Zum Taiwan-Debüt der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen Quantität ist nicht gleich Qualität

Bei ihrem ersten Taiwanbesuch lieferte die Bremer Kammerphilharmonie zwei Konzerthälften ab, die unterschiedlicher nicht hätten sein können.
© Oliver Reetz

Ein Blas- und Streichorchester der Kammermusik?

 
Mit einem eigens für Asien kredenzten Repertoire deutscher Klassiker gab am 22. November 2015 die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter der künstlerischen Leitung von Dirigent Paavo Järvi gemeinsam mit dem französischen Pianisten Pierre-Laurent Aimard als Solist ihren Debütauftritt in Taipei und führte Werke von Schumann, Beethoven und Brahms auf.
 
Kleinere Kammerorchester mit Bläsern und Streichern sind eine Aufstellung, die man in Taiwan relativ selten zu Gesicht bekommt. So bilden sowohl die Bremer Kammerphilharmonie als auch die Hong Kong Sinfonietta, die zufällig ein Wochenende zuvor ihren ersten Auftritt in Taiwan hatte, mit ihren jeweils etwa 50 bis 60 Musikern zwei kleine aber feine Ensembles. Der in unserem chinesischen Kulturraum mehr oder weniger vorherrschende Irrglaube, dass Quantität gleich Qualität bedeutet, sorgt dafür, dass Zusammensetzungen aus Bläsern und Streichern wie die drei großen öffentlichen Orchester Taiwans immer gleich als massives Aufgebot von mehr als hundert daherzukommen haben, um eben auch einmal groß angelegte Sinfonien wie Mahlers Zweite oder Achte auf die Beine stellen zu können. Nicht nur dass die Masse auf der Bühne optisch etwas hermacht, auch der fulminante Klangeffekt zieht das Publikum in die Konzertsäle — Aber ist solch ein Massenandrang unbedingt gut? Der Auftritt der Bremer Kammerphilharmonie erlaubte es dem erschienenen Publikum an diesem Abend, einen anderen Schluss zu ziehen.
 

Anders als mit dem unaufhörlichen Hin und Her in Beethovens Klavierkonzert vermochte Aimard mit drei mutig gewählten Schönberg-Werken die Zuhörer zu erfrischen. © Marco Borggreve
In der Tradition der deutschen Klassik

Das sehr originell gewählte Eröffnungsstück des Abends, die Ouvertüre aus „Genoveva“, wurde von Robert Schumann als Einführungsstück für seine Oper geschrieben. Der Durchschnittsmusikliebhaber, dem Schumann als Meister des Klavierwerks bekannt sein dürfte, stellt oft überrascht fest, dass der Komponist sich diesem Genre zugewandt hat, wenn auch — wie bei all seinen Werken für Bläser und Streicher — auf etwas farblose Weise. Die Ouvertüre ist das einzige Stück aus dem Bereich, das noch ab und zu gespielt wird. Es scheint, dass sich in Taiwan kaum Ensembles damit auseinandergesetzt haben, während die Bremer Kammerphilharmonie die Komposition mit routinierter Sicherheit darbot und dabei ihre Stärken in puncto Taktsicherheit zur Schau stellte. Da das Werk selbst räumlich allerdings nur ein geringes Ausdehnungspotenzial hat, konnte auch diese Aufführung keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Relativ diskussionswürdig war die Darbietung von Beethoven's Klavierkonzert Nr. 5 im Anschluss. Bei der Pressekonferenz zur Ankunft des Orchesters in Taiwan stellte Järvi besonders heraus, dass er anders als das Gros der Interpretationen, die auf mit romantischen Annotationen übersäten Partituren fußen, bei der Aufführung dieses Stücks dem Originalmanuskript treu bleiben wolle. Trotz dieser Ankündigung kratzte die Umsetzung bloß effektlos an der Oberfläche des Klavierkonzerts, das im Normalfall einen Eindruck von großartiger Pracht hinterlässt, und konnte – zwischen traditioneller Interpretation und moderner Spielweise hin- und hergerissen – einfach nicht überzeugend Fuß fassen. Solist Aimards Ausgestaltung verdutzte das Publikum auf ähnliche Weise. Eigentlich in der zeitgenössischen Musik beheimatet, übertrieb er es hier mit der strukturellen Analyse der einzelnen Kadenzen und ließ ein ganzheitliches Bild vermissen.Das Piano Concerto dieses Abends zog sich unentschlossen bis zum Finale zwischen Tradition und Moderne, zwischen Mikro- und Makrowelt hin.

Was mich betrifft, so dürfen die Zugaben Aimards getrost als Highlight der ersten Konzerthälfte angesehen werden. Als er unter dem Beifall der Anwesenden andeutete, dass das heutige Programm im Zeichen deutscher Kassiker stehe, und für ihn persönlich dazu noch ein weiterer Vertreter gehöre, wird die Mehrheit der Anwesenden sogleich an das dritte B neben Beethoven und Brahms gedacht haben — Bach. Die Auflösung des Pianisten jedoch überraschte: „… und er heißt Arnold Schönberg!“ In einem derart von Romantik und Klassik geprägten Programm gleich drei Zugaben vom Begründer der atonalen Musik zu geben – das ist wahrhaftig eine Rarität.
 
Und doch machten diese drei Stücke die brilliantesten 15 Minuten des ersten Teils aus. Aimard gab mit geübtem Feingefühl ein in die Klänge der Moderne gefasstes Abbild von der Ziel- und Hilflosigkeit der Moderne zum Besten. Diese Musik mochte nicht elegant sein, dafür gab sie die Komplexität der modernen Menschenseele absolut wirklichkeitsnah wieder. Dass der Pianist so dem Publikum auf halb erzwungenem Wege eine Kostprobe der Bitternis von Schönbergs Musik gewährte, ließ heimliche Bewunderung aufkommen.
 
Unter Järvis Leitung lassen Brahms' Sinfonien sowohl die robuste Tradition des deutschen Orchesters als auch eine neue Warte des modernen Dirigierens erkennen. © Ixi Chen
Kleines Orchester mit großem Anspruch
 
Nach der Erfahrung der ersten Konzerthälfte mit ihren Selbstverortungsschwierigkeiten waren die Erwartungen an den zweiten Teil nicht besonders groß. Dadurch dass Brahms' erste Sinfonie unzählige Male von großen Orchestern aufgeführt wurde und es von diesem Klassiker exzellente Aufnahmen wie Sand am Meer gibt, lag die Messlatte dabei sehr hoch an. Ich hatte nicht erwartet, dass man vom ersten Takt an so von den Klängen in ihren Bann gezogen werden würde. Das Orchester bewies hier nicht nur ein erstklassiges darbieterisches Niveau, sondern bei der musikalischen Umsetzung gleichzeitig ein gutes Gefühl für allerhand kleine Details, und lieferte eine solide Aufführung mit ganz eigener Handschrift. Das Ensemble spielte wie ausgewechselt.
 
Dirigent Järvis Sichtweise auf Brahms sorgte in der zweiten Hälfte auch dafür, dass ein paar atemberaubende Aspekte zum Tragen kamen. Mit Mut wählte er seine Einschnitte in Anlehnung an die Regeln der alten Schule und im Gegensatz zu anderen klassischen Umsetzungen, die stark auf Wucht und Pomp setzen, lag bei Järvi die Betonung stärker auf der in seiner Ausarbeitung erreichbaren Gesamtkonsistenz: Das gesamte Orchester erklang in vollkommener Harmonie wie ein einziges Instrument, ohne dass dabei irgendein strukturelles Detail ausgelassen worden wäre, so dass sich selbst bei mir, der ich diesem Werk nie viel abgewinnen konnte, nun aber nie zuvor in mein Bewusstsein gedrungene Inhalte entdeckte, der Genuss von Takt zu Takt steigerte und ein Umdenken bezüglich meiner Lesart einsetzte — Hatte ich womöglich immer falsch gelegen?
 
Nachdem das Konzert mit den geliebten Ungarischen Tänzen von Brahms als Zugabe abschloss, ging mir auf dem Heimweg die Sinfonie vom Beginn der zweiten Hälfte nicht mehr aus dem Kopf. Ausgestaltungstechnisch wurden die ursprünglichen Instruktionen des Komponisten eins zu eins eingehalten. Die taiwanischen Ensembles, die das Stück performen, bestehen auch nicht aus mehr Personen und ich frage mich, wie es kommt, dass es ihnen an der Konsistenz fehlt, die das Gastorchester gezeigt hat. Vielleicht ist ein solches intim abgestimmtes Zusammenspiel nur zu erreichen, wenn man wie die Bremer Musiker auf eine langjährige Zusammenarbeit zurückblicken kann. Erwähnenswert ist, dass die Gruppe sich tatsächlich in Bremen gegründet hat, und zwar vor lediglich etwa 20 Jahren, was sie für ein Blas- und Streichensemble sehr jung macht. Im Hinblick auf eine fest verankerte Orchestertradition allerdings steht sie anderen, bereits seit mehreren Jahrzehnten bestehenden Aufstellungen in nichts nach. Wie viel Leidenschaft und Herzblut dahinter steckt, können sich die meisten kaum vorstellen. Die Musikerszene in Taiwan kann sich jedenfalls eine Menge davon abschauen!