Fortschritt könne es den westlichen Staaten schon bald erlauben, ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen drastisch zu verringern. Durch die effektive Nutzung von Wind- und Sonnenenergie werde dies möglich werden. Doch im Gegensatz zu den klassischen Stromerzeugern, nämlich großen Kraftwerken, bauen die neuen, erneuerbaren Energien auf einem dezentralisierten Prinzip auf – jeder Hauseigentümer kann selbst entscheiden, ob er Solarzellen auf seinem Dach anbringen will. Wenn man bedenkt, dass nicht alle Verbraucher den Strom zur selben Zeit und in gleichen Mengen benötigen, erkennt man die Notwendigkeit die ungenutzte Energie dorthin zu leiten, wo sie am meisten gebraucht wird. Und genau hier ist der Prozess des Tauschens von entscheidender Bedeutung, bei den „kleinen“ Stromerzeugern.

Liebe – Egoismus zu zweit? 

Neben Rifkin nahm an dem Symposium in Weimar auch noch eine Reihe anderer prominenter Wissenschaftler teil, deren Auftritte verschiedenen Aspekten des Tauschens und Teilens in verschiedenen Kulturen rund um die Welt gewidmet waren, oft auch mit einem philosophischen Einschlag. Die bekannte israelische Soziologin Eva Illouz sprach zum Beispiel über die Bedeutung des Teilens im Bereich der Liebe und der Intimität. Macht die Liebe uns offener einem anderen Menschen gegenüber und bringt sie uns dazu, vor lauter positiven Emotionen völlig uneigennützig mit ihm zu teilen? Oder bringt sie uns ganz im Gegenteil dazu, uns zu verschließen, ganz im Sinne des Sprichworts „Liebe ist Egoismus zu zweit“? Die Soziologin Illouz behauptet, dass dies in großem Maße von der jeweiligen Gesellschaft abhängt. Romantische Beziehungen haben heutzutage in den entwickelten Ländern einen sehr hohen Stellenwert; doch häufig verschaffen sie den Beteiligten keine emotionale Erfüllung. Manchmal wird behauptet, dass der Feminismus daran schuld sei, der die Frauen dazu auffordere sich von der Vorherrschaft der Männer zu befreien und dadurch das Entstehen einer harmonischen und beiderseits erfüllenden Beziehung zwischen den Geschlechtern verhindere.
 
Illouz hat indessen eine andere Erklärung parat. Schuld an disharmonischen Beziehungen seien die Verbrauchergesellschaft und der Kapitalismus, welche besessen davon seien, „die Wahl zu haben“, und so den Angebot- und Nachfragemechanismus des Markts in die Intimsphäre eigeführt haben. Auch im Beruf seien Veränderungen erkennbar: Frauen schöben das Kinderkriegen auf, sowohl aus beruflichen Beweggründen, als auch wegen der finanziellen Abhängigkeit einer Familie von den regelmäßigen Einnahmen beider Partner. Dies beeinflusse auch die Intimität: die Liebe als tiefe und authentische Beziehung zwischen zwei Menschen werde im Rahmen des wirtschaftlichen Austauschs betrachtet. Durch die Forschungen von Frau Prof. Illouz eröffnet sich eine neue Perspektive auf verschiedene Beziehungsprobleme wie Eifersucht, unglückliches Verliebt Sein und Beziehungskrisen. Traditionell folgen wir hier der von Freud begonnenen Tradition und erklären diese Missstände mit psychologischen Argumenten. Dabei vergessen wir aber, dass die Liebe auch ein soziales Phänomen ist, welches von der Gesellschaft maßgeblich beeinflusst wird.

„Teilen“ im Kontext der Flüchtlingskrise 

Während des Symposiums wurde über das Teilen auch im Kontext der derzeitigen Flüchtlingskrise gesprochen: wie weit geht die Bereitschaft der Europäer, wohltätig mit Flüchtlingen aus dem Nahen Osten zu teilen, und in welchem Maße sind die Forderungen nach dem Teilen moralisch fundiert? Jedes zivilisierte Land ist verpflichtet diejenigen aufzunehmen, denen in ihrer Heimat Tod, Krankheiten oder Krieg drohen. Gleichzeitig wird wohl kaum jemand behaupten, dass ein jeder Mensch das uneingeschränkte Recht hat in ein anderes Land zu ziehen, nur weil dort der Lebensstandard höher ist. Hier entwickelten sich die Diskussionen teilweise zu einem scharfen Wortwechsel, zum Beispiel in der Debatte des bekannten deutschen Juristen und ehemaligen Redakteurs der Wochenzeitung Die Zeit Reinhard Merkel zum Thema „Was sind wir zu teilen bereit?“ Darin wies er darauf hin, dass Deutschland, ebenso wie viele andere demokratische Staaten, eine Reihe von internationalen Abkommen geschlossen habe, in denen es sich dazu verpflichte, all jenen Asyl und Schutz zu gewähren, die überall auf der Welt unter Krieg, Gewalt und Naturkatastrophen leiden. Gleichzeitig sei es aber auch nicht übertrieben, von den Zuwanderern eine gewisse Bereitschaft zu verlangen, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, und das Entgegenkommen von deutscher Seite nicht auszunutzen. Ganz besonders gälte dies für Muslime, deren Werte und Weltanschauung sich auch nach längerem Aufenthalt in Deutschland noch stark von denen der deutschen Grundbevölkerung unterscheiden, so z.B. in Bezug auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft sowie das Thema Antisemitismus. Diese These Merkels löste sehr geteilte Reaktionen im Publikum aus, was wieder einmal zeigte, was für eine äußerst empfindliche Frage dies im heutigen Deutschland und Europa insgesamt ist.
 
Auch der Autor dieser Zeilen teilte seine Ansichten zu der Bedeutung des Teilens in Mittel- und Osteuropa mit – in Ländern, die sich noch bis vor kurzem in einer Situation befanden, in der gemeinschaftlicher Besitz etwas Aufgezwungenes war. Neben solchen Überlegungen gab es auf dem Festival in Weimar des Weiteren auch viele praxisorientierte Veranstaltungen, in denen verschiedene Plattformen und Ideen der Sharing Economy präsentiert wurden. Lettland wurde hierbei in allen Ehren durch Mārcis Rubenis von der Initiative „Free Riga” vertreten, die schon seit einiger Zeit ein gemeinsames Benutzen von leerstehenden Gebäuden in der Stadt fördert. Die Sharing Economy ist außerdem eng mit einem weiteren für Lettland wichtigen Bereich verbunden, nämlich mit dem sozialen Unternehmertum. Auch hier können wir stolz auf eine Reihe von Ideen und Organisationen sein, deren Arbeit auch anderswo Interesse weckt, so zum Beispiel die Samariter-Bewegung, die hilfsbedürftigen Menschen auch außerhalb von Riga Pflegedienste im eigenen Haus ermöglicht, oder die beliebte Initiative “Otrā elpa”, die den Erlös aus verkauften Sachspenden wohltätigen Zwecken zukommen lässt. Das Kultursymposium Weimar, an dem Vertreter aus aller Welt teilnahmen, war eine gute Plattform für gemeinsame Überlegungen zu der Rolle solcher Initiativen in der globalen Wirtschaft der Zukunft. Darüber hinaus bot Weimar eine großartige Grundlage für solche Diskussionen. Was könnte denn schon ein besseres Vorbild für die produktive Bedeutung des Teilens sein: diese Stadt Goethes und Schillers, die inzwischen nicht mehr nur ein Symbol für die deutsche Kultur, sondern auch für universelle, kosmopolitische Werte ist.