Interview mit Regisseur Wei Desheng „Das größte Problem sind wir selbst“

  • Wei Desheng © Wei Desheng
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Er hat den erfolgreichsten taiwanischen Film der Geschichte gedreht: Wei Desheng ist seit seinem Box-Office-Hit Cape No. 7 einer der Stars des taiwanischen Kinos. Hier spricht der Regisseur über seinen neuen Film 52Hz, I Love You, den Einfluss von Edward Yang und die Folgen des chinesischen Kinobooms. 
 
Von Maximilian Kalkhof
 
Goethe-Institut: Herr Wei, im Januar kommt Ihre Liebeskomödie 52Hz, I Love You in die taiwanischen Kinos. Was hat der Titel zu bedeuten?

Wei Desheng: Während des Drehs gab es eine Phase, in der ich mit dem Film unzufrieden war. Die Geschichte war mir zu langweilig. Ich entschied mich, Musik hinzuzunehmen und den Film als Musical anzulegen. Eines Tages erzählte mir dann ein Kollege die Geschichte des 52-Hertz-Wals. Wale kommunizieren ja akustisch, mithilfe ihres Gesangs. Der 52-Hertz-Wal singt auf einer Frequenz von 52 Hertz, deutlich höher als alle anderen Wale auf der Welt. Wissenschaftler vermuten, dass er das einzige Exemplar mit einem derart hohen Gesang ist. Wenn der 52-Hertz-Wal aber auf einer höheren Frequenz singt als alle anderen Wale, bedeutet das, dass die anderen Wale ihn nicht hören und er keinen Paarungspartner findet. Er wird deshalb auch der „einsamste Wal der Welt“ genannt. Dieses Bild hat perfekt auf meinen Film gepasst.
 
Goethe-Institut: Ohne zu spoilern: Um was geht es?
 
Wei: Der Film spielt in Taipei. Es geht um zwei sehr unterschiedliche Paare. Ein Paar besteht aus zwei Singles. Beide sind über 30 Jahre alt und haben noch nie eine Beziehung geführt. Am Valentinstag kommt es zu einer Begegnung. Das andere Paar ist seit zehn Jahren zusammen und der Mann möchte der Frau einen Heiratsantrag machen. Doch am Valentinstag kommt auch bei diesem Paar alles anders.
 
Goethe-Institut: Sie haben nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch geschrieben. Wie kamen Sie auf die Idee für den Film?
 
Wei: Die Idee für die Handlung habe ich lange mit mir herumgetragen. Ich fand sie aber anfangs nicht ausgereift genug. Im vergangenen Jahr war ich bei einem Screening des Films Kano, den ich geschrieben und produziert habe, in Düsseldorf. Ich wohnte in einem schönen Hotel und hatte ein paar Tage Freizeit. Da fiel mir die Geschichte wieder ein. Ich nahm meinen Laptop aus dem Rucksack und fing an zu schreiben. Zurück in Taiwan schrieb ich das Drehbuch innerhalb weniger Wochen fertig. Und da ich noch rund ein Jahr Zeit hatte, bevor mein nächstes Filmprojekt losging, entschied ich mich, den Film auch gleich zu drehen.
 
Goethe-Institut: Der Film kommt erst im Januar in die taiwanischen Kinos, Sie haben ihn aber gerade auf Touren in den USA und Deutschland gezeigt. Warum?
 
Wei: In Taiwan gehen nur wenige Leute regelmäßig ins Kino. Man muss Filme mit viel Aufwand bewerben, um die Menschen in die Kinosäle zu locken. 52Hz, I Love You ist aber ein kleines, feines Werk, es passt nicht zum Ton des Films, laut auf die Werbetrommel zu schlagen. Wir haben uns deswegen dafür entschieden, auf Mundpropaganda zu setzen. Wir hoffen, dass die Menschen, die den Film in den USA und Deutschland sehen, in den sozialen Netzwerken Werbung für den Film machen. In den USA waren wir in 52 Städten. In Deutschland haben wir den Film in Berlin, Hamburg und Düsseldorf gezeigt. In den USA ist unser Plan aufgegangen. Die Reaktionen auf den Film waren fast ausschließlich positiv.
 
Goethe-Institut: In der taiwanischen Presse haben sie gesagt, dass Ihre früheren Filme Völlerei waren, 52Hz, I Love You aber ein Afternoon Tea. Was bedeutet das?
 
Wei: 52Hz, I Love You ist leichter als meine vorherigen Filme. Besonders Seediq Bale und Kano sind schwer und handeln von taiwanischer Geschichte und Kultur. Nach dem Schauen fühlt man sich satt, aber auch ein bisschen erschlagen. Diesmal wollte ich einen Film machen, nach dem man sich angenehm leicht fühlt. Mein Ziel ist, dass die Leute pfeifend aus dem Kino gehen.
 
Goethe-Institut: Am Anfang Ihrer Karriere haben Sie mit Edward Yang zusammengearbeitet, einem der einflussreichsten Vertreter der taiwanischen Nouvelle Vague. In Yangs Film Mahjong waren Sie Regieassistent. Was haben Sie von ihm gelernt?
 
Wei: Das wusste ich selber lange nicht. Viele Leute sagen, dass meine Filme anders sind als die von Edward und dass ich eine andere Art habe zu erzählen. Deswegen habe ich lange geglaubt, das einzige, das ich von ihm gelernt habe, ist seine Haltung. Seine Professionalität etwa und sein Anspruch an sich selbst. Das hat mich ein bisschen traurig gemacht. Immerhin bin ich bei ihm in die Lehre gegangen. Wieso ist mein Stil also so anders als seiner? Bei Seediq Bale habe ich dann aber mit einem Schnittmeister zusammengearbeitet, der vorher viele Jahre mit Edward Filme gemacht hat. Er sagte: Du arbeitest wie Edward. Es war das erste Mal, dass mir das jemand gesagt hat und ich fragte ihn: Wie meinst du das? Er sagte: Du bist gut darin, Filmfiguren mithilfe von Atmosphäre zu erschaffen. Über diesen Satz habe ich mich riesig gefreut.
 
Goethe-Institut: Ihr Film Cape No. 7 ist der kommerziell erfolgreichste taiwanische Film der Geschichte, Seediq Bale der teuerste. Was für einen Rekord werden Sie mit 52Hz, I Love You brechen?
 
Wei: Gar keinen. Ich bin optimistisch, was die Besucherzahlen angeht. Ich glaube, ich treffe den Geschmack der Taiwaner. Aber ich will einfach nur, dass die Zuschauer fröhlich aus dem Kino gehen. Nicht zuletzt will ich selbst beschwingt nach Hause gehen. Mein nächster Film wird wieder eine Völlerei.   
 
Goethe-Institut: Was macht den Kinogeschmack der Taiwaner aus? 
 
Wei: Die meisten Taiwaner mögen fröhliche Filme. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass sie die Stimmung in Taiwan als bedrückend empfinden.
 
Goethe-Institut: Warum bedrückend?
 
Wei: Was ich meine, ist die Großwetterlage. Ich glaube, die meisten Taiwaner fühlen sich machtlos. Da ist der Druck aus China. Da ist die mangelnde internationale Anerkennung. Und da ist der Streit in der taiwanischen Gesellschaft, die Spaltung in Blau und Grün.
 
Goethe-Institut: Sie meinen die politische Farbenlehre Taiwans, wonach die Parteien des „Blauen Lagers“ tendenziell für eine Annäherungspolitik an China stehen und die des „Grünen Lagers“ für die formelle Unabhängigkeit Taiwans? 
 
Wei: Ja, dieser Streit ist ja gefühlt seit Urzeiten da. Seit ich denken kann, hat es kein Jahr gegeben, in dem ich das Gefühl hatte: Dieses Jahr kann sich in Taiwan wirklich etwas verändern. Ich rede nicht von Tagespolitik, sondern von den großen Linien. Deswegen glaube ich, dass die meisten Taiwaner ins Kino gehen, um einfach ab und zu alles zu vergessen, die persönlichen Sorgen und die alles überwölbenden politischen Probleme.
 
Goethe-Institut: Chinas reichster Mann, Wang Jianlin, investiert massiv in die Internationalisierung des chinesischen Films. Es gibt so viele Kinos wie nie zuvor, im Februar haben die Einnahmen chinesischer Kinos erstmals die amerikanischen Box-Office-Einnahmen übertroffen. Ist der Kinoboom in China eine Bedrohung für den taiwanischen Film?
 
Wei: Ja, eine große Bedrohung. Das chinesische Kino absorbiert große Mengen taiwanischen Geldes, da bleibt für eigene Produktionen nicht mehr viel übrig. Bevor dir ein taiwanischer Investor Geld für einen Film gibt, fragt er dich: Wird der Film auch in China laufen? Wird der Film auch in China ein Erfolg? Wenn du die Fragen nicht bejahen kannst, gehst du leer aus. Das ist aus der Sicht des Investors völlig verständlich. Für das taiwanische Kino aber ist das gefährlich. Alle schielen auf den chinesischen Markt.
 
Goethe-Institut: Der Spielraum für den taiwanischen Film wird also kleiner?
 
Wei: Ja, weil wir nichts unternehmen, um ihn zu vergrößern. Ich bin der Meinung, dass die größte Bedrohung für das taiwanische Kino weder aus Hollywood noch aus China kommt. Das größte Problem sind wir selbst. 70 bis 80 Prozent der Taiwaner wohnen in der Umgebung eines Kinos, also so, dass sie es in weniger als einer Stunde erreichen können. Aber im Durchschnitt schaut der taiwanische Zuschauer nur einen Kinofilm pro Jahr. Die Koreaner schauen mindestens vier Filme im Jahr, obwohl sie weitere Wege zurückzulegen haben. Wir machen in Taiwan also irgendetwas falsch. Ich glaube, es liegt daran, dass wir Kunst nicht wertschätzen. Wir kaufen uns lieber ein iPhone 7, um uns zu inspirieren.
 
Goethe-Institut: Wie kann man das Zuschauerverhalten ändern?
 
Wei: Durch Bildung. Man müsste Ästhetik als Unterrichtsfach einführen. Und zwar nicht theoretisch, sondern praktisch. Man müsste den jungen Menschen Kultur und Ästhetik erfahrbar machen, indem man Filme schaut, in Ausstellungen geht, Denkmäler besichtigt. Unser Bildungssystem ist auf schriftliche Prüfungen ausgerichtet. Nur wer in Prüfungen glänzt, kommt weiter. Dadurch produzieren wir Menschen, die auf Macht und Geld aus sind. Was wir aber bräuchten, sind Menschen, die Kunst und Kultur achten.