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Die Kunst des Joseph Beuys
Die Gesellschaft wie eine Plastik formen

Joseph Beuys ging an Grenzen – wie hier 1972 beim Protest gegen die eigene Kunsthochschule – und beeinflusste damit die Künstler*innengenerationen nach ihm.
Joseph Beuys ging an Grenzen – wie hier 1972 beim Protest gegen die eigene Kunsthochschule – und beeinflusste damit die Künstler*innengenerationen nach ihm. | Foto (Detail): © picture alliance/dpa/Bernd Müller

Joseph Beuys war Zeichner, Bildhauer, Aktions- und Installationskünstler, Lehrer, Politiker, und Aktivist – und einer der bedeutendsten Künstler*innen des 20. Jahrhunderts. Wie seine Kunst bis heute nachwirkt.

Von Petra Schönhöfer

Er ging an Grenzen, die manchmal wehtaten. Wehtun sollten. Und auch wer noch nie ein Werk von Joseph Beuys gese­hen hat, kennt wahrscheinlich seinen viel­zi­tier­ten aber oft miss­ver­stan­de­nen Satz: „Jeder Mensch ist ein Künst­ler.“ Er wollte damit mitnichten sagen, dass jeder Mensch Maler*in, Archi­tekt*in oder Kompo­nist*in sei. Sondern, dass jede mensch­li­che Tätig­keit den Anspruch der Kunst innehaben kann. Mit dieser Ansicht hat Beuys Wesen, Materialität, Grenzen und Aufgaben der Kunst bis heute grundlegend verändert.  
 
Joseph Beuys galt als äußerst charismatischer Mensch. Mit seiner Auskunftsfreude gegenüber den Medien und der Schonungslosigkeit, mit der er sich in seinen Kunstaktionen bis zum gesundheitlichen Raubbau präsentierte, übte er großen Einfluss auf junge Künstler*innen aus. Die Liste seiner Schüler*innen aus seiner Zeit als Professor der Kunstakademie Düsseldorf liest sich wie das Who is Who der frühen Kunstszene der BRD: Imi (Klaus Wolf) Knoebel, Imi (Rainer) Giese, Blinky Palermo, Norbert Tadeusz, Anatol Herzfeld, Bazon Brock, Chris Reinecke, Katharina Sievering, Erinna König, Reiner Ruthenbeck, Johannes Stüttgen – sie alle versammelten sich bei Beuys im Klassenraum 19 des Lehrstuhls für monumentale Bildhauerei. Zu den international bekanntesten Beuys-Schüler*innen zählt bis heute Jörg Immendorff. Der 2007 verstorbene Maler, Bildhauer und Kunstprofessor besuchte ab 1964 die Klasse von Beuys. Noch Jahrzehnte danach setzte sich Immen­dorff mit dem Verhält­nis zum 1986 verstor­be­nen Beuys ausein­an­der, der ihn dazu ermu­tigt hatte, in der Male­rei völlig neue Themen und Formen zu verwen­den. Joseph Beuys (rechts) in der Düsseldorfer Kunstakademie: Mit etwa 30 Studierenden besetzte er am 15. Oktober 1971 das Sekretariat, um ein Gespräch mit dem Wissenschaftsminister Johannes Rau zum umstrittenen Aufnahmeverfahren der Akademie einzufordern. Joseph Beuys (rechts) in der Düsseldorfer Kunstakademie: Mit etwa 30 Studierenden besetzte er am 15. Oktober 1971 das Sekretariat, um ein Gespräch mit dem Wissenschaftsminister Johannes Rau zum umstrittenen Aufnahmeverfahren der Akademie einzufordern. | Foto (Detail): © picture alliance / Wilhelm Leuschner

Die Gesellschaft behauen

Inhaltlich forderte Beuys eine radikale Veränderung der Gesellschaft. Wie kein anderer Künstler seiner Zeit verband er Kunst mit Gesellschaft, verknüpfte sie mit Politik, Wissenschaft, Philosophie und Wirtschaft. Ausgangspunkt war seine Theorie der Sozialen Plastik, die er unter anderem 1982 auf der documenta-Ausstellung in Kassel mit seinem sozial-ökologischen Werk 7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung umsetzte: Beuys und viele freiwillige Helfer*innen pflanzten im Verlauf von fünf Jahren 7.000 Bäume mit je einem Basaltstein an unterschiedlichen Standorten in Kassel. Das anfangs umstrittene Projekt ist heute zu einem prägenden Bestandteil des Kasseler Stadtbilds geworden. „7.000 Eichen“: Joseph Beuys’ Kunstaktion zur documenta 7 prägt bis heute das Stadtbild Kassels – ein Spaziergänger auf einer Allee aus Beuys-Bäumen dreißig Jahre später, im Jahr 2012. „7.000 Eichen“: Joseph Beuys’ Kunstaktion zur documenta 7 prägt bis heute das Stadtbild Kassels – ein Spaziergänger auf einer Allee aus Beuys-Bäumen dreißig Jahre später, im Jahr 2012. | Foto (Detail): © picture alliance / dpa / Uwe Zucchi Als Soziale Plastik bezeichnete der Künstler Aktionen, die sich nicht auf ein abgeschlossenes Werk beschränken, sondern das kreative Denken und Handeln des Menschen einschließen. Mit diesem Konzept legte er das Fundament für das heute vorherrschende Kunstverständnis. Kunst entsteht seither nicht mehr nur im Atelier, sie findet auch direkt an den gesellschaftlichen Brennpunkten statt: Mit partizipativen Ansätzen arbeiten Künstler*innen daran, die Lebenssituation von Benachteiligten zu verbessern. „Eine Gesellschaftsordnung wie eine Plastik formen, das ist meine und die Aufgabe der Kunst“, soll Beuys selbst gesagt haben. 
 
„Die Idee der Sozialen Plastik, auch wenn ich das Wort nicht mag, ist vielleicht die größte künstlerische Hinterlassenschaft von Beuys“, erläutert der Philosoph und Aktionskünstler Philipp Ruch. Er leitet das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS), einen Zusammenschluss von Aktionskünstler*innen und Kreativen, der seit 2009 mit provokanten Kunstprojekten in Deutschland für Aufsehen sorgt. „Die Aktionskünstler behauen statt Stein die Gesellschaft selbst. Ihr Material ist die politische Wirklichkeit und nicht die üblichen Materialien.“ Philipp Ruch, der Leiter des Künstler*innenkollektivs Zentrums für politische Schönheit, 2018 in Berlin. Philipp Ruch, der Leiter des Künstler*innenkollektivs Zentrums für politische Schönheit, 2018 in Berlin. | Foto (Detail): © picture alliance / ZUMAPRESS.com / Sachelle Babbar

Aufklärung durch Verstörung

So ist Beuys denn auch eine Schlüsselfigur zum Verständnis des Werks von Christoph Schlingensief. Der 2010 verstorbene deutsche Theater- und Filmregisseur, Autor und Aktionskünstler hat aus seiner Verehrung für Beuys kein Geheimnis gemacht. Die Anlehnung an Beuys zeigt sich deutlich in Schlingensiefs gesellschaftskritischen Werken, wie etwa in Ausländer raus! Schlingensiefs Container, einem Kunst- und Filmprojekt anlässlich der Wiener Festwochen 2000. Das Konzept der Aktion orientierte sich an der TV-Show Big Brother: In einem Container versammelte Asylbewerber*innen wurden durch tägliche öffentliche Abstimmungen aus dem Raum herausgewählt – und damit zur Abschiebung aus Österreich freigegeben. Christoph Schlingensief vor seinem Container während der Wiener Festwochen 2000: Nach dem „Big Brother“-Konzept lebten hier zwölf als „Asylbewerber“ vorgestellte Teilnehmer*innen – acht Kameras übertrugen ihr Leben live im Internet, so dass das Publikum täglich zwei Bewerber zur Abschiebung auswählen konnte. Christoph Schlingensief vor seinem Container während der Wiener Festwochen 2000: Nach dem „Big Brother“-Konzept lebten hier zwölf als „Asylbewerber“ vorgestellte Teilnehmer*innen – acht Kameras übertrugen ihr Leben live im Internet, so dass das Publikum täglich zwei Bewerber zur Abschiebung auswählen konnte. | Foto (Detail): © picture alliance / IMAGNO / Didi Sattmann Damit trieb Schlingensief die plastische Aktionskunst noch weiter als sein Idol Beuys, der zwar die Kunstszene provoziert und fundamental herausgefordert hatte, jedoch nicht im selben Maße an die gesellschaftliche Schmerzgrenze ging. „Beuys hat seinerzeit für Schlingensief die Tür zu dem aufgestoßen, was wir heute ‚die Aktion‘ nennen“, erläutert Ruch. Schlingensief wiederum sei für das ZPS das, was Beuys für Schlingensief war: „Das ZPS ist in den vergangenen 12 Jahren mit über 20 Aktionen in die Gesellschaft eingebrochen. Jede einzelne wäre undenkbar gewesen ohne Schlingensief – und damit auch ohne Beuys. Kunst muss wehtun, reizen und verstören. Schlingensief nannte das: Aufklärung durch Verstörung.“

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