Stadtgeschichten: Berlin Gesinnungspflege auf Deutsch

Berliner Mauer
Tsai Paochang

Berlin. Bei der Suche nach einem Ort zum Deutschlernen ist diese Stadt die beste Wahl — und zugleich die schlechteste.
 

Berlin. Bei der Suche nach einem Ort zum Deutschlernen ist diese Stadt die beste Wahl — und zugleich die schlechteste.
 
Hier spricht nahezu jeder Englisch — oder sagen wir fast alle Bediensteten in den Cafés, Künstlertreffs, Museen und Galerien, die ich frequentiere, sprechen Englisch. Ohnehin werden viele Berliner Cafés von Ausländern geführt und gelegentlich passiert es dir, dass dein Versuch etwas auf Deutsch zu äußern, mit perfektem und von leichtem Augenrollen begleitetem Englisch erwidert wird. Deshalb verwundert es auch nicht, dass viele Ausländer, die bereits seit mehr als einem Jahr in Berlin leben, kein Wort Deutsch sprechen.
 
Kann man ohne Englisch in Berlin überleben? Klar kann man das.
Und muss man dafür Deutsch lernen? — Die Frage ist berechtigt.
 
Berlin ist ganz und gar eine verlockende Falle. Hier kommt die Selbstbeherrschung auf den Prüfstand. Während meiner Sprachreise habe ich wahrhaft begriffen, worauf es beim Sprachenlernen ankommt, in einem Prozess, der unbedeutend — da optional — erscheinen mag, mir aber ein hohes Maß an Entschlossenheit abverlangt hat.
 
Dank des Goethe-Instituts waren mir zwei Deutschintensivkurse von je einem Monat vergönnt (Intensiv 4), in denen ich mit gleichgesinnten Mitschülern aus aller Welt gemeinsam pauken durfte. Den ersten Monat saßen Francesca aus Italien und die Norwegerin Elizabeth als treue Spießgesellen neben mir. Mit den beiden Mädels kam ich fabelhaft klar und wir führten famose Unterhaltungen, problematisch war nur, dass aus Elizabeths Mund nur Englisch kam, besonders beim kleinen Schwätzchen nach Unterrichtsschluss. Auch wenn sie im Unterricht einmal nicht weiterwusste, erbat sie umgehend Unterstützung in dieser Sprache, da Martin, der Lehrer dieser Gruppe, es mitnichten untersagt hatte. Er griff selbst gelegentlich aufs Englische zurück, um ein Wort zu erklären, das sich uns auf andere Weise einfach nicht erschließen wollte. Diesen Einflüssen ausgesetzt übernahm ich dann für unsere Plaudereien aus Bequemlichkeit unweigerlich diese kaum anzufechtende Allerweltssprache. Im Unterricht kompromisslos Deutsch, im Anschluss dann alles entspannter angehen, dachte ich mir.
 
Um es auf den Punkt zu bringen, das Englische war wie ein ansteckendes Virus, das sich auf die gesamte Klasse übertrug. Sobald nur ein einziger Mitschüler die Selbstbeherrschung verlor, kippten alle mit ihm um. Niemand möchte sich einen ganzen Monat lang vom Rest abschotten. Da ist es fürwahr die leichteste Lösung, sich auf Englisch zu verständigen. Nachdem der erste Monat vorüber war, hatte ich in Bezug auf mein deutsches Sprachgefühl zwar keine allzu großen Fortschritte gemacht, das Gemeinschaftsgefühl in der Klasse jedoch hatte sich durch die häufigen Pläusche auf Englisch gut entwickelt und ab und zu verabredeten wir uns auf ein paar Bier in der Kneipe.
 

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Auf den zweiten Kurs zurückblickend erinnere ich mich an eine gänzlich andere Atmosphäre. Lehrer Tobias hatte gleich in der ersten Stunde unmissverständlich klar gemacht, dass innerhalb des Unterrichtsraums nichts als Deutsch gesprochen werden dürfe und zudem setzte sich die Klasse aus komplett neuen Leuten zusammen. Dass schließlich das ansteckende Englischvirus auf mysteriöse Weise eingedämmt werden konnte, dieser Umstand ging auf das Konto der kämpferischen Katerina. Die in St. Petersburg geborene Russin, die die letzten fünf Jahre in Frankreich gearbeitet hatte, war eine junge und ehrgeizige Managerin für Im- und Export. Ich weiß auch nicht, wo sie ihr Selbstvertrauen und ihre Beharrlichkeit hernahm (der russische Volksgeist, von kühner Entschlossenheit geprägt, löst in mir doch einiges an Bewunderung aus), aber seit Ende der ersten Deutschstunde unterhielt sie sich mit den Klassenkameraden konsequent und ausschließlich in ihrem stark gebrochenen Deutsch. Zu Beginn war mir das noch unangenehm, weil man unser aller mündliches Sprachniveau mit Mühe wirklich nur als gerade eben akzeptabel bezeichnen konnte. Hätte man die nackte Wahrheit unserer Gespräche per Videokamera mitgeschnitten, es wäre ein erbärmlich krudes Trauerspiel von einer Dokumentation dabei herausgekommen:
 
„Gestern … isch, äh … ich … Unterricht nach … nein, nach Unterricht ich habe eine Milf gekaut, im Kino, äh … einen Film geschaut.“
„Ach ja, echt?  Ich war schwimmen.  Das war super.“
„Ich lerne Französisch … drei Jahre … Deutsch lernen ich will, brauche ich für Arbeit … sehr wichtig.“
„Ich lernen Deutsch, weil interessant und schön klingen. Mit Stipendium das machen Spaß.“
 
Ich hoffe unser scheinbar lausiger Dialog ruft beim Leser keinen Spott hervor. Dahinter steckt nämlich eine Riesenportion Durchhaltevermögen. Jawohl! Gemeint ist jenes Durchhaltevermögen, bei dem man zwei Dinge nicht darf: Sich zu schade sein, auch mal beim Anfänger um Rat zu fragen, und sich um Gesichtswahrung scheren.
 
Vor Hrvoje, einem Klassenkameraden aus Kroatien, war ich geneigt mich vor Bewunderung in den Staub zu werfen, ob seiner Versuche, deutsche Begriffe, die er keineswegs verstand, komplett auf Deutsch zu erklären. Er liebte es, sich mit mir Wortgefechte in unserer Unterrichtssprache zu liefern, bei denen meine Repliken auf Grund meines begrenzten Wortschatzes immer ziemlich kurz ausfielen, was er mir als guten Sinn für Humor hoch anrechnete. Eine von Hrvojes tagtäglichen Lieblingsbeschäftigungen war es, zum Unterrichtsschluss hin einen Satz mit meinem Namen zu bilden um ihn dann Tobias zu präsentieren. Eigentlich hatte das etwas Romantisches.
 
„Pao soll ins Gefängnis eingeschlossen werden, wenn er gut mitarbeitet.“
„Pao hat schließlich zugegeben, dass er der Täter ist.  Er hat die Scheibe des Wagens eingeschlagen und die Brieftasche und den Schatz gestohlen.“
„Die Erderwärmung verschlimmert sich, weil Pao zu viel Müll produziert.“
 
Zu beobachten, wie ich so unversehens zu einem Teil des Unterrichtsmaterials wurde, bereitete mir Vergnügen, da Tobias unsere Sätze jeden Tag aufs Neue begutachtete und in seinen Unterricht einband. Der Großteil bewegte sich inhaltlich zwar jenseits jeglicher Logik, und es gelang ihm stets, auch einige Grammatiksünden darin dingfest zu machen, gleichsam war es dann aber auch das Erfolgserlebnis des Tages, sobald wir nur einen einzigen grammatikalisch absolut korrekten Satz zu Stande brachten. Man kann sich die innig vertraute Atmosphäre kaum vorstellen, wenn dann die gesamte Klasse in lauten Jubel und Applaus ausbrach.
 
Die größte Furcht flößen in Sprachkursen meist die Mitschüler aus den USA, Australien oder England ein, also solche, die das Englischvirus am leichtesten verbreiten. Da in unserer Klasse jedoch Kroaten und Russen unerwartet stark den Ton angaben, schafften wir es, die uns im täglichen Umgang miteinander selbst auferlegte Deutschpflicht wie einen Football zu einem nahezu makellosen Touchdown bis in die Endzone zu bringen. Trotzdem, und vor allem weil unser Wortschatz derart begrenzt war, waren wir natürlich zu keinerlei allzu tiefgehender Unterhaltung imstande und als dann der letzte Unterrichtstag kam, an dem alle Snacks und Kuchen zum Feiern mitgebracht hatten, schienen wir im Moment des Abschieds dann auch ein wenig zu abrupt auseinander zu gehen. Dieses Ende hat mich etwas betrübt, denn mit einem Schlag wurde mir bewusst: Eigentlich haben wir uns gar nicht richtig kennen gelernt. Ehrlich gesagt war ich deswegen noch einige Tage lang ziemlich deprimiert. Wenn man in die Fremde zieht, um dort eine Sprache zu lernen — so frage ich mich — tut man dies, um Freundschaften zu schließen und das Leben zu erfahren, oder um sein soziales Leben zeitweilig beiseite zu legen und sich ausschließlich dem Wissenserwerb zu widmen? Nach jenen zwei Monaten habe ich auf diese Frage offen gesagt noch keine Antwort gefunden.
 
Als ich eines Tages am Ticketverkauf im Berliner Hauptbahnhof stehe, blicke ich in das leidenschaftslose Gesicht einer Schalterdame.
 
„Guten Tag, ich würde gern auf meinen EuRail-Pass einen Platz reservieren, von Berlin nach Warschau.“
„An welchem Datum?“
„Übermorgen.“
„Abfahrt um wie viel Uhr?“
„Die Frühestmögliche.“
„Geht für Sie 6:50 Uhr?“
„Das geht. “
„Für den Streckenabschnitt außerhalb Deutschlands müssen Sie allerdings hinzuzahlen. Ihr EuRail-Pass ist da ungültig. Möchten Sie das entsprechende Ticket? “
„Verzeihung?“
„Sie wollten doch nach Warschau?  Ab Frankfurt an der Oder müssten Sie ein neues Ticket kaufen. Möchten Sie das jetzt tun oder was?“
„Entschuldigung, ich verstehe das nicht ganz …“
 
Ich bemühe mich, mich auf Deutsch verständlich zu machen, während die deutschen Sätze der Schalterdame nur so dahinzufliegen scheinen und mir am Ende einige davon wirklich komplett unverständlich vorkommen. Nach meinem x-ten „Wie bitte?” werde ich zögerlich, spüre eine Hemmung. ‚Soll ich Sie auf Englisch fragen?‘   Innerhalb dieser kurzen paar Sekunden frage ich mich das einige hundert Mal.
 
„Zuzahlen?  Das heißt, dass ich ein Ticket von Frankfurt an der Oder bis Warschau kaufen muss, richtig?“
„Genau.“
 
Keine Ahnung, wo diese Willenskraft auf einmal herkommt, aber ich gebe in dem Moment nicht nach und bemühe mein gebrochenes Deutsch weiter, um mich mit der Frau auseinander zu setzen. Die Platzreservierung läuft wie geschmiert und auch das Ticket ab der deutschen Grenze erhalte ich problemlos — und alles vollständig auf Deutsch. Was die Schalterdame angeht, so hat sie selbstverständlich bloß einen asiatischen Kunden mit miserablen Deutschkenntnissen bedient. Ich selbst jedoch schwebe an diesem Tag — so wahr ich dies schreibe — wie in einem Traum voller Stolz zur Bahnhofspforte hinaus.
 
Plötzlich muss ich an meine Klassenkameraden denken, stelle mir eines nach dem anderen ihre Gesichter vor.
 
Tja, gut möglich, dass ihr alle, die ihr den Kontakt bereits abgebrochen habt, euch genau wie ich in irgendeinem Winkel dieser Stadt mit der altbewährten Hartnäckigkeit, so unnachgiebig und siegesgewiss wie eh und je, weiterhin auf Deutsch durchs Leben schlagt. In eurem Andenken mache ich mich nun also — diese uns gemeinsame Gesinnung pflegend — auf die Reise.