Interview mit der Pianistin Chen Pi-hsien „Wenn ich Klavier spielte, befand ich mich in einer heilen Welt“

Chen Pi-hsien
Chen Pi-hsien © Markus Boysen

Mit neun Jahren kam die Taiwanerin Chen Pi-hsien zum Musikstudium nach Deutschland. Heute ist sie eine der bekanntesten Spielerinnen alter und neuer Klaviermusik. Ein Gespräch über ihr Leben im Deutschland der Nachkriegszeit, die Einsamkeit der Solistin und die Musik als einen Ort der Zuflucht.

Frau Chen, Sie wurden 1960, mit neun Jahren, von Ihren Eltern zum Klavierstudium in die Bundesrepublik geschickt. Damals hieß der Kanzler Konrad Adenauer und das Land war geteilt. Was war das für ein Deutschland, in das Sie da kamen?
 
Deutschland war noch kriegsversehrt. Ich wuchs zunächst auf dem Land in der Nähe von Köln auf. Hier und da standen in den Straßen noch Ruinen und an manchen Häusern konnte man noch Einschusslöcher sehen. Ich glaube, die Deutschen wissen heute gar nicht mehr, wie hart das Leben damals war. Man badete damals nur ein Mal in der Woche. Um zu baden, musste man zwei Stunden lang Wasser in einem Boiler erhitzen. Und im Winter musste ich zum Heizen Briketts und Öl aus dem Keller holen und damit die Öfen füllen.
 
Wie kamen Ihre Eltern auf die Idee, Sie alleine nach Deutschland zu schicken?
 
Meine Eltern merkten früh, dass ich ein absolutes Gehör habe. Als ich fünf Jahre alt war, reiste eine Chor-Gruppe aus Hongkong durch Taiwan. Die Gruppe hörte mich am Klavier und sagte: Das Mädchen ist so begabt, das nehmen wir mit. Schon damals planten meine Eltern, mich ins Ausland zu schicken. Erst im letzten Moment blies meine Mutter alles ab. Sie brachte es nicht übers Herz. Aber ein paar Jahre später schickten meine Eltern Klavieraufnahmen an die Verlobte eines Verwandten, die in Deutschland lebte. Die Aufnahmen fielen einem Professor der Musikhochschule Köln in die Hände. Der sagte: Das Kind ist so gut, das kann bei uns direkt auf die Hochschule.
 
Sie wurden als Tochter von zwei Akademikern, die 1949 im Gefolge von Chiang Kai-shek von China nach Taiwan geflohen waren, in Taipei groß. Führten Sie ein privilegiertes Leben?
 
Nein, im Gegenteil. Meine Eltern waren Geflüchtete. Sie kamen quasi nur mit ihren Kleidern am Leib nach Taiwan. Wir lebten zunächst im Wohnheim der Universität, an der mein Vater Mathematik, Physik und Chemie unterrichtete. Das war eine Metallbaracke mit einer Gemeinschaftsküche. Aber dort stand in einem Klassenzimmer ein Klavier. Wir zogen dann zum Glück bald um. Aber mein Vater brachte mich morgens mit seinem Fahrrad in dieses Klassenzimmer. Ich übte dort von sechs bis acht Uhr, noch bevor die Vorlesungen begannen.

Sie nahmen damals schon Klavierunterricht?
 
Ja, und das war teuer! Für die Klavierstunden ging das gesamte Monatsgehalt meiner Eltern drauf. Etwas später wurde dann eine Freundin meiner Eltern, die Frau des Leibarztes von Chiang Kai-shek, auf mich aufmerksam und unterrichtete mich als ihre einzige Schülerin. Ich weiß gar nicht, ob sie dafür etwas verlangte. Auf jeden Fall war die finanzielle Belastung für die Familie dann nicht mehr so groß.
 
Wie kamen Sie in Kontakt mit Klaviermusik?
 
Als kleines Kind bekam ich ein Spielzeug-Klavier geschenkt. Schon nach kurzer Zeit konnte ich alle Töne durchs Hören identifizieren. Die Erwachsenen machten schnell ein Spiel daraus: Ich musste mich umdrehen und sie spielten mir Töne vor. Ich konnte immer genau sagen, was sie gespielt hatten. Ich konnte auch Melodien und Gesänge, die ich auf der Straße aufgeschnappt hatte, problemlos auf dem Klavier nachspielen.
 
Erinnern Sie sich noch an Ihre Ankunft in Deutschland?
 
Der Professor aus Köln, Hans-Otto Schmidt-Neuhaus, hatte geschrieben, er werde mich am Bahnhof abholen. Ich stellte mir einen feinen Herren vor, im Frack und mit Hut. Aber dann stand da ein älterer Mann am Bahnsteig, in zerknittertem Hemd und Sandalen. Mein Koffer passte nicht in seinen VW-Käfer. 

Chen Pi-hsien und Familie Schmidt-Neuhaus © Chen Pi-hsien Sie waren enttäuscht? 
 
Der Bruch war hart. In Taiwan waren wir in ein Holzhaus im japanischen Stil gezogen, das sehr hellhörig war. Für meine Familie und die Nachbarn war ich sozusagen der große Star. Wenn ich Klavier übte, lauschte die ganze Straße. Bei Familie Schmidt war ich die Pflegetochter, die sich um die zwei kleinen Kinder der Schmidts kümmern musste. Dazu kam, dass ich mich noch nicht richtig verständigen konnte.
 
Wie haben Sie das durchgehalten?
 
Die Musik war meine Zuflucht. Die Musik von Bach und Mozart verkörperte für mich einen Idealismus, eine ideale Form. In ihr erlebte ich Vollkommenheit. Wenn ich Klavier spielte, befand ich mich in einer heilen Welt. Aber meine Wahrnehmung veränderte sich im Laufe der Zeit. Als Kind empfand ich Einsamkeit als Strafe. Als Erwachsener ist Einsamkeit aber eine Notwendigkeit, gerade wenn man Solist ist und täglich viele Stunden alleine übt.
 
Was ist der größte Unterschied zwischen chinesischer und europäischer Musik?
 
Mit chinesischer Musik kenne ich mich ehrlich gesagt gar nicht so gut aus. Aber in der europäischen Musik ist die Form von fundamentaler Bedeutung. Sie strukturiert die Musik. Konkret bedeutet das: Musik besteht aus Sätzen und diese Sätze stehen in Bezug zueinander. Wenn ich also zum Beispiel eine Sonate beginne, muss ich schon wissen, wie sie endet, denn Anfang und Ende beziehen sich aufeinander. Es gibt sozusagen in jedem Moment eine Verantwortung fürs große Ganze. Im Vergleich dazu springt die chinesische Musik eher von einem Punkt zum nächsten und ist immer nur genau da, wo sie ist.
 
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Sprache und Musik? In europäischen Sprachen, etwa auf Deutsch, muss man Sätze ja auch regelrecht durchplanen. Das Verb steht manchmal erst ganz hinten, am Satzende. Auf Chinesisch hingegen kann man quasi Sätze bilden, während man spricht. Die Grammatik ist flexibler.
 
Ja, Musik ist eine hörbare Mitteilung, so wie das Sprechen, deshalb glaube ich, dass sie auch von der jeweiligen Sprache des Komponierenden geprägt wird. Die chinesische Sprache ist melodischer als die deutsche, aber es gibt weniger Wörter, beziehungsweise Silben, die sich aufeinander beziehen. Aber, noch mal zur europäischen Musik: Das Interessante ist ja, dass zum Beispiel die klassische deutsche Musik wieder völlig anders ist als die französische!
 
Das müssen Sie erklären.
 
Nehmen Sie die Philosophen der beiden Länder. Die deutschen Philosophen kommen auf den Punkt und erklären logisch, wie die Dinge zusammenhängen. Aber die französischen Philosophen sprechen um die Dinge herum, sie sind in dieser Hinsicht sehr chinesisch. Den französischen Philosophen geht es um die Sprache, sie lieben das Ornamentale und die schöne Formulierung. Die Sache selbst tritt in den Hintergrund. Vielleicht kann man den Unterschied der Stile so beschreiben.
 
Sie sind eine der wenigen Pianistinnen, die alte und neue Klaviermusik spielt. Warum?
 
Ja, eigentlich gibt es keinen Markt dafür. Die einen wollen nur alte Musik hören, die anderen nur neue. Aber ich will verbinden. Ich will zeigen, dass die neue Musik nicht einfach vom Himmel gefallen ist, sondern eine Tradition hat. Natürlich drücken wir uns heute nicht mehr aus wie zu Zeiten von Beethoven und Bach. Aber wir sollten wissen, wie sich Beethoven und Bach ausgedrückt haben. Das Tolle an Musik ist, dass sie ein Spiegel unseres Denkens ist. Die Zwölftontechnik von Arnold Schönberg entstand zum Beispiel zur gleichen Zeit wie Sigmund Freuds Psychoanalyse. Mit der Zwölftonmusik konnte Schönberg das Widersprüchliche in unserer Psyche ausdrücken, was vorher vielleicht eher als tabu galt. 
 
Sie waren Professorin an den Musikhochschulen in Köln und Freiburg. Als Gastprofessorin haben Sie aber auch immer wieder an taiwanischen Musikhochschulen unterrichtet. Unterscheidet sich die Musikausbildung in Taiwan von der in Deutschland?
 
Nach meiner Erfahrung ist das Niveau der Studierenden in Taiwan höher als in Deutschland. An taiwanischen Musikhochschulen herrscht ein enormer Fleiß. Und es gibt mehr Konkurrenz. Aber es ist nicht nur positiv, dass nur Leistung zählt. Gutes Musizieren besteht auch aus Sinnlichkeit und der Wahrnehmung der eigene Individualität – erst, wenn man nichts beabsichtigt, entsteht ein Wunder. Ich habe in Taiwan wahre Wunderkinder gesehen, meist im Alter zwischen zwölf und 16 Jahren. Leider sind diese Kinder mit 19 Jahren dann oft schon ausgepowert. Das kann daran liegen, dass sie von morgens um sechs bis nachts um zwölf vollgestopft werden mit Wissen, das sie im Leben nicht brauchen. Sie werden zerschlissen von Zwang und Zeitnot. Die  Überforderung kann die Herausbildung der eigenen Persönlichkeit verhindern. 

Chen Pi-hsien im Stadtgarten Köln © Chen Pi-hsien Sie leben seit mehr als einem halben Jahrhundert in Deutschland und haben einen deutschen Pass. Kennt man Sie in Taiwan noch?
 
Das letzte Mal war ich im Dezember 2016 in Taiwan. Bei der Passkontrolle am Flughafen lächelte mich der Mann am Schalter an und sagte: „Ah, Sie sind diese berühmte Pianistin. Willkommen zurück in Taiwan!“