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Steigender Meeresspiegel
Eine Zukunft in Tuvalu

Ein paar Inseln der Inselstaats Tuvalu im türkisblauen Meer
Der Inselstaat Tuvalu besteht aus mehreren kleineren Inseln und Atollen und befindet sich mitten im Pazifischen Ozean. Insgesamt umfasst die Landfläche nur etwa 26 Quadratkilometer. | Foto (Detail): © Saving Tuvalu

Steigende Meeresspiegel sind für Inseln wie Tuvalu eine große Gefahr. Schon heute ist die Insel schweren Überschwemmungen ausgesetzt, die den Inselstaat eines Tages vollständig von der Weltkarte verschwinden lassen könnten. Dieser persönliche Bericht macht deutlich, was Freiheit unter solchen Umständen bedeutet und was verloren gehen könnte, wenn der Klimawandel nicht weltweit bekämpft wird.

Von Bernard Kato Ewekia Taomia und Esther Meunier

In meiner Erinnerung hatte ich eine glückliche Kindheit. Ich bin in Tuvalu, einem kleinen Inselstaat im Pazifik, geboren und aufgewachsen. Damals war mein Leben fröhlich und unbeschwert. Heute dagegen muss ich mir Sorgen machen und um die Zukunft dieser kleinen Insel kämpfen, die meine und seit Generationen auch die Heimat meiner Vorfahren ist. Unglücklicherweise wird die Zukunft meines Landes und meiner Landsleute von der Klimakrise und steigenden Meeresspiegeln bedroht. Ich habe nicht vor, die Insel zu verlassen, doch wenn sich die aktuelle Entwicklung fortsetzt, werden ich und alle anderen Menschen in Tuvalu womöglich keine andere Wahl haben.

Tuvalu ist sehr tief gelegen. Vor allem gibt es keine Berge. Der größte Teil unseres Landes befindet sich weniger als 2 Meter über dem Meeresspiegel. Wir sind daher entsprechend anfällig für den Klimawandel und andere Umweltgefahren wie steigende Meeresspiegel, regelmäßige Überschwemmungen, Erosion und immer häufiger auftretende und starke Wirbelstürme. All diese Dinge tragen dazu bei, dass unser Land zu versinken droht.

In Wasser getränkt

Man könnte meinen, dass sich die Flutlinie mit dem steigenden Meeresspiegel immer weiter ins Landesinnere bewegt. In Wirklichkeit kommt das Wasser jedoch aus dem Untergrund. Es lässt sich nur schwer beschreiben – man muss es sich so vorstellen, dass das Wasser immer mehr in die Erde eindringt. Dies hat zur Folge, dass Teile unserer Insel, die sich bisher oberhalb des Meeresspiegels befanden, nach und nach für immer absinken. Und wenn Stürme auf unsere Inseln treffen, verschärft sich diese katastrophale Lage zusätzlich. Im Jahre 2015 hat der Wirbelsturm Pam zwei unserer Inseln verschluckt. Sie sind für immer von der Landkarte verschwunden. Im Jahre 2019 richtete der Wirbelsturm Tino die größten Schäden an: Er legte viele Gräber unserer Vorfahren frei, deren Gebeine anschließend durch unsere Lagunen trieben. Die Trauer und Verzweiflung, die wir damals verspürten, lässt sich nicht in Worte fassen.
  • Luftaufnahme eines Strandabschnitts in Tuvalu Foto (Detail): © Saving Tuvalu
    Bei Überflutungen geht nicht nur Landmasse verloren. Das Salzwasser kann auch das Trinkwasser verunreinigen.
  • Wasserlachen auf einer der Inseln in der Nähe von Häusern Foto (Detail): © Saving Tuvalu
    Der höchste Punkt der Inseln liegt nur ungefähr 5 Meter über dem Meeresspiegel, weswegen die Inseln durch steigende Meeresspiegel und Stürme leicht überflutet werden können.
  • Ein Strand bei Sturm mit grauem Himmel und sich im Wind biegenden Bäumen Foto (Detail): © Saving Tuvalu
    Tuvalu ist regelmäßig Stürmen ausgesetzt, durch deren Auswirkungen ganze Inseln verschwinden können.
  • Luftbild von Menschen an einem Strand Tuvalus Foto (Detail): © Saving Tuvalu
    Viele Menschen haben den Inselstaat bereits verlassen und sind zu Klimaflüchtlingen geworden.
Die Umweltkrise bedroht nicht nur unser Zuhause, sondern auch unsere Lebensqualität, unseren Lebensstandard, unsere Geschichte und unsere Kultur. Wenn ein Wirbelsturm über unsere Inseln fegt, werden die Dächer von unseren Häusern gerissen, es gibt Stromausfälle und unser Grundwasser wird mit Meerwasser verunreinigt. Es ist unglaublich schmerzhaft, für Tuvalu keine Zukunft sehen zu können.

Leben im Angesicht der Klimakrise

Die Kinder von heute haben keine Chance, das unschuldige und sorglose Leben zu führen, das mir in meiner Kindheit und Jugend vergönnt war. Im Zeitalter der Klimakrise haben sie bereits ein Bewusstsein für den Klimawandel und seine Ursachen und Auswirkungen entwickelt, weil sie wissen, dass er sie irgendwann zur Auswanderung zwingen könnte. Viele Menschen haben Tuvalu bereits verlassen und sind zu Klimaflüchtlingen geworden. Sie gehen, weil sie sich nicht sicher fühlen und fürchten, dass sie sich und ihre Familien in Zukunft nicht mehr versorgen können. Sie gehen, weil Tuvalu versinkt.

In weniger als 100 Jahren könnte unsere Heimat für immer verschwunden und vom Wasser verschluckt worden sein. Diese mögliche – und plausible – Zukunft macht mir Angst. Ich bin gereist und habe Zeit im Ausland verbracht, beispielsweise in Neuseeland. Doch es hat sich dort nie so angefühlt wie in Tuvalu. Ganz im Gegenteil, das Leben im Ausland fühlt sich fremd, eigenartig und bedeutungslos an – es hat einfach so gar nichts mit unserer Geschichte und unseren Bräuchen gemein. Wenn wir Tuvalu verlieren, verlieren wir damit nicht nur unser Land. Das reiche traditionelle Wissen und Erbe, das unsere Vorfahren so liebevoll an uns weitergegeben haben und das wir nun voller Begeisterung an die jüngeren Generationen weitergeben, wie zum Beispiel unsere traditionellen Gewänder, die zu den farbenfrohesten im Pazifik gehören, und unsere Sprache, die Teil unserer Identität ist, werden ebenfalls verloren gehen.

Tuvalu ist, war und wird auch weiterhin so lange wie möglich mein Zuhause sein. Wir stehen Tag für Tag an vorderster Front und geben unser Bestes, um unsere Identität zu schützen und zu bewahren.

Wenn ich Kinder habe, möchte ich, dass sie etwas über die Traditionen von Tuvalu lernen. Doch wenn ich mit ihnen ins Ausland gehen muss, wenn wir fliehen müssen, werden sie diese lebensverändernden Erfahrungen nicht machen können. Wie kann ich über Freiheit sprechen, wenn es sich so anfühlt, als seien meine Beine zusammengebunden und ich müsste gleichzeitig rennen? Würden Sie es wagen, Menschen auf der Flucht vor einer existenziellen Bedrohung zu fragen, ob sie sich frei fühlen? Nein, denn Sie wissen, dass sie nicht frei sind. Sie haben keine Wahl. Genauso wird es uns ergehen, wenn die internationale Gemeinschaft nicht sofort aufwacht.

Verringerung der weltweiten Emissionen

Ich wünschte, die Staatsoberhäupter der Welt würden uns erhören. Würden erkennen, dass wir untergehen und es uns nicht mehr geben wird, wenn sie nicht handeln. Wir Menschen aus Tuvalu tragen keine Verantwortung für den Klimawandel. Unser Anteil an den globalen Emissionen tendiert gegen Null. Und trotzdem sind wir es, die unter den unmittelbaren Konsequenzen leiden werden. Wir sind eine kleine Nation. Und obwohl wir Kämpfernaturen sind und nach den zahlreichen Katastrophen der Vergangenheit immer die Kraft gefunden haben, wieder aufzustehen, können wir diesen Kampf nicht allein gewinnen. Wir benötigen Hilfe, um den Klimawandel zu bekämpfen und die globalen Emissionen zu reduzieren. Wir benötigen Hilfe, um die Folgen zu bewältigen, Dämme zu errichten und eine Infrastruktur aufzubauen, die den vielen weiteren Wirbelstürmen und Überschwemmungen der Zukunft standhalten kann. Wir können es schaffen. Wir können unser Land und auch Ihr Land retten. Wir können unsere und Ihre Freiheit schützen, aber nur, wenn wir es gemeinsam tun.

Tuvalu ist, war und wird auch weiterhin so lange wie möglich mein Zuhause sein. Wir Menschen aus Tuvalu sind Kämpfernaturen. Wir stehen Tag für Tag an vorderster Front und geben unser Bestes, um unsere Identität zu schützen und zu bewahren. Doch bei diesem Kampf appellieren wir an alle, uns zu unterstützen. „Saving Tuvalu“ ist nicht einfach nur eine Organisation. Sie ist das Mittel, um meinen Kindern eine strahlende Zukunft an dem Ort zu bieten, an dem ihre Gesellschaft auf so vielfältige und wunderbare Weise erblühen konnte.

Wenn Tuvalu versinkt, dann versinkt die Welt mit diesen Inseln. Doch wenn Tuvalu überlebt, dann wird auch die Welt überleben.

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