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19:00 Uhr

Kokon

Europäisches Filmfestival 2022|Regie: Leonie Krippendorff, 2020, Farbe, 99 min, Deutschland

  • Goethe-Institut Peru, Lima 15072

  • Sprache Alemán con subtítulos en español
  • Preis Acceso libre, capacidad limitada
  • Teil der Reihe: Europäisches Filmfestival 2022

Kokon Foto: Jost Hering Filme / Martin Neumeyer

Kokon © Jost Hering Filme / Martin Neumeyer http://???


Im heißen Kreuzberger Sommer schlüpft die 14jährige Nora aus ihrem Kokon, wie ein bezaubernder Schmetterling: Ein mit feinem Gespür für Straßenrealität und Zwischentönen erzählter Coming-of-Age- und Coming-Out-Film zugleich, denn mit der körperlichen Verwandlung und dem sexuellen Erwachen wird Nora auch klar, dass sie eher auf Mädchen steht, als auf Jungs.

Es ist Sommer in Berlin-Kreuzberg und es ist heiß! Im Schlepptau ihrer älteren Schwester Jule zieht Nora als stille Beobachterin ums Kottbusser Tor, ins Freibad, aufs Hausdach, auf Partys. Sie ist ein Schmetterling in Wartestellung im Kokon, nicht mehr ganz Raupe – wie sie Nora auch in einer Kiste hält – aber auch noch nicht aus ihrer Hülle befreit. Als sie im Sportunterricht ihre erste Menstruationsblutung bemerkt und voller Panik auf die Toilette flieht, begegnet ihr in der etwas älteren und tougheren Romy der rettende Engel. Romy wäscht ihr nicht nur pragmatisch die Hose aus und bietet ihr gegen die Krämpfe einen Joint an, sondern weckt in Nora auch eine völlig neue Gefühlswelt, gegenüber ihrer verstockten Sexualkundelehrerin vorsichtig in die Worte verpackt, dass sie Mädchen eigentlich schöner findet als Jungs. Mit beinahe dokumentarisch wirkenden Aufnahmen, präziser Alltagssprache und einem genauem Blick für die gezeigten Lebensrealitäten und Altersfragen, erzählt Regisseurin Leonie Krippendorff eine zärtliche-romantische Coming-of-Age- und Coming-Out-Geschichte zugleich; und am Ende fliegt der Schmetterling. Pressestimmen: „Ohne über ihre Figuren zu urteilen, zeigt Krippendorf den Druck, denen die junge Mädchen ausgesetzt sind: den ständigen Terror um das Körpergewicht, den Dazugehörigkeits-Stress, die zur Schau gestellte Toughness, die sozialen Codes. ‚Mach mir keine Schande, ok?’, weist Jule ihre kleine Schwester mehrfach an, während die Jungs in regelrechte Panik verfallen, irgendetwas an ihnen könnte ‚schwul’ sein. Nora, die hinter ihrer Passivität etwas Zerbrechliches durchscheinen lässt, sieht dem Treiben der anderen zu, ohne darin richtig Platz zu finden, trotzdem ist sie überall dabei, im Prinzenbad, beim Fingerkloppen im Café Kotti, mit Jule und Aylin auf dem Balkon, von wo aus sich der Blick teilt: nach unten auf den von der U-Bahn-Trasse durchschnittenen Platz, nach oben in die Weite des Himmels. Krippendorf scheut sich nicht vor eindeutig lesbaren Symbolen, etwa wenn sie Noras Ich-Findung mit dem Verwandlungsprozess ihrer Raupen parallelisiert, die sie im schwesterlich geteilten Zimmer als Haustiere hält. Der Film ist darin ähnlich direkt und offensiv wie die ‚sprechenden’ T-Shirts seiner Protagonistinnen: ‚Dream’ und ‚Muse’ ist auf Jules Tops zu lesen. Ganz anders die Botschaften, mit denen Romy (Jella Haase) sich der Welt mitteilt: ‚Resist the Devil’. Oder: ‚Raise Boys and Girls the Same Way’. Romy ist das Mädchen aus Jules Parallelklasse, schon etwas älter, reifer und von den normativen Körperbildern emanzipiert. Sie ist es, die Nora in der Schule ‚schwesterlich’ die blutbefleckte Hose auswäscht, während Jule sich peinlich berührt abwendet. Nora verliebt sich haltlos in das Mädchen, das einen scheinbar so selbstverständlichen Umgang mit den natürlichen Vorgängen des Körpers hat, mit ihrem eigenen Begehren, mit sich und der Welt. Mit Nora wirft sich der Film in die Verliebtheit hinein, wird selber etwas trunken, wenn die beiden Mädchen zusammen im See baden und sich im Gras lieben. Krippendorf überhöht Romy jedoch nicht zur Schlüsselfigur im Leben der Vierzehnjährigen, letztendlich muss sich Nora selbst ‚initiieren’. Romy wiederum bleibt ebenso ambivalent wie die anderen Figuren: die alkoholsüchtige Mutter, die bei aller Vernachlässigung ihrer Verantwortung durchaus etwas von Mutterliebe versteht, oder Jule, die hinter einer souveränen Fassade eine fast schon verzweifelte Sehnsucht nach einer intakten Familie versteckt. Kokon ist die Geschichte eines vielseitigen und komplexen Erwachens, das Entdecken des lesbischen Begehrens ist ein Teil unter vielen. Neben der körperlichen Transformation, die Krippendorf ganz konkret erzählt – wie bändigt man das eigene Blut und wie sind überhaupt Tampons zu benutzen? –, gehören vor allem der Umgang mit der Flüchtigkeit allen Lebens dazu.“ (Esther Buss, sissymag.de 14.8.2020) „Dass in Filmen Blut fließt, ist nicht ungewöhnlich. Aber Menstruationsblut? (…) Wir befinden uns in Berlin-Kreuzberg. Die Regisseurin Leonie Krippendorff treffen wir eben dort, im Café Kotti am Neuen Kreuzberger Zentrum, dem 70er-Jahre-Sozialbau, der sich über die Adalbertstraße spannt, einem ihrer Drehorte. Es ist heiß, genau wie im Sommer 2018, in dem der Film spielt. Leonie Krippendorff trägt ein Sommerkleid und Flip Flops, und wir trinken Kaffee, den der freundliche Kellner mit Eiswürfeln heruntergekühlt hat. Die Szene mit dem Blut sei ihr wichtig gewesen, erzählt sie. ‚Es war die erste Szene, die ich im Kopf hatte.’ Und sie macht Kokon womöglich zum ersten Spielfilm, der diese Sorte Blut so explizit zeigt. Erstaunlich eigentlich, denn es ist ja allmonatlich, jedenfalls für die Hälfte der Menschheit. Und trotzdem ein Tabu, nicht nur für Jugendliche. ‚Man fragt nicht so offen nach einem Tampon, wie man nach einem Taschentuch fragen würde.’ (…) Sie sei schlecht in der Schule gewesen, erzählt sie, habe eine Fotografieausbildung gemacht, und sich dann an der Filmhochschule Babelsberg beworben. Aus einer Laune heraus, wie sie sagt. Mit einem Film über eine ungewollte Schwangerschaft, der binnen einer einzigen Woche entstand. ‚Es war das erste Mal, dass ich mich für etwas so richtig begeistern konnte’, sagt sie. ‚Ich war so stolz auf diesen Film.’ Es hat sofort geklappt. Viele Frauen, die Regie studieren, verschwinden später einfach. Sie üben den Beruf nicht aus, machen nie einen Film. Mehr als 80 Prozent der 580 im Bundesverband Regie registrierten Regisseure sind Männer, obwohl fast ebenso viele Frauen wie Männer im Fach Regie an den Filmhochschulen einen Abschluss machen. Leonie Krippendorff ist nicht verschwunden, sie arbeitet sogar schon am Drehbuch für einen neuen Film. Er soll in Portugal spielen. Sie könnte jetzt auftrumpfen, stattdessen ist sie bescheiden. ‚Ich bin in der Arthouse-Welt. Da sind die Quoten etwas gerechter als bei Produktionen, bei denen viel Geld im Spiel ist.’ Aber auch dort hat sie ihren eigenen Weg finden müssen, in einer Welt, in der es für Frauen an Vorbildern fehlt. Einen Weg, der nichts mit Dominanz zu tun hat. ‚Es hat mir lange Druck gemacht, dass ich dachte: Wenn ich Regie führen will, muss ich anders sein, als ich bin. Es hat gedauert, bis ich akzeptiert habe, dass Weichheit okay ist.’“ (Susanne Lenz, Berliner Zeitung, 12.8.2020) Frederik Lang (16.11.2020)