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Hans Otte, 14. Dezember 1982
Piano Man

Hans Otte
© Silvia Otte

Der in Paris lebende Komponist Tom Johnson berichtete im Dezember 1982 unter der Überschrift "Piano Man" für die New Yorker Village Voice von der Uraufführung des Buchs der Klänge. […] In präzisen Worten entfaltet Johnson hier ein tiefenscharfes Werkpanorama und bringt uns Ottes klangliche Poetik näher.

Von Tom Johnson, Übersetzung aus dem Amerikanischen von Ingo Ahmels

Sehr lebhaft sind mir noch das Mauricio-Kagel-Programm und die Premiere des Cage-Werkes für fünf Orchester in Erinnerung, die ich im letzten Herbst während des Festivals in Metz gehört hatte. In der Hoffnung auf ähnliche Ausbeute besuchte ich also abermals die in der kleinen französischen Stadt durchgeführten "Rencontres Internationales de Musique Contemporaine". Wieder gab es etwa zehn Konzerte an vier Tagen, erneut füllten sich die Säle mit den Neue-Musik-Profis und -Fans aus ganz Frankreich und Westdeutschland, wieder ging die Hälfte der Aktivitäten an mir vorbei, und wieder verließ ich diesen Ort mit einer ganz besonderen Erfahrung, von der ich weiß, daß sie mich noch lange begleiten wird - der Klavierabend mit dem Komponisten Hans Otte.

Otte, ein Mann in seinen Fünfzigern, Schüler von Gieseking und Hindemith, hatte es schon früh in seiner Karriere zu Anerkennung als Pianist und Komponist gebracht und im Jahre 1959 die Leitung der Musikabteilung Radio Bremens übernommen. Heute scheint er dieser Funktion wegen eher bekannt zu sein als für sein künstlerisches Werk, was damit zusammenhängen mag, daß er kaum Zeit hatte, sich auf die Komponistenkarriere zu konzentrieren. Sein kreatives Arbeitsfeld reicht weit - von eher konventionellen atonalen Stücken über Klang/Licht-Environments bis hin zu Videoproduktionen, weswegen es Hörern schwerfällt, ihn in eine bestimmte Schublade zu stecken. Leute, die eine gewisse Zeitlang präsent gewesen sind, laufen stets Gefahr, ignoriert und abgehakt zu werden. Das trifft wohl in Europa noch stärker zu als in Amerika, denn ich registrierte, daß einige Gäste, die andere Festivalkonzerte enthusiastisch verfolgt hatten, sich nicht gemüßigt fühlten, beim Otte-Abend zu erscheinen. Ich wußte nicht, was ich nun davon halten sollte und habe ohnehin eine Abneigung gegen Schubladendenken, ging hin und erlebte prompt das wahrscheinlich gedankentiefste, bestvorgetragene und inspirierendste Konzert des gesamten Festivals.

Das Buch der Klänge besteht aus zwölf Stücken und dauerte in dieser Aufführung ungefähr achtzig Minuten. Man könnte das Werk vom Stil her als minimalistisch bezeichnen, da jedes Stück von einfacher, durchgängiger Struktur ist und ohne Steigerung bzw. Entwicklung im traditionellen Sinne auskommt. Es gibt wenige exakte Wiederholungen, dafür überwiegen die Konzentration auf Harmonik und ein gesundes Verhältnis zur Tradition. Da sich die Texturen stufenweise von einem Notationsblock zum nächsten bewegen, liegt die Musik klanglich manchmal näher an Chopin als an Steve Reich. Sahen sich die amerikanischen Minimalisten als Innovatoren und mieden Bezüge zur Vergangenheit strikt, so ist Otte ein Synthetiker, der auf höchst intelligente und einfühlsame Weise alte und neue Ideen zusammenbringt.

Otte begann sein Buch der Klänge im Jahre 1979 und schloß es erst in diesem Jahr [1982] ab. Offenbar hat es ihn sehr lange beschäftigt. Er trug das Stück großenteils auswendig vor und wirkte dabei stets heiter, beständig und sicher. Es klang, als ob er diese Stücke schon jahrelang gespielt hätte, was natürlich stimmte. Aber auch die Musik selbst schien von heiterer Gelassenheit und genau zu wissen, was sie sagen wollte. In allen Details, selbst bei dynamischen Feinschattierungen, subtilen Harmonieverschiebungen und bei der Plazierung kontrastierender Elemente hatte ich stets das deutliche Gefühl, daß der Komponist vor endgültigen Entscheidungen zahllose Alternativen ausprobiert haben mußte.

"Die Komposition ist all denen gewidmet, die nahe an den Klängen sein möchten, so daß sie auf der Suche nach dem Klang der Klänge, dem Geheimnis des Lebens, ihre eigene Resonanz freilegen können" - meine englische Übersetzung ist zugegebenermaßen unbeholfen, aber die Richtung stimmt wohl. Das Stück erkundet Möglichkeiten des Klanges auf einer vergleichsweise tiefen Ebene, und beim Zuhören merkte ich, daß ich dermaßen intensiv in Kontakt zu "Klang" kam, wie ich es zuvor nicht erlebt hatte.

Nicht, daß der Komponist neuartige Klangfarben für das Klavier erkundet hätte; nahezu die gesamte Musik spielt sich im oberen Mittelregister ab, und auch die Texturen selbst bleiben recht konventionell. Vier der Stücke (3, 4, 8, 12) bestehen bloß aus Akkordfolgen, drei (2, 7, 9) folgen einfachen Arpeggio-Mustern, vier (1, 5, 10, 11) wiegen zwischen zwei Sonoritäten hin und her, und eines (6) ist eine Art Ein-Finger-Melodie. Dennoch wohnt der gesamten Musik eine Frische inne, was gewiß mit unüblichen harmonischen und formalen Abläufen innerhalb einzelner Stücke als auch mit Wechselbeziehungen zwischen den Sätzen zu tun hat. Wenn der Komponist einen neuen Abschnitt begann, hatte ich häufig das Gefühl, wieder in Tempo, Register oder den harmonischen Bereich eines der vorherigen Stücke einzutauchen. Das Buch der Klänge ist sicher nicht sehr rigide strukturiert, aber es gibt genügend Bindeglieder zwischen den Sätzen - es scheint gerade so, als ob jeder dem nächsten von sich erzählt hätte...

Bestimmte Ereignisse innerhalb einzelner Sätze klingen bisweilen sehr ungewöhnlich und effektvoll. Das recht flotte Tempo des ersten Satzes beispielsweise wird abrupt von Abschnitten unterbrochen, die langsam sind. Das zweite Stück unterbricht sich selbst mit einer kleinen Kadenz, so wie man sie manchmal in Bachs Präludien findet, aber in diesem Zusammenhang wohl kaum erwartet hätte. Im fünften Stück werden der ansonsten weichen Textur hin und wieder Akzente aufgesetzt. Die modalen Harmonien im achten Stück kippen zeitweise in eine seltsame Chromatik um. Das Dahinströmen beider Stücke wird an einem bestimmten Punkt plötzlich von sechs langsamen Akkorden abgebrochen. Das zwölfte Stück bewegt sich im oberen Register, bis plötzlich vier weiche Baßtöne eindringen, die nicht von dieser Welt scheinen.

Ich konnte mir jetzt kaum noch vorstellen, daß es in den frühen Siebzigern so aussah, als ob das gute alte Klavier am Ende sei, nach Jahren, in denen das arme Instrument mit Flaschen und Holzhämmern malträtiert, Mikrophonen aller Art verstärkt und mit Hilfe von Zerkloppt-das-Instrument-Stücken weggetrauert wurde – es war damals wirklich schwierig geworden, den guten alten Chopin-Sound noch ernst zu nehmen, was selbst für die populäre Musik galt, in der elektrische Keyboards nahezu vollständig die Rolle des Konzertflügels übernommen hatten. Mittlerweile [1982] kann man wieder mit einer gewissen Regelmäßigkeit akustisches Klavier vernehmen, sogar auf Mittelwellesendern. Im Bereich der experimentellen Musik scheint das Soloklavier z. Zt. sogar ausgesprochen gut zu fahren.

Zwei meiner absoluten Lieblingsstücke der letzten Jahre sind Frederic Rzewskis The People United und William Duckworths Time Curve Preludes, beides umfänglichere Werke für Klavier solo. Dieser kleinen Liste werde ich jetzt Ottes Buch der Klänge hinzufügen. Es gibt heutzutage durchaus einige recht spannende Bereiche wie Computer-Musik, Orchersterwerke, Opern, Streichquartette, Klanginstallationen, Solostimme; aber mir kommen keine drei neueren Stücke dieser Genres in den Sinn, die mich so stark berührt hätten wie eben diese drei Klavierwerke. Chopins Instrument ist lebendig, frisch und kreativ wie eh und je - genau wie Hans Otte.

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