Die Berlinale Der Reiz des Unansehnlichen — Wie ich auf der Berlinale Lichtspiel und Filmfestivals neu betrachten gelernt habe

  • 「不好看」才有意思 © 洪健倫
  • 「不好看」才有意思 © 洪健倫
  • 「不好看」才有意思 © 洪健倫
  • 「不好看」才有意思 © 洪健倫
Wer Taiwaner dazu befragt, was ihnen zum Thema Filmfestivals einfällt, der bekommt in etwa der Hälfte aller Fälle von allerhand Großveranstaltungen geprägte Impressionen eines Karnevals von Großmeistern, Newcomern und Glanzleistungen geschildert. Ob dieser Eindruck sich wohl mit dem Geist deckt, in dem die Auswahlkommission bei der Berlinale als einem der drei weltweit größten Festivals ihres Amtes waltet?
 
In diesem Jahr bot sich mir dank der bereits zum zweiten Mal gewährten Förderung des Taipeier Goethe-Instituts die Gelegenheit, mir bei meinem dritten Besuch vor Ort ein eigenes Bild von dem Spektakel zu machen, das jährlich im Februar stattfindet. Zusammen bringen es die jedes Jahr neu dort zur Vorführung bestimmten Filme auf an die 400. Ganz gleich also, welchem Oberthema entsprechend die Werke ausgewählt werden — um die konzentrierte Fülle des Festivals voll auszukosten, lässt sich auf jeden Fall aus all diesen das Flair der Stars und Filmgurus versprühenden und nach Weltregion kategorisierten Wettbewerbsbeiträgen, die zuweilen künstlerischen Anspruch erheben, LGBTQ-Thematiken aufgreifen, manchmal eher experimentell und manchmal für Kinder gemacht sind, ein individuell ansprechendes Programm mit zwei bis drei Streifen für jeden der 10 anberaumten Tage zusammenstellen.
 
Doch die meisten der nominierten Filme feiern hier entweder ihre Weltpremiere oder die internationale Erstvorführung, und so finden sich im Programm der Berlinale, deren Auswahlkommission mit Cannes und Venedig konkurrieren muss, natürlich nicht ausschließlich Meisterwerke, wobei ein paar sicherlich nicht unbedingt als ‚ansehnlich‘ durchgehen (egal ob man nun Hollywoodmaßstäbe anlegt oder aber an der Zauberkraft kontinentaleuropäischer Größen misst). Schaut man sich dagegen die Filmauswahl der taiwanischen Festivals an, deren Zusammenstellung auf den Programmen der großen Festivals basiert, sieht man freilich nur das Beste vom Besten. Als ich deshalb zum ersten Mal in Berlin mit einem solch ‚ungewohnten‘ Film konfrontiert war, kam mir unweigerlich ein Gedanke, und zwar der, welch ein Glück doch das Publikum in Taiwan habe! Welchen Film man sich dort auch ansieht, er entspricht unter Garantie den Standardvorstellungen von einem ‚guten‘ Film, während man als Zuschauer in Berlin ein wenig wie in einem Minenfeld bewegt — Ein Umstand, der meine Auffassung zu den drei großen Filmfestivals von Grund auf verändert hat.
 
Nach meinem zweiten und dritten Besuch der Berlinale beginne ich jetzt, diese ‚unansehnlichen‘ Werke mit anderen Augen zu betrachten — Eine Erfahrung die mir auch eine ganz neue Sicht auf die Rolle der Festivals verschafft. Bevor ich in dieser Hinsicht aber ins Detail gehe, bitte ich um Erlaubnis, ein wenig abschweifen zu dürfen und dabei die Internationalen Filmfestspiele von Cannes als Beispiel herzunehmen. Als weltweit unbestritten höchste Ruhmeshallen des Films entsprechen sie wahrscheinlich am meisten unseren Begriffen einer exemplarischen Würdigung von Lichtspielkunst. Sowohl der dortige Hauptwettbewerb als auch der Nebenwettbewerb ‚Un Certain Regard‘ bewegen jedes Mal große Filmemacher aus aller Herren Länder dazu, ihre neuesten Werke einzureichen, darunter Leute wie Hsiao-Hsien Hou, Jim Jarmusch, Ken Loach oder Pedro Almodóvar. Ihre Filme haben von sich aus bereits ganz natürlich eine gewisse Stabilität und Modellhaftigkeit, die sie nicht zuletzt durch Erfahrungswerte des jeweiligen Machers und das von ihm lange kultivierte ästhetische Händchen absolut ‚ansehnlich‘ wirken lassen. Gelegentlich scheint es diesen Filmen allerdings konzeptionell auch an Mut zum Sondieren, zu Brüchen und zur Provokation zu fehlen. Selbstverständlich sorgt ein solches Meisterwerk für grenzenlosen Genuss beim Zuschauen, doch wenn alle Filme eines Jahres einem derart neutralen Standard folgen, dann bleibt beim Publikum – bei einem Streifen nach dem anderen – zwangsläufig das Überraschungsmoment und nach und nach die Befriedigung aus. Wer in Cannes das Neue und Andersartige sucht, wendet sich am besten den jährlichen Paralleleinheiten ‚Directors' Fortnight‘ (‚Quinzaine des Réalisateurs‘) oder (besser noch) der Kritikerwoche (‚Semaine Internationale de la Critique‘) zu und beginnt sich durchs Programm zu graben.
 
Im Gegensatz zu Cannes bekommt man bei den Festspielen in Berlin in allen Sektionen außer dem ‚Internationalen Wettbewerb‘ solche die Möglichkeiten erkundenden und ausreizenden Werke zu sehen.  Womöglich hält man sie beim ersten Anschauen für ‚unansehnlich‘, denn sie kommen nicht so daher wie das, was uns vertraut ist: Unter Umständen folgt die Erzählweise nicht dem gewohnten Vierstufenschema mit Einleitung, Hauptteil, Höhepunkt und Schluss; der Höhepunkt erscheint vielleicht ungeschliffen; die Bild-Ton-Synchronisation mag einem unvermittelt das Verständnis für die Haupthandlung nehmen. Doch mir persönlich ist mit jedem Film dieser Art klarer geworden, welchen Wert die Programmzusammenstellung bei der Berlinale (wie übrigens auch des International Film Festival Rotterdam und des Locarno Festival, die in kleinerem Rahmen, dafür ebenso mutig vorgehen) hat, die uns uns bei der Rezeption unaufhörlich fragen lässt: „Was ist das für ein Film? Wie kann ich ihn noch verstehen?“ Auf so einer Veranstaltung sitzen die Zuschauer nicht bloß passiv im Kinosaal um sich unterhalten, evangelisieren zu lassen, sondern sie werden vor der Leinwand zu aktiven Entdeckern, die zwischen Ton und Bild unvoreingenommen alle Sinne öffnen, um die Informationen und Emotionen, die die Filmemacher zu übermitteln versucht haben, mit Hilfe ihres eigenen Denkvermögens zu ergründen.
 
Im diesjährigen Internationalen Forum des Jungen Films beispielsweise gab es ein paar Werke, die bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Die US-amerikanische Dokumentation „El mar la mar“  zeigt das Leben mexikanischer und amerikanischer Bewohner des Wüstengebiets an der Grenze zwischen den beiden Staaten und besteht inhaltlich aus mehreren Langzeitaufnahmen menschenleerer Landschaften mit Voice-Over-Passagen. Die Gesichter der interviewten Akteure, die von ihrem Leben in dieser Einöde berichten, kommen nie ins Bild. Einige sind Mexikaner, die davon erzählen, wie sie nachts im Schutz der Dunkelheit den Landstrich durchqueren, immer darauf bedacht, dabei keiner Grenzschutzpatrouille zu begegnen, um es heimlich über die Grenze zu schaffen. Andere sind US-Bürger, die die illegalen Einwanderer empfangen und aufnehmen, oder solche, die mit den auf der anderen Seite der Grenze lebenden Mexikanern gegenseitige Nachbarschaftshilfe pflegen. Durch die Überlagerung von Ton und Bild gelingt es den Regisseuren Joshua Bonnetta und J. P. Sniadecki, die untrennbar miteinander verwobenen Lebenserfahrungen und Gefühlswelten der Grenzgebietsbewohner ganz ohne Wortflut darzustellen und dem Zuschauer mit langen Landschaftseinstellungen eine Möglichkeit zu bieten, die Wüste selbst zu betreten und sich in die einzelnen Umgebungen hineinzuversetzen. Die Tonspur wirkt wie eine Reihe in die Landschaften auf der Leinwand eingesetzter Randnotizen und hineingemischter Persönlichkeiten, die den Zuschauer dazu anhalten, die einzelnen Lebenswelten dieses Stücks Land tief in der Wüste zu betrachten und ihnen zu lauschen – stets auf die eigene Vorstellungskraft gestützt.
 
Ein weiterer schöner Film ist eine andere Dokumentation aus der gleichen Sektion: „City of the Sun“ („Mzis qalaqi“). Rati Oneli aus Georgien hat in einer heruntergekommenen und entlegenen Bergbausiedlung die Einwohner gefilmt, deren Leben unter der kommunistischen Regierung auf Grund des Manganreichtums florierte, und die nun trotz der eingekehrten Ödnis immer noch nach Kräften jeden Tag mit Idealismus bestreiten. Im Dorf passiert durchweg nicht viel Außergewöhnliches, und deshalb zeigt der Film die meiste Zeit lediglich den Arbeits- und Lebensalltag der ansässigen Menschen. Trotzdem zeigt sich unter Onelis Linse, die er effektvoll für dynamische Aufnahmekompositionen einsetzt, wie der klare Kontrast zwischen dem Alltag der Leute und ihrer eintönigen Umgebung umso deutlicher ihre geballte Lebenskraft zum Vorschein bringt.
 
Ebenfalls im Forum des Jungen Films kategorisiert war der dänische Film „Loving Pia“ („At Elske Pia“), der nicht nur sehr liebenswert ist, sondern darüber hinaus noch die Genregrenze zwischen Dokumentation und Drama überschreitet. Daniel Borgman erhält durch eine Fügung die Gelegenheit, die Hauptperson des Films kennen zu lernen, die schon auf viele Lebensjahre mit geistiger Behinderung zurückblicken kann. Als der Regisseur ihre Liebesgeschichte von früher hört, entschließt er sich zu einer Verfilmung mit Pia selbst in der Hauptrolle, die erneut ihre aufkeimende Liebe durchlebt. Neben diesem Handlungsstrang enthält das Werk noch Dialoge zwischen Pia und ihrer Mutter, die sich vor der Kamera so offen austauschen, dass man manchmal nicht genau weiß, ob es sich um reale Dokumentaraufnahmen handelt, oder um fiktionale Szenen. Als Zuschauer erfährt man dabei viel über die Lebensweise und die emotionalen Bedürfnisse geistig behinderter Senioren.
 
Und dann gibt es noch die Berlinale Shorts, die für sich eine Herausforderung an die Filmwahrnehmung ihres Publikums darstellen. Diese Sektion mit Kurzfilmen unterscheidet sich von den Kurzfilmcontests in Taiwan, wo man daran gewöhnt ist, dass diese Art von Wettbewerb vornehmlich im Dramabereich verortet ist, oder aber sich klar auf eine der Kategorien Drama, Dokumentation und Animation festlegt, und dass die Filmemacher ihr Augenmerk stark auf die speziellen Techniken ihrer Wahl legen. In Berlin hingegen werden die Genregrenzen aufgebrochen und man konzentriert sich auf Werke, die mit stark experimentellen Methoden entstanden sind. Außer Dramen und Dokumentationsfilmen sieht man unter den Shorts noch Filme wie „Martin Cries“ („Martin Pleure“), der die Grafik eines 1st-Person-Shooter-Konsolenspiels als Ausgangsmaterial für die eigenen Produktion verwendet, und zu einer einsam kataklysmischen Fantasiewelt rekonstruiert. Und mit einer selbst geschriebenen Handyapp hat David O'Reilly, Animator einer Folge der bekannten Serie „Adventure Time“ und nun Skriptschreiber für „South Park“, seinen eigenen 3D-Animationskurzfilm gedreht.
 
Manch einer dieser Filme verlangt uns nicht nur ein paar tiefergehende Gedankengänge zu seinem ästhetischen Gesamtaufbau ab, sondern will uns vor allem zum Nachdenken über seine Herangehensweise an ein bestimmtes Gefühl oder Konzept bewegen. Einige der Machwerke weisen möglicherweise gravierende Mängel im Hinblick auf ihre dramaturgische Logik auf und es drängt sich die Frage auf, wie sie es wohl in die Endauswahl geschafft haben. Wenn man es sich aber genauer überlegt, stellt man fest, dass sie die Dinge, die sie ausdrücken oder glauben möchten, mit unerschütterlicher Beständigkeit und Konsequenz verfolgen. Wenn wir nur anfangen, uns mit den Machern auf Erkundungen und Kollisionen im Raum zwischen ihren mannigfaltigen Ausdrucksweisen und Produktionstechniken einzulassen, so beginnen die Filme vor unseren Augen einen Reiz zu entwickeln, sobald wir dem Kern ihrer Absichten so nahe wie möglich gekommen sind. Nachdem mir diese Erkenntnisse gekommen sind, überlege ich nun stets zweimal, welchen Teil eines Berlinale-Filmkandidaten, der mir nicht gefallen hat, ich geringschätze, und hole dann in Diskussionen die Meinungen fünf bis sechs weiterer Zuschauer ein, unter denen sich mit Sicherheit immer eine Person findet, die dem Film auf formaler oder intellektueller Ebene etwas abgewinnen kann.
 
Diese angenehme Nebenwirkung, die die Berliner Auswahlkriterien mit sich bringen, und die sich auf den Zuschauerrängen einer jeden Vorführung manifestiert, eignet dem Festival selbst mehr als nur die Rolle eines Pantheons zu, in dem sich zeitweilig die Filmgrößen aus aller Welt versammeln — Es wird nun zu einer riesigen Plattform für den Meinungsaustausch. Die von überall her angereisten Filmemacher teilen dem Berliner Publikum durch ihre Werke mit, welche Potentiale die filmische Kunstform, in der sie zu Hause sind und in die sie ihr Vertrauen setzen, herüberzubringen vermag, und zeigen uns allen die Welt aus ihrem Blickwinkel. Mit jedem Werk, das wir uns zu Gemüte führen, erweitert sich auch unsere Fähigkeit, nicht nur diese Kunstform an sich, sondern die Welt auch als Ganzes zu begreifen. In diesem Geiste — ganz so wie er sich in Berlin, der Stadt mit dem Publikum der vielen Stimmen, zeigt — kann dann ein jeder Besucher vollkommen er selbst sein, seine Persönlichkeit zum Ausdruck bringen, sich selbst das Tempo vorgeben, mit dem er hier zu verweilen gedenkt, und schlussendlich zu einem Teil der Stadt werden. Dieser Geist von unbedingter Gleichbehandlung und Akzeptanz, der sich vom Programm der Festspielveranstalter auf die Atmosphäre in der gesamten Stadt überträgt, ist der Grund, aus dem die Berlinale was Filmfestivals betrifft mein derzeitiger Favorit ist.