Gespräch mit Regisseurin Jules Herrmann Ein Filmexperiment mit Vertrauen in die Intuition

Jules Hermann
Goethe-Insitut Taipei

Beim Taiwan International Queer Film Festival, das dieses Jahr zum dritten Mal stattfindet, macht ein einzigartiger deutscher Film seine Aufwartung: „Liebmann — The Strange Summer“. Regisseurin Jules Herrmann hat damit ihren ersten Spielfilm abgeliefert, der gerade erst Anfang des Jahres bei der Berlinale als Teil der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ sein Debut gefeiert hat und dort eine Nominierung für den Teddy Award, den offiziellen schwulen Filmpreis des Festivals bekam. Der Film macht von Anfang an klar, dass er nicht in allgemein gewohnter Manier daherkommt. Eröffnet wird mit dem Bild eines Pfaus in einem Künstlerdorf und der Erzählerstimme, die erklärt, wie sehr doch die nun folgende Geschichte dem Gefieder an den verschiedenen Körperstellen des Vogels ähnelt — Hielte man die einzelnen Federn nebeneinander in der Hand, so käme wohl kaum jemand auf die Idee, dass sie von ein und demselben Geschöpf stammen könnten.
 
Schließlich setzt die Geschichte mit Godehard Giese ein, der sich in der Rolle des Deutschen Antek aufs französische Land begeben hat, und dort Auge in Auge mit der einladenden Herzlichkeit der Anwohner kein Wort über seine Identität oder Vergangenheit verliert, sondern sich lediglich als Urlauber vorstellt. Auf dem örtlichen Flohmarkt findet er eine Arbeitsstelle und scheint sich auf einen längeren Aufenthalt einzurichten. Die allein erziehende Mutter von nebenan verliebt sich in den geheimnisvollen Fremden und ein junger Arbeitskollege beginnt eine Affäre mit ihm, aber wirklich öffnen kann er sich niemandem und vermeidet unliebsame Gesprächsthemen stets mit Ausflüchten um sein unzulängliches Französisch, bis er sich schlussendlich seiner Unfähigkeit, gewisse Dinge auszusprechen, auf seine ganz eigene Art und Weise stellt.
 
Der merkwürdige Sommer eines guten Menschen: Ein besonderer, und zugleich gewöhnlicher deutscher Film
 
Wer „Liebmann — The Strange Summer“ beim Queer-Filmfestival gesehen hat, wird möglicherweise für sich entdeckt haben, dass es keine Mühe kostet, den Gesamtkomplex der Geschichte zu begreifen, obwohl der Film mit nahezu schelmischer Tücke daherkommt: Er beginnt in Schwarzweiß und bekommt zu gegebener Zeit willkürlich einen Buntanstrich verpasst, wird aber hier und da auch erneut absichtsvoll in monochromen Blau-, Rot-, oder Orangetönen gehalten. Mit seiner Einteilung in kapitelhafte Episoden, beginnend bei „Fin“ und endend bei „Début“ — was symbolisch für den Neuanfang steht, den der Protagonist im französischen Dorf findet — und weiter nach dem Zufallsprinzip gewählt erscheinenden Buchstabentafeln folgend, die zwischen die auf dem Weg dorthin liegenden Episoden geschoben sind, wird der filmische Rahmen zu einem noch größeren Enigma als die Rolle des Antek selbst es ist. So verwundert es nicht, dass die offizielle chinesische Übersetzung des Filmtitels im Kern nur den eigentlichen Untertitel „The Strange Summer“ wiedergibt (in der Rückübersetzung etwa „Dieser Sommer ist etwas seltsam“).
 
„Filme mit Titeln wie «Ein blablabla Sommer» gibt es schon zu viel, da wollte ich mich von der Masse abheben“, sagt uns Regisseurin Jules Herrmann, als wir im Konferenzraum des Goethe-Instituts Taipei auf den Titel zu sprechen kommen. Institutsleiter Jens Rösler fügt noch hinzu: „«Liebmann» ist auch deshalb ein interessanter Titel, weil das deutsche Adjektiv ‚lieb‘ mit der Bedeutung ‚gut‘ oder ‚nett‘ vor dem Substantiv ‚Mann‘ eigentlich noch der Endung ‚-er‘ bedarf. Jules Herrmann allerdings lässt die Deutsch sprechenden Zuschauer stets im unklaren darüber, ob die Hauptfigur nun ein guter Mensch ist, auch indem sie die Wörter gänzlich undekliniert im Kompositum von deren Familiennamen verschmelzt.“
 
Herrmann erklärt die weiteren Implikationen so: „‚Liebmann‘ ist nicht nur der Filmtitel, sondern auch Antek's Nachname im Drehbuch. Als wir uns einen Namen für diese rätselhafte Figur überlegen mussten, fanden wir, dass diese Wahl dafür sorgen würde, dass das Publikum sich tatsächlich fragt, ob er ein guter Mensch oder ein übler Geselle ist. Zugleich kommt ‚-mann‘, wie bei meinem eigenen Familiennamen ‚Herrmann‘, ja häufig als Endung in deutschen Eigennamen vor, und deswegen macht ‚Liebmann‘ einen unauffällig gewöhnlichen Eindruck. “
 
Vom Inhalt bis zur Filmproduktion war alles ein Experiment
 
Mit dem erfahrenen Theaterdarsteller Godehard Giese, der den Antek Liebmann verkörpert, verbindet die Regisseurin eine jahrelange Freundschaft und eine kreative Partnerschaft mit gegenseitiger Unterstützung, und Herrmann hatte in der Vergangenheit bereits in Kurzfilmen für ihn Regie geführt. Ihn für diese Produktion zu gewinnen, war ihr ein wichtiges Anliegen, da der Film nicht nur in Hinblick auf die filmische Form experimentelle Züge aufweist, sondern auch weil der komplette Produktionsprozess ein einziges Experiment war.
 
Die Entstehung des Werks geht auf das französische Dorf zurück, das darin vorkommt. Beim Besuch eines dort befindlichen Künstlerdorfs gefiel ihr die Umgebung: „Diese Gegend dort hat eine Aura, die die Kreativität nur so dahinfließen lässt, egal was du dort anpackst — Inspiration ist garantiert. Ich wollte einen sehr freimütigen Film drehen, und weil Godehard und ich gute Freunde sind, haben wir uns zu einem Trip dorthin und ein paar Wochen Aufenthalt verabredet, um zu sehen, was wir aus einem Plot, der nur grundlegend stand und dessen Struktur bloß in groben Zügen vorhanden war, machen konnten. “ Warum taucht ein Deutscher ganz allein in der französischen Provinz auf? Ausgehend von dieser Frage begannen sie, sich die Geschichte wie aus einem Keim heraus entwickeln zu lassen.
 
Mit diesem Keim brauchten sie vom ersten Entwurf bis zum finalen Manuskript bloße sechs Tage. Herrmann meint: „Die experimentelle Ebene des Films bestand darin, zu schauen, was geschieht, wenn man versucht, nichts zu analysieren und alles vollständig der Intuition zu überlassen. “ Als das Gesamtgerüst aus Handlungssträngen fertig geschrieben war, fasste sie daher nicht alles in ein endgültiges Drehbuch, sondern beschritt den üblichen Weg vieler Filmproduzenten einmal in entgegengesetzter Richtung: Erst kurz vor dem Dreh einer jeden Szene diskutierten Regisseurin und Schauspieler zusammen, wie die jeweiligen Rollen im Kontext des im Vorfeld erdachten Gesamtgebildes reagieren könnten, und einigten sich erst dann auf einen Text. „Allerdings war unsere Methode nicht vollständig improvisiert. Wir hatten ein sehr konkretes Handlungsgerüst, und was in jeder Szene passieren sollte, stand ja bereits fest. Nur die Dialoginhalte standen noch aus. “, betont sie.
 
Nicht nur gab Herrmann ihrer Truppe am Set Handlungsspielraum, auch sonst hielt sie sich kreative Freiräume offen, deren Umsetzung dann im Schnitt finalisiert wurde, so beispielsweise die gelben, blauen, orangen und roten Farbfilter, die sie der Stimmung der Charaktere in gewissen Szenen sowie ihrer eigenen spontanen Intuition entsprechend einsetzte. Angelangt beim Thema der Pfauenfedern, die so veränderlich wie die verwendeten Bildformen sind, sagt die Filmemacherin: „Diese Vielfalt an Bildformen soll die Zustände widerspiegeln, in denen sich der Protagonist wiederfindet. Sein Leben fällt komplett auseinander und er muss sich ein neues aufbauen. Dies war die beste Art und Weise, seine Verlorenheit und seine Suche nach neuen Alternativen darzustellen. “
 
Anteks zerbrochenes Leben reflektieren auch die Tafeln mit je nichts als einem einzelnen Buchstaben, die verstreut zwischen den einzelnen Szenen auftauchen, und zusammengesetzt ein französisches Wort ergeben: ‚LE MOT‘ (‚das Wort‘) — Ebenfalls ein Element, das den Zuschauer zum Nachdenken anregt. Antek, der als Deutscher in das französische Dorf kommt, spricht kein besonders fließendes Französisch. Jedes Mal, wenn er nach Dingen aus seiner Vergangenheit gefragt wird, legt er ein absichtlich gebrochenes Französisch an den Tag und zieht sich so aus der Affäre. Worte sind Kommunikationsmittel und es sind hier die unausgesprochen bleibenden Worte, die ein Rätsel konstituieren. „Für mich vermittelt der Einsatz der Buchstabentafeln eine wichtige Symbolik, die die Dinge andeutet, die ihm in der Vergangenheit widerfahren sind und einen derart mächtigen Einfluss auf ihn haben, dass er sie nicht aussprechen kann. Aber er ist auf der Suche nach einer neuen Struktur und möchte ein neues Leben anfangen. Die Tafeln stehen auch für den Lehrerberuf, den Antek ursprünglich ausübt. Als solcher vermittelt man meist in der ersten Unterrichtsstunde das Alphabet, und die Verstreutheit der Buchstaben macht diese hier zu ‚Bruchstaben‘, die seinen Zwiespalt symbolisieren. “, so erklärt Herrmann.
 
Sich gemeinsam mit dem Publikum des traditionellen Korsetts des Mainstreamfilms entledigen
 
Kurz vor Dreh die Dialoge von Grund auf diskutieren, beim Schnitt intuitiv Stimmungen ergänzen — zu diesen besonderen Mitteln hat Jules Herrmann gegriffen, als sie den Film drehte, in der Hoffnung, einen Film zu verwirklichen, der die Flucht aus den traditionellen Einschränkungen einer dreiteiligen Standarddramaturgie schafft: „Ich interessiere mich sehr für nichttraditionelle Formen des Schauspiels. Mir gefallen vielschichtige, komplexe Strukturen. Das dreiteilige Drehbuch kann zwar als Grundlage für einen guten Film dienen — der klassische Verlauf von der Exposition bis hin zum Dénouement ist ja wie Sex, der einen vom Vorspiel bis zum Orgasmus fesselt — aber für den Filmschaffenden bringt das Verfahren zuweilen ein Gefühl des Eingeengtseins statt Inspiration mit sich. “, sagt sie.
 
Und ein Film, der mit so viel Experimentiergeist begonnen wird, kann auch nicht einfach als Mainstreamwerk abgeschlossen werden. „Liebmann“ ist mit einem kleinen Team und einem noch viel kleineren Budget ausgekommen, und hat dafür absolute schöpferische Freiheit gewonnen. Hermanns erklärtes Ziel zu Beginn war es, sich mit dem Film des traditionellen Korsetts des Mainstreamfilms zu entledigen — „mein idealistisches Vorhaben war dieses: ich musste dem Publikum eine Gelegenheit bieten, bei der es eine andere Art von Film zu sehen gibt. Wenn du dir in den Kopf setzt: ‚ach, das schaut sich ja sowieso niemand an‘, und dann gleich aufgibst, dann bekommt selbstverständlich niemand deine Arbeit zu Gesicht. Wenn du das Projekt durchziehst, dann gibt es für alle etwas zu sehen.“ Während des Projekts beteiligten sich die Mitglieder der Berliner Filmkünstlergruppe „Gegenschuss“, bei der Herrmann aktiv ist, ebenfalls jeweils auf allen Ebenen der Produktionsarbeit. Im Zusammenhang mit dieser Gemeinschaftsarbeit und der gegenseitigen Unterstützung erwähnt Herrmann noch: „Die Filmemacher bei Gegenschuss sind aufs Schaffen von Filmen aus, die sich nicht am Mainstream orientieren. Ohne Hilfe und den auch einmal unentgeltlich arbeitenden Produktionspartner ist man bei solchen Unterfangen aufgeschmissen. “
 
Mit dem fertigen Film wollte sie seit Produktionsstart Zuschauer erreichen, die sich neuartige Erlebnisse erhoffen und keine feste Vorstellung von der Machart von Filmen haben. Bei Diskussionen über ihre Kunst kann Jules Herrmann es sich nicht verkneifen, ihre Arbeit vom traditionellen Mainstream abzugrenzen. Aber hat sie trotzdem etwas übrig für Liebhaber des etablierten Kinos? Auf diese Frage hin erklärt sie, dass dieses Publikum, wie sie hofft, auch noch offen für kühne Ausflüge in die ungewohnteren Bereiche sein dürfte: „Ich hoffe, dass wir diese Leute aus ihrer ‚Comfort Zone‘ locken und die Erkenntnis verschaffen können, dass das Leben noch mehr Interessantes und Anderes zu bieten hat. Man braucht lediglich den Willen, sich aus den alten Grenzen zu lösen, und wird sofort erkennen, dass dieser Schritt es wert war.“ Auf die Akzeptanz von Alternativkino beim deutschen Publikum angesprochen, weist Herrmann auf eine in den letzten Jahren neu aufgekommene Kinowelle hin, die nicht am Mainstream ausgerichtet ist und im Ausland viel Bestätigung bekommen hat. In Deutschland selbst gehe das Phänomen den Verkaufszahlen nach zu urteilen als „durchaus hoffnungsvolle Neuerung“ durch.
 
Von sexuellen Identitäten unabhängiger Film mit schwuler Hauptfigur
 
Nicht nur das Mainstream- und das Alternativkino grenzen sich klar voneinander ab. Ebenso scheint zwischen Filmen mit homosexueller und solchen mit heterosexueller Thematik eine Art Rubikon zu verlaufen. Dass „Liebmann“, der auch auf Taiwans Queer-Festival läuft, noch von vielen anderen schwulen Filmfesten Einladungen erhalten hat, sorgt für eine unerwartete Reaktion der Regisseurin. „Ich habe keinesfalls einen schwulen Film gemacht, denn das homosexuelle Element im Film ist ja für keine der Schlüsselhandlungen wirklich relevant. Die Hauptrolle ist eben nunmal ein schwuler Mann. Dass ich es so eingerichtet habe, rührt von politischem Bewusstsein her: Seit langem taucht in Mainstreamfilmen oder Filmen, die nicht explizit auf ein schwules Publikum zielen, keine schwule Figur auf. Das ist ziemlich unrealistisch, wo wir ja im richtigen Leben so viele schwule Freunde um uns haben. Weshalb können die nicht in einem Filmplot vorkommen, der die Realität wiedergibt? “ wirft Herrmann die Frage zurück.
 
„Atmender Film“ als Zukunftsprojekt
 
Ganz gleich ob im Hinblick auf Inhalt, Form oder Kernidee des Films, „Liebmann“ schüttelt traditionelle Begrenzungen ab. Was erwartet Jules Herrmann von ihrem zukünftigen Schaffen? „Ich will mich nicht künstlerisch wiederholen, sondern neue Lebenserfahrungen machen und die auch mit dem Publikum teilen. “ ist ihre Antwort. Auch sagt sie, dass sie bei der nächsten Produktion nicht wieder nach demselben Schema vorzugehen gedenke, weil der diesmalige Erfolg alle Erwartungen gegenüber der Methodik in die Höhe geschraubt hätte. Welche stilistischen Ansprüche stellt sie an spätere Werke, abgesehen von der Prämisse, Alternativen zu den Mainstreamstandards zu suchen? „Ich will versuchen, meine Filme atmen zu lassen, und den Zuschauer nicht gleich im ersten Moment zu voreiligen Schlüssen über die Art des Films zu verleiten. Meiner Meinung nach eröffnet uns das einen großen Bewegungsspielraum: Wenn man die Gelegenheit bekommt, seine Gedankengänge innerhalb der Filmrealität schweifen zu lassen, kann der Film in einem solchen Vorgang eine Vielfalt an Ebenen bilden. Derlei Erlebnisse mag und genieße ich sehr. Sollte ich nochmal einen Film drehen oder als Autorin an einem Projekt mitwirken, dann läge da glaube ich eine meiner Stärken. “