Kreativbranche „Beide Seiten müssen ihre Komfortzone verlassen“

„Durch internationale Partnerschaften entstehen Produkte, die es sonst so nicht gegeben hätte.“ (Andrea Bury, Abury)
„Durch internationale Partnerschaften entstehen Produkte, die es sonst so nicht gegeben hätte.“ (Andrea Bury, Abury) | Foto (Zuschnitt): © ABURY/Suzana Holtgrave

Wenn Menschen aus unterschiedlichen Ländern zusammenarbeiten, treten kulturelle Unterschiede deutlich zutage; das gilt auch für die Kreativbranche. Ist internationale Zusammenarbeit bereichernd oder eher hinderlich? Und worauf sollte man sich einstellen, wenn man in internationalen Teams zusammenarbeiten möchte? Wir haben zwei Experten aus der Kreativbranche, Regisseur Alexander Pfeuffer und Kulturmanagerin Andrea Bury gefragt, die weltweit internationale Projekte durchgeführt haben.

Herr Pfeuffer, treffen im Filmgeschäft häufig Menschen aus unterschiedlichen Kulturen aufeinander?

Das Schöne beim Filmemachen ist, dass sich bei jedem Projekt neue Menschen zusammenfinden, um eine Geschichte zu erzählen, die ihnen wichtig ist. Dabei kommen automatisch unterschiedlichste Charaktere zusammen, und in den seltensten Fällen kommen die nur aus einem Land. Bei unserer letzten „deutschen“ Produktion hatten wir eine französische Kostümbildnerin, einen britischen Bühnenbauer, einen niederländischen Regisseur und eine Russin als Sprachcoach im Team. Letztlich, und das ist das Großartige am Filmemachen, geht es ja nicht um die Beteiligten selbst, sondern um das, was am Ende auf die Leinwand kommt. Und dieses Ziel bringt dann alle zusammen.
 
Wie unterscheiden sich die Arbeitsweisen von Menschen aus verschiedenen Ländern?

Handwerklich oder organisatorisch mag es unterschiedliche nationale Traditionen geben, aber letztlich ist Filmemachen auch immer ein chaotischer Vorgang, bei dem man – egal wie gut man vorbereitet ist – spontan agieren und Probleme lösen muss. In den USA, scheint mir, geht es mit einer optimistischen Grundhaltung nicht um die perfekte Lösung, sondern ganz pragmatisch um die, die am besten funktioniert. In den afrikanischen Ländern, in denen ich bisher mit weltfilme.org gearbeitet habe, haben die Beteiligten zum Teil noch gar keine Filmausbildung und auch die Filmbranche findet und erfindet sich gerade erst. Hier ist es besonders schön zu sehen, wie Filmemachen einen Zauber versprüht, den wir in den etablierten Filmbranchen in Deutschland oder in den USA so nicht unbedingt mehr kennen. Da zeigt sich eine Leidenschaft für dieses Medium, die mich immer wieder aufs Neue inspiriert.

Alexander Pfeuffer Foto (Zuschnitt): © WELTFILME.org/Alexander Pfeuffer Was ist dabei typisch deutsch?

Typisch deutsch – gibt es das heutzutage in unserer globalisierten Welt überhaupt noch? Natürlich kann man eine Tendenz erkennen, die das Land der Maschinenbauer und Waldorfschüler ausmacht: Dinge einerseits perfektionieren zu wollen, andererseits frei bleiben zu wollen und alles zu hinterfragen – manchmal bis zu dem Punkt, an dem niemand mehr weiß, worum es eigentlich mal gehen sollte. Das kann hier und da zu weit gehen, hat aber auch Vorteile: Gerade beim Filmemachen geht es ja viel um Organisation und Zeitmanagement. Der „Ingenieur“ im Künstler ist da von Vorteil, und das kritische Denken ist ja ohnehin Teil der Kunst und damit ungemein wichtig.
 
Sind internationale Partnerschaften in der Filmbranche eher bereichernd oder hinderlich?

Filme sind so vielfältig wie die Welt, in der wir leben. Und Film lässt Figuren aufeinandertreffen, die sonst vielleicht nichts miteinander zu tun hätten. Genau das sollte im besten Fall ja auch schon bei der Produktion des Films der Fall sein. Internationale Partnerschaften sind nicht nur bereichernd, sie sind geradezu notwendig. Kunst auf eine Nationalität zu reduzieren wäre ein Widerspruch in sich.
 

Alexander Pfeuffer leitet seit knapp 20 Jahren Filmprojekte in Deutschland und den USA. Vor fünf Jahren gründete er mit seinem Kollegen Frank Domhan und Freunden die Organisation weltfilme.org, die seitdem Filmprojekte in Afrika (Südsudan, Togo,  Sierra Leone, Ghana und Liberia), Indien und Kolumbien durchgeführt hat. Er hat mehrere Preise gewonnen, unter anderem im September 2017 die Auszeichnung „Bestes Drehbuch“ für die Komödie „Die Hochzeitspolizei“ beim Visioni Corte Filmfestival, Italien.



Andrea Bury Foto (Zuschnitt): © ABURY/Andrea Bury Frau Bury, wie verständigt man sich, wenn in Handwerk und Design unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen?

Das Schöne an Handwerk und Design ist, dass es quasi als Sprache dient. Das gemeinsame Arbeiten mit den Händen verbindet. Meist sind beide Seiten neugierig zu erfahren, wie der andere arbeitet und was man von ihm lernen kann. Indem man dem anderen zeigt, wie man arbeitet, beginnt auch non-verbal die erste Verständigung. Während also ein Produkt entsteht, gibt es auch gegenseitige Annäherung, werden Verständnis und Freundschaft aufgebaut. 
 
Wie baut man über Kulturgrenzen hinweg Nähe auf?

Interkulturelle Empathie aufzubauen ist nicht einfach. Oft unterscheiden sich die Verhaltensweisen nur ein bisschen, diese Details machen aber einen großen Unterschied. Das erste Kennenlernen funktioniert über Respekt, sich Zeit nehmen, die Arbeit des anderen wertzuschätzen und Interesse zu zeigen. Humor und Lachen sind auch wichtig: Alle Kulturen lachen gerne und man gewinnt Herzen, wenn man nicht alles zu ernst nimmt. Interesse an der Familie zu zeigen schafft ebenfalls Nähe. Hat man dann Vertrauen aufgebaut, gehen viele Prozesse einfacher. Wenn man offen, positiv neugierig, respektvoll und freundlich auf die Leute zugeht, dann sind sie das meist auch. Wir hatten einmal ein Projekt mit einer Designerin, die mit Kunsthandwerkern aus Ecuador Taschen herstellen wollte. Nach dem ersten Kontakt waren alle ganz aufgebracht: die Handwerker sagten, die Designerin verlange Unmögliches; und die Designerin sagte, die Ecuadorianer stellten sich quer. Wir haben der Designerin dann gesagt, dass sie sich erstmal die Arbeit der Kunsthandwerker anschauen und wertschätzen solle. Den Kunsthandwerkern haben wir gesagt, dass die Designerin sehr gut sei und sie sich einfach überraschen lassen sollen. Am Ende hatten wir eine ganz tolle Taschenkollektion. Das Ergebnis war für beide Seiten wunderbar – es hat nur etwas Zeit und Kommunikation gebraucht.
 
Was sind typisch deutsche Arbeitsweisen?

Es beginnt bei einer detaillierten Planung: Wir lieben es genaue Zeit- und Projektpläne aufzustellen und können uns nicht vorstellen, dass man ohne arbeiten kann. Wir optimieren Prozesse gerne, sind pünktlich und organisiert, um Zeit und Geld zu sparen. Außerdem haben wir gerne einen Gesamtüberblick über das Projekt. Wir sind verlässlich und in der Kommunikation direkt – für manche Kulturen zu direkt. Wenn wir etwas sagen, dann meinen wir es meist auch so. Viele Dinge meinen wir zum Beispiel nicht persönlich, sondern rein fachlich, und auch Kritik ist für uns nichts Schlechtes, sondern soll konstruktive Verbesserungen bringen.

Sind internationale Partnerschaften in der Gestaltungsbranche eher bereichernd oder hinderlich?

Durch internationale Zusammenarbeit lernt man nicht nur viel über die Menschen, Emotionen und das Leben in anderen Kulturen – vor allem entstehen dadurch Produkte, die es sonst so nicht gegeben hätte. Manchmal dauert es etwas länger, aber man muss langfristig denken und einen Schritt nach dem anderen gehen. „Magic Happens outside the comfort zone“, heißt es: Beide Seiten müssen ihre Komfortzone verlassen, damit Projekte erfolgreich sein können. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten.
 

Andrea Bury gründete 2007 das Designhotel AnaYela in Marrakesch und 2011 das Modelabel „ABURY“, das für seine Luxuskollektionen traditionelles Handwerk und modernes Design verbindet. Seit 2011 bringt sie dafür nationale und internationale Designer mit Produzenten aus Marokko, Ecuador, Rumänien und Äthiopien zusammen. Ihr Ziel ist es, traditionelles Kunsthandwerk zu bewahren und interkulturellen Austausch zu fördern.