Willkommenskultur Die Vorteile der Vielfalt

Auch Behörden arbeiten an der eigenen „Willkommenskultur“.
Auch Behörden arbeiten an der eigenen „Willkommenskultur“. | Foto (Ausschnitt): © Thinkstock

Hochschulen, Unternehmen und Kommunen wollen sich verstärkt dafür einsetzen, dass Zuwanderer sich in Deutschland gut aufgehoben fühlen. „Willkommenskultur“ ist eine Idee mit Potenzial, aber auch mit vielen Fragezeichen. Und sie ist noch nicht überall angekommen.

Der Begriff Willkommenskultur hält zumehmend Einzug in die politischen Debatten in Deutschland, fast immer im Zusammenhang mit der Diskussion um den demografischen Wandel der Gesellschaft. Das Bevölkerungswachstum ist rückläufig, der Altersdurchschnitt steigt. Das bedeutet: In Zukunft werden in Deutschland Arbeitskräfte fehlen. Gleichzeitig wird Deutschland für ausländische Fachkräfte nur langsam attraktiver. Noch 2013 gab die OECD-Studie „Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte: Deutschland“, in der die Attraktivität verschiedener europäischer Länder erhoben wird, dem Land eine schlechte Note. Die Willkommenskultur soll Abhilfe schaffen.

Gemeint ist damit eine Wertschätzung von Vielfalt, erklärt Swetlana Franken, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Bielefeld. Und die sei in Deutschland noch steigerbar. „Nur dann wird sich etwas ändern“, sagt Franken, „wenn wir von einer defizitären Wahrnehmungsweise – ‚ein Migrant ist ein unvollständiger Deutscher‘ – abkommen.“

Franken kam 1997 aus Russland nach Deutschland und beschäftigt sich seit langem mit Migration und Diversity-Management. Es fehle, sagt Franken, häufig an „einer Potenzial- und einer Kompetenzwahrnehmung“ von Migranten. Ein solcher Blick ermögliche es, zu denken: „Jemand hat keine perfekten Deutschkenntnisse, aber er kann dafür etwas anderes, was andere nicht können.“

„Welcome Center“ für Gastwissenschaftler

Vorbehalte, wie Franken sie beschreibt, kennt auch Maimouna Ouattara, Vorstandsmitglied im Bundesverband ausländischer Studierender. Ouattara nennt als Beispiel Arbeitsgruppen, in denen Studierende gemeinsam eine Aufgabe bearbeiten und am Ende als Gruppe benotet werden. „Einige ausländische Studierende kommen zu uns und sagen, dass sie Schwierigkeiten haben, in Arbeitsgruppen zu kommen“, berichtet Ouattara. „Es gibt Skepsis uns gegenüber, weil die deutschen Studierenden denken, wir können die Sprache nicht gut und sie bekommen dadurch schlechtere Noten. Man traut uns halt nichts zu.“

Ouattara betont aber auch, dass die Universitäten mittlerweile viel unternehmen, damit sich ausländische Studierende willkommen fühlen. Das gilt ebenso für ausländische Wissenschaftler, denen vielerorts spezielle „Welcome Center“ bei Behördengängen oder der Kinderbetreuung helfen. Die Wissenschaftler gehören zu jener Gruppe, die dem Begriff Willkommenskultur zu seiner Konjunktur verholfen hat: den Fachkräften. Die sind besonders für die Wirtschaft ein dringliches Thema.

So wie für Kai Teckentrup. Er leitet das mittelständische Unternehmen Teckentrup in Ostwestfalen, das Türen und Tore herstellt. Jeder vierte der 850 Mitarbeiter hat einen Migrationshintergrund – eine im Mittelstand ungewöhnlich hohe Zahl und Ergebnis vieler Jahre, in denen Teckentrup Vielfalt gefördert hat. „Willkommenskultur ist für mich ein Teil von Diversity-Management“, sagt der Unternehmer. „Wir wollen ein Arbeitsumfeld schaffen, in dem sich jeder – unabhängig von seiner Herkunft, seinem Geschlecht, seiner sexuellen Orientierung – zu Hause fühlt und mit seiner ganzen Arbeitskraft optimal einbringen kann.“ Das hat Teckentrup zum Teil mit einfachen Mitteln erreicht, beispielsweise gibt es neben Weihnachtsbriefen auch Ramadanbriefe. Betriebsanweisungen wurden in verständliches Deutsch übersetzt.

Modellprojekt in zehn Ausländerbehörden

Auch in Städten und Kommunen wird Willkommenskultur verstärkt diskutiert. Welche Grundsatzfragen sich dort auftun, zeigt ein Beispiel aus dem laufenden Modellprojekt „Ausländerbehörden – Willkommensbehörden“. An dem vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geförderten Projekt nehmen zehn Ausländerbehörden teil. Der Leiter einer dieser Behörden beantwortet die Frage, ob demnächst außen ein Schild „Willkommensbehörde“ angebracht werde mit nein, denn es sei „eine Tatsache, dass nicht alle Ausländer in Deutschland willkommen sind“. Der Mann hat damit nicht seine persönliche Haltung ausgedrückt, sondern die gesellschaftliche Realität. Das macht das Konzept der Willkommenskultur angreifbar. Die Diversitäts-Expertin Franken formuliert es so: „Entweder wollen wir Menschen mit ausländischen Wurzeln haben, dann ist das eine Willkommenskultur. Oder wir wollen nur Auserwählte bei uns haben, dann ist das Heuchelei.“

Die Stadt Heidelberg liefert ein positives Beispiel. Dort entsteht derzeit das „International Welcome Center Heidelberg“, das in einem einzigen Gebäude sowohl die Ausländerbehörde als auch ein Kultur- und Servicezentrum vereinen soll. „Uns ist es sehr wichtig, dass wir keine Spezifizierung haben auf Fachkräfte“, sagt Timm Herre, Sprecher der Stadt. „Das soll ein Willkommenszentrum sein, in dem wir vom Flüchtling bis zum ausländischen Gaststudierenden und natürlich auch bis zur Fachkraft aus dem Ausland alle willkommen heißen wollen.“

Es bleibt abzuwarten, mit welcher Bedeutung der Begriff Willkommenskultur in Zukunft aufgeladen wird. Die Gefahr besteht, dass er zu einer wohlklingenden Worthülse wird. Dann nämlich, wenn die Gesellschaft sich nicht ausdrücklich darüber verständigt, wer in Deutschland willkommen ist.
 

Um gelebte Willkommenskultur geht es auch bei der Konferenz „Sprache. Mobilität. Deutschland.“ , die das Goethe-Institut in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung organisiert. Fachleute aus Politik, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien diskutieren am 6. und 7. November 2014 im Palais in der Kulturbrauerei Berlin über eine Arbeitswelt im Wandel. Gäste sind unter anderen Aydan Özoğuz, die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, und Heribert Prantl, Leiter des Ressorts Innenpolitik der „Süddeutschen Zeitung“ und Experte in Sachen Staatsbürgerschaft und Zuwanderung.