Mozart's neuer Klang Sabine Meyer und die Bassettklarinette

(Ausschinitt) In Musikerkreisen steht die deutsche Klarinettistin Sabine Meyer, die seit 1983 Furore macht, immer schon im Zentrum der Aufmerksamkeit.
©Thomas Rabsch & EMI Classics

Erfolgsgeschichte einer großen Meisterin

Spricht man von den besten Klarinettenspielern der Gegenwart, kommt einem gleich — und das wohl ohne Alternative — Sabine Meyer in den Sinn. Ihre Karriere begann im Jahr 1989, als der deutsche Meisterdirigent Herbert von Karajan sich voller Bewunderung für ihr Spiel darum bemühte, sie in die Berliner Philharmoniker aufzunehmen — eine Entscheidung, die von den Mitgliedern mit überwältigender Mehrheit abgelehnt wurde, was eine Fehde zwischen Dirigent und Orchester zur Folge hatte, die öffentlich ausgetragen wurde. Sie endete erst, als Meyer auf eigene Initiative ausschied und sich selbst so zu großer Anerkennung verhalf.

Die Meyer-Biografie „Weltstar mit Herz“, deren chinesische Ausgabe im letzten Jahr erschienen ist, legt ihre Ansichten zur damals brodelnden Gerüchteküche offen. Für eine junge Frau in ihren 20ern, die zum damaligen Zeitpunkt gerade erst ihren Abschluss an der Musikhochschule gemacht hatte, war es eigentlich ein Unding, die Berufung durch einen so renommierten Orchesterleiter abzulehnen. Unter Karajans autokratischem Führungsstil hatte es im Vorfeld bereits Reibereien mit den Musikern gegeben. Die „Causa Meyer“ war lediglich der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.

Wenn sie heute auf jene verpasste Gelegenheit zurückblickt, bewertet sie den Ausgang als nicht unbedingt schlecht. Nicht nur dass ihr Dilemma ihr zu größerer Bekanntheit verhalf, sondern sie konnte während einer stattdessen angetretenen Welttournee auch auf der Bühne unter Beweis stellen, dass der Maestro in Hinblick auf sie ein durchaus gutes Urteilsvermögen gehabt hatte. Bei bravourösen Auftritten, die unvergessliche Eindrücke beim Publikum hinterließen, konnte sie auch musikalische Passagen mit sehr hohem Schwierigkeitsgrad technisch einwandfrei abliefern und beflügelte die Fantasie von Menschen, die mit der Klangfarbe der Klarinette bis dahin nicht so vertraut gewesen waren.
 

(Ausschinitt) Die Musikerin befindet sich in einem ununterbrochenen Lernprozess. Selbst wenn die Allgemeinheit sich mit den klassischen Werken vertaut wähnt, so lassen sich darin durch kritische Inaugenscheinnahme doch die Ursprungsgedanken der großen Meister extrahieren, und damit auch eine u. U. völlig neue Qualität. ©Thomas Rabsch & EMI Classics
Das vergessene Instrument

Aus musikhistorischem Blickwinkel betrachtet ist jedoch ein weit größerer Beitrag Meyers die Erforschung und Förderung des Bassetthorns und der Bassettklarinette, zweier Instrumente also, deren Tradition seit mehr als zweihundert Jahren im Verborgenen geschlummert hatte, und mit denen sie Mozarts Klarinettenstücke so reproduzierte, wie sie zu seiner Zeit geklungen haben müssen.

Im 18. Jahrhundert, als Musikinstrumente noch nicht ihre endgültige Form hatten, war die Bassettklarinette ein Entwicklungszweig der Holzblasinstrumente. Verglichen mit der heutigen Klarinette lag ihr Ambitus noch drei Ganztöne tiefer und insgesamt hatte das Instrument eine längere Form. Seinerzeit war ein Freund Mozarts, der Österreicher Anton Stadler, der berühmteste Spieler. Zwei der bekannteren Klarinettenstücke des Komponisten — „Klarinettenquintett in A-Dur“ und „Klarinettenkonzert in A-Dur“ — sind ursprünglich genau für dieses Instrument geschrieben worden.

Gleichzeitig existieren jedoch weitere Stücke Mozarts für Blas- und Streichorchester, die unter das Stichwort „Holzblasinstrumente mit einfachem Blatt“ fallen und von denen eine Mehrheit auf das Bassetthorn, ein Instrument mit noch niedriger liegendem Tonumfang und einer noch spezielleren Form, zugeschnitten ist. Anders als die heutige Standardform der Klarinette hat das Bassetthorn ein gebogenes Mundstück sowie einen nach oben geschwungenen Becher am anderen Ende und ähnelt somit der heutigen Bassklarinette, die in einer ähnlichen Lage gespielt wird. Bei den zeitgenössischen Komponisten des 18. und 19. Jahrhunderts erfreute es sich großer Beliebtheit, und neben Mozart komponierten noch Mendelssohn und Dvořák entsprechende Werke.
 
Rückbesinnung auf den ursprünglichen Stil jener Epoche

Wenngleich die meisten Interpreten heute die moderne  Klarinette zur Hand nehmen, um die genannten Mozartwerke zu spielen, gibt Sabine Meyer sich damit nicht zufrieden. Da Mozarts Originalmanuskripte abhanden gekommen sind, hat sie gemeinsam mit ihrem Mann Reiner Wehle, der selbst als Musiker tätig ist, mit kritischer, deutscher Akribie die Partituren des 18. Jahrhunderts untersucht und aus den Erkenntnissen die bei den historischen Uraufführungen an den Tag gelegte Spielweise rekonstruiert. Seither greift sie stets souverän zur Bassettklarinette, bevor sie wieder einmal auf eine Einladung hin, das Klarinettenkonzert vorzutragen, auf die Bühne tritt und mit voller Hingabe ihre Zuhörer das Klangspektrum dieses Instruments hören lässt.

Meyer ist derart determiniert, dass es für sie keinen qualitativen Unterschied mehr gibt. Sie meint: „Mozart hat ja für die Bassettklarinette komponiert, also dürfte die Wahl dieses Instruments auch im Einklang mit seinen Wünschen stehen“. Und auf Grund seines vergleichsweise tiefen Ambitus hört man bei neuzeitlichen Arrangements für Klarinette immer mindestens 100 Takte heraus, die eine Oktave zu hoch gespielt werden: „Eigentlich geht das strukturell gegen Mozarts musikalisches Gesamtkonzept“. Lediglich Darbietungen mit Bassettklarinette können die Absichten des Komponisten wirklichkeitsgetreu vermitteln und Mozarts geniale Ausarbeitung wiedergeben. Im Jahr 2013 brachte das Klarinettenkonzert Meyer dann mit Taiwans National Symphony Orchestra zu einer gemeinsamen Aufführung in Originalinstrumentierung zusammen, bei der das Publikum schließlich den Zauber des vollkommenen Bassspektrums dieser Instrumentenklasse genießen konnte.

Zuneigung und Bewunderung für Formosa

Sabine Meyer ist für Musikfans in Taiwan mit Sicherheit kein unbeschriebenes Blatt. Neben vielen ihrer Aufnahmen, die auch hier herausgekommen sind, hat sie selbst die Insel schon unzählige Male besucht. So zum Beispiel zur Aufführung eines Konzerts des US-Amerikaners Aaron Copland durch das Taipei Symphony Orchestra, bei der sie auf elegante Weise ein paar modern jazzig anmutende Klänge der Neuen Musik mit einstreute; im nächsten Jahr wird sie erneut mit dem National Symphony Orchestra zusammenarbeiten und zum 30-jährigen Bestehen der Gruppe eine Konzertaufführung nach dem deutschen Komponisten von Weber auf die Beine stellen.

Erst in diesem Oktober ist Sabine Meyer zum ersten Mal als Gastsolistin in Begleitung des Münchener Kammerorchesters nach Taiwan gekommen, um die Ohren der hiesigen Holzblasliebhaber mit Darbietungen vollständiger Konzerte für Klarinette sowie Blas- und Streichensembles zu verwöhnen. Davon abgesehen hat sie bei diesem Besuch auch erstmals mit ihrem Gatten Reiner Wehle zusammen die Bühne betreten und auf dem Bassetthorn einige der oben erwähnten Mendelssohn-Stücke präsentiert. Musikbegeisterte, die sich näher mit der um ein Haar verlorenen Tradition dieser neuerlich geborgenen Schätze von Instrumenten befassen wollten, nahmen diese Gelegenheit wahr und kosteten die wundervollen Bassklänge des neunzehnten Jahrhunderts voll aus.

Das im letzten Jahr ebenfalls auf Chinesisch erschienene Buch zeigt auch Meyers Sicht auf die Karajan-Ära. (©MUZIK International Co., Ltd.