Stadtgeschichten: Berlin Halbzeit

Baum auf der Straße in Berlin
Tsai Paochang

Während ich am Abend vor meiner Abreise aus Berlin beim Warten auf die U-Bahn auf dem Bahnsteig auf- und ablaufe, nehme ich beiläufig ein Werbeplakat wahr. Ich nehme den Text auf, nicke mit dem Kopf und erst da wird mir schlagartig klar, dass ich – komplett unerwartet – jedes einzelne Wort verstanden habe.

Meine Liaison mit dem Deutschen geht wohl als eine durch, die nicht bloß oberflächlich ist: Der erste Ausländer, mit dem ich mich anfreundete, war Jörg aus Karlsruhe und meine erste Wahl für eine zweite Fremdsprache fiel auf das Deutsche. Es mag viele erstaunen, doch ich finde ganz ehrlich, dass Deutsch ungemein schön klingt. Zudem ist es ein großes Glück, in mein Alter zu kommen und die seltene Gelegenheit zu erhalten, ganz ohne Leistungsdruck einem Lernprojekt nachzugehen, das einem persönlich am Herzen liegt.
 
Ich erinnere mich noch an eine Deutschstunde, in der wir über „das deutsche Wort, dass bei mir den stärksten Eindruck hinterlassen hat“, sprachen. Für einen war es der „Schmetterling“, weil er so schwer auszusprechen ist; für eine andere war es „lecker“, weil sie es einmal einen Tag lang ununterbrochen in der Mensa aufgeschnappt hatte. Und ich? — mir hatte es ein anderes Wort besonders angetan: „die Hochzeit“.
 
Im Deutschen werden viele Wörter durch Zusammensetzung gebildet. Das „Abendessen“ setzt sich z. B. aus den Wörtern „Abend“ und „Essen“ zusammen. In Anbetracht dieses Umstands sagen viele scherzhaft, dass deutsche Worte auf unendliche Länge anwachsen können. Warum mich nun gerade das Wort „Hochzeit“ so beeindruckt hat? Weil es aus „hoch“ und „Zeit“ gebildet wird. Im Verständnis eines ausländischen Studenten, der nie Linguistik studiert hat, begreift es sich im ersten Augenblick etwa so: „Aha, für die Deutschen ist die ‚Hochzeit‘ also ein ungeheuer erhabener Abschnitt im Leben.“ (Selbstverständlich gibt diese Erklärung bloß mein eigenes Wunschdenken wieder, aber sind es nicht ohnehin die eigenen Eselsbrücken, die man bei jedem Sprachlernprozess nach und nach entwickelt, und die einem ein Verständnis für das Volk verschaffen, das die Sprache spricht?) Eigentlich wunderschön, sich vorzustellen, wie das Deutsche die Hochzeit als Höhepunkt im Auf und Ab des Lebens definiert.
 
Diese Vokabel hätten wir also abgehakt. Sie ist nun fest im Kopf eingebrannt.
 

Denkmal für die ermordeten Juden Europas Tsai Paochang

Während des Theatertreffens, das jedes Jahr im Mai in Berlin stattfindet, habe ich eine Menge deutscher Theaterstücke sehen können. Dabei ist mir ist aufgefallen, dass im Vergleich zu den mir vertrauteren englischsprachigen Stücken in jenen auf Deutsch häufiger lange denkerische Monologe, philosophische Folgerungen und Erörterungen vorkamen. Ein wenig Fantasie reicht aus, um sich vorzustellen, wie jemand wie ich, der in Hinblick auf sprachliche Fähigkeiten unverändert in einer unterlegenen Position verweilt, trotz der Übertitelungen bei besuchten Aufführungen noch zu kämpfen hat. Nehme ich meine vergangenen Eindrücke als Zuschauer zur Grundlage, so erscheint das Verhältnis zwischen visueller Ebene und körperlichem Ausdruck auf der einen Seite, und andererseits dem Sprachlichen beim komerziellen angloamerikanischen Theater ausgewogener als beim deutschen (— will sagen dass, basierend auf meinen oberflächlichen Beobachtungen, das deutsche Theater der Sprache eine recht große Bedeutung beimisst). Als ich diese diffuse Erkenntnis einmal mit meinem deutschen Freund Thor teilte, entgegnete er mir in der Verkörperung eines sachkundigen Schauspielers halb im Scherz: „Nun, das ist absolut auf den Charakter des Deutschen und seiner Sprecher zurückzuführen.“ Man sollte zwar kein Volk unter Verwendung von Stereotypen porträtieren oder diskutieren, doch den Gedanken, den Thor da anklingen ließ, finde ich spannend —
 
Er meint: „Wir (Deutschen) brauchen in allen Dingen eine Erklärung. Wir hoffen stets auf eine und sind zufrieden, wenn wir sie dann auch hören.
 
Wenn z. B. heute auf der Bühne das Bild einer Rose auf der Projektionsleinwand erscheinen würde, die dann langsam verblasst und verschwindet. Ein normales Publikum wird sie möglicherweise bloß als bedeutungslosen Schatten wahrnehmen, oder als eine Art ‚poetische‘ Empfindung. Nicht so wir Deutsche, die wir jemanden brauchen, der auftritt und verbalisiert: «Warum eine Rose? Warum zu diesem Zeitpunkt? Warum verschwindet sie wieder? Was bedeutet diese Einblendung?» Das alles müssen wir in Erfahrung bringen.“
 
Natürlich ist mir klar, dass es unter den Deutschen auch einen Haufen Romantiker und Poeten gibt, die nicht auf detailgenaue Erläuterungen bestehen, allerdings ist mir unter dem Eindruck von Thors stereotypen Charakterisierungen bis zu einem gewissen Grad doch ein Licht aufgegangen.
 
„In gewissem Sinne sind wir ein rationales Volk, das alles vielleicht eher mit vernunftbasierten Methoden begreifen lernt. Um noch ein Beispiel zu bringen – der ‚Schmetterling‘ heißt ja auf Englisch ‚Butterfly‘, nicht wahr? Deutsche stehen bei diesen Wortstämmen vor einem Rätsel. ‚Butter‘ plus ‚Fliege‘? ‚fliegende Butter‘?! Das erscheint nun wirklich mal unergründlich, und etwas so filigran Schönes wie den Schmetterling mit einer Fliege zu assoziieren ist doch schon sehr seltsam.“
 
Plötzlich kommt mir wieder jene Deutschstunde in den Sinn, in der der eine Mitschüler „Schmetterling“ als sein deutsches Lieblingswort vorstellte.
 
Thor meinte, das Wort setze sich aus „schmetter-“ und der Endung „-ling“ zusammen. Der erste Teil komme wohl vom Verb „schmettern“, was zum einen einen kraftvollen Wurf auf eine Fläche mit daraus resultierendem Knall oder Geschepper, zum anderen aber auch das Erzeugen eines Fanfarenstoßes o. ä. bedeuten könne, und „-ling“, das bezeichne irgendetwas, was sich durch eine bestimmte Eigenschaft definiert und meist von geringen Ausmaßen ist, oft eine Pflanze, ein Pilz oder etwas aus der Tierwelt. Wenn er dieses Wort vernimmt, versteht ein Deutscher also sogleich, dass es sich um ein kleines Lebewesen handelt, das abrupt klingende Töne von sich gibt. Was meinen Sie, verehrter Leser — Geht es etwa noch konkreter? Unterscheidet sich der Blickwinkel der Deutschen beim Kunstgenuss vielleicht so von unserem, weil ihre Sprache sich — anders als unser (obskures und diffuses) Chinesisch, mit dem eher Stimmungen und Nachrichten ausgelotet werden — derart gut für Erklärungen und Beschreibungen eignet?
 
Ich bin mir nicht sicher, ob Thors Ausführungen nur ein ironisches Selbstverständnis der Deutschen wiedergeben, oder ob alles wirklich so gemeint war. Aber wie es sich auch verhält – die Diskussion darüber hat meine Neugier auf diese Sprache nur noch verstärkt. Ich sage mir immer: Der allerbeste Weg, ein Volk verstehen zu lernen, führt über die Sprache. Wenn man die Entstehungsgründe für die Eigenheiten einer Sprache oder ihre inhärente Logik erkennt, dann fühlt sich das an, als ob man den Menschen, die sie sprechen, auf einer tieferen Ebene näher kommt.
 
Zum Antritt meiner Rückreise nach Taiwan beim Check-in in Berlin stelle ich zu meiner Verwunderung fest, dass ich Übergepäck habe. Ich, der ich eigentlich ein Verfechter des leichten Reisens bin, komme nun ganz schön in Erklärungsnot. Doch es ist nun einmal so: Ich kann mich von meiner umfangreichen Materialsammlung — dieser fetten Schwarte von Deutschbuch, dem Ordner mit Notizen und Arbeitsblättern sowie zwei Autobiographien — beim besten Willen nicht trennen. Meine Zeit des Deutschstudiums am Goethe-Institut hat sich als eine meiner bislang ausgefallensten Lebenserfahrungen herausgestellt und ich hege die Hoffnung, dass auf diesem von mir eingeschlagenen Weg jetzt erst einmal nur eine Halbzeitpause eingesetzt hat.
 
Ich erkenne mittlerweile viel Wert darin, von einer derart schönen Sprache vereinnahmt zu sein und sie eingehend und ausgiebig zu studieren.
Danke. Danke. Danke. 
 
Die U-Bahn Werbung Tsai Paochang