Residenzerfahrung Gedanken über einen Berliner Frühling

Arbeitsplatz Mia Straka
Arbeitsplatz Mia Straka | Foto: Mia Straka ©


 

Ich kam an einem Ostersonntag in Berlin an. Es war ein frostiger und dunkler Abend, als ich das Flughafengebäude verließ und meiner Künstlerresidenz entgegentrat. Während meiner Residenz würde ich im Hauptstadtstudio in Friedrichshain leben und arbeiten, ein Life/Workspace der vom Institut für Alles Mögliche bereitgestellt wird.
 
Meiner Unvoreingenommenheit bewusst, die ich als Neuankömmling hatte, begann ich mein Umfeld zu erforschen. Da ich ein Fahrrad besaß, konnte ich frei durch die Hinterhöfe der Industrieviertel und über die leeren Parkplätze der Stadt kutschieren, ohne konkretes Ziel vor Augen.
 
Während ich so rumstreunerte, begann ich weggeworfene Materialien zu sammeln. Ich hatte mir vorgenommen mit dem zu arbeiten, was ich vorfand. Neben diesen physischen und materiellen Stadterkundungen beobachtete ich die sich verändernde soziale Landschaft der Stadt. Ich wollte Berlin auf meine ganz eigene, intuitive Art und Weise entdecken, ungetrübt von den Erwartungen oder der Taubheit des mir Vertrauten.
 
Völlig unerwartet bin ich auf Überreste der Berliner Mauer gestoßen, "verrostete Metallträger hängen in einem leeren Raum aus Beton" ... Tagebucheintrag vom 2. April

Eines der ersten Dinge, das ich als mögliches Arbeitsmaterial entdeckte, waren die an Litfaßsäulen und auf Elektrokästen geschichteten Plakate. Außerdem sammelte ich Zeitungsbündel ein, band sie auf den Gepäckträger meines Fahrrads und schuf aus ihnen im Atelier vielschichtige Pappmaché-Steine.

Die Filmaufnahmen der Berliner Nachkriegszeit, in denen Frauen und Kinder die Steine für neue Straßen aus den Trümmern brachen – Straßen, wie die gepflasterte  vor meiner Haustür – hatten einen großen Einfluss auf mich. Der Schutt wurde für mich zum Symbol für die transformativen Kräfte, durch die die Stadt zu pulsieren scheint, die Kraft ihrer Bewohner. Dieser kollektive Geist ist bis heute in Berlin deutlich spürbar.
 
„Gebäude haben Schichten und Baustellen bevölkern die Stadt. Kunst zermürbt überall das Enteignete in Begehrtes…“ Tagebucheintrag vom 3. April

Ein Ort, der besonders auf mich wirkte, war das Tempelhofer Feld. Nach einem öffentlichen Referendum im Jahr 2014 ist der stillgelegte Flugplatz Tempelhof nun ein Stadtpark. Besonders kontrovers: einige der alten Flugzeughallen des ehemaligen NS-Kolosses fungieren seit 2015 als Flüchtlingsunterkunft. Neben dem alten Flughafen besuchte ich eine neu errichtete Container-Siedlung, die 2017 als langfristige Wohnraumlösung mit besserer Wohnqualität ins Leben gerufen wurde. Neugierig spähte ich durch den weißen, rechteckigen Drahtzaun, der die Siedlung umgab. Ich erkannte Anzeichen der Bewohnung, doch der Mangel an Behaglichkeit stimmte mich traurig.
 
Auf meinem Rückweg durch das aufstrebende Neukölln reckte ein weißes Metallgitter gerade so weit aus einem Schuttcontainer heraus, dass ich es greifen konnte. Mit Gips aufgefüllt, erinnerte es mich an den massiven Drahtzaun vom Tempelhof. Später im Monat wickelte ich um das Gitter etwas von einem demolierten Metall, das ich am Teufelsberg gefunden hatte. Ich verstand es als meine kleine Geste der „Aufhübschung“, ähnlich wie die fahnenartigen Plakate, die an den Bauzäunen in der ganzen Stadt zu sehen waren. Der Gips, dem ich dem Gitter entnommen habe, sah aus wie Zähne. Und so bemalte ich das fleischige Zahnfleisch, um eine grotesk grinsende Halskette daraus zu machen.
 
Auch der Teufelsberg hatte großen Einfluss auf mich. Die heruntergekommene Abhörstation aus der Zeit des Kalten Krieges wurde auf einem künstlichen Hügel errichtet, auf den Trümmern Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg. Die geodätische Kuppel der Spionagestation ist heute eine Open-Street-Kunstgalerie und Ort für akustisches Erleben. Während meiner Materialsuche rund um das Bauwerk sammelte ich Plastik- und Metallreste aus dem Müll wie beispielswese alte elektrische Teile und Drähte. Im oberen Bereich der Kuppel, der weniger heruntergekommen ist als der untere, entdeckte ich eine Stelle, an der ich mir aufgrund eines zirkulierenden Echos ins eigene Ohr flüstern konnte.
 

  • Veranstaltungsort unter freiem Himmel am Spreeufer Foto: Mia Straka ©
    Veranstaltungsort unter freiem Himmel am Spreeufer
  • Berlin Rocks 2018, 1 von 3. Pappmaché, Kupfersockel Foto: Mia Straka ©
    Berlin Rocks 2018, 1 von 3. Pappmaché, Kupfersockel
  • Arbeitsplatz Mia Straka Foto: Mia Straka ©
    Arbeitsplatz Mia Straka
  • Teufelsberg, Berlin Foto: Mia Straka ©
    Teufelsberg, Berlin
  • Mauerpark, Berlin Foto: Mia Straka ©
    Mauerpark, Berlin
  • Die Künstler während der Vernissage der Gruppenausstellung Co-Operation Foto: Mia Straka ©
    Die Künstler während der Vernissage der Gruppenausstellung Co-Operation
  • Aufnahme im Atelier Foto: Mia Straka ©
    Aufnahme im Atelier
  • Lei Lines Halskette, 2018, Elektrokabel Foto: Royal Jewellery Studio ©
    Lei Lines Halskette, 2018, Elektrokabel
Als der Frühling in ganzer Blüte stand, schlenderte ich über die gut besuchten Flohmärkte im Mauerpark, am Arkonaplatz und Boxhagener Platz. Ich war auf der Suche nach Materialien, die die Teilhabe an einer kollektiven, kreativen Bewegung ausdrücken konnten, indem sie die facettenreichen Schichten des Berlins der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft darstellten. Objekte, die in Bezug mit meinen Erfahrungen in Berlin stehen, wurden von mir zu überwiegend tragbaren Souvenirs um oder sogar teilweise abgebaut. Indem ich mit Stereotypen spielte, benutzte ich Materialien, die nicht länger ihrem eigentlichen Zweck dienten und hoffte, ihnen damit eine neue Zukunft und neue Geschichte geben zu können.
 
Mein Schaffen hatte seinen Höhepunkt am Ende des Monats, als ich die Gruppenausstellung In-Co-Operation mit neun meiner Residenzkollegen und Kolleginnen am  Ausstellungort der Abteilung für Alles Andere vorbereitete.
 
Die Ausstellung war für uns eine gute Chance im Rahmen des alljährlichen Berlin Gallery Weekends 2018 unsere künstlerische Weiterentwicklung zu zelebrieren und einige unserer Arbeiten gemeinsam auszustellen. Während des Eröffnungsabends wurden meine Arbeiten von meinen Residenzkollegen und den Gastgeberinnen getragen. Das freute mich wirklich sehr, da die Biografien oder  Geschichten einiger Träger in direktem Zusammenhang mit den Arbeiten standen, die sie an sich trugen.
 
Nun bin ich zurück in Neuseeland und beschäftige mich mit der Bearbeitung einiger Schmuckstücke und -gegenstände sowie mit der Entwicklung einer zweiten Arbeitsreihe. Ich möchte gerne über den Berliner Kontext hinausarbeiten, die mitgebrachten Ideen und das materielle Wissen mit meiner bestehenden Praxis verknüpfen und verstärkt zu tragbareren Werken übergehen.

Die Residenzzeit hat mein Schaffen mit viel Freude und Freiheit bereichert. Frei von Kommerzialisierung konnte ich mutiger, farbenfroher und vielseitiger arbeiten. Mein visuelles Vokabular hat sich erweitert und ich fühle mich nun mehr mit einer internationalen Kreativgemeinschaft verbunden. Meine Augen haben sich für neue Methoden und Materialien geöffnet und mein Geist ist voll von der transformativen Kraft der Kreativität zum Nutzen der Gemeinschaft.
 
Vom 5. bis 8. Dezember zeige ich in der St Paul St Gallery 3 bereits eine Vorschau der Arbeiten, die im Rahmen meiner Residenz entstanden sind. Während dieser Ausstellung erhalten die Besucher die Möglichkeit die Arbeiten zu tragen und mit ihren eigenen Gedanken zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Objektes zu versehen, die dann gemeinsam mit der Arbeit ausgestellt werden.