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19:00 Uhr

Schlingensief - In das Schweigen Hineinschreien

Mittwochskino im Auditorium|Regie Bettina Böhler 2020, Farbe + s/w, 130 min

  • Goethe-Institut Peru, Lima 15072

  • Sprache Deutsch mit spanischen Untertiteln
  • Preis Zugang ist kostenlos, aber begrenzt
  • Teil der Reihe: Mittwochskino

Schlingensief Foto: filmgalerie451

In das Schweigen Hineinschreien Foto: Filmgalerie451

Eine Tour-de-Force quer durchs Werk des 2010 verstorbenen Aktionskünstlers, Provokateurs, Filme- und Theatermachers Christoph Schlingensief: Ausschließlich montiert aus Archivmaterialien, von frühen Super-8- und Trash-Filmen über Fernsehauftritte und -dokumentationen von Aktionen hin zum etablierten Opernmacher in Bayreuth; ein Œuvre mit erstaunlicher Aktualität.


Zum zehnten Todestag des 2010 verstorbenen Aktionskünstlers, Regisseurs und Provokateurs aus Oberhausen erscheint eine regelrechte Christoph-Schlingensief-Revue: Ausschließlich montiert aus Archivmaterialien werden frühe Filme aus der Kindheit und Jugend ebenso versammelt wie Trash-Klassiker à la 100 Jahre Adolf Hitler. Die letzte Stunde im Führerbunker und Terror 2000 - Intensivstation Deutschland, daneben Theateraufführungen und Fernsehbeiträge zu Aktionen wie „Bitte liebt Österreich“ (Big Brother mit abzuschiebenden Flüchtlingen) oder „Freakstars 3000“ (Castingshow mit Behinderten) und man wohnt damit auch einer Verwandlung bei, die das Enfant Terrible immer weiter in das Kunst- und Kulturestablishment hineinführt, gipfelnd in der Bayreuther Parsifal-Inszenierung, die natürlich dennoch irgendwie provozierte.

Und Immer wieder ertappt man sich bei der Frage, was davon heute noch als Provokation und Denkanstoß funktionieren würde? Ob manche Aktionen heute überhaupt noch umsetzbar wären oder umso wichtiger? Und damit sagt der Film, wie Schlingensiefs Kunst überhaupt, ebenso viel über die Geschichte der Bundesrepublik aus wie über die Gegenwart.

Pressestimmen

„Als Christoph Schlingensief vor zehn Jahren starb, verabschiedeten Feuilletons ihn mit ehrfürchtigen Nachrufen. Diese Affirmation war zu Beginn seines Schaffens nicht absehbar. Während der Pressevorführung von 100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker, einem seiner frühen Werke von 1989, verließ einer der anwesenden Redakteure empört den Saal und schrie im Foyer lauter herum als die Akteure auf der Leinwand.

Bettina Böhler zeichnet nun nach, wie diese Ablehnung in Begeisterung umschlug und der belächelte Außenseiter zum etablierten Künstler wurde. Die renommierte Cutterin, die Filme namhafter deutscher Regisseure montierte, darunter Dani Levy, Oskar Roehler und Christian Petzold, macht das, was sie am besten kann. Ihr Film ist eine stimmig arrangierte Montage aus Filmzitaten, TV-Ausschnitten und Dokumentationen von Bühneninszenierungen sowie Schlingensiefinterviews. Auf eine kommentierende Außenperspektive wird konsequent verzichtet. Das Werk erklärt sich selbst.

In den schönsten Momenten zeigt der Film die Verwurzelung des Oberhausener Apothekersohnes in einer behüteten, bürgerlichen Familie. Ausschnitte aus seinen ersten Super-8-Filmen zeigen, dass der Junge aus der Generation Golf zunächst keinen Plan hatte. Die unfreiwillige Doppelbelichtung eines väterlichen Urlaubsfilms, der geisterhaft zwei Realitäten übereinander blendete, inspirierte ihn dazu, disparate Phänomene aufeinanderprallen zu lassen. Eine Konstante dabei: Nazis, die er überall dazupackte, sogar bei seiner Züricher Hamlet-Inszenierung. Zornig war er nur darüber, dass er alles durfte und ihm niemand Einhalt gebot in seinem manischen Furor, der in der öffentlichen Aufforderung ‚Tötet Helmut Kohl!’ gipfelte. Böhlers Film macht diese Aktionen vor allem als Medieneffekte lesbar. Ein ums andre Mal warf Schlingensief einen Stein ins trübe mediale Gewässer, um das publizistische Echo als Kunst nutzbar zu machen. (…)

Mit Groucho Marx wollte Schlingensief nie Mitglied in einem Kunst- und Kulturbetrieb werden, der jemanden wie ihn als Mitglied akzeptieren würde. Und schließlich mit offenen Armen empfing. So erklomm das vermeintliche Enfant terrible schließlich den grünen Hügel Bayreuths, wo mit den Wagneropern der Inbegriff der elitären Kunst gefeiert wird. Böhlers 124-minütige Hommage ist zugleich eine Überdosis Schlingensief. Sinnlich erfahrbar wird dabei, wie die anfängliche Subversion des Aktionskünstlers sich zu einem weitgehend unanstößigen Konsens der Empörung wandelte.“ (Manfred Riepe, epd Film, 24.7.2020)

„German Traumata privat: Bettina Böhler betreibt in Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien filmische Nachlassverwaltung und arbeitet sich an dem ab, was vom Künstler Christoph Schlingensief geblieben ist. Als Sidekick immer mit von der Partie ist Deutschland. (…) Deutschland ist Faszinations- und Hassobjekt eines Künstlers, der sich der Faszination am Größenwahnsinnigen und dem, was sich nicht kontrollieren lässt, hingibt; der 16 Jahre Kohl erlebt hat und sich mehr oder minder offensiv daran abrackert, wie Demokratie aktiv gestaltet werden muss, welche Grenzen dafür im Rahmen der Kunstfreiheit überschritten werden können. Dabei tritt ein Deutschland auf, das sich in einer Schleife von Erinnern und Vergessen eingerichtet hat.

 Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien reiht sich dort ein, ist filmgewordener letzter Wille, etwas zwischen Mythosbildung und wehmütigem Abgesang. Ein Film, der immer wieder indirekt danach fragt, was dieser Künstler denn zur Jetztzeit sagen würde. Die satirischen Werke Schlingensiefs interessierte eine Überhöhung von Welt, worin sie einer Wirklichkeit viel näherkamen als genaue Rekonstruktionen. Vielleicht aber ist die Realität selbst nun so überhöht, dass es nicht mehr höher geht. Strategien müssen neu gefunden werden.“ (Anne Küper, critic.de, 18.8.2020)

„Das Schweigen bezeichnet das Verdrängte, die Scham oder beides. Die Scham über die Nachgeschichte des Nationalsozialismus zum Beispiel, ohne die Schlingensiefs erste Schaffensperiode nicht zu verstehen ist. ‚Mich interessiert das Dritte Reich genauso wie jeder Größenwahn von Menschen, etwas zu vertreiben, Leute anzustecken, dabei Verbrechen zu begehen und nachher tritt die Katastrophe ein und die Ereignisse fließen. Wenn man nämlich nicht mehr kontrollieren kann, wenn man einfach nicht mehr weiß, wie man das jetzt noch irgendwie hinkriegt, dann ist es für mich sinnvoll, und deshalb fasziniert mich das als Vorlage, weil ich es nicht begreife’, sagte Christoph Schlingensief. Das Nicht-Begreifen ist ein kräftiger Impuls, Kunst zu produzieren – das Alles-schon-wissen tut ihr selten gut. Aber bei einem Dokumentarfilm, der auch eine Rolle in der Weitergabe spielt, wäre es wichtig, es könnten mehr Leute mehr verstehen. Auch Jüngere und Nicht-Deutsche zum Beispiel. (…) Seltsam: Seine Themen wie Inklusion von Menschen mit Behinderung, Rassismus und Antisemitismus sind seit seinem Tod zu kunstübergreifenden Debatten gewachsen. Doch der Film interessiert sich nicht dafür. Es ist dennoch wunderbar, Schlingensief zuzuhören. Was ihn, der 1993 vom Film zum Theater wechselte, an der Bühne interessierte:

‚Ich sehe eine große Chance im Theater, dass es in der Lage ist, Dinge zusammenzubringen und Gedanken zu denken, die man draußen auf der Rolltreppe im Kaufhof schon lange nicht mehr denken darf, weil man dann festgenommen wird. Auf der Bühne darf ich das.’

Doch Kunstfreiheit heißt heute, zehn Jahre nach seinem Tod, etwas anderes. In den hitzigen Debatten unserer Tage geht es darum, ob Kunst mehrdeutig und somit allenfalls verbal verletzen darf. Oder ob sie ein Safe Space sein soll, ein Schutzraum für Marginalisierte. Es wäre spannend, Schlingensief auch im Licht gegenwärtiger Debatten zu sehen.“ (Tobi Müller, Deutschlandfunk Kultur, 17.8.2020)

Frederik Lang (16.11.2020